‹ Alle Einträge

Gerissener Auftritt vor Gericht – Das Medienlog vom Mittwoch, 8. Juni 2016

 

Zum fünften Mal sagte der Thüringer Neonazi und frühere V-Mann Tino Brandt am Dienstag als Zeuge im NSU-Prozess aus. Befragt wurde er zu einer Behauptung, die der Angeklagte Ralf Wohlleben in seiner Aussage aufgestellt hatte: Brandt habe dem Waffenkurier Carsten S. das Geld für die NSU-Mordpistole Česká 83 gegeben. Daran, sagte der Zeuge aus, könne er sich nicht erinnern.

„Brandts Auftritt ist gerissen“, kommentiert Konrad Litschko von der taz. Er habe „die Verantwortung weg von den einstigen ‚Kameraden‘ Richtung Verfassungsschutz geschoben“. Schließlich, sagte Brandt aus, habe die Behörde ihm ständig Geld gezahlt. Wohlleben, meint Litschko, werde die Aussage gefallen haben.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Allerdings: „Wohlleben, der nach wie vor in Untersuchungshaft sitzt, wurde (…) nicht entlastet“, wirft Alf Meier vom Bayerischen Rundfunk ein.

Unstrittig ist für uns bei ZEIT ONLINE, was Brandt mit seinen Angaben bezweckte: „Es liegt auf der Hand, dass der 41-Jährige seinen Gefängnisaufenthalt nicht noch durch eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord verlängern will – zumal ihm ohnehin noch eine weitere Anklage ins Haus steht.“ Der Zeuge blieb seiner Linie treu, weder sich noch Kameraden vor Gericht zu belasten. Somit „liegt der Ball nun wieder bei Wohllebens Verteidigern“ – die bislang nicht überzeugend darlegen konnten, wieso jemand anderes die Finanzierung der Pistole übernommen haben sollte.

Nach Brandts Vernehmung prägte ein Konflikt den restlichen Prozesstag: Bundesanwalt Herbert Diemer antwortete auf die Gegenäußerungen mehrerer Nebenklageanwälte, die auf diesem Wege zuvor vom Gericht abgelehnte Beweisanträge doch noch durchbringen wollen. Dabei wählte er heftige Worte: Die Anwälte betrieben „aus fachlicher Sicht groben Unfug“ und verhielten sich dem Gericht gegenüber „despektierlich“. „Für die Staatsanwälte ist nach nunmehr dreijähriger Beweisaufnahme klar: Die Behörden haben nichts von den Taten des NSU gewusst – obwohl die Terrorzelle von staatlichen Spitzeln nur so umstellt war“, merkt Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung an.

Hinter den Kulissen ist erneut die Untersuchungshaft von Ralf Wohlleben Thema: Einem Bericht der Welt zufolge beantragte seine Anwältin Nicole Schneiders, dass seine Zeit im Untersuchungsgefängnis doppelt auf die wohl anstehende Strafhaft angerechnet wird – aufgrund von „besonderen Widrigkeiten“. Einem Bericht der Anstaltsleitung zufolge geht es dem Angeklagten aber sogar besser als den Durchschnittshäftlingen: Er besitze einen Flachbildfernseher und eine Spielkonsole, verfüge über ein eigenes Fach im Kühlschrank und dürfe häufiger als andere Besuch empfangen.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 9. Juni 2016.

4 Kommentare

  1.   Eselstreiber

    Der Verfassungsschutz schützt die Verfassung indem er sich
    auf “die Linke“konzentriert und auf die Rechte der Rechten achtet!
    Jedes Unternehmen würde diese MA wegen Säumigkeit,Leichtsinn
    und Unefektivität entlassen!
    Zusammengefasst als bisheriges Ergebnis:Der Verfassungsschutz hat die Leute finanziert vor denen sie uns schützen sollten!Die welche
    gemordet wurden und deren Angehörige wurden der Mafia zugehörig diffamiert!Das ist nun doch allmählich genug!Wir Bürger
    müssen uns vor dieser Organisation fürchten,die schützen uns be-
    stimmt nicht!Das ist ein Skandal!

  2.   Hermann

    Um das Verhalten dieses wegen Kindesmissbrauchs und der Zuführung von Minderjährigen zu Freiern verurteilten Mannes besser einordnen zu können: Hat Tino Brandt mittlerweile mit der rechten Szene gebrochen oder ist er immer noch ein bekennender Nazi?

    Ich frage, weil auch mich wirken die Berichte über sein Verhalten vor Gericht wie Taktieren. Er scheint offenbar nicht nur sich selbst, sondern auch andere in diesem Komplex schützen zu wollen und entsprechend müssen seine Aussagen auch eingeordnet werden.

  3.   Ewald Pascale

    „Die Behörden haben nichts von den Taten des NSU gewusst – obwohl die Terrorzelle von staatlichen Spitzeln nur so umstellt war“

    Dazu passt: „Schließlich, sagte Brandt aus, habe die Behörde ihm ständig Geld gezahlt.“

    Tino Brandt scheint ein guter Organisator und Kommunikator zu sein. Der Verfassungsschutz scheint sich seine V-Leute, die er mit Geld versorgt, gut auszusuchen. Wenn das über Jahre und Jahrzehnte praktiziert wird, können rechte Netzwerke aufgebaut werden, die sonst nie entstanden wären.

    Bei den Linken werden keine V-Leute bezahlt, sondern einfach Spitzel eingeschleust, die auch schon mal die Planung der Taten anstoßen, für die die Linken dann vor den Kadi kommen.

    Vgl. Mark Kennedy, Danielle Durand und Simon Brenner.

  4.   Wolle87

    Oh was für ein Bild von einem Mann. Ein wahrer, aufrechter Deutscher. Da sieht man die sogenannte „Herrenrasse“ in ganzer Pracht.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren