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Gutachter glaubt Zschäpe nicht – Das Medienlog vom Montag, 31. Oktober 2016

 

Der psychiatrische Sachverständige Henning Saß hat in einem vorläufigen Gutachten angedeutet, dass für Beate Zschäpe im Falle einer Verurteilung die anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht kommt. Es handle sich um eine Option, die „bisher von vielen Prozessbeteiligten als fast unmöglich eingeschätzt wurde“, schreibt Gisela Friedrichsen von der Welt. In der Expertise verweise der Psychiater auf „die Vielzahl von Widersprüchen zwischen Zschäpes Selbstdarstellung und den Bekundungen von Zeugen“. Im Falle einer Sicherungsverwahrung käme eine Entlassung demnach erst in Frage, wenn Zschäpe sich von der Ideologie des NSU löst.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Wir bei ZEIT ONLINE analysieren, dass sich Beate Zschäpes Aussage vom vergangenen Dezember laut dem Gutachten als Fehler erweisen könnte. Denn „Psychiater Saß hält die Version der Angeklagten für wenig plausibel“ weist darauf hin, dass sie rechtsextremes Denken als nationalistisches Gedankengut verbräme. „Sollte ihr keine zwei Minuten langes Statement also ein Signal der Offenheit an Saß gewesen sein, wie öfter vermutet wurde, ist das Kommando gescheitert.“ Naheliegend ist demnach, dass auch die Richter Zschäpe für unglaubwürdig halten.

Bei der möglichen Verbindung zwischen Uwe Böhnhardt und dem Mord an Peggy Knobloch besteht der Verdacht, dass ein positiver DNA-Abgleich auf eine Ermittlungspanne zurückzuführen ist. Berichten zufolge soll Erbmaterial Böhnhardts durch einen Messstab an den Fundort von Peggys Leiche übertragen sein worden.

Wolfgang Schütze von der Ostthüringer Zeitung kritisiert, dass sich der zuständige Oberstaatsanwalt bislang nicht zu diesem Detail geäußert hat: „Ist das ein Staats­geheimnis? Oder hat der Staatsdiener einfach nur Angst vor Anschluss-Fragen?“ Die Informationspolitik sei Auslöser für Spekulationen, sogar für Verschwörungstheorien. „Gerade nach dem NSU-Skandal sollten Ermittlungsbehörden nicht weiteres Vertrauen zerstören.“

Ein vom Bayerischen Rundfunk befragter Forensiker hält eine Panne für unplausibel. Zwischen beiden Leichenfunden liegen fünf Jahre, in denen das Ausbleiben einer Reinigung unwahrscheinlich sei. Ähnlich äußert sich der Kriminalbiologe Mark Benecke in der Bild-Zeitung. „Das wäre ein total verrückter Unfall“, kommentiert er die mögliche Verunreinigung.

Dass die DNA über längere Zeit auf dem Meterstab blieb, sei durchaus denkbar, meint hingegen die von Spiegel Online befragte Forensikerin Nicole von Wurmb-Schwark. Für den Beweiswert gelte daher: „Eine Sicherheit bieten DNA-Spuren alleine nicht. Man muss durchgängig berücksichtigen, wie sie entstanden sein könnten.“

Die Geschichte des NSU, seine Ideologie und das Netzwerk um die Gruppe herum arbeiten Stefan Aust und Dirk Laabs in einem ausführlichen Artikel (kostenpflichtig) für die Welt am Sonntag auf.

Das nächste Medienlog erscheint am Dienstag, 1. November 2016.

36 Kommentare

  1.   BesonnenBleiben

    Ich habe noch nicht verstanden, was genau verhindert, dass diese Frau endlich verurteilt wird. Muss nicht vor einer Sicherungsverwahrung erstmal ein Urteil kommen? Sie ist doch immer noch nur in Untersuchungshaft, oder? Seit Jahren werden wir mit diesem unappetitlichen Thema belästigt.

  2.   A.J.A.B.

    Jeder Nichtjurist hätte 5 Minuten gebraucht, um das Strafmaß für Frau Zschäpe zu bestimmen. Natürlich inklusive Sicherungsverwahrung.

  3.   Nörgler

    Freut mich fuer Zschaepe, habe lange genug in ihr Antlitz blicken muessen waehrend der Tagesschau!

    Tschuess!

  4.   Nörgler

    Bin ich froh wenn diese Schoenheit endlich von der Bildflaeche verschwunden ist!

    Eine Zumutung auch fuer die Hinterbliebenen!

