So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Draghis Dicke Bertha

Von 29. Februar 2012 um 15:16 Uhr

Mario Draghi hat wieder zugeschlagen. 530 Milliarden Euro haben sich die Banken beim heutigen Dreijahrestender (LTRO) geliehen, das bringt die Gesamtsumme der Operation auf 1.019 Milliarden Euro. Ich war anfangs skeptisch, was die Wirksamkeit des Manövers angeht, weil ich davon ