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Skinhead schlägt schrille Töne an – Das Medienlog vom Donnerstag, 12. Februar 2015

 

Der denkwürdige Auftritt des Neonazis Bernd T. beherrschte den 185. Tag im NSU-Prozess: Der hessische Skinhead hatte offenbar fälschlicherweise behauptet, Details zum Aufenthalt von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Kassel vor dem Mord an Halit Yozgat zu kennen. Davon hatte er sich erfolglos eine frühere Entlassung aus dem Gefängnis versprochen. Nun wollte er von seinen Insiderinformationen nichts mehr wissen. „Unter den meist dreist verstockten Zeugen aus der rechten Szene (…) ist Bernd T. die schrillste Figur“, beobachtet Frank Jansen vom Tagesspiegel.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Kurz nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 bot der damals inhaftierte Zeuge sein angebliches Wissen dem Verfassungsschutz an, es folgte eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt. Die Beamten stuften T.s Informationen bald als vermutliche Lügen ein. Dennoch war T. nun im Prozess geladen, wo er stundenlang mit seinen Behauptungen konfrontiert wurde. „Trotz seines markigen Tons wirkt der Glatzkopf unsicher“, merkt Jansen an.

Warum hatte ihn das Gericht als potenziellen Hinweisgeber überhaupt in Erwägung gezogen? Womöglich lag es an den Angaben, „die sich möglicherweise partiell mit Aufschneiderei erklären lassen, aber auch nicht komplett erlogen erscheinen“, schreibt Gisela Friedrichsen von Spiegel Online. Seine vorigen Angaben deklarierte T. nun als „Spaß“ – möglicherweise auch, um in der Szene nicht als Verräter dazustehen. Richter Manfred Götzl habe sich vom Lavieren des Zeugen indes nicht provozieren lassen.

„T. tritt nassforsch, manchmal aggressiv auf und versucht den fragenden Richter in Widersprüche zu verwickeln“, berichtet Thomas Stier von der hessischen HNA. Dazu kommen angebliche Erinnerungslücken und permanentes Abstreiten. So sei die Vernehmung „ein zähes Stück Arbeit“ geworden. Das hatten die BKA-Beamten eigentlich schon vorweggenommen: „Vielleicht waren die Ermittler auch deshalb so misstrauisch, weil die Polizei während der NSU-Serie mit zehn Morden oft genug falschen Spuren gefolgt war“, merken wir bei ZEIT ONLINE an.

Auch um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße von 2004 ging es am Mittwoch. Dazu sagten der Sprengstoffgutachter Rüdiger Mölle und der Rechtsmediziner Oliver Peschl aus – sie gaben Einschätzungen zum Gefährdungspotenzial des Sprengsatzes ab, durch die 22 Menschen verletzt wurden. Die Expertise „verdeutlicht die extrem zerstörerische Wirkung“ der Explosion, bilanziert Harald Biskup im Kölner Stadtanzeiger. Das Fazit: Zumindest für die zwölf Menschen im Friseursalon, vor dem die Bombe detonierte, bestand aktue Lebensgefahr. Doch auch in weiterer Entfernung auf der Straße waren lebensbedrohliche Verletzungen möglich.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 13. Februar 2015.

35 Kommentare

  1.   Paul

    Richter Manfred Götzl habe sich vom Lavieren des Zeugen indes nicht provozieren lassen.

    Die Ermittler (anfänglich) und noch mehr das Gericht haben sich von T. kräftig verklapsen lassen, da ist „sich nicht provozieren lassen“ ein schwacher Trost und nicht geeignet als Ruhmesgeschichte „ein zähes Stück Arbeit“ beschrieben zu werden (die zudem schon getan war).
    Übrigens nicht der erste Zeuge der im NSU-Prozess als Luftnummer endet.
    Es bleibt die Frage, warum der als Lügner eingestufte T. überhaupt als Zeuge geladen wurde.

    „möglicherweise auch, um in der Szene nicht als Verräter dazustehen.“ Ist wieder raunend tendenziös, weil es unterstellt, er hätte tatsächlich etwas zu bezeugen.

    Interessant der kurze Hinweis auf die Gutachten zur Bombe in der Keuppstraße, bis zu den Hinterzimmern der Zeugin S. hat der Gefährdungsradius demnach nicht gereicht, sonst wäre das doch wohl neben „im Friseursalon und auf der Straße“ ausdrücklich berichtet worden?

  2.   Aloisi Mogaryc

    Bernd T. sagte: er habe das Protokoll vor dem Gespräch unterschrieben. Das leere Protokol?

  3.   Fliegenklatsche

    @2 Warum nicht, ist wohl so üblich bei Gefangenen damit so der Aussagewille gezeigt wird.

    Das sich der Prozess wie ein Gumminband zieht liegt wohl am Artikel 104 des GG, danach müssen alle gehört werden.

    Wer weis ob nicht doch noch etwas unerwartetes passiert?

  4.   Optimist

    @2
    Die entsprechende Twitter-Nachricht aus dem Gericht habe ich auch gesehen. warum liest man darüber eigentlich nichts in der „seriösen“ Presse?

  5.   Optimist

    „@2 Warum nicht, ist wohl so üblich bei Gefangenen damit so der Aussagewille gezeigt wird.“
    So, so, wohl so üblich, Blanko-Aussageprotokolle zu unterschreiben? Und als Bürger sollen wir uns dann mit so einem Ding brav einen Bären aufbinden lassen?
    In anderen Terror-Ermittlungen war es üblich, vom Zeugen unterschriebene Protokolle verschwinden zu lassen, neu zu schreiben und dann von einem Polizisten unterschreiben zu lassen, wenn die Aussagen allzu brisant und dazu geeignet waren, die richtigen Täter zu identifizieren.

  6.   Paul

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-rechter-zeuge-bernd-t-zum-mord-an-halit-yozgat-a-1017985.html

    Da wird es schon erwähnt und auch dies aus der Aussage der Gutachter:

    „im Umkreis von fünf Metern hätte die Bombe tödlich wirken können.“

  7.   Karl Müller

    @ 6.,

    die immer wieder kolportierte Angabe zum „tödlichen Radius“ der USBV Keupstrasse ist sachlich falsch. Warum das immer wieder betont wird, bleibt unerfindlich.

    Der Sachverständige bringt hier die aus den Blechdurchschlägen sprengtechnisch rekonstruierte sogen. „80 J“-Grenze als „tödlichen Radius“. Fachlicher Hintergrund: es wird allgemein angenommen das ein Körper der ein St37 Blech von 1,5 mm Stärke durchschlägt genug kinetische Energie aufweist um an diesem Punkt einem Weichziel tödliche Verletzungen beizubringen. Den Wert hatte schon 1906 Rohne mit Bleikugeln ermittelt , Gurney hat das 1944 für kuglige und kurzylindrische Granatsplitter „bestätigt“

    Bei der USBV-Keupstrasse liegen aber „Pfeilgeschosse“ von die stabil und labil vom Umsetzungspunkt weggeschleudert werden! Ein „stabiler“ Nagel benötigt daher nicht 80J sondern ca. 40J um ein Nachweisblech zu durchschlagen, ein „labiler“ Nagel dagegen mindestens 320J.
    Laut sprengtechnischer Rekonstruktion war die kinetische Ausgangsenergie maximal 194J.
    Wie ich schonmal erwähnte hatte also ein stabiler Nagel genug Energie für eine tödlcihe Verletzung bis rund 11 m Radius, ein labiler Nagel erreicht die nötige Eindringenergiedichte garnicht….
    Von ca. 700 Nägeln gab es bestenfalls 140 Blechdurchschläge, Wenn die Fluggeschwindigkeit aus dem Hochgeschwindigkeitsfilm richtig bestimmt wurde, dann müssen die Durchschläge weitgehen von „stabilen“ Nägeln bewirkt worden sein.
    Die geringste Zahl Durchschläge lag bei weniger als 40. Also waren maximal etwas mehr als 1/7der Splitter überhaupt gefährlich für Leib und Leben!
    Zur Beurteilung der tatsächlcihen Gefährlichkeit der USBV-Keupstrassse mus nun noch die Splitterverteilung und Dichter festgestellt werden.
    Dann kann man guten Gewissens Angaben zum „tödlichen Radius“ machen. Was hier bisher dargelegt wurde ist völlig unzureichend!
    Passt aber zum ganzen Verfahren.

  8.   Paul

    Da hat man sich für die 5 Meter tödlicher Radius scheinbar mit dem Durchschnitt von „gar nicht und in 11 Metern potentiell lethal abzüglich 10% wegen des hohen Anteils instabil fliegender nicht lethaler Geschosse“ beholfen, wie wenig sachgerecht das auch immer ist.

    Was mich an der Berichterstattung wundert – warum schreibt man nicht vom Durchmesser, der ist immerhin doppelt so groß, das passt doch viel besser..

  9.   bekir_fr

    Wie schon so oft, wird mit Bernd T. ein völlig untauglicher Zeuge vor Gericht angehört. Und zwar, obwohl die Untauglichkeit schon längst vor Prozess-Beginn aus den Polizei-Verhören klar war, wo er sich als Aufschneider und Lügner entpuppt hatte.

    Wenn es keinen besseren Zeugen zum Aufenthalt von Mundlos und Böhnhardt in Kassel vor dem Mord an Halit Yozgat gibt, dann müssen wir uns evtl. langsam an den Gedanken gewöhnen, dass die beiden Uwes nicht in Kassel waren und es keinerlei Beweis für ihre Täterschaft gibt?

    Zumindest kann „Zeuge“ Bernd T. ablenken von dem anderen peinlichen „Zeugen“ in Sachen Internet-Café Kassel:
    Verfassungsschützer Andreas T., der damals schier über die Leiche gestolpert sein muss, aber so rein gar nichts gemerkt haben will und dem Richter Götzl ebenfalls einen besonderen Grad von Glaubwürdigkeit bescheinigt hatte („Ich glaube Ihnen kein Wort“).

    Der Verfassungsschützer T. steckt gegenüber dem Neonazi T. aber in einem zusätzlichen Dilemma:
    Er kommt auch als Täter in Betracht! (Waffennarr mit brauner Gesinnung, der sich im Türken-Café tummelte und um die Todeszeit herum mit dem Opfer allein in einem Raum war). Zumindest unvoreingenommene Betrachter könnten diesen Schluss ziehen und die „Erklärungen“ des Herrn T. (Sexsucht etc.) mit dem o.g. Götzl-Zitat zurückweisen.

    Solche „gewagten“ Schlüsse sind aber nicht Sache der Anklage. Vielleicht hat sie „gute“ Gründe für die Annahme, Inneminister Bouffier habe 2006 aus rechtsstaatlich vertretbaren Gründen die weiteren Ermittlungen gegen Andreas T. gestoppt? Vielleicht kennt sie sogar diese (für die Öffentlichkeit geheimen!) Gründe?

    Ein Strafprozess muss öffentlich sein. Wenn um plausible Alternativ-Täter aber ein Zaun staatlichen Schutzes gezogen wird – aus welchen, evtl. unvermeidbaren Gründen auch immer – dann muss der Prozess gegen die offiziellen Täter zum Scheitern verurteilt sein. Zumindest wenn wie hier gegen das Trio harte Beweise fehlen und selbst solche, bei denen es auf die wahre Rolle des Andreas T. eindeutig nicht ankäme.

  10.   the good kkkop

    @7 :
    “ Also waren maximal etwas mehr als 1/7der Splitter überhaupt gefährlich für Leib und Leben! “
    Das ist offensichtlich Unsinn, denn es setzt voraus das nur eine tödliche Verletzung als Verletzung überhaupt zählt. Und auch die labilen Nägel können ins Auge gehen oder eine Schlagader durchtrennen. Menschen sind ja nicht aus Blech. Der Radius in dem man davon ausgehen muss, das die Verletzungen tödlich sein werden wird natürlich kleiner sein als der, in dem es zu solchen kommen kann.
    Abgesehen davon zählt der Vorsatz, eine Straftat würde also auch vorliegen wenn die Bombe ein Blindgänger gewesen wäre.
    Von daher denke ich ihre Berechnungen gehen am Thema vorbei.

 

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