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Ein Mandat mit Folgen – das Medienlog vom Dienstag, 30. Juli 2013

 

Heute geht der NSU-Prozess mit dem 29. Verhandlungstag weiter. Dies war in den Medien allerdings (noch) kein Thema. Stattdessen ging es, wie bereits gestern und am Wochenende, um Anja Sturm, die ihr Mandat für die NSU-Hauptangeklagte Beate Zschäpe Job und Heimat gekostet hat.

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Offenbar hat man der Anwältin diese Sorgen auch angesehen. Dies will zumindest Kai Mudra bemerkt haben, der den NSU-Prozess unter anderem für die Thüringer Allgemeine beobachtet. Sturm, so Mudra, sei in der Vergangenheit stets der Ruhepol des Zschäpe-Verteidigertrios gewesen. Doch ihre ausgeglichene Fassade sei in den vergangenen Wochen einer zunehmenden Anspannung gewichen.

Grundsätzlicher wird es noch einmal im entsprechenden Artikel auf Spiegel Online. Darin zitieren die drei Autoren – darunter die Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen – den Präsidenten der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Otmar Kury. Anlässlich eines Vergewaltigungsfalls in Indien – dort waren von insgesamt 2.500 indischen Anwälten nur drei dazu bereit, die Verteidigung der Vergewaltiger zu übernehmen – bezeichnet Kury die Verteidigung als „Menschenrecht und zugleich Kulturgut“. Die Grundrechte der Rechtsordnung werden verletzt, „wenn die Anwaltschaft nicht mehr bereit ist, Menschen in einem geordneten Verfahren kompromisslos, entschieden, engagiert und standhaft beizustehen“.

Auch der Blogger Jürgen Pohl beschäftigt sich mit dem Fall Sturm und kontrastiert Prozess und Ermittlungen. Denn, so Pohl, gerade weil letztere so dilettantisch verlaufen seien, sei es um so wichtiger, dass der NSU-Prozess nach den Grundsätzen eines Rechtsstaates geführt wird. Und dazu gehöre eben auch eine Verteidigung von Beate Zschäpe. Die schlechtere Alternative wäre dem Autor zufolge, dass nur rechtsextreme Anwälte Mandate für Neonazis übernehmen. Als Beispiel nennt Pohl Nicole Schneiders, die den Mitangeklagten Ralf Wohlleben verteidigt und als Szeneanwältin gilt. Pohl kritisiert zudem die „sogenannten Qualitätsmedien“, die Anja Sturm nur Hohn und Spott entgegenbringen würden – ohne allerdings Beispiele zu nennen.

„Heer und Sturm“, so berichtet es Focus Online, soll der Name der Kanzlei sein, für die Sturm demnächst arbeiten will: Sie zieht nach Köln und unterstützt ihren Verteidigerkollegen Wolfgang Heer in dessen Sozietät.

Keine Berichte zum NSU-Prozess in den englisch- und türkischsprachigen Medien.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, den 31. Juli.

19 Kommentare


  1. Ist ja alles gut und schön. Wenn man aber vergleicht, dass in diese Serienmörder und Helfer einige Millionen gesteckt werden (Prozesskosten) und bei vielen „Omas und Opas“ die Rente nicht reicht, um zu überleben, frag ich mich nach der soz. Lage und nach dem demo. Gefüge?

  2.   dll

    Frau Anja Sturm beugt sich zügig, konstruktiv den persönlichen Interessen ihrer ehemaligen Anwaltspartner. Arbeitsaufenthalte in den USA forcieren manchmal eine richtige Entscheidung. Egal welche Mandanten sie strafrechtlich verteidigt.


  3. Das nun jeder das Recht auf Verteidigung hat u.dies vor allem wenn es sich
    wie hier nur um eine Kette von Indizien handel steht ja wohl außer Frage.Es
    ist wohl auch davon auszugehen das zu Schluß womöglich nur eine Klage
    auf ev.Brandstiftung übrig bleibt.Naja,……………??? Was nun die Kanzlei u.
    ihre türk.Klientel angeht (Totschläger v.Alex usw.) auf die sie Rücksicht neh-
    men müssen. Sind das etwa die ca. 20 Ehrenmorde die jährl.vorkommen…..
    Sind fälle von Kindesmisshandlung mit tödl.Ausgang nicht genau widerlich.
    Die Frau hat es im Gegensatz zu ihren EX-Kollegen begriffen was es
    heißt Anwalt zu sein. Ich wünsche ihr alles Gute ih ihrem Berufsleben.

    –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
    rumpel2013, bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. ZEIT ONLINE

  4.   F K

    Bei diesem Thema sollte man sich als Anwalt auch fragen, warum ein Angeklagter sich überhaupt von mir vertreten lassen will, bei anderen, etwa türkischen-deutschen Anwälten dies aufgrund seines völkischen Weltbildes aber ablehnen würde. Wenn man diese Frage ignoriert, blendet man auch die Diskriminierung von nicht-„Volksdeutschen“ aus und macht sich gemein mit der rassistischen Einstellung der Angeklagten.

  5.   Becker, Gerd

    Wenn Frau RA Sturm in ihrer ehemaligen Kanzlei in ihrer ehemaligen
    Kanzlei unter dem Vorwand der Verteidigung Zschäpes – auch das
    ist nun mal ein rechtsstaatlicher Akt – gemobbt wird, ist das von den
    ehemaligen „Kollegen“ hochgradig schäbig. Den Schritt, diese Kanzlei zu
    verlassen ist konsequent und richtig.
    Im Falle Schneiders von „Szeneanwältin“ zu sprechen, ist doppelzüngig.
    Denn solange die NPD nicht verboten ist, man sich seitens der Politik
    im Verbotsverfahren zu dieser Partei äußerst dilettantisch anstellt und
    dadurch die NPD noch Steuergelder für ihre Tätigkeit bekommt, hat dies auch
    nichts mit „Szene“ zu tun. Außerdem zeigt doch gerade der ganze Prozess die Unlust und Unfähigkeit unseres sog. „Rechtsstaates“ diesen Szenesumpf auch wirklich nachhaltig auszutrocknen.


  6. Warum hat denn nur die Anwältin das Problem und die beiden anderen Verteidiger nicht???

    Und wenn hier geschrieben wird, dass „gemobbt wird, ist das von den
    ehemaligen “Kollegen” hochgradig schäbig“ dann lässt sich dazu nur sagen: DAS sind Anwälte! So sind diese Menschen. So ist sicherlich auch Frau Sturm, auch wenn sie in diesem Falle eher als Opfer daherkommt.

    Mitleid habe ich nicht. Sie wollte diesen Job „gerne“ hat sie damals gesagt. Bitte, den hat sie. Mit den Konsequenzen muss sie leben, gerade auch dann, wenn es vorher schon mit ihren Kollegen Besprechungen über dieses Mandat gegeben hat.


  7. Die „Folgen“ eines Mandats?
    Irgendwie deucht mich, dass hier nur ein Werbemaßnahme in eigener Sache erfolgt sein könnte. Schließlich hat sich keiner der drei Zschäpe-Anwälte bisher durch großartige Leistungen oder Strategien hervorgetan. Im Gegenteil, man kriegt eher den Eindruck, da wollten drei junge Juristen den Prozeß als Sprungbrett nutzen.

    Siehe auch hier:
    (…) Wir haben den Link entfernt, da er beleidigende und verhetzende Äußerungen enthielt und bitten um Entschuldigung dafür, dass er hier zu finden war)

    Wenn man die Originalquelle Tagesspiegel.de liest, hört sich das dann auch ganz anders an: nämlich, dass Frau Sturm bei der Berliner Kanzlei anscheinend nur als Honorarkraft tätig war. Kein Mensch würde da doch zögern, als Partner in einer anderen Kanzlei anbzufangen – selbnst wenn es nur die von dem anderen Kollegen Heer ist.
    Da wird wohl an der eigenen Legende gestrickt, sehe ich genauso.

  8.   juergen-tirol

    Es geht hier um ganz abscheuliche Verbrechen, aber jeder mutmaßliche Täter hat bei uns das Recht auf eine Verteidigung. Nach meinem Verständnis kann eine Anwältin ein Mandat nur annehmen, wenn das mit ihrer Societät abgestimmt ist, ob das hier erfolgt ist? Trotzdem Respekt vor Frau RA Sturm.

  9.   Christian

    Es geht doch überhaupt nicht darum dass jeder Angeklagter das Recht auf einen Verteidiger hat. Sondern darum, dass Sturm und Stahl dies auch FREIWILLIG und UNBEZAHLT übernommen haben, obwohl Heer schon als Verteidiger benannt war. Das zeigt eher Interesse daran, durch den Medienrummel Karriere zu machen. Das die Kollegen von so etwas nicht begeistert waren, zeigt deren Reste von Anstand.

    Und wer kann so naiv sein zu denken dass es reiner Zufall ist dass Zschäpe Verteidiger mit den Namen Heer, Stahl und Sturm ausgewählt hat? Das ist ein weiterer arroganter Schlag ins Gesicht der Opfer.

    Zitat wikipedia:
    „Heer vertritt Zschäpe bereits seit Beginn des Verfahrens. Stahl und Sturm kamen Mitte 2012 als zunächst unbezahlte Wahlverteidiger hinzu und setzten ihre Mitwirkung auch fort, als die Bundesanwaltschaft … Beantragung von zwei weiteren Pflichtverteidigern abgelehnt hatte.“

  10.   drschreyer

    Das Problem von Frau Sturm scheint mir zu sein, dass die Fotos, die sie zusammen mit Zschäpe zeigen, einen stark mitfühlenden Eindruck vermitteln. Einige Bilder zeigen auch ein gemeinsames freundliches Lachen.
    Das muss und sollte nicht sein. Da sollte sie sich kontrollieren.

    Auch Zschäpe hat begriffen, welche unglaubliche Wirkung Bilder haben!
    Modisch gekleidet, Top-Frisur, seriös, Lächeln..

    Zschäpe hat sicher das Outfit von Kachelsmanns ehemailger Freundin studiert.

    Nachdem deren Ansehen am Boden war, hat man eine Outfitstrategie entwickelt, sympathisch lächelnd, modisch dezent, seriös etc. Nach 14 Tagen hatte das Publikum plötzlich eine positve Meinung!!

 

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