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Beate Zschäpe: Mitglied oder Mitläuferin? – Das Medienlog vom Mittwoch, 20. Juni 2018

 

Die Plädoyers im NSU-Prozess schreiten ihrem Ende entgegen: Am Dienstag setzte Beate Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm ihren Schlussvortrag fort. Darin bestritt sie, dass der NSU eine Gruppe aus drei Personen war und dass Zschäpe Teil der Vereinigung war.

Dabei „verirrt sich Zschäpes Pflichtverteidigerin teils im Kleinteiligen“, merkt Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk an. Durch zahlreiche Zeugenaussagen aus dem Verfahren habe Sturm beweisen wollen, dass ihre Mandantin „eher politisch verführte Mitläuferin als gleichberechtigtes Mitglied“ gewesen sei. Die Anwältin habe gezeigt, dass die Bedeutung von Indizien stark abhängig von der Interpretation sei.

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Zudem sei Zschäpe anders als von der Bundesanwaltschaft dargestellt kein gleichberechtigter Teil der Gemeinschaft mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewesen, behauptete Sturm. Die beiden seien demnach „Wahlverwandte, an die sie sich klammerte, denen sie folgte“, gewesen, fasst Julia Jüttner auf Spiegel Online die Argumentation zusammen. So habe Zschäpe bei einem Treffen 2002 zu Böhnhardts Eltern gesagt: „Ich gehe mit den Jungs mit“ – ein Satz, wie ihn eine Anführerin nicht sagen würde.

Die Anwältin „zerpflückt Zeugenaussage um Zeugenaussage“, schreibt Wiebke Ramm in der Süddeutschen Zeitung. Der entscheidende Punkt: „Zschäpes Weg in den Untergrund sei weder geplant noch politisch motiviert gewesen“, habe Sturm argumentiert. Heute setzt Sturm ihr Plädoyer fort.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 21. Juni 2018.

11 Kommentare

  1.   Busters Onkel

    Spannend, wie sexistisch determiniert die Verteidigung vorgeht. Es macht sich in Gerichten leider immer wieder gut, die Frau als reines unsicheres Opfer, das verführt wurde, darzustellen, als dass man sie als das sieht, was sie ist: ein denkendes, selbstständig handelndes Wesen, das eben dadurch auch in der Lage ist, Verbrechen zu begehen. Übrigens handelt es sich dabei um eine Verteidigungsstrategie, die häufig bei den Strafprozessen gegen beispielsweise weibliche KZ-Aufseherinnen angewandt wurde. Nur ist seitdem etwas Wasser die Elbe runtergeflossen…

  2.   roland_s

    @Busters Onkel: Das ist die andere Seite von Sexismus, die wohl deshalb so wenig beleuchtet wird, weil die Sexismusdebatte an sich maßgeblich von Frauen bestimmt ist. Dabei soll deren Berechtigung an sich gar nicht in Frage gestellt werden. Nur gibt es eben auch andere Schieflagen in unserer Gesellschaft.

    Polizei und Justiz, aber auch andere Institutionen wie Jugend- und Sozialämter oder soziale Organisationen ein eklatantes Problem, Frauen als Täterinnen wahrzunehmen, zu akzeptieren. Das führt nicht nur dazu, dass diese als solche nicht (bzw. zu selten, seltener als nötig) strafverfolgt und bestraft werden, sondern es hat auch zur Folge, dass deren Opfer nicht gesehen werden. Das betrifft nicht nur Kinder, sondern ganz besonders Menschen männlichen Geschlechts, wobei dies Jungen oder Männer sein können.

    Bei sexuellem Missbrauch beispielsweise wird dann eher sogar der pubertierende Junge als Täter bzw. treibende Kraft gesehen, als die Mutter.

    Der Freiburger Fall von Kinderpornographie und sexueller Gewalt gegenüber Kindern ist da zwar ein besonders extremer Fall, aber nicht der einzige, wo sich auch eklatantes Versagen dieser Institutionen bis hin zu Richtern aufzeigen lässt.

    Eigentlich wäre zu wünschen, dass die Frauen, welche die Debatte forcieren, gerade weil sie selbst zu oft Opfer wurden, generell dagegen einstehen, dass jemand Opfer wird, und das nicht am Geschlecht festmachen. Es gibt aber viel zu viele Frauen, die ernsthaft die Position vertreten, dass die Männer zu schweigen haben darüber, weil über Frauen lang genug hinweggegangen wurde, jetzt sollten mal die Männer sehen, wie das ist (oder ähnliche Argumentationen).

  3.   roland_s

    Nachtrag: Dabei sind Frauen auch in der rechtsextremen Szene schon lange nicht mehr kleinste Minderheit und die als harmlose Mitläuferinnen
    http://www.bpb.de/mediathek/176397/auf-die-sanfte-tour

  4.   15Hefti

    Es ist schon interessant so beobachten, wie Buster Onkel bzw. roland_s viel Meinung und wenig Ahnung haben und sich doch gefunden haben.

    Ernsthaft, da werden absurde Vorwürfe bzw. gesellschaftliche Fehlentwicklungen gesehen, die bis auf die zwei Typen niemand sieht. Da werden munter Sachen behauptet bzw. erfunden… und nichts belegt, nichts bewiesen….

    Ernsthaft, ich spreche ihnen beide die Fähigkeit ab, dies zu beurteilen. Buster Onkels Kommentar ist so schlicht gehalten, dass jedem klar ist: Ahnung hat der Typ vom deutschen Recht bzw. Gerichtsverlauf nicht. Und schon das Nivoue, wenn er Typ unfähig ist, den Sachverhalt zu erfassen (Mitläufer oder Mittäter) und dann eine lächerliche „Sexismus Debatte“ beginnt. Auf so einen Unfug muss man erstmals kommen.

    Dann der nächste selbsternannte Welterklärer der mal wieder eine Verschwörung gesehen hat: „Polizei und Justiz, aber auch andere Institutionen wie Jugend- und Sozialämter oder soziale Organisationen ein eklatantes Problem,….“ Ist klar.

    Oder anders gesagt, hier sieht man wieder was passiert, wenn ein paar Männer gefrustet sind. Hier bezieht sich der Frust auf Frauen. Schema ganz einfach: Zwei Männer haben Frust, der Frust bezieht sich auf Frauen, also schreibt man sich munter Nachrichten und erklärt die Welt für unfähig, man selber ist der große Experte und erkennt alle Problem die alle übersehen.
    Schon sehr traurig so ein Verhalten.

  5.   the one

    Ich drücke die Daumen für die Gerechtigkeit. Wie auch immer die aussehen mag.

  6.   Heinz - Jürgen

    Die einfachen Dinge sind schwer zu verstehen.
    Es geht um die Schuld dieser einen Angeklagten.
    Es ist unerheblich welchen Geschlechts diese Person ist, und welcher „Szene“ sie angehört(e).

    Es kann auch nicht aus der Tatsache, dass sie das Überbleibsel des NSU-Trios ist, die Gesamtschuld an ihr hängen bleiben.
    Nein, sie ist nicht sympathisch, nicht klug und zu unbegabt sich zu verteidigen. Dabei setzt sie ein was sie ausmacht – ihre Bauernschläue, ihre einseitigen Erfahrungen, ihren Glauben an weibliche Verführungskunst (die voluminösen Frisuren). Und sie hat den Hang zur Manipulation, womit sie sich selbst belastet.
    Ihr innerer Bruch mit ihren ersten Pflichtverteidigern zeigt, dass sie nicht begriffen hat, wie wichtig ihr Erscheinungsbild ist.

    Erst nach dem Urteil wird sie spüren, dass ihre „Wunschverteidiger“ ihrem Wunsch nach einem für sie „günstigen“ Urteil im Wege standen.

  7.   manfredkaese

    .. und darauf die Wunschverteidiger dann: „Wiedenn auch? Wir hatten doch gar keine Zeit uns ordentlich Einzulesen! Rabäh! Revision!“ Und wenn sies gut machen, gehtda vielleicht sogar was.. noch mal von vorne..

  8.   Proclamator

    Ich kann das Wort Sexismus nicht mehr hören. Die Verteidigerin tut, was jede(r) Verteidiger(in) in dieser Situation tun würde und tun muss, nämlich die Aussagen der verschiedenen Zeugen abweichend von der Staatsanwaltschaft zu würdigen und zu interpretieren. Es gibt, soweit ich weiß, keinen einzigen Zeugen, der Tschäpe eindeutig im Sinne der Anklage, also als Mittäterin von 10 Morden, belastet hat. Deswegen versuchen sowohl Anklage als auch Verteidigung, aus den Aussagen der zahlreichen Zeugen ihre jeweils eigene Warheit zusammenzureimen, wobei zugunsten von Tschäpe „in dubio pro reo“ gilt.

  9.   roland_s

    @ 15Hefti:
    Ich wäre an Ihrer Stelle ein wenig vorsichtig. Ich arbeite beruflich in dem Bereich und habe tagtäglich mit traumatisierten Menschen zu tun. Überwiegen Frauen, aber auch Männern.
    ___________________________
    Editiert. Bitte beachten Sie das Artikelthema.

  10.   roland_s

    Gehen wir mal ans Eingemachte?
    „absurde Vorwürfe“ „bis auf die zwei Typen“
    „munter Sachen behauptet bzw. erfunden… und nichts belegt, nichts bewiesen….“
    „Ernsthaft, ich spreche ihnen beide die Fähigkeit ab, dies zu beurteilen.“
    „der Typ unfähig ist, den Sachverhalt zu erfassen“
    “ lächerliche „Sexismus Debatte““
    „selbsternannte Welterklärer der mal wieder eine Verschwörung gesehen hat“
    „Zwei Männer haben Frust, der Frust bezieht sich auf Frauen“

    Es ist eigentlich unter aller Niveau, dass so etwas überhaupt freigeschaltet wurde!

 

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