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Moderne Geldtheorie (MMT): Nihil novi sub sole

 

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Die Modern Monetary Theory (MMT) hat in jüngster Zeit in der deutschen Presse einige Beachtung gefunden. Handelt es sich dabei doch um einen ökonomischen Ansatz, der davon ausgeht, dass eine Regierung, die sich in der eigenen Währung verschuldet, nicht zahlungsunfähig werden kann, da sie in der Lage ist, ihre Verbindlichkeiten theoretisch in beliebiger Höhe stets durch neu geschaffenes Geld zu bedienen. Fürsprecher der MMT, die ihre Wurzeln im Postkeynesianismus hat, rechtfertigen damit unter anderem exzessive Staatsausgaben, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Dabei vernachlässigen sie aber eine Reihe theoretischer und praktischer Probleme, die mit dieser Art der Schuldenfinanzierung einhergehen, meinen Hanno Beck und Aloys Prinz. Die beiden Ökonomen werfen in der Juni-Ausgabe des Wirtschaftsdienst einen kritischen Blick auf die MMT und gehen der Frage nach, wie revolutionär sie tatsächlich ist.

Populär sind die Ideen der MMT heute vor allem bei linken Politikern in den USA. Das Versprechen lautet: Vollbeschäftigung ohne Inflation dank zusätzlichen Geldes. Die zugrunde liegenden Politikempfehlungen reichen von Beschäftigungsgarantien bis zu großen Sozialprogrammen.

Zentral für die MMT ist das Denken in monetären Kreisläufen und korrespondierenden Salden, wobei die Regierung und die Notenbank zur ökonomischen Einheit „Staat“ zusammengefasst werden („Konsolidierungshypothese“). Die wesentliche Idee dieser Theorie beschreiben Beck und Prinz wie folgt:“Der Staat ist der alleinige Herausgeber der Währung und bringt sie in Umlauf, indem er von den Bürgern Waren und Dienstleistungen kauft. Die Bürger akzeptieren dieses Geld, weil sie wiederum damit ihre Steuern an den Staat bezahlen müssen. Über den Weg der Besteuerung wird dem Wirtschaftskreislauf wieder Geld entzogen.“ Daraus ergeben sich zwei einfache Schlussfolgerungen:

  1. Ein Staat, der sich nur in eigener Währung verschuldet, kann niemals insolvent werden.
  2. Der Staat muss sich verschulden, um überhaupt Geld in Umlauf zu bringen. Durch die Erhebung einer Steuer kann er die Geldmenge wieder reduzieren.

In dieser Theorie dienen Steuern also nicht dazu, die Ausgaben des Staates zu finanzieren, sondern dazu die Geldmenge zu steuern. Geld wird als eine unverzinsliche Staatsanleihe aufgefasst, die mit dem Versprechen versehen ist, vom Staat zur Begleichung von Steuerschulden akzeptiert zu werden. Damit unterliegt der Staat (zumindest kurzfristig) keinen finanziellen Restriktionen. In der langfristigen Betrachtung würde aber auch von den Vertretern der MMT gefordert, dass die Höhe der Staatsausgaben gleich der Höhe der Steuereinnahmen ist.

Gemäß dem Konzept der „Functional Finance“ wird das Staatsbudget als Instrument der Steuerung gesamtwirtschaftlicher Größen, wie dem Sozialprodukt und der Beschäftigung, verstanden. Das staatliche Defizit selbst ist entsprechend keine Zielgröße. Und Überlegungen wie die Ricardianische Äquivalenz und Verteilungswirkungen zwischen den Generationen spielen keine Rolle in der MMT. „Jede Generation, so das Argument, sei frei, das Ausmaß an Steuern zu wählen; in einem politischen Prozess wird die Größe des Staatssektors bestimmt und damit die Menge an Ressourcen, die der Staat für sich beansprucht. […] Die gegenwärtige Generation, so die Idee, muss nie Steuern zahlen, um die Defizite der vorherigen Generation zu begleichen“, stellen Beck und Prinz fest.

Die Gefahr, dass mit der Notenpresse finanzierte Defizite früher oder später zu einer Inflation führen, sehen die Vertreter der MMT nicht. Erst wenn Vollbeschäftigung herrsche, sei überhaupt mit inflationären Tendenzen zu rechnen. Dies wäre aber kein Problem, da der Staat jederzeit die Geldmenge reduzieren könne. Beck und Prinz merken dazu kritisch an, dass sich zu den Zusammenhängen zwischen Geldmenge, Fiskalpolitik, Inflation, Inflationserwartungen, Vermögensmärkten und spekulativen Blasen wenig konkrete Aussagen finden. Auch hinge die erfolgreiche Umsetzung der Rezepte der MMT stark von den unterstellten Erwartungen des Privatsektors ab. Bei andern Erwartungen käme man rasch zu anderen, weniger erfreulichen Ergebnissen. Daneben fehle es der MMT an einer mikroökonomischen Basis und politökonomische Aspekte würden vernachlässigt.

In Bezug auf den Erkenntnisfortschritt der Modern Monetary Theory äußern sich Beck und Prinz ebenfalls kritisch: „Nichts Neues unter der Sonne“, stellen sie fest. „Dass der Staat sich über Steuern im Zweifelsfall 100% des Inlandsproduktes aneignen kann, ist grundsätzlich richtig, aber auch nichts Neues. Auch die Idee, dass der Staat Geld (als Staatsverschuldung) schaffen und die Verschuldung mittels Steuern kontrollieren kann, indem er durch Steuern das (potenziell sofort nachfragewirksame Geld) wieder einsammelt, ist auch keine bahnbrechend neue Erkenntnis; jede Zentralbank tut das Gleiche mittels Offenmarktpolitik. ‚Neu‘ ist (vermeintlich) die Sicht von Geld als Staatsverschuldung, aber auch das ist nicht ’neu‘.“

Die MMT liefere keine substanziell neuen Ergebnisse, lautet das Resümee der beiden Autoren. „[D]ie wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die sie auf Basis einer eher deskriptiven Theorie abgibt, lassen zu viele Fragen unbeantwortet, als dass man darauf ein kohärentes und solides wirtschaftspolitische Programm aufbauen sollte.“

Lesen Sie hier ausführlich die kritische Einschätzung der Modern Monetary Theory (MMT) von Hanno Beck und Aloys Prinz aus der Juni-Ausgabe des Wirtschaftsdienst:

Wie revolutionär ist die Modern Monetary Theory?, in: Wirtschaftsdienst 6/2019

67 Kommentare

  1.   HKaspar

    Ich sehe das ähnlich wie Beck und Prinz. Das Hauptproblem der MMT ist mAn dass sie imizit unbegrenzte Nachfrage nach (Zentralbank-)Geld unterstellt. Geldnachfrage ist aber endogen und keineswegs unbegrenzt, sie bestimmt sich u.a. nach den Erwartungen künftiger Geldwertstabilität. Erwarten Sparer Inflation, versuchen sie Geld abzustoßen, und erwerben stattdessen andere Assets, z.B. ausländische Währung. Sobald das passiert kann der Staat aber keinen realen Ressourcentransfer durch Gelddrucken erzeugen, er provoziert dann lediglich höhere Geldumlaufgeschwindigkeit und damit Inflation.

    Instabile Inflationserwartungen, Dollarisierung und mangelnder geldpolitischen Spielraum sind dann auch das tägliche Brot von Zentralbanken in Schwellenländern. Niemand dort käme auf die Idee, so etwas wie MMT zu propagieren.

  2.   Dietmar Tischer

    Ich kritisiere MMT wie folgt:

    Es gibt kein marktwirtschaftliches Regulativ, dem entsprechend sich die in den Wirtschaftskreislauf zu bringende Zentralbank-Geldmenge bestimmt. Bonität fällt als Kriterium für den Staat weg.

    Es gibt auch kein derartiges für den Entzug von Geld. Die Besteuerung allein entzieht dem Wirtschaftskreislauf kein Geld. Der Staat müsste die Steuereinnahmen sterilisieren, wenn er sie dem Wirtschaftskreislauf entziehen will. Würde er es tun, und wenn so, nach welchen Kriterien?

    Wenn jede Generation frei sein soll, das Ausmaß an Steuern zu wählen und dem gemäß gesamtwirtschaftliche Größen wie Sozialprodukt und Beschäftigung gesteuert werden sollen – also steuern durch besteuern –, dann weiß man, was man zu erwarten hat:

    POLITISCHER Wettbewerb hin zu weniger Besteuerung und mehr Staatsausgaben, vor allem mehr Sozialausgaben.

    Hier schon einmal, wohin die Reise bereits geht, auch ohne MMT:

    https://www.epochtimes.de/politik/deutschland/teure-angelegenheit-berlin-will-tausend-langzeitarbeitslose-in-ersatz-jobs-bringen-a2925714.html?newsticker=1

    Aufschlussreich ist der Titel „Solidarisches Grundeinkommen“, unter dem das Projekt läuft.

    Heißt:

    Die Politik verschafft Einkommen nach einem definierten Bedarf vorwiegend in staatlich kontrollierten bzw. finanzierten Einrichtungen statt es sich Menschen aufgrund ihrer Produktivität in der Privatwirtschaft erwerben zu lassen und es evtl. aufzustocken.

    Die „scharfe Kritik“ der FDP wegen zu teuer und nicht zielführend liefe bei einem monetären Regime MMT ins Leere. Denn die Finanzierung der veranlagten Ausgaben in Höhe von 36,6 Mio. EUR schon fürs erste Jahr wäre Peanuts und die Jobs und Arbeitgeber sind „gemeinwohlorientiert“, also politisch ausreichend legitimiert.

    MMT ist ein höchst eleganter, sehr effektiver Hebel für den Umbau der Gesellschaft.

  3.   Michael Stöcker

    Die Analyse zu MMT beginnt schon im Teaser mit einem groben Patzer, wenn Beck und Prinz schreiben:

    „Sie kann so viele Banknoten drucken lassen, wie sie für die Bezahlung ihrer Verbindlichkeiten benötigt.“

    Was bitte schön hat MMT mit dem Drucken von Banknoten zu tun. Dahinter verbirgt sich entweder umgangssprachliche Schludrigkeit oder aber ein fundamentales Missverständnis über die Funktionsweise eines zweistufigen Geldsystems.

    Banknoten werden in unserem aktuellen Geldsystem immer nur dann gedruckt, wenn wir als Bevölkerung Banknoten dem Giralgeld vorziehen. Die Zeiten, in denen eine Regierung ihre eigenen Zahlungsmittel ausgab, sind selbst in den USA lange vorbei (Stichwort Federal Reserve Notes und United States Notes: https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_Note). Und in Zeiten von Apple Pay sowie der unseligen Better than Cash Alliance ist das Drucken von Banknoten im Kontext von MMT erst recht völliger Humbug.

    Auf Seite 2 folgt dann der nächste Klops:

    „Geld entspricht letztlich einer unverzinsten Staatsanleihe mit einer Laufzeit von Null.“

    MMT würde hier wohl eher formulieren:

    Wenn sich der Staat unmittelbar über die Notenbank finanziert, dann entspricht DIESER Teil des Geldes einer unverzinsten Staatsanleihe mit einer unendlichen/unbestimmten Laufzeit. Unendlich deshalb, weil alle Staatsanleihen grundsätzlich revolviert, aber niemals zurück gezahlt werden.

    Es gäbe aber auch keinen formalen Unterschied, wenn diese Anleihe verzinslich wäre, da Notenbank und Staat – trotz formeller Unabhängigkeit – in der Tat eine finanzielle Einheit bilden. Die Höhe der Zinsen spielt dabei grundsätzlich keine Rolle, da die Zinszahlungen via Gewinnausschüttung der Zentralbank wieder an den Haushalt zurückgeführt würden (linke Tasche, rechte Tasche).

    Richtig ist hingegen, dass an der Nullzinsgrenze Staatsanleihen und Geld beinahe perfekte Substitute sind.

    Den viralen Punkt spricht HKaspar an:

    „Erwarten Sparer Inflation, versuchen sie Geld abzustoßen, und erwerben stattdessen andere Assets, z.B. ausländische Währung.“

    Das sehe ich genauso. Aber: Genau das betonen auch die Vertreter von MMT. Es ist gerade nicht so, dass sie dieses Inflationspotential mit seinen negativen Folgen ignorieren.

    Das alles geht mAn aber an dem Grundproblem mit MMT völlig vorbei. Es geht doch vielmehr um das bewährte und fein austarierte System der Checks and Balances zwischen privaten Interessen und staatlichen Interessen; denn Geld ist grundsätzlich hierarchischer und hybrider Natur: https://zinsfehler.com/2019/01/23/warum-konnen-wir-unser-geldsystem-nicht-richtig-verstehen/

    Dieses System möchte MMT ändern und der Regierung zukünftig die alleinige Verantwortung für die Geldwertstabilität übertragen. Das ist der Knackpunkt.

    Dass wir uns überhaupt mit MMT beschäftigen ist doch vielmehr der Tatsache geschuldet, dass die Regierungen ihrer Aufgabe im System der Checks and Balances schon seit geraumer Zeit nicht mehr gerecht werden. Allerdings waren daran die Zentralbanken mit ihrer Inflationsphobie und unvollständigen Modellen selber nicht ganz unschuldig.

    Schon 2014 hatte Mario Draghi dann aber ein Investitionsprogramm für Euroland gefordert, für das er insbesondere von deutscher Seite massiv kritisiert wurde: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-veraergert-ueber-draghi-ezb-fordert-mehr-investitionsprogramme-a-989009.html

    In das gleiche Horn bläst seit geraumer Zeit Larry Summers und wirbt für Infrastrukturinvestitionen. Und vor zwei Tagen fühlte sich sogar Jerome Powell bemüht, auf die Rolle der Fiskalpolitik aufmerksam zu machen: https://youtu.be/XXX4jgBjbrg?t=2492.

    Einige Tage zuvor hatte sich wiederum Draghi auf der Konferenz in Sintra für eine größere Rolle der Fiskalpolitik ausgesprochen: https://youtu.be/K7Wwe4_hxj8?t=2298.

    Und was machen die deutschen Medien? Sie spielen Lückenpresse. Lediglich Gerald Braunberger hatte sich zur Eröffnungsrede von Olivier Blanchard geäußert: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/ezb-konferenz-in-sintra-es-gibt-keine-schuldenkrise-16241621.html

    Rüdiger Bachmann trifft mit seiner Kritik am deutschen Wirtschaftjournalismus voll ins Schwarze: https://makronom.de/rudi-bachmann-wirtschaftsjournalismus-die-buerger-brauchen-die-oekonomik-fuer-ihre-wahlentscheidung-31659

    Und jetzt zurück zu MMT. In Zeiten negativer Renditen selbst bei den 20jährigen Bunds ist die Forderung nach monetärer Staatsfinanzierung à la MMT auch aus fiskalischer Perspektive wenig sinnvoll. Erst dann, wenn die Renditen wieder über Null liegen, wäre dies aus rein rechnerischer Sicht die preiswertere Variante.

    Statt mit dem Blick auf MMT die Staatsverschuldung weiterhin zu diskreditieren (Die ich rief, die Geister…), sollten wir vielmehr dafür sorgen, dass nun endlich auch die Fiskalpolitik wieder ihrer Rolle im System der Checks and Balances gerecht wird.

    Für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik gilt noch immer: It takes two to tango. Insofern treibt MMT eine wichtige Diskussion voran, schießt aber über das Ziel hinaus, weil es die hybride Natur des Geldes im System der Checks and Balances unterminiert.

    LG Michael Stöcker

  4.   HKaspar

    @ Michael Stoecker

    >> Den viralen Punkt spricht HKaspar an: „Erwarten Sparer Inflation, versuchen sie Geld abzustoßen, und erwerben stattdessen andere Assets, z.B. ausländische Währung.“ Das sehe ich genauso. Aber: Genau das betonen auch die Vertreter von MMT. Es ist gerade nicht so, dass sie dieses Inflationspotential mit seinen negativen Folgen ignorieren.>>

    Ist das so? Nach meiner Wahrnehmung behaupten (viele) MMT-Anhaenger, Inflation sei nur bei Vollbeschaeftigung moeglich, offenbar weil bei Vollbeschaeftigung der Ausweitung der Geldmenge keine Ausweitung der Guetermenge mehr entsprechen koenne. Der Staat solle dann die Steuern erhoehen, um das exzessive Geldangebot abzuschoepfen.

    Geldnachfrage ist in dem Konstrukt eher mechanisch behandelt, mit offenbar mehr oder weniger fixer Geldumlaufgeschwindigkeit bei Unterbeschaeftigung. Aber Geldnachfrage ist auch bei Unterbeschaeftigung nicht fix, sondern ein komplexes Phaenomen, das vor allem von Erwartungen abhaengt – und die werden natuerlich auch vom Vorgehen des Staates beinflusst, wie z.B. moentaerer Defizitfinanzierung.

    Ihr Kommentar zielt auf einen generelleren Punkt ab: was ‚MMT‘ ist bleibt letztlich eher unklar. Deswegen ist MMT auch so schwer zu kritisieren – es ist als versuche man, einen Pudding an die Wand zu nageln. Den Grundtenor hat Martin Wolf kuerzlich zusammengefasst: wo MMT vorgibt neuartig und revolutionaer zu sein, da ist es im Wesentlichen falsch. Wo es vorgibt, logisch stimmig zu sein, da ist es nicht neu.

    Gruss,
    HK

  5.   FICH

    Herdentrieb lässt sich schön in Groupthink übersetzen, daher mein Beitrag die die andere Seite erfrischen sollte. Ich bin kein Anhänger von MMT, aber sicher ein Fan von Mr Montier 😉

    Von April 2019:
    https://www.gmo.com/europe/research-library/why-does-everyone-hate-mmt/

  6.   Dietmar Tischer

    @ HKaspar

    >… wo MMT vorgibt neuartig und revolutionaer zu sein, da ist es im Wesentlichen falsch. Wo es vorgibt, logisch stimmig zu sein, da ist es nicht neu. >

    Diese Beurteilung wird meinem Verständnis nach MMT nicht gerecht.

    Ich verstehe MMT als neuartig und revolutionär sowie logisch stimmig – und zugleich als ein Geldsystem, mit dem das Wirtschaftssystem destabilisiert, letztlich sogar ruiniert wird.

    Die hier relevanten Prämissen in einem Regime der Geldschöpfung nach MMT:

    Es gibt wechselnde Inflationserwartungen und wechselnde Geldnachfrage, u. a. abhängig von der Beschäftigung.

    Es gibt die Möglichkeit von Inflation.

    Es gibt auf der Ebene der Geldmengenbestimmung die Mechanismen „Ausweitung durch Geldschöpfung der Zentralbank für den Finanzierungsbedarf des Staats“ und „Reduzieren durch Besteuerung“.

    Der Staat hat das uneingeschränkte Mandat für beides.

    NUR auf den MECHANISMUS bezogen, kann ich nicht erkennen, warum die WIRKUNG einer Reduzierung der Geldmenge unter MMT prinzipiell anders sein soll als im Schuldgeldsystem mit den konventionellen Maßnahmen der Geldpolitik, in erster Linie der Zinspolitik.

    Das betrifft m. A. n. die Inflationserwartungen, Inflation und die Geldnachfrage.

    Die Wirtschaftssubjekte inkl. des Staats, wenn sie kostensensibel reagieren, passen im Schuldgeldsystem ihre Inflationserwartungen und die Geldnachfrage an.

    Warum soll bei MMT keine Anpassung stattfinden, wenn das Mittel – Reduzierung der Geldmenge – das gleiche ist und gleichermaßen konsistent eingesetzt wird?

    Beim Mechanismus der Ausweitung der Geldmenge gibt es allerdings einen signifikanten Unterschied.

    Wenn die Notenbanken im Schuldgeldsystem für einen Erweiterung der Geldmenge gesorgt haben, dann traditionell dadurch, dass die Finanzierungskosten für die Wirtschaftssubjekte geringer, aber nicht null wurden.

    Bei MMT ist das bezüglich der Finanzierungskosten des Staates anders:

    Sie sind NULL und das auch bei UNBEGRENZTEM Finanzierungsbedarf.

    Damit verfügt der Staat über eine Option, die er im Schuldgeldsystem mit einer unabhängigen Notenbank nicht hat und kann sich daher – bezogen auf den Mechanismus ¬– problemlos für Akkommodieren der Geldnachfrage entscheiden.

    Das wird er tun, weil sein „Management“, die Regierung, ein Mandat vom Volk AUCH bezüglich der Geldversorgung hat.

    MMT ist somit logisch konsistenter Bestandteil des Systems aus demokratischem Willenbildungsprozess, legitimierter Machtausübung und nicht beschränkter Befriedigung von Geldnachfrage auch der Wirtschaftssubjekte, u. a. mittels BGE.

    Das ist neuartig und revolutionär. Was aus Sicht von und mit Blick auf MMT falsch daran sein soll, erschließt sich mir nicht.

    Aus Sicht von MMT ist lediglich falsch, dass es a) Menschen gibt, denen die Art der Geldschöpfung unbekannt ist und daher nicht für die erforderliche Legalisierung sorgen und es b) Märkte gibt, die BEWERTUNGEN mit stark restriktiven Folgewirkungen vornehmen.

    Erlangt MMT Geltung, wird es Wirtschaft und Gesellschaft auf Inflationskurs bringen und destabilisieren bis hin – nicht ausgeschlossen – destruktivem Zerfall.

    Das ist systemimmanent und schlüssig, aber alles andere als wünschenswert.

    Daher sollte MMT keine Chance für eine Realisierung haben.

  7.   HKaspar

    @ Tischer:

    Endlich mal wieder eine konzeptionelle Diskussion auf Herdentrieb!

    Dass die Zentralbank die Regierung kostenfrei finanzieren kann ist nichts Neues. Viele Zentralbanken haben dies in der Geschichte getan, z.B. die Reichsbank während der Weimarer Hyperinflation, als sie Staansanleihen zu (praktisch) Nullzins unbegrenzt diskontierte.

    Und man kann sich durchaus ein Geldsystem vorstellen, bei dem die Nachfrage nach Basisgeld durch Staatsausgaben bedient wird, welche mit Basisgeld finanziert werden. Die MMTler stellen sich das wohl in etwa so vor: Staatsausgaben werden nach gesellschaftlichen Prioritäten festgelegt, und für die Netto-Ausgabe der richtigen Menge an Basisgeld sorgt ein flexibles Besteuerungssystem (z.B. durch Variation der Mehrwertsteuer). Wenn der Staat zu viel ausgibt, muss eben die Besteuerung auf ein prohibitives Maß ansteigen, um das auszugleichen. So wird verhindert , dass monetäre Budgetfinanzierung inflationär wirkt. Es gibt dann in dem Sinn keine Zentralbank mehr, welche die Liquiditätsversorgung reguliert – diese Rolle übernimmt de facto das Finanzministerium- aber es würde sich ein sekundärer Markt für Liquidität bilden, auf dem sich auch ein Zinssatz für Basisgeld bilden würde.

    Die Krux ist mAn: ein solches System wirkt nicht erst dann inflationär, wenn Vollbeschäftigung herrscht und das Defizit immer noch zu groß ist. Sondern bereits dann, wenn Sparer fürchten – zu recht oder zu unrecht – das System könne zu viel Inflation erzeugen, weil Staatsausgaben und Einnahmen in einem strukturellen Missverhältnis zueinander stehen. So geschehen in der deutschen Hyperinflation: aus dem Ruder geriet die monetäre Defizitfinanzierung nicht per se sondern als klar wurde, dass die Weimarer Republik nicht willens und/oder fähig war, die Reparationsleistungen und andere Kriegsfolgen aus einem solide finanzierten Budget zu bestreiten (Erzberger, der genau das versuchte, wurde bekanntlich dafür umgebracht).

    Was uns zu Stöckers Punkt bringt: das institutionelle Gefüge. Zentralbanken sind aus gutem Grund unabhängig: denn dies simuliert für den Staat die gleichen Budget-Beschränkungen wie für jeden anderen auch. Leiht er sich zu viel und wirkt dies inflationär, setzt die Zentralbank sofort den Preis für Liquidität herauf und verdrängt so die Nachfrage für Liquidität aus dem Privatsektor. In den allermeisten Fällen macht das Sinn: Budgetdefizite können so kaum inflationär wirken, und hyperinflationaer schon gar nicht. Stattdessen müssen Politiker sich dem erhöhten Finanzierungsdruck stellen.

    In einer Situation allerdings wäre monetäre Budgetfinazierung besser: in der keynesschen Liquiditätsfalle, in welcher der Preis für Liquidität strukturell zu hoch ist, weil Basisgeld gehortet wird. Da wäre es besser, die Ausgabe von Basisgeld und Staatsausgaben miteinander zu verbinden, um sicherzustellen dass die Ausgabe von Basisgeld nachfragewirksam ist.

    Gruß
    HK

    .

  8.   BMMMayr

    HK: Endlich mal wieder eine konzeptionelle Diskussion auf Herdentrieb!

    Ja! 😉

    „In einer Situation allerdings wäre monetäre Budgetfinazierung besser: in der keynesschen Liquiditätsfalle“

    Richtig, in dieser Situation sollte der Staat selbst Geld drucken können.
    Ein Element, das dabei nützlich sein könnte sind vom Finanzministerium emittierte handelbare unverzinsliche sofort fällige „Papiere“, mit denen eine Steuerschuld getilgt werden kann. Die sind wie cash, haben eine Art Realwertdeckung und haben (zunächst) einen Wert 1:1 wie die Währung der jeweiligen Zentralbank. Der Staat kann damit z.T. direkt Staatsaufträge bezahlen, es damit aber nicht übertreiben, weil deren Attraktivität und Wert sinkt, wenn zuviel davon existieren und sie haben eine Art eingebauter Kapitalkontrolle, weil es für Menschen oder Firmen aus anderen Ländern nur begrenzt Sinn macht, Steuertilgungsgutscheine eines anderen Staates zu halten. So kann die Expansionswirkung der Liquiditätserhöhung nicht so leicht verpuffen bzw ins Ausland abfließen. Sicher kein Allheilmittel, aber ein vielleicht nützliches Element.

    Ein Problem an dem Instrument ist, dass es wegen des Parallelwährungscharakters zur Vorbereitung eines Euro-Ausstiegs missbraucht werden kann (Salvini’s Mini-Bots), weswegen die EZB da nicht so begeistert ist.

    Und es bleibt ein Problem, dass die Zentralbank, dem Staat durch (zu) hohe Zinserhöhungen jederzeit die Expansionswirkung jedes deficit spendings kaputt machen kann.

  9.   Michael Stöcker

    @ HKaspar

    „In einer Situation allerdings wäre monetäre Budgetfinazierung besser: in der keynesschen Liquiditätsfalle, in welcher der Preis für Liquidität strukturell zu hoch ist, weil Basisgeld gehortet wird. Da wäre es besser, die Ausgabe von Basisgeld und Staatsausgaben miteinander zu verbinden, um sicherzustellen dass die Ausgabe von Basisgeld nachfragewirksam ist.“

    Das sehe ich auch so und plädiere insbesondere auch aus diesem Grund seit geraumer Zeit für ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld. In eine ähnliche Richtung geht nun der Vorschlag von Claudia Sahm von der Fed: https://www.brookings.edu/research/direct-stimulus-payments-to-individuals/ .

    Da wir aber in Euroland nun einmal den unseligen Fiskalpakt haben (das sehen wohl mittlerweile auch einige deutsche Ökonomen so: https://www.zeit.de/2019/27/neuverschuldung-bund-laender-grundgesetz-oekonomie), sollte die Finanzierung unmittelbar über die Zentralbank erfolgen. Sollte die Inflation sowie das Zinsniveau wieder ansteigen, dann könnte die Zentralbank diese Mittel wieder durch die Ausgabe eigener verzinslicher Wertpapiere sterilisieren. Die hieraus resultierenden Verluste mindern zwar die Gewinne aus den anderen geldpolitischen Operationen; aber es ist nicht Aufgabe einer Zentralbank, Gewinne zu erwirtschaften, sondern für Geld- und Finanzstabilität zu sorgen.

    Dass es zur Ausgabe eigener verzinslicher Wertpapiere seitens der EZB kommen müsste ist aber eher unwahrscheinlich, da die Bilanzen der Zentralbanken durch QE dermaßen aufgeblasen sind, dass der Markt zuvor erst einmal die Rückabwicklung der QE-Operationen verkraften müsste.

    @ FICH

    Danke für den Link zu Montier. Sehr sachliche und unaufgeregte Analyse. Nur hier bin ich anderer Meinung und folge der Sichtweise von Perry Mehrling: “1. Money is a creature of the state.“

    Geld ist dualistischer/hybrider Natur: ein Geschöpf der Rechtsordnung sowie privater Interessen. Das spiegelt sich auch in der Geschichte der Zentralbanken wider, die ursprünglich rein privater Natur waren und erst im Laufe der Jahrzehnte mehr und mehr zu staatlichen Institutionen mutierten.

    LG Michael Stöcker

  10.   Dietmar Tischer

    @ HKaspar

    D’accord.

    Sie haben durchdekliniert, wie MMT auf der Ebene der Mechanismen funktionieren könnte.

    Die Krux sind demnach nicht die Mechanismen, sondern WER sie mit welchen Vollmachten – hier: politischer DAUERLEGITIMATION statt nur situativ – bedient. Daher mit-, wenn nicht sogar ganz entscheidend:

    > Das institutionelle Gefüge>.

    > ein solches System wirkt nicht erst dann inflationär, wenn Vollbeschäftigung herrscht und das Defizit immer noch zu groß ist…>

    Genau, das ist daher der Punkt:

    Wenn am über Wirkungen spricht, muss man in SYSTEMEN denken und nicht selektiv in bestimmten Mechanismen.

    >In einer Situation allerdings wäre monetäre Budgetfinanzierung besser: in der keynesschen Liquiditätsfalle, …>

    Das wäre sie auch m. A. n. selbst bei z. T. bereits sehr hoher Staatsverschuldung, WENN das Budget auf einen Strukturwandel zielen würde, d. h. durchweg auf deutlich mehr Investitionen und weniger Konsum. Ich glaube auch, dass die Finanzmärkte dies honorieren würden.

    Einen solchen Ansatz in hinreichendem Maß zu realisieren, ist m. A. n. nach Lage der Dinge in den entwickelten westlichen Volkswirtschaften aussichtslos. Angesichts der demografischen Entwicklung, Migrationsproblemen sowie sich zuspitzender unterschiedlicher Stadt/Land-Ansprüche etc. ist das politisch nicht zu leisten.

    Höhere Staatsverschuldung hieße daher in der Konsequenz:

    Mehr Umverteilung für eine gegenwärtige Befriedung der Gesellschaft, aber wenig bis nichts für mehr Wachstum.

    Ich verstehe zwar Blanchard und Summers, wenn sie für monetär akkommodierte steigende Fiskaldefizite votieren, weil diese sozusagen die „letzte Ausfahrt Brooklyn“ sind. Es ist aber keine, die zur „Endstation Sehnsucht“ führt.

    Leider, denn ich habe auch nichts Besseres anzubieten und kenne auch niemanden, der das vermag.

    Einen wie auch immer ausgestatteten „Finanzkommissar “ auf EU-Ebene zu installieren, halte ich für reine Augenwischerei.

    Als Ergänzung das Folgende, wenn es zu Ende gedacht auch ein anderes Thema wäre:

    Wir leben in einer Welt, in der die hohe Verschuldung weiter zunimmt. Das birgt hohe Risiken nicht nur für die Finanzmärkte, sondern letztlich auch für die Realwirtschaft. Und zwar global.

    Die Notenbanken könnten in ABS gebündelte Kredite, vor allem auch notleidende Kredite, unabhängig von der Bonität in großem Stil aufkaufen und sterilisieren.

    Einmal unabhängig davon, wie das im erforderlichen Umfang zu implementieren wäre:

    Es wäre ein eleganter Mechanismus für die Entschuldung, von der ich nicht sehe, wie sie anders ohne Disruption zu erreichen sein könnte.

    Wenn es dazu käme, und sei es nur durch Duldung, hätten wir eine praktische Demonstration, was die Notenbanken vermögen, wenn man sie nur machen lässt.

    Es wäre für viele wohl dann auch der BEWEIS, dass MMT kommen müsse.

 

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