‹ Alle Einträge

Unfassbare Fehler – Das Medienlog vom Mittwoch, 28. Januar 2015

 

Ein wichtiger Schritt bei der Aufklärung des Nagelbombenanschlags auf der Kölner Keupstraße von 2004: Zwei Zeugen sagten am Dienstag aus, sie hätten Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt vor und nach der Explosion in der Nähe des Tatorts gesehen. Eine Zeugin sah einen nach ihren Angaben deutsch oder osteuropäisch wirkenden Mann, der mit größter Vorsicht ein Fahrrad schob – darin befand sich mutmaßlich der Sprengsatz. Diesen Hinweis nahmen die Ermittler offenbar nicht sonderlich ernst. „Es ist unfassbar!“, echauffiert sich Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online: „Warum ging die Polizei diesen Angaben nicht gründlich nach? Wieso verfolgte sie die Hinweise nicht weiter?“

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Tatsächlich konzentrierte sich die Polizei auf die Suche nach einem Täter aus dem migrantischen Milieu. Auch am Dienstag schilderten Zeugen mehrfach, die Ermittler hätten nach ihrer Verstrickung in die Strukturen der Mafia gefragt. Da half es auch wenig, dass ein weiterer Zeuge erzählte, er habe einen Mann nach der Explosion auf einem Fahrrad flüchten sehen. Seine Beschreibung ähnelte jener der Frau, die zuvor ausgesagt hatte.

„Ihre Beschreibung ist präzise und detailliert“, resümiert Harald Biskup im Kölner Stadtanzeiger. Das genügte den Fahndern anscheinend dennoch nicht als Anlass, andere Hintergründe als den der organisierten Kriminalität ausführlich zu beleuchten. Eine andere Erkenntnis habe sich nun vor Gericht etabliert: „Solche Details sind in dem Puzzle, das der Staatsschutzsenat zusammenzusetzen versucht, von großer Bedeutung.“

Es ist einer von wenigen Fällen, in dem Mundlos oder Böhnhardt am Tatort gesichtet worden sein könnten. Ein Umstand, der den Keupstraßen-Anschlag von vielen anderen NSU-Delikten unterscheidet: „Damit ist die Indizienlage im Fall Keupstraße ungewöhnlich komfortabel für die Anklage“, analysieren wir bei ZEIT ONLINE. Doch das bedeutet nicht, dass sie auch unangreifbar ist: Dem Zeugen, der einen mutmaßlich flüchtenden Täter sah, wurden keine Bilder einer Überwachungskamera gezeigt, auf dem zwei Verdächtige zu sehen sind. Damit ist der Wert der Aussage auf dem heutigen Stand fraglich – und ein Angriffspunkt für die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe.

Andere Autoren konzentrieren sich weiter auf die Folgen für die Menschen auf der Keupstraße. So mussten die Geschäftsleute der vormals belebten Einkaufsstraße schwere Einschnitte hinnehmen. Die Inhaberin eines Schmuckladens musste „nicht nur den Schock verarbeiten, sondern auch einen Rückgang der Kundschaft verkraften“, resümiert Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung. Verletzte trauten sich nicht einmal, mit ihren Schmerzen zum Arzt zu gehen, weil sie fürchteten, als Tatverdächtige betrachtet zu werden. „Das klingt absurd, doch einige Opfer empfanden die Ermittlungen als derart drückend, dass sie es vorzogen, still zu leiden“, schreibt Frank Jansen vom Tagesspiegel.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 29. Januar 2015.

44 Kommentare

  1.   Tanach

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verletzten aus solchen paranoiden Gründen nicht zum Artz sind – die wollten die Praxisgebüher einfach nicht bezahlen.


  2. Auf dem rechten Auge blind?

    Der bisherige Ablauf des NSU-Prozesses ist wahrlich kein Ruhmesblatt der deutschen Justiz.
    Es wird immer fraglich bleiben, warum diese rechten Straftäter so lange unbehelligt blieben und von Seiten des Verfassungsschutzes eine Gefahr, die von rechtsnationalen Gruppen ausgehen könnte, wegignoriert wurde. Bis dato waren das alles Einzeltäter. Zu Zeiten der RAF kamen bereits Bürger unter Verdacht, wenn sie sich öffentlich verbal nicht ausreichend von dieser Truppe distanzierten.

    Aber der Umgang mit rechten Straftäten schlägt auch ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte auf. In den ersten Nachkriegsjahren wurde sehr mild mit vielen NS-Tätern und – Unterstützern umgegangen, einige Verurteilte Kriegsverbrecher wurden (warum auch immer) von den westlichen Besatzungsmächten früh begnadigt. Gibt es da eventuell eine historische Linie, die sich in unserer Justiz in den Folgejahren eingeschlichen hat?

  3.   pitty51

    warum nur

  4.   Karl Müller

    Unfassbar?

    In der Tat, die Einlassungen von Frau Friedrichsen sind wirklich unfassbar.

    Oder ist ihr nach so langer Zeit bei Gerichtsreportagen die Rolle und der Wert von Zeugenaussagen immer noch nicht geläufig?

    Wie „detailiert und präzise“ sind denn die Beschreibungen wirklich gewesen? Oder sind die das lediglich im von Ex-post Wissen gestählten Vorstellungsvermögen von Menschen mit einem leichten Hang zum Vorurteil?

    Von Menschen die eien Klodeckel nicht von einer USBV unterscheiden können?

    Die sind auf einmal die besseren Ermittler?

    Hier von kompfortablen Indizien zu sprechen ist blanker Hohn! Ein mutmaßlicher Täter „könnte“ am To gewesen sein? Wenigstens in einem Fall? Und in den restliche Fällen, die alle ohne jeden DNA Spurenlegung durch die mutmaßlichen Täter ausgekommen sein soll?

    Das ganze Bild gleicht immer mehr dem „Neusten aus der Anstalt“ und dem Tribunal eines Hexenprozesses!

  5.   baboking

    Das Versagen des Verfassungsschutzes und damit einhergehend des Rechtsstaates scheint umfassender zu sein, als anfangs auch nur zu ahnen war. Die Schredder-Aktionen machen unter diesen Gesichtspunkten noch viel mehr Sinn.
    Hier versuchen Behörden Ihre gewollte oder ungewollte (sei mal dahin gestellt) Blindheit des rechten Auges zu vertuschen. Allein das Versagen im NSU-Komplex gekoppelt mit diversen anderen bürokratischen Leichen (z.B. dem Btmg o.ä.) sollte Reformen nach sich ziehen. Es kann nicht sein, dass unser offenbar nicht fehlerfrei laufender Rechtsapparat stets neue Aufgaben bekommt und auch die Zuständigkeiten innerhalb der bereits bestehenden Aufgaben alles andere als hinreichend geklärt sind.
    Klar, vor Ende des Prozesses ist es zu früh für Reformen oder voreilige Schlussfolgerungen. Dennoch: Es muss was getan werden! Polizei und Militär sind bei der breiten Bevölkerung dermaßen schlecht gelitten, dass ich mich häufig frage, woran das eigentlich liegen könnte.
    Vielleicht die Ohnmacht der Bevölkerung, trotz eindeutiger Hinweise (mehrfach) die Ermittlungen nicht von bestimmten, festgefahrenen Spuren ablenken zu können. Parallel dazu auch noch zu fürchten, die eigenen Verletzungen würden einen zum Verdächtigen abstempeln und deswegen dem „Freund&Helfer“ nicht helfen zu wollen.
    Für mich alles Indizien eben dieser Zwei-Klassen Gesellschaft, die es in Dland angeblich nicht geben soll. Ich hab immer noch die Lobhudelei an unsere Mittelschicht im Ohr. Und verglichen mit Afghanistan, ist das hier der rechtlichste aller Rechtsstaaten. Was beschwer ich mich eigentlich.


  6. In dieser Angelegenheit ist es unmöglich, mich noch in irgendeiner Weise zu schockieren. Natürlich hat die Polizei Hinweise auf einen deutschen/osteuropäischen Täter beseite gewischt, war sie doch schon bereits zu tief im Sumpf der Belästigung der Familien der Opfer mit erfundenen oder ausgedachten Mafiageschichten.

    Außerdem gab es ja noch diese geniale Gutachten demzufolge der Täter ein Ausländer sein müsse, da Deutsche ja sowas niemals machen würden.

  7.   Paul SR

    Das können keine Fehler oder Pannen sein.
    Pure Absicht – alles andere ist nicht vorstellbar.

  8.   Konstanze Ekeldathy

    „Mendienlog“ ist eine schöne Bezeichnung für diese Kolumne.

  9.   Gisbert

    Immer das Gleiche. Nachher sind alle schlauer, vor allem die Presse. Es war damals normal und auch naheliegend, das die Polizei vorwiegend im Bekanntenkreis ermittelte oder Auseinandersetzungen im organisierten Milieu annahm. Jede Polizei in jedem Land hätte das bei dieser Sachlage getan. Hätte es wenigstens einmal ein Bekennerschreiben mit Täterwissen gegeben, hätte die Fahndung völlig anders ausgesehen. Solche Bekennerschreiben gab es aber nicht, die sind ja erst posthum aufgetaucht. Woher sollte also die Polizei wissen, dass Täter politisch motivierte Terroranschläge vornehmen, ohne sich dazu zu bekennen? Das glaubt man ja heutzutage kaum. Niemals zuvor habe ich von Terroristen gehört, die sich nicht zu ihren Anschlägen bekennen, und zwar zügig. Denn ohne Bekenntnis ist der Terror ja weitgehend sinnlos. Eine überzeugende Erklärung, warum die NSU-Leute auf Bekennerschreiben verzichteten, habe ich leider noch nie vernommen.

  10.   Harald Arndt

    vermutlich haben die ermittelnden Beamten die dargestellten Zeugenaussagen als lancierte Falschaussagen eingestuft.
    Also quasi als eine Art Schutzbehauptung um die Ermittlungen in die falsche Richtung zu lenken.
    Oder als eine Art „typischer Gutmenschenreflex“ nach dem Motto: das traf Ausländer, das können nur Nazis gewesen sein.
    Als auf gut deutsch gesagt: Die Polizei ist vermutlich einfach mal davon ausgegangen das die Leute lügen.
    Anders kann ich mir das nicht vorstellen.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren