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Target 2: Der Rat spricht

 

Für Fans und Feinschmecker: Der Sachverständigenrat hat in seinem aktuellen Jahresgutachten eine Box zum Thema, die ich nur jedem empfehlen kann. Auszug:

Ungeachtet der Tatsache, dass TARGET-Kredite sowohl zur Finanzierung von Leistungs- wie  von reinen Finanztransaktionen verwendet werden können, wird in der Debatte häufig angenommen, dass die TARGET-Salden überwiegend zur Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten in den Problemländern herangezogen werden.

In der Tat. Und weiter:

Dabei wird jedoch verkannt,  dass die aggregierten Leistungsbilanzdefizite der vier GIPS-Länder (Griechenland, Irland,  Portugal und Spanien) von ihrem Höchstwert von 165 Mrd Euro im Jahr 2007 auf 62 Mrd Euro  im Jahr 2011 zurückgegangen sind. Zudem ist der Zusammenhang zwischen den nationalen  TARGET- und Leistungsbilanzsalden nicht sehr ausgeprägt. So ist Irland auf der einen Seite der mit Abstand größte Netto-Schuldner des TARGET-Systems, auf der anderen Seite jedoch das  einzige Problemland mit einem positiven Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2011 und einer in  der Summe der Jahre 2009 bis 2011 ausgeglichenen Leistungsbilanz. Umgekehrt ist für Spanien, das im Jahr 2011 mit 32 Mrd Euro das in absoluten Größen bei weitem höchste Leistungsbilanzdefizit aufweist, der negative TARGET-Saldo vergleichsweise gering.

Genau. Deshalb:

Insgesamt spiegeln die steigenden TARGET-Salden in erster Linie die wachsende Verunsicherung auf den Finanzmärkten, insbesondere das immer geringere Vertrauen in die Banken der  Problemländer wider. Aus diesem Grund wäre es in der jetzigen Situation äußerst riskant, den Zugriff der nationalen Notenbanken auf das TARGET-System zu begrenzen. Es würde bedeuten, dass Finanztransaktionen innerhalb der Währungsunion nicht mehr uneingeschränkt möglich wären, was einem de facto Zusammenbruch des Euro gleichkäme.

Und der zentrale Satz:

Bei aller berechtigten Besorgnis über die Entwicklung der TARGET-Salden ist es unbegründet, hieraus eine Beeinträchtigung der Kreditvergabemöglichkeiten der Banken in den Überschuss-Ländern abzuleiten.

Genau so wenig droht – die neuste Wendung des Arguments – zwingend eine Kreditschwemme:

Es gibt schließlich keine technische Grenze für TARGET-Salden. Wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt, ist zwar in der Tat bald ein Punkt erreicht, bei dem die Refinanzierungskredite der deutschen Banken gegen Null tendieren. Sollten dann weitere Zuflüsse nach Deutschland stattfinden, käme es zu einem Umschlagen von einer Netto-Schuldner- zu einer NettoGläubiger-Position der deutschen Banken gegenüber der Deutschen Bundesbank. Um in diesem Fall ein Absinken des Tagesgeldsatzes auf Null zu vermeiden, müsste die EZB zinstragende Anlagemöglichkeiten für das überschüssige Zentralbankgeld bieten. Dies kann entweder durch Termineinlagen geschehen oder aber durch die Emission kurzfristiger Anleihen der EZB. In Ländern mit hohen Devisenmarkt-Interventionen ist eine solche Konstellation häufig zu beobachten

14 Kommentare

  1.   keiner

    „den Zugriff der nationalen Notenbanken auf das TARGET-System zu begrenzen. “

    Sprich der Kapitalflucht aus Griechenland, Italien und demnächst Spanien und Frankreich nach Deutschland, Luxemburg etc. einen Riegel vor zu schieben. Durch diese Kapitalflucht z.B. aus dem reichen Italien versuchen die Kapitalbesitzer ihr Vermögen vor dem unausweichlich bevorstehenden Austritt ihrer Länder aus dem Euro zu retten.


  2. In der Tat sollte jeder den Text Seite 83-86 sehr sorgfältig, auch andere Teile, lesen.
    Danke für den Link.

    Über Target2, EZB-Staatsanleihenaufkäufe und Rettungsschirme werden Kapitalbewegungen durch die öffentliche Hand organisiert, die der Kapitalmarkt nicht mehr vornehmen will. Hierbei gerät die deutsche öffentliche Hand zunehmend in eine Gläubigerposition und zwar über die Bundesbank und den Staatshaushalt (Rettungsschirme). Auf der anderen Seite EZB, die nationalen Zentralbanken und Staatshaushalte der Krisenländer in Schuldnerpositionen. Zuerst stellt sich die Frage sind die Schuldnerpositionen werthaltig und dann ist die Strategie nachhaltig. Beides ist nicht gegeben. Die Länder mit den prozentual größten Nettoauslandsschulden sind, der Sachverständigenrat ist seit eh einäugig und starrt immer nur auf die Staatsschulden, Portugal, Irland, Spanien und Griechenland. Diese Volkswirtschaften Länder können diese Last nicht mehr tragen. Fernerhin nehmen die Auslandsschulden weiter durch, wenn zwar auch geringere Leistungsbilanzdefizite, in Irland durch ungünstige Kapitalmarktgeschäfte, zu. Hier hat die deutsche öffentliche Hand keine Chance gegenzuhalten, da die Kapitalflucht, die on Top kommt, fundamental gerechtfertigt ist. Die einzige Zeit verzögernde Veränderung ist, dass die deutsche öffentliche Hand anstatt anderer Investoren zunehmend Gläubiger wird. Bei intensiver Kapitalflucht aus Italien und Spanien ist das Spiel in ca. 4Monaten zu Ende, da kann keine öffentliche Hand gegen halten, siehe Saldenmechanik.


  3. Übrigens zum Sachverständigen Gegenmodel zu den Eurobonds, die 60% Eurozonenschulden und darüber hinaus nationale Staatsschulden vorsahen. Hier also das Gegenteil bis 60% nationale Staatsschulden und darüber hinaus Gemeinschaftsschulden mit dem Zwang diese in 25 Jahren zu tilgen. Illusorisches Modell, welches die Krisenländer für die nächsten 25 Jahre in die Rezession stürzt, nicht aufgeht, hohe Zinsen für diese “Eurobonds” erfordert und bei nicht Erfüllung des Zins- und Tilgungsplans,sehr wahrscheinlich gegeben, alle Euroländern insolvent gehen lässt. Die Wirtschaftsweisen verstehen immer noch nicht, warum Japan 230% Staatsschulden, Griechenland, Spanien und Portugal aber keine haben dürfen / dürften. Sie starren und starrten immer nur auf den Staatsektor. Leistungsbilanzen und Nettoauslandsschulden sind ihnen scheinbar fremd, deswegen die Eurokrise. Keiner hat bemerkt, wie marode Spanien und Irland waren, hatten ja die Eurokriterien mustergültig erfüllt. Dabei hat dort der private Sektor kräftig über seine Verhältnisse gelebt. Folge hohe Leistungsbilanzdefizite und Nettoauslandsschulden. Die Einäugigkeit soll nun zum Prinzip erhoben werden, obwohl diese den Euro geradewegs in den Abgrund geführt hat.


  4. @Bernd Klehn
    „Bei intensiver Kapitalflucht aus Italien und Spanien ist das Spiel in ca. 4Monaten zu Ende, da kann keine öffentliche Hand gegen halten, siehe Saldenmechanik.“

    Die EZB kann unbeschraenkt Geld zur Verfuegung stellen, auch wenn alle spanischen Spareinlagen nach D ueberwiesen werden – wa ja wohl sehr unwahrscheinlich ist. Wieso soll es hier ein Ende geben? Das versteh ich nicht.

    „…da die Kapitalflucht, die on Top kommt, fundamental gerechtfertigt ist. “

    Fundamental gerechtfertigt nach ihrer Meinung, total ungerechtfertigt nach meiner. Natuerlich kann sich das alles wieder beruhigen, wenn man die richtigen Massnahmen ergreift.

    Man muss allerdings dagegenhalten, nicht mit halbherzigen Anleihenkaeufen die Sache aus dem Ruder laufen lassen. Die EZB hat im Rahmen ihres Mandats fuer Finanzstabilitaet bis jetzt zu wenig gemacht um Staaten in Bedraengnis gleich von Anfang an, zu helfen. Das ist die falsche Strategie.


  5. @ free-speech

    Hatten wir schon häufig. Wenn ich Auslandsschulden habe, diese zurückgefordert werden und ich sie nicht begleichen kann, bin ich pleite. Da nützt kein Geld drucken, USA und UK würde es auch so ergehen.

  6.   jmg

    Die Ausführungen des Sachverständigenrats zu den Target2-Salden bestehen überwiegend aus Scheindebatten und sind unvollständig.

    1. Niemand, auch Sinn nicht, behauptet zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass die Target-Salden „überwiegend zur Finanzierung von Leistungsbilanzdefiziten in den Problemländern herangezogen werden.“ Sie dienen der Aufrechterhaltung der Zahlungsbilanzdefizite der Peripherieländer, unter Einbezug sowohl der Leistungsbilanz als auch der Kapitalbilanz. Hier baut der SVR einen Strohmann auf, auf den er dann anschließend eintrischt.

    2. „Aus diesem Grund wäre es in der jetzigen Situation äußerst riskant, den Zugriff der nationalen Notenbanken auf das TARGET-System zu begrenzen.“
    Von heute auf morgen das europäische Zahlungssystem abzuschaffen, hat selbst Sinn nicht vorgeschlagen. Er plädiert meines Wissens für eine Übergangszeit. Also wieder ein Popanz an dieser Stelle. Höchstgrenzen wären zu Beginn der Währungsunion sinnvoll gewesen, damit die wirtschaftlichen Divergenzen im Euroraum begrenzt geblieben wären bzw. frühzeitig Maßnahmen dagegen ergriffen worden wären.

    3. Die vom SVR angesprochenen Nettogläubiger-Position der deutschen Banken gegenüber der Deutschen Bundesbank im Gefolge der Target-Zahlungsströme haben wir meines Wissens schon. Was die jetzt notwendige (bzw. unterlassene) Abschöpfung des „überschüssigen Zentralbankgeldes“ für Effekte hat, kann man hier nachlesen:

    „TARGET2 Unlimited: Monetary Policy Implications of Asymmetric Liquidity Management within the Euro Area“
    Abad, José M; Loeffler, Axel and Zemanek, Holger (2011)
    LINK: ideas.repec.org/p/pra/mprapa/31937.html
    Aus dem abstract des papers:
    „We discuss three alternatives and its implications to absorb excess liquidity in core regions: (1) Using market based measures might accelerate the capital flight from periphery to core countries and would add to the accumulation of risky assets by the ECB. (2) Conducting non-market based measures such as imposing differential (unremunerated) reserve requirements would distort banking markets and would support the development of shadow banking. (3) Staying passive would lead to decreasing interest rates in core Europe entailing inflationary pressure and overinvestment in those regions and possibly future instability of the banking system.“
    Die Nettogläubigerposition der Bundesbank schafft also zusätzliche Risiken und Probleme, die der SVR der deutschen Öffentlichkeit (bewusst?) verschweigt. In diesem Punkt liegt eine negative akademische Wertschöpfung vor. Die Dame und die Herren sollten für Transparenz sorgen und nicht Dinge unter den Tisch kehren.

    5. Nun der meines Erachtens zentrale Satz im Gutachten (den Mark Schieritz leider nicht zitiert):
    „Schließlich ist nicht zu verkennen, dass die TARGET-Salden ein Haftungsrisiko für Deutschland mit sich bringen.“ Da würde man vom SVR gerne mehr erfahren. Wie hoch sind denn diese Haftungsrisiken? Mit welchen Haircuts werden die Schrottpapiere in den Zentralbanken der Peripheriestaaten denn bewertet? Auch hier: Das große, aber ziemlich verräterische Schweigen.

  7.   jmg

    Na ja, immerhin konnte ich bis 3 zählen.:-)
    4. statt 5. !


  8. @ jmg

    Ja es wird nie auf den Kern eingegangen, dass via Eurosystem ein Nettokapitalexport von 465Mrd. zu 1,25% von der Bundesbank in die Krisenländer organisiert worden ist und dieses auf der Basis bei Zentralbankgeld üblichen sehr kurzfristigen Kreditarrangements ,7 Tage, 3Monate jetzt wieder bis zu 12-13 Monaten. Es bleibt vollkommen unklar wie die Krisenländer bei vorhandenen Nettoauslandsschulden und weiterhin vorhandenen Leistungsbilanzdefiziten diesen Anteil an den Auslandsschulden jemals, schon gar nicht kurzfristig, zurückzahlen können. Im Gegenteil der Anteil erhöht sich permanent, da sich andere Investoren logischer weise immer mehr aus diesen Krisenländern zurückziehen. Dieses ist keine Spekulation, sondern auf der Grundlage der Fundamentaldaten gerechtfertigt, Nettoauslandsschulden, Leistungsbilanzen.

  9.   jmg

    @ Bernd Klehn
    „Es bleibt vollkommen unklar wie die Krisenländer bei vorhandenen Nettoauslandsschulden und weiterhin vorhandenen Leistungsbilanzdefiziten diesen Anteil an den Auslandsschulden jemals, schon gar nicht kurzfristig, zurückzahlen können.“ Ich habe da bei einigen Krisenländern (der SVR nennt sie „Problemländer“, das erinnert mich zu sehr an die stoibersche Unterscheidung zwischen Normal-, Schad- und Problembär: http://www.youtube.com/watch?v=xdUFi42QvOA. Man weiss ja auch was mit Bruno dann passiert ist:-)) auch keine großen Hoffnungen, was die Rückzahlung angeht.

    „Im Gegenteil der Anteil erhöht sich permanent, da sich andere Investoren logischerweise immer mehr aus diesen Krisenländern zurückziehen. Dieses ist keine Spekulation, sondern auf der Grundlage der Fundamentaldaten gerechtfertigt, Nettoauslandsschulden, Leistungsbilanzen.“
    Genau, die privaten Kapitalströme werden durch öffentliche (Rettungsprogramme, Target2) ersetzt, um die Länder über Wasser zu halten. Im Zuge dessen wälzen die privaten Kapitalgeber die Risiken in ihren Bilanzen auf die Steuerzahler ab. Sie landen bei der EZB und den nationalen Zentralbanken. Damit ist ein Grundprinzip einer funktionierenden Marktwirtschaft für die privaten Kapitalgeber aber außer Kraft gesetzt: die Haftung für Fehlinvestitionen. Wie ein solches System langfristig überleben soll ist mir schleierhaft. Kurzfristig hat man die Situation in Griechenland durch die Austeritätspolitik noch verschlimmert. Das war eine Strafaktion gegen den „bösen Schuldner“ mit der man sich ins eigene Fleisch geschnitten hat, um die Hinterbänkler im Bundestag und die Volksseele ruhig zu stellen. Sie hat auch für die Ansteckung auf den Rest der Eurozone gesorgt und für den gegenwärtigen Eindruck beim Publikum, daß die ganze Entwicklung durch die Politik nicht mehr beherrschbar ist.

  10.   philipp johannes

    target wurde geschaffen um ein echtzeit bruttoverrechnunssystem in euroland zu haben und die ausfallrisiken einzelner teilnehmer aus transaktionen die zur erfüllung in euro anstanden zu minimeren; möglichst auszuschliessen ( siehe diverse veröffentlichungen von biz basel zur rtgs problemstellung ).
    heute haben wir einen gewaltigen saldo zu gunsten einer nationalbank ( der buba ) und zu lasten diverser anderer nationalbanken.
    das steht nicht mehr im einklang mit dem ursprünglichen ziel ausfallrisiken zu minimieren und möglichst auszuschliessen.
    denn, wenn eine oder mehrere nationalbanken ausfallen zahlt wer, salopp gesagt, die zeche ?
    wenn wir uns die salden anschauen sehen wir doch alle wie stetig anwachsen zuungunsten von deutschland.
    alles andere ist doch augenwischerei auf zugegeben hohem niveau und doch bleibt es verdummung.