So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Gabor Steingart und das Retten

Von 3. Februar 2011 um 13:20 Uhr

Das Handelsblatt bringt heute auf seiner Aufschlagseite eine große Abrechnung von Gabor Steingart mit der Krisenpolitik der Notenbanken. Titel: Retten wir uns zu Tode? Tenor: Zu viel Geld ist in der Welt und richtet nur Schaden an. Die Butter wird teurer, das Brot und das Benzin, weil die Spekulanten nichts Besseres zu tun haben, als das schöne Geld der Zentralbanken in die Rohstoffmärkte zu leiten.

Vielleicht überblicke ich die Literatur nicht ganz, aber obwohl es viele versucht haben, ist mir bislang – außer denen, auf die Nicolas Sarkozy Einfluss genommen hat – noch keine einzige Studie vor die Augen gekommen, die empirisch oder theoretisch nachgewiesen hätte, dass Finanzinvestoren tatsächlich die Rohstoffpreise beeinflussen. Dass also, technisch gesprochen, die Preise auf den Terminmärkten die Preise auf den Spotmärkten steuern.

Spekulation kann nur dann die Preise bewegen, wenn physische Angebot oder Nachfrage beeinflusst werden. Goldman Sachs müsste also Öl kaufen, einlagern und dem Markt entziehen, um den Preis zu manipulieren. Einfach nur in ein paar Kontrakte investieren reicht da nicht aus. Es beeinflusst den Ölpreis genau so wenig wie eine Fussballwette den tatsächlichen Spielverlauf: Wenn alle auf Bayern setzen, heißt das noch lange nicht, dass Bayern gewinnt. Benzin, Butter und Brot sind teuer, weil immer mehr Menschen immer mehr essen und der Chinese nicht mehr Radfahren will.

Oder wie es Sanders und Irwin (über Paul Krugman) ausdrücken:

Index fund buying is no more “new demand” than the corresponding selling is “new supply.”

Um den Artikel zu illustrieren, haben die Kollegen vom Handelsblatt eine Grafik herausgesucht, die den Anstieg der Zentralbankgeldmenge in den letzten Monaten zeigt. Beängstigend. Aber noch viel interessanter ist, was mit den breiten Geldmengenaggregaten, insbesondere M3, passiert, auf die es – wenn überhaupt – ankommt. Nämlich das:

Grafik: Entwicklung von M3 und Kredite in Euroland

Das Geldmengenwachstum schwächt sich ab. Ist ja auch logisch, weil die Geldschöpfung der Banken zurückgeht. Die Zentralbanken können davon nur einen Teil wettmachen. Wo ist es also, das viele Geld?

Merke: Inflation is never and nowhere a monetary phenomenon!

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Naja, dass ist ja nur teilweise richtig. Es gibt sehr wohl Investoren, die Rohstoffe wie Kupfer kaufen und einlagern, demzufolge wird das physische Angebot beeinflusst.

    Gruß Tom

    • 3. Februar 2011 um 14:17 Uhr
    • Tom
  2. 2.

    “Merke: Inflation is never and nowhere a monetary phenomenon!”

    Natürlich nicht.
    Es ist immer ein Problem von zweckmäßiger Definition und dem Verständnis von zweckmäßigen Definitionen an sich!

    Wer Preissteigerungen oder auch Preisniveausteigerungen einen neuen Namen gibt, nämlich Inflation, soll das tun; aber auch mal über sein Tun reflektieren.

    Wenn man Preisänderungen aufgrund von Geldmengenänderungen Inflation nennt, dann ist obiger Satz natürlich grob unzweckmäßig.

    Aber zum Thema: von aufgekauften Tankern und Lagerhallen und ganzen Kakao-Ernten haben sie schon mal gehört, oder nicht? Dann schnell mal nachholen.

    Und selbstverständlich kann Spekulation in Märkten mit ganz offenbar sehr geringen Nachfrageelastizitäten auch die realen Preise Treiben.
    Der Tank, ob vom Auto oder Flugzeug oder dem Kraftwerk oder der Heizung, muss gefüllt werden, da spielt der Preis nur eine geringe Rolle; alles andere wäre kurzfristig viel teurer.
    Beim Brotgetreide ist es noch viel deutlicher.

    Natürlich geht das nur zur Verstärkung von vorhandenen Trends, und es gibt einen Umkehrpunkt; aber es geschieht.

    • 3. Februar 2011 um 14:34 Uhr
    • Thomas Pittner
  3. 3.

    Seit Bernanke die US-Geldmenge erhöhte, sind die USA die einzige der großen Volkswirtschaften, die KEINE Inflation verspürt. Das stellt alle derartigen Theorien auf den Kopf.

  4. 4.

    @ Marc Schieritz

    Und zur Frage der Nachfragewirksamkeit von Geldmengen sollte man sich mal vom reinen Zuwachs lösen, sondern einen Blick auf die vorhandenen Mengen und die für den Umschlag der realen Wirtschaftsleistung nötigen werfen!

    Umschlagshäufigkeit von 4 bis 5, habe ich mal gelernt. Und wenn man sich mal die realen Einkommen der großen Mehrheit anschaut, wird das auch hinkommen.
    Der Rest der Geldmenge wird also als Wertanlage verwendet (den Unsinn der Erwartung einer höheren Rendite als das Wirtschaftswachstum lassen wir mal an dieser STelle); da liegt ein Teil fest, aber der Rest kann jeder Zeit an jeder STelle aufschlagen.

    Durch den Herdentrieb natürlich gebündelt; und damit sind die ersten Spekulanten sehr erfolgreich.

    • 3. Februar 2011 um 14:46 Uhr
    • Thomas Pittner
  5. 5.

    @ dunhaupt

    Von den Feinheiten der amerikanischen “Inflations”messung mal ganz abgesehen: es dürfte bekannt sein,dass sich die Schere in den USA zunehmend öffnet?
    Das Geld sammelt sich also da, wo es nicht für den Lebensunterhalt ausgegeben werden muss, gar ausgegeben werden kann ab einer gewissen Höhe.
    Es muss also “investiert” werden.

    Was “Investition” in zunehmendem Maße heißt, ist bekannt?

    • 3. Februar 2011 um 14:52 Uhr
    • Thomas Pittner
  6. 6.

    Während die Preise seit einigen Wochen oder wenigen Monaten deutlich steigen, haben die Frachtraten sogar nachgeben. Sicher ist es möglich, dass das Angebot an Frachkapazitäten stärker gestiegen ist, als die Nachfrage nach Rohstoffen. Es ist jedoch immerhin ein Indiz für spekulative physische Käufe: Investoren erwerben etwa die Kupferproduktion der Mine xy des ersten Quartal, lassen die Produktion jedoch vor Ort liegen.

    Wie die Beeinflussung der Kassakurse über den Futuremarkt funktionieren soll, ist mir zwar auch schleierhaft, doch auch dafür gibt es m.W. wissenschaftliche Erklärungsversuche.

    • 3. Februar 2011 um 14:53 Uhr
    • Thomas Müller
  7. 7.

    Herr Schieritz, sie schreiben: “Spekulation kann nur dann die Preise bewegen, wenn physische Angebot oder Nachfrage beeinflusst werden.”

    Das meinen Sie, aber das stimmt ja nicht. Jeder kleine Bauer, wenn er das kann, schaut auf die Terminboerse, was da der Weizen, Schweinebaeuche, oder sonstiger Schnickschnack kostet. Keiner schaut auf die jetzigen Preise, die vielleicht wirklich von Angebot und Nachfrage bestimmt werden.

    Die Terminboersen sind aber nun mal von Spekulanten bevoelkert, die, wiegesagt, erst mal einen Vertrag abschliessen koennen, ohne sich darum kuemmern zu muessen, wo sie das Zeugs weiterverkaufen. Sagen wir mal sie kaufen Weizen in 9 Monaten, einen Futures Contract. Sie brauchen es nicht real lagern, (es wird ja erst in 9 Monaten geliefert), aber hoffen, dass die Preise in den naechsten Monaten steigen, damit Sie ihren Futures Contract mit Gewinn weiterverkaufen koennen.

    Wenn man davon ausgeht, dass diese Maerkte leicht von einigen grossen Haendlern beeinflusst werden koennen (Cargill und Hedgefonds z.B., die dazu genug Geld haben), und u.U. auch von Absprachen profitieren koennen, wird schnell klar, dass Spekulation die Preise bewegt, nicht Angebot und ANchfrage.

    Ich brauche dazu keine Studie, es wird so sein, weil man mit einem solchen Verhalten viel Geld verdienen kann. Wieso sollten Spekulanten es nicht so machen, dann waeren die ja schoen bloed.

    • 3. Februar 2011 um 15:19 Uhr
    • matt_us
  8. 8.

    Inflation ist natürlich immer und jederzeit ein rein monetäres Phänomen, wenn man unter Inflation tatsächlich einen durch Ausweitung der Geldmenge verursachten Anstieg des allgemeinen Preisniveaus versteht (Tautologie…). Der Anstieg von Relativpreisen aber ist darauf zurückzuführen, dass wir uns die knappen Ressourcen jetzt auch mit China und anderen stark wachsenden Volkswirtschaften teilen müssen. Leider umfasst die wirtschaftswissenschaftliche Fachkenntnis der deutschen Medien lediglich die Gleichung MEHR ZENTRALBANKGELD = ALLES WIRD TEURER…

    • 3. Februar 2011 um 15:31 Uhr
    • redstrat
  9. Kommentar zum Thema

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