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Keupstraßen-Opfer überlebten durch Zufall – Das Medienlog vom Freitag, 23. Januar 2015

 

Tag drei der Zeugenvernehmungen zum Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße von 2004: Erneut sagten traumatisierte Opfer aus, zudem ein Sachverständiger, der die Wirkung der Bombe nachgestellt hat – das Ergebnis: Der Sprengsatz hätte im Umfeld von wenigen Metern Menschen töten können. Durch Zufall blieb es bei Verletzungen der 22 Betroffenen. „Der Anschlag ist nun aufgeklärt, vermessen und kartografiert worden (…). Zurück bleiben die Menschen in der Keupstraße“, schreibt Per Hinrichs von der Welt.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Im Vergleich zu den emotional aufgeladenen Zeugenaussagen wirkte die Analyse freilich etwas blass – doch sie war von zentraler Bedeutung für die strafrechtliche Aufarbeitung der Bombentat: Ihr Ergebnis stützt die Anklage der Bundesanwaltschaft, die den Anschlag als versuchten Mord wertet. Die Auswertung zeigte außerdem, „wie sorgfältig die ganze Tat geplant gewesen sein muss“, analysieren wir bei ZEIT ONLINE. So suchten sich die mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ausgerechnet die Straße als Anschlagsziel aus, die das Zentrum des türkischen Lebens in Köln darstellt. „Gab es also einen Helfer vor Ort, der die beiden auf ein passendes Ziel aufmerksam machte?“

Den übrigen Teil des Gerichtstags füllten Vernehmungen mehrerer Anschlagsopfer. Sie hätten sich „durchgehend ohne Belastungseifer und Wichtigtuerei“ geäußert, resümiert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Aus dieser Reihe fiel ihrer Meinung nach jedoch die Aussage einer Anwohnerin, deren Leiden von Ärzten nicht in Zusammenhang mit der Explosion gebracht wurden. Wenn derlei minder betroffenen Menschen Raum für ihre Schilderungen gegeben werde, „fällt ein Schatten auf die gesamte Nebenklage“.

Auf eine andere Aussage konzentriert sich Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. Ein ehemaliger Offizier aus der Türkei habe angesichts des Sprengstoffgutachtens erfahren, „dass es ihn viel schlimmer hätte treffen können“.

„Bei vielen Opfern des Anschlags sind die psychischen Spätfolgen offenbar weit gravierender als die körperlichen Beeinträchtigungen“, beobachtet Harald Biskup vom Kölner Stadtanzeiger. Dazu gehöre „die unbestimmte Angst, es hätte eine zweite Bombe hochgehen können“.

Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk greift den großen Besucherandrang während der Aufarbeitung des Anschlags auf. In den drei Tagen bildeten sich vor dem Gericht Schlangen. Auch wenn das im Vergleich zu den übrigen Prozesstagen eine Ausnahme ist, gelte: „Jeder Tag, an dem dann der Platz nicht reicht, ist eigentlich ein Tag zu viel.“ Ein gutes Zeichen sei jedoch, dass ein großes öffentliches Interesse am NSU-Prozess bestehe.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 26. Januar 2015.

5 Kommentare


  1. Jetzt muss der NSU die Tat nur noch bewiesen werden.

    Es gibt keinerlei Hinweise, dass die beiden Uwes oder die wegen Tatbeteiligung an den Morden angeklagte Frau Zschäpe die Technik der Bombenherstellung mit Fernzündung beherrschten und ebenso wurden keinerlei Materialien zur Herstellung einer solchen Bombe nachgewiesen. Hier schöpft der Generalstaatsanwalt aus der Luft in seinem Gehirn.

    Ein Täter -obwohl auf einer Überwachungskamera erfasst- konnte nie identifiziert werden. In diesem politischen Prozess ersetzt der Wunsch die Fahndungsergebnisse und die Wahrheitsfindung.

  2.   tacheles

    Auffällig ist das im derzeitigen Verfahrensabschnitt die zwar nachvollziehbaren Leiden der Anschlagsopfer ausgibig vorgetragen und angemessen berücksichtgt werden,
    die eigentliche Aufgabe der Anklagebehörde Beweise und Verbindungen der als „NSU“ bezeichneten mutm. Terrorgruppe dem Gericht beweiskräftig darzulegen ist bisher jedoch noch nicht erfolgt.
    Dadurch wird der Prozess unnötig in die Länge gezogen.

  3.   Karl Müller

    Na die „SZ“ stellt auch unwidersprochen die wüste Sachverhaltsenstellung von „durchschlagenen Stahlplatten“ in den Raum.

    Da wird schon verständlich, dass man nicht mehr kommentieren kann!

    Selbst ein Laie kann die Begriffe „Blech“ und „Platte“ auseinanderhalten, wenn es den gewollt ist!

  4.   Hr. Schulz

    Es bekommt den Charakter einer Selbsthilfegruppe wo die schöne Selbstdarstellung unser netten Mitbürger das eigentliche Urteil verdient.

    MFG

  5.   Karl Müller

    @ 4.

    Und was für eine Selbsthilfegruppe! Werden doch auch gerne „große Zahlen“ bemüht. Z.B. hat in der SZ extra jemand die in der sprengtechnischen Rekonstruktion gemessene Fluggeschwindigkeit der Nägel noch schnell von den Metern pro Sekunde im Gutachten in „Stundenkilometer“ umgerechnet:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-prozess-der-offizier-und-die-bombe-1.2317055

    Soll wohl gewaltiger klingen?

 

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