‹ Alle Einträge

Fall Peggy: Wie kamen Böhnhardts Spuren an den Fundort? – Das Medienlog vom Freitag, 14. Oktober 2016

 

Ermittler haben eine überraschende Verbindung der NSU-Taten zu einem bislang ungelösten Verbrechen gefunden: Am Fundort der Leiche von Peggy Knobloch in Thüringen befanden sich DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt, wie die Bild-Zeitung berichtet. Die zuständigen Ermittlungsbehörden bestätigten die Meldung kurze Zeit später auch offiziell. Wie das Genmaterial dorthin gelangte, ist bislang allerdings unklar. Das neunjährige Mädchen verschwand am 7. Mai 2001 im oberfränkischen Lichtenberg. Ihre skelettierten Überreste wurden im Juli 2016 etwa 15 Kilometer entfernt gefunden.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt schreibt auf tagesschau.de, es sei „schwer, erfahrene Kriminalisten zum Staunen zu bringen“. Der neueste Fund, der eine Verbindung zwischen dem mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und dem ermordeten Mädchen Peggy herstellt, sei so ein Fall. Die Ermittler würden allerdings nicht von einem direkten Zusammenhang zwischen dem Mordfall Peggy und der NSU-Terrorserie ausgehen. „Da passt vom Opfer her nun wirklich gar nichts“, zitiert er einen Ermittler. Stattdessen listet Schmidt vier andere mögliche Erklärungen auf, darunter die, dass die DNA-Probe verunreinigt war.

Vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse wird nun auch ein Kindermord in Jena aus dem Jahr 1993 neu überprüft. Dort wurde damals ein neunjähriger Junge getötet. Die Staatsanwaltschaft Gera führte vor zwei Jahren ein Ermittlungsverfahren durch, in dem Böhnhardt und ein Freund von ihm als Verdächtige galten. Das Verfahren richtete sich gegen Unbekannt.

Auch in weiteren Fällen wurden Verbindungen zwischen dem NSU und Kindesmissbrauch festgestellt. So wurde etwa der mit dem NSU bekannte V-Mann Tino Brandt 2014 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Stutzig machten die Ermittler zudem Fundstücke aus dem Wohnmobil, in dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2011 Suizid begingen: Ermittler bargen damals einen Kinderschuh und mehrere Spielzeuge.

Terrorexperte Schmidt schreibt, es sei außerdem unklar, woher die kinderpornografischen Inhalte stammen, die 2011 auf einem PC gefunden wurden, der Beate Zschäpe gehört haben soll. Es ist möglich, dass auch Böhnhardt diesen PC nutzte.

Unterdessen wurde am Donnerstag der NSU-Prozess fortgesetzt. Für Aufsehen sorgten dabei die Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. In einem neuen Antrag forderten sie, den Tod des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im Prozess zu untersuchen. Dieser habe sich 1987 nicht selbst getötet, sondern sei ermordet worden, führten die Anwälte aus. Zum Beweis wollen sie Heß‘ damaligen Krankenpfleger als Zeugen laden. Die Verteidiger betrieben so „offensiv rechtsextremistische Propaganda“, wie Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung anmerkt. Die Behauptung ist eine beliebte Verschwörungstheorie unter Neonazis.

In Wohllebens Wohnung wurde Propagandamaterial mit Heß-Bezug gefunden. Die Anwälte wollen offenbar beweisen, dass Wohlleben der Mord-Theorie nicht aus ideologischen Gründen anhängt. Dies sei der „arg konstruierte Hintergrund für den Antrag“, schreibt Wiebke Ramm auf Spiegel Online. Nebenklagevertreter kritisierten das Gesuch, das Wohllebens Verteidiger Wolfram Nahrath als ganz normalen Antrag darstellte. „Selten wurde der Gerichtssaal so unverhohlen als Bühne für Neonazi-Propaganda genutzt“, schreibt die Autorin.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 17. Oktober 2016.

21 Kommentare

  1.   GDH

    @bayert
    Haben Sie eine Quelle dafür, dass es das gleiche Labor war? Habe das schon anders gelesen.

    @Tarass
    Sie fragen (zu der Hess-Geschichte) „Was spricht gegen diese Untersuchung?“

    Wenn man alles untersuchen würde, solange „nichts dagegen spricht“, würden Strafprozesse beliebig ausufern. Umgekehrt muss etwas FÜR eine Untersuchung sprechen, damit diese im Rahmen eines Prozesses Sinn ergibt. Und der Zusammenhang erscheint mir schon arg konstruiert.

    @Mohammer
    „Viele in meiner Familie, ich bin Moslem, teilen meine Meinung nicht, dass es nichts damit zu tun hat, das man rechte Straftäter nicht verfolgen würde.“

    Wollen Sie damit aussagen, dass die „vielen“ in Ihrer Familie auch Moslem sind? Oder was hat Ihre Religion mit der Meinung Ihrer Verwandten zu tun?

    Ansonsten:
    Dass die Behörden bei den Straftaten nicht gleich einen Zusammenhang gesehen haben, finde ich auch nicht skandalös. Das war wirklich alles Andere als offentsichtlich.

    Sehr wohl kritikwürdig erscheint mir jedoch, dass zahlreche Rechtsextremisten vom Verfassungsschutz finanziert wurden und dass nach dem Untertauchen der NSU-Leute (der Zusammenhang mit den Morden war da noch nicht bekannt aber gefahndet wurde vorher schon) den Hinweisen auf ihren Aufenthalt so wenig nachgegangen wurde und bis heute Landesregierungen ihren Verfassungschutzbehörden erlauben (oder sie dazu anweisen), dem Gericht Informationen vorzuenthalten.

  2.   fabricius3591

    Zitat: „Unterdessen wurde am Donnerstag der NSU-Prozess fortgesetzt. Für Aufsehen sorgten dabei die Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben. In einem neuen Antrag forderten sie, den Tod des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im Prozess zu untersuchen. Dieser habe sich 1987 nicht selbst getötet, sondern sei ermordet worden, führten die Anwälte aus. Zum Beweis wollen sie Heß‘ damaligen Krankenpfleger als Zeugen laden.
    xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

    Wirklich unglaublich, mit welchem Unfug da für diesen Prozess und die Pflichtverteidiger Steuergelder zum Fenster rausgeschmissen werden !

  3.   scrambled Ex

    „Selten gab ein Fund mehr Rätsel auf “
    Das grösste Rätsel liegt wohl in der Aufmerksamkeit, die dem Fall entgegengebracht wird.
    Der liegt ewig zurück, der mögliche Täter ist auch tot – also was soll die Aufregung?

  4.   a.b.surd

    @ runnner / @ Maindörfer:

    Es geht um den Zusammenhang zwischen dem Mord an Peggy und den NSU-Morden. Da ist die Frage, wie das zusammen passt, durchaus berechtigt.

    Ich teile natürlich Ihre Ansicht, dass Menschen, die zu solchen Taten wie den NSU-Morden fähig sind, auch andere schreckliche Verbrechen (Morde) zuzutrauen sind. Vielleicht ist im Fall „Böhnhardt“ zusätzlich noch ein ganz anderer Strang zu verfolgen (von wegen Spielzeug- und Schuhfund, Kinderpornographie usw.). Vielleicht sogar auch bei den beiden anderen.

  5.   Uno

    Er ist der Vater. Wie wäre diese Version? Er hat seltsamerweise Ähnlichkeit mit dem Peggy auf den veröffentlichten Fotos. Vielleicht ist das des Rätsels Lösung. Hoffentlich, denn sonst wäre der Fall einfach zu abgründig.

  6.   Kimmerier

    Was soll daran seltsam sein? Selbst bei rechter Gesinnung ist es nicht normal, dass man diese als „Grund“ für Morde anbringt. Zu Uwe Böhnhardt wiederum ist es wohl sicher, dass er ein psychopathischer Mörder war. Warum sollte also ein derartiger Krimineller nicht für eine weitere Straftat in Frage kommen? Vielleicht passt eine Tat, zu der es eben keinen rechtsextremen Hintergrund gibt, nicht in das Schema einiger Beobachter?

  7.   Dieter Rantel

    @bayert: den Gedanken hatte ich auch hinsichtlich einer möglichen Verunreinigung.

  8.   Willi Wiesel

    Und wenn das Neonazigehabe nur mehr oder weniger Folklore war, während die Lust am Morden der Hauptantrieb war, passt das Bild dann besser?

  9.   Gänsefingerkraut

    Alles Spekulationen. Daran kann man sich ewig abarbeiten. Lasst mal die Ermittler ermitteln und dann die Fakten diskutieren.
    Von unsauberer Laborarbeit, Kindermörder oder falsch gelegter Fährte ist doch alles drin.

  10.   mekal

    Interessant ist, dass bei keinem (angeblichen?) Mordfall der NSU (außer wohl bei dem Mord an der Polizistin) DNA-Spuren gefunden wurden (was der Schuldunterstellung offenbar keine Rolle spielte),
    jetzt aber unverhofft bei einem völlig anderen Fall.
    Tote können sich ja nicht mehr wehren……..

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren