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100. Prozesstag – V-Mann-Führer und NSU-Helfer geladen

 

Zwei Zeugen vernimmt das Gericht am Dienstag, dem 100. Tag im NSU-Prozess. Die erste Aussage macht der Verfassungsschützer Reiner Bode. Er war zeitweise V-Mann-Führer des Thüringer Neonazis Tino Brandt, der bis zu seiner Enttarnung 2001 sieben Jahre lang an das Landesamt für Verfassungsschutz berichtet hatte. Brandt ist der Gründer des Thüringer Heimatschutzes, zu dessen Treffen auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kamen.

Im Anschluss tritt der Chemnitzer Thomas R. in den Zeugenstand. Er gehört zu den Kameraden aus dem NSU-Umfeld, die dem Trio nach dessen Abtauchen im Jahr 1998 einen Unterschlupf boten. In R.s Wohnung kamen die drei laut Anklage direkt nach ihrer Flucht unter und blieben zwei Wochen.

Informationen aus der Verhandlung gibt es via Twitter hier. Die Berichte darüber fassen wir morgen im NSU-Medienlog zusammen.

2 Kommentare

  1.   bekir_fr

    Im Idealfall ist ein Spitzel ein eher kleines Licht innerhalb der Gruppe – ein Mitläufer, der die Bosse und Hintermänner einer Gruppe aushorcht, insbesondere damit die Behörde geheime kriminelle Pläne erfährt und verhindern kann.

    Wenn der (jahrelang unerkannt aktive) Spitzel aber von Anfang an dabei ist und selber das Rückgrat einer Bande darstellt (weil er nicht weniger ist als der Gründer und Gangleader höchstpersönlich), dann ist seine Bande – der Thüringer Heimatschutz – doch nichts weiter als eine getarnte Veranstaltung des Verfassungsschutzes. Er spioniert nicht vorhandene Pläne aus, sondern er brütet sie selber erst fortlaufend aus und zwar zu einer Zeit, als er längst regelmäßiges „VS-Gehalt“ bezieht und regelmäßig an den VS berichtet, was er und seine um ihn gescharten Nazis so treiben. Gibt es eine treffendere Definition für die Worte „Filiale“ und „Filialleiter“?

    Hätte er sein VS-„Gehalt“ bzw. seine „Betriebskostenzuschüsse“ weiter bekommen, wenn er von seinen (hier mal unterstellten) Versuchen berichtet hätte, die von ihm angelockten Nazi-Jünger in Pazifismus und Völkerverständigung zu schulen? Wohl kaum – je brauner der Brandt, desto wertvoller für seinen Arbeitgeber, der das Feindbild, das er angeblich bekämpfte, erst mühevoll heranzüchten musste.

    Wenn aber schon der THS ein „Kind“ des VS ist und von diesem gehätschelt wird, wie stand dann der VS zum „Kindeskind“ NSU?
    Ahnungslosigkeit (Motto Pleite Pech und Pannen) kann es also schon mal nicht gewesen sein, was den VS mit dem NSU „verband“. Und von einer Jäger-Gejagten-Beziehung ist die ganzen Jahre bzw. Morde über nicht das geringste zu sehen. Noch am Todestag der Uwes suchte jemand aus dem VS dringend telefonischen Kontakt zu Zschäpe (statt der Polizei bei der Verhaftung zu helfen).

    Die Aussage eines Tino Brandt ist daher keinen Pfifferling wert, solange nicht auch seine Agentenführer ihre jahrelange Zusammenarbeit samt geführter Akten offenlegen müssen. Das werden aber Anklage und Richter zu verhindern wissen. Wir haben es ja schießlich mit einem „Staatsschutz-Senat“ zu tun und dass der VS Teil dieses zu schützenden Staates ist, steht so wenig in Zweifel wie Rolle der Staatsanwälte, die in Deutschland weisungsgebundene Beamte sind, also keine richterliche Unabhängigkeit genießen wie z.B. in Italien.

    Dass es dann letztlich um die Opfer (und deren Anspruch auf Sühne) gar nicht gehen kann, ist ja schon oft genug aus VS-/Staatsschutz-Kreisen angeklungen, wonach es (wichtige) Staatsschutz-Sachen gibt und unwichtige / unpolitische, bei denen es sich „nur um ein Tötungsdelikt“ handelt.

  2.   Optimist

    „Im Anschluss tritt der Chemnitzer Thomas R. in den Zeugenstand. Er gehört zu den Kameraden aus dem NSU-Umfeld…“
    Das war nicht irgendein „Kamerad“, sondern der V-Mann Corelli, der u.a. beim Ku-Klux-Klan in Baden-Württemberg mitgemischt hat und deshalb (zu) viel über den Heilbronner Polizistenmord gewusst haben dürfte. Er hat sich vor Gericht geweigert, seine Hintermänner zu nennen, worauf ihm der Richter Götzl Zwangsmaßnahmen androhte, als der Prozesstag endete. Der Tagesspiegel schrieb dazu: „Der Zeuge schaffte es aber, sich in eine Auszeit zu retten.“
    Das war eine makabre Aussage, denn schon wenige Stunden später war Thomas R. tot, gestorben an einem plötzlichen Diabetes, der nicht durch äußere Einwirkungen entstanden sein soll. Es wäre wohl zu gefährlich gewesen, Thomas R. nochmals aussagen zu lassen. Bekannt geworden ist der Tod von Corelli erst gestern, also mit ca. 14 Tagen Abstand zu seiner „mißlungenen“ Aussage vor Gericht. Es gibt keine Zweifel mehr, dass hartes Schweigen und debil erscheinendes Nichterinnern im Zeugenstand, zwei der Strategien sind, diesen Prozess zu überleben.
    ________________
    Es handelt sich nicht um denselben Thomas R.

    ZEIT ONLINE

 

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