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Unterwegs auf Opfersuche

 

Fotos zeigen, wie der NSU mögliche Opfer ausspähte. Doch rätselhaft bleibt: Wie entschieden die Terroristen, wen sie wirklich töten wollten?

Auf den ersten Blick wirkt es fast wie ein Urlaubsfoto: Ein Mann in Dreiviertelhose und mit Sonnenbrille, die Hand lässig auf den Sattel des Mountainbikes gelehnt, im Hintergrund ein Café. Doch die Bilder, die am Donnerstag im NSU-Prozess gezeigt werden, sind keine Ferienerinnerungen – sondern Beweisstücke aus dem Fundus mutmaßlicher Terroristen.

Ermittler bargen eine CD aus dem Schutt des Hauses in Zwickau, das Beate Zschäpe am 4. November 2011 in Brand gesteckt haben soll. Auf dem Datenträger mit der Aufschrift „Stuttgart“ und „PDS Hoff“ entdeckten sie zehn Fotos, darunter die sommerlichen Motive. Bald wurde ihnen klar: Die Dateien zeigen offenbar, wie der NSU mögliche Opfer ausspähte. Denn bei dem Mann auf dem Bild handelt es sich anscheinend um Uwe Böhnhardt, aufgenommen wurde es in der Nähe des Stuttgarter Nordbahnhofs.

Ausgewertet hat das Material der Ermittler Gerhard Z. aus Baden-Württemberg, der dafür zum Bundeskriminalamt abgeordnet worden war. „Ich hatte die Vermutung, dass es um ein Ausbaldowern des Objekts ging“, sagt Z. In der Straße lagen Objekte, wie sie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei jedem der neun Migrantenmorde und der zwei Terroranschläge der NSU-Serie wählten: ein türkisches Lebensmittelgeschäft, eine italienische Bar, ein Grillimbiss.

Sieben Bilder wurden in Stuttgart gemacht – möglicherweise von Mundlos. Er selbst ist nicht darauf zu sehen. Laut dem Zeitstempel in der Datei stammen sie vom 25. Juni 2003. Zu diesem Zeitpunkt waren der Mordserie bereits vier Menschen zum Opfer gefallen. Das letzte, die Polizistin Michèle Kiesewetter, starb im April 2007 in Heilbronn – rund 50 Kilometer von Stuttgart entfernt.

Auch nach langen Ermittlungen nach der Selbstenttarnung des NSU ist kaum bekannt, wie das NSU-Trio seine Opfer aussuchte. Auffällig ist jedoch, dass die Tatorte immer sorgfältig gewählt waren: kleine Geschäfte oder Imbisse, die von außen nicht vollständig einsehbar waren und von denen aus es sich leicht flüchten ließ. Die Vermutung liegt nahe, dass die Täter sich auf Insiderwissen von Unterstützern vor Ort verlassen konnten. Bewiesen ist das jedoch nicht.

Unklar ist zudem: Wie fiel die Wahl auf die jeweiligen Opfer? Wer entschied, wieso ausgerechnet die Menschen sterben mussten, deren Namen heute als zehn NSU-Opfer auf Gedenkplaketten geschrieben stehen? Eine Antwort könnte Beate Zschäpe liefern – doch die schweigt weiterhin.

In der Zwickauer Brandruine stellten die Ermittler Material sicher, aus dem hervorgeht, wie viel Zeit die mutmaßlichen Mörder auf die Planung ihrer Anschläge verwendeten. Dazu gehört eine Adresssammlung mit mehr als 10.000 Einträgen, außerdem unzählige Stadtpläne mit Markierungen. So waren auf einer Karte von Stuttgart vier Polizeireviere eingezeichnet. Für die Stadt Nürnberg, wo drei Migranten ermordet wurden, existierte eine Liste, auf der in Maschinenschrift sechs Adressen von Asylbewerberheimen, Kneipen und Imbissen eingetragen waren. Darunter ein handschriftlicher Eintrag zum Imbiss in der Scharrerstraße – dort starb 2005 der Betreiber Ismail Yasar.

Die Fotos, die am Donnerstag an die Wand des Schwurgerichtssaals projiziert werden, zeigen jedenfalls, dass die Täter auch selbst Opfer recherchierten. Es scheint, als hätten sie sich eigens zu Spionagezwecken auf Reisen begeben. Einen Tag nach dem Aufenthalt in Stuttgart, am 26. Juni 2003, entstanden zwei weitere Fotos in der fränkischen Stadt Hof. Sie zeigen ein Kupferschild, das auf die Geschäftsstelle der örtlichen SPD hinweist. Darüber ist ein Straßenschild zu sehen. Planten die Rechtsextremen, auch hier zuzuschlagen?

Der NSU sammelte auch Adressen von Parteibüros. Als Zschäpe nach der mutmaßlichen Brandstiftung 2011 quer durch Deutschland flüchtete, verschickte sie 15 Exemplare des NSU-Bekennervideos auf DVD. Eins davon ging ebenfalls an eine Partei: die PDS-Geschäftsstelle in Halle. Mit den Bezeichnungen kam das Trio bisweilen durcheinander – so erklärt sich Ermittler Z. die Aufschrift „PDS Hoff“ auf der CD: Gemeint war vermutlich „SPD Hof“. Die Bilder waren ihnen offenbar so wichtig, dass sie eigens dafür einen Datenträger anlegten.

Die Motive in Hof wurden kurz nach 16 Uhr aufgenommen. Rund zwei Stunden später entstand das letzte der zehn Bilder auf der CD: Es zeigt Uwe Böhnhardt, wie er neben Beate Zschäpe auf einem blauen Sofa sitzt. Als es im Saal gezeigt wird, betrachtet es Zschäpe intensiv von der Anklagebank aus. Vermutlich entstand es in der Wohnung des Trios in Zwickau, das rund eine Dreiviertelstunde von Hof entfernt ist.

Für den Nebenklageanwalt Reinhard Schön ist mit den Fotos bewiesen, dass Zschäpe „an der Ausspähung von Anschlagsorten beteiligt war“, wie er nach der Aussage von Z. erklärt. Dieser Ansicht dürfte das Gericht jedoch nicht folgen: Auf den anderen Bildern ist sie nicht zu sehen. Klar ist nach diesem Verhandlungstag, dass die Beweisführung in diesem Prozess nur funktionieren kann, wenn sie ein stimmiges Gesamtbild ergibt.

12 Kommentare

  1.   bekir_fr

    Eine Vielzahl von „Uwe-Fotos“ aus Stuttgart und Hof beweisen was?

    Anschläge in diesen beiden Städten gab es nicht und Vorbereitungen dazu sind auf den Fotos doch wohl nicht zu sehen?

    Allein die Tatsache, dass es in der fotografierten Stuttgarter (Innenstadt-) Straße halt Läden gab wie „ein türkisches Lebensmittelgeschäft, eine italienische Bar, ein Grillimbiss“ soll Beweis sein, dass die Uwes genau deshalb dort waren, um nach solchen Läden suchten?
    Denn der polizeiliche Foto-Prüfer „hatte die Vermutung, dass es um ein Ausbaldowern des Objekts ging“?

    In welcher Stuttgarter Innenstadt-Straße ohne „ausländische Objekte“ hätten die zwei sich denn theoretisch fotografieren können, ohne dass scharfsinnige Ermittler sich gezwunen sehen, den immer gleichen „Verdacht“ zu hegen?
    Hat jemand dem Foto-Prüfer gesagt, dass Stuttgart eine der deutschen Städte mit dem höchsten Ausländer-Anteil ist?

    Was „eine Adresssammlung mit mehr als 10.000 Einträgen“ beweisen soll, wäre ebenfalls interessant zu erfahren. Bei 10 Morden in 7 Jahren kann es keine (von einem Duo) abzuarbeitende Liste gewesen sein.

  2.   Antonia

    Weshalb findet die Möglichkeit, dass jeweils Ortsansässige potentielle Opfer vorschlugen, keine Aufmerksamkeit. Die Terroristen hätten dann nur noch an Ort und Stelle „die Sicherheit“ prüfen müssen. Sie haben ja wohl kaum dort ausgeharrt, um zunächst das Maß ihres Hasses zu messen.

  3.   tacheles

    Ein MANN lässig auf einem Fahrrad mit Sonnenbrille!
    Wer das sein soll darüber schweigt man sich aus.
    Täter? Zeuge? Fahrradtourist?
    Wieder lauter Vermutungen:
    Möglicherweise könnte ausbaldowert worden sein,
    könnte von B fotografiert worden sein,
    hätte,könnte,wäre!
    Dann wieder die durch NICHTS bewiesene Behauptung:
    „Die von B & M als NSU ausgeführten Morde!“
    Als Beweis werden dann die in Plaketten eingravierten Tatsachenbehauptungen über die Schuld der fabulösen „NSU Verschwörung“ angeführt.
    Ich füge noch hinzu:
    Unsere Kanzlerin hat ja schon lange vor dem Prozess Entschädigungen veranlasst.
    Gab es das vorher schon mal bei anderen Mordopferangehörigen?
    Und viele Regierungsmitglieder und sonstige wichtige Persönlichkeiten haben sich schon entschuldig für die ungeklärten Mordtatent!
    Wozu dann noch dieser nun weit über 20 MILLIONEN EURO teure Prozess?
    Hat es in der Geschichte der Bundesrepublik jemals eine solche Vorverurteilung durch höchste Kreise gegeben?
    Ist das rechtlich überhaupt durch offizielle Personen und andere zulässig?
    Beeinflusst derartiges Vorverurteilen nicht extrem die juristische Wahrheitsfindung?

  4.   enios

    „Für den Nebenklageanwalt Reinhard Schön ist mit den Fotos bewiesen, dass Zschäpe “an der Ausspähung von Anschlagsorten beteiligt war”…
    Seltsame Schlußfolgerung – höchstens zeigt das letzte Bild, daß der NSU zwei Stunden nach der Fahrradtour zurückkehrte zum heimischen Sofa.

  5.   Ichichich

    „Weshalb findet die Möglichkeit, dass jeweils Ortsansässige potentielle Opfer vorschlugen, keine Aufmerksamkeit.“

    Die bayrische Polizei hatte auf Vorschlag des Profilers, der mehrere potentielle Tätergruppen vorgeschlagen hatte, sämtliche Rechtsradikalen in Bayern überprüft und war zu einem negativen Ermittlungsergebnissen gekommen.

    Seit Februar/März 2012 wird deshalb auch von „Straßenkarten“ und eigenständigem „Ausbaldowern“ statt von „Helfer vor Ort“ geschrieben.

  6.   Karl Müller

    @ 2.

    Sie werden es möglicherweise ungewöhnlich finden, aber im Ermittlungsverfahren ist man gehalten alle Hypothesen einer Plausibilitätsprüfung zu unterziehen, auch durc Feststellung der Überprüfbarkeit.
    Dokumentiert wird dann für die StA. Die hat das letzte Wort ob ein Ermittlungsansatz vorliegt oder nicht.
    Wunschvorstellungen und Vermutungen allein sind völlig wertlos und irrelevant.

  7.   fliegenklatsche

    @3 Also das liegt wohl an der Gewaltenteilung in diesem Land, wenn ich das so richtig verstanden habe.
    Die Politik ist die eine sache ,
    und das Juristische etwas anderes.

    Man wollte sich nach der blamage eben schnell als wiedergutmacher darstellen, wer da wohl von Staat was übersehen hat?

  8.   the good kkkop

    @5 :
    Man hat bei 160 Rechten aus Nürnberg und Umgebung die Alibis überprüft, für die Tage an denen Ceska-Morde begangen wurden, darunter die drei in denen in der Stadt Morde begangen wurden. So ist es dem Bundes-UA-Bericht zu entnehmen( S.585 ) :
    “ Wer hat sich zur tatrelevanten Zeit in einer Tatortstadt aufgehalten? Das war nicht der Fall. “
    Keiner der 160 mit Ankerpunkt Nürnberg soll sich demnach an einem dieser drei Tage in Nürnberg aufgehalten haben. Macht also summa summarum an die 500 amtlich geprüfte Alibis, allein für die Stadt in/bei der sie wohnen. Warum die alle an diesen Tagen da weg mussten erfährt man leider nicht.

  9.   tacheles

    5 #
    Wenn an jedem Ort Helfer vorhanden waren hätte sich die Zahl der Mitwisser drastisch erhöht.
    Denn nicht jeder Helfer und Mitwisser wird im Familienkreis und bei Freunden schweigen!
    Es wäre dann äusserst unwahrscheinich wenn keiner gegnüber Polizei oder Medien „plaudern“ würde?
    Zumal ja noch eine Belohnung ausgesetzt war.
    Es ist ja gerade das Verblüffende das solche vermutlich 3 Verschwörer die als dumm und rückständig rechtsextrem bezeichnet werden so viele Jahre unerkannt vermutlich morden konnten ohne sich mit Bekennerschreiben zu brüsten oder wenigsten bei einigen der ihnen zugeschriebenen Mordtaten und der sonstigen vorgeworfenen zahlreichen Verbrechen in Erscheinung zu treten bzw. gesehen zu werden oder wenigstens Spuren zu hinterlassen?

  10.   paul

    Zschäpe mit Böhnhardt in Zwickau auf dem blauen Sofa fotografiert … das ist natürlich ein Schuldbeweis der Sonderklasse.
    Als Anwalt darf einem bekanntlich nichts zu sein, wenn man es benutzen will.

 

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