  5.   Neue PolitikER braucht das Land

    Wird hier ein rechtsstaatlicher Prozess geführt – oder ein Krieg?
    „„Sollte ihr keine zwei Minuten langes Statement also ein Signal der Offenheit an Saß gewesen sein, wie öfter vermutet wurde, ist das Kommando gescheitert.“

    Wird das Agieren einer Angeklagten vor Gericht mit einem „Kommando“ gleichgesetzt – handelt es sich ja wohl bei dem Beobachter wohl um Jemanden, der als Kriegsreporter von der Front berichtet –

    die Angeklagte ist, eben, Angeklagte in einem rechtsstaatlichen Strafprozess, nichts weiter.

    Wer ist denn dann Kriegspartei ……

    Was hat diese Angeklagte in solch einer Ausgangslage eigentlich zu erwarten?
    Ein Kriegsgerichtsurteil?

    Sind Kriegsgerichtsurteile – rechtsstaatlich?

  6.   mbeckman

    Angesichst der „Unverurteilbarkeit“ (seit wie vielen Jahren läuft der Prozess jetzt ohne signifikanten Erkenntnisgewinn?) bedient man sich der Sicherheitsverwahrung. Als Massnahme unliebsame Menschen wegzusperren, kommt mir das irgendwie bekannt vor. Siehe Fall „Mollath“:

    http://www.sueddeutsche.de/thema/Fall_Mollath

  7.   MrWho

    „In der Expertise verweise der Psychiater auf „die Vielzahl von Widersprüchen zwischen Zschäpes Selbstdarstellung und den Bekundungen von Zeugen“. Im Falle einer Sicherungsverwahrung käme eine Entlassung demnach erst in Frage, wenn Zschäpe sich von der Ideologie des NSU löst.“

    Inwiefern rechtfertigt ein (irgendwie ideologisch geartetes) Wahngebäude denn eine Sicherheitsverwahrung? Wieviele Täter präsentieren denn noch so wenig plausible Tatversionen, weichen in der eigenen Darstellung von objektiven Tatsachen ab, sind von der Richtigkeit des eigenen Tuns überzeugt?

    Reicht neuerdings Uneinsichtigkeit zur Sicherheitsverwahrung?

    Verurteilt die Frau und lasst sie ihre Strafe absitzen. Aber für politische Überzeugungen eingesperrt lassen ist ein Unding… gerade aufgrund der deutschen Geschichte.

  8.   Neue PolitikER braucht das Land

    Kommentar Nr. 2 – A.J.A.B.

    Bravo – Übergebt die Angeklagte dem Mob – oder hört auf ihn!

    Ist das Ihre Rechtsauffassung von einem gerecht gefällten Urteil? Wo lernt man solch eine Rechtsauffassung?

    Ich würde da einen Riesenbogen drum herum machen – aber hier, unter den ersten vier Kommentatoren, bin ich, glaube ich, eine Ausnahme.

    Der Frau wird hier allerdings ein Prozess gemacht, der seinesgleichen sucht –

    und zwar aktuell, im Tagesgeschehen, fast jeden Tag neu:

    bei den Prozessen gegen Syrien-Heimkehrern – die werden ähnlich dem procedere abgehalten, wie Sie es hier ausrücken ….

    Menschen, die sich haufenweise einer menschenverachtenden, entmenschlichten Ideologie angeschlossen und dort mitgemacht haben werden zu opfermissachtenden und -verhöhnenden „Urteilen“ gestreichelt, dass sich die Balken biegen:

    Aus Kämpfern für den IS werden Latrinenreiniger und Sanitätsgefreite – stärker als die kämpfende Truppe ….

    Der Zschäpe-Prozess ist unter dieser differenzierten Betrachtung des deutschen Gerichtsalltags einfach nur eine Massenverhöhnung von Opfern zweiter „Klasse“.

  9.   Stunde der Patrioten

    Wenn man zu lange in einem Rechtsstaat gelebt hat, neigt man dazu, dessen Wert zu verkennen. Und wenn jemand 500 Kinder ermordet hat, bleibt sein Recht auf ein rechtsstaatliches Verfahren bestehen… Auch wenn sich in dem noch von unseren Reptilien-Vorfahren stammenden Hirnarealen des Mobs andere Dinge vorgezogen werden.

  10.   Othar Brender

    Wenn diese Messstab-DNA-Geschichte Bestand hätte, würden in letzter Konsequenz sämtliche DNA-Rücktandstests ihre Beweiskraft verlieren. Schließlich ist immer möglich, dass mit bloßem Auge unsichtbare DNA verschleppt wird.

    Viele Anwälte werden sich freuen.

 

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