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Soll der NSU-Prozess aufgezeichnet werden? – Das Medienlog vom Freitag, 13. Januar 2017

 

Abermals kam der psychiatrische Sachverständige Henning Saß am Donnerstag nicht dazu, sein Gutachten über die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zu erstatten. Deren Verteidiger wehrten sich wie in den vergangenen Prozesstagen mit Anträgen. Sie forderten, den Vortrag des Psychiaters auf Band aufzunehmen, damit ein von ihnen engagierter Gegengutachter sich wortgetreu mit dem Vortrag auseinandersetzen kann. Dem widersprach die Bundesanwaltschaft: Saß könnte durch die Aufzeichnung innerlich gehemmt sein, lautet ihr Argument.

„Aber was, wenn der Zeuge fast jeden Gerichtssaal der Republik kennt und dort über Jahrzehnte seine Gutachten vorgetragen hat?“, fragt Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung im Hinblick auf die weitreichende Erfahrung des 72-jährigen Sachverständigen.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Die Entscheidung über den Antrag auf Mitschnitt steht noch aus. Für den Fall, dass es nächste Woche zur Ablehnung kommt, haben Zschäpes Anwälte bereits angekündigt, eine Kostenübernahme für einen Stenografen zu beantragen, der nach ihrer Recherche 3.000 bis 4.000 Euro pro Tag kostet – teuer, aber im Vergleich zu den bisherigen Prozesskosten ein kleiner Posten. Weitere Anträge stehen noch aus – sodass es weiter unwahrscheinlich ist, dass der Vortrag des Psychiaters am kommenden Dienstag beginnen kann. Alf Meier vom Bayerischen Rundfunk schreibt: „Das glaube ich erst, wenn es wirklich losgeht.“

Klar ist nach dem bisherigen Gezerre, dass „die Sache noch lange nicht beendet“ ist, schreibt Björn Hengst von Spiegel Online. Er äußert einen Verdacht zu einem anderen Motiv, das Zschäpes Verteidiger verfolgen könnten: „Geht es ihnen vielleicht nur darum, den Fortgang der Hauptverhandlung zu verzögern?“ In Teilen gab das Gericht den bisherigen Forderungen der Anwälte sogar statt. „Vollends skurril“ sei das Wechselspiel aus dem Entgegenkommen von Richter Manfred Götzl und den Einwänden der Verteidiger gewesen.

Zum NSU-Komplex und den Wurzeln des Terrorismus äußert sich der Nebenklageanwalt Mehmet Daimagüler in einem Gastbeitrag für DIE ZEIT. Seine These: Radikalisierung beginnt in sozialen Gefügen – und wenn dort keine Prävention betrieben wird, sind die Folgen fatal.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 16. Januar 2017.

 

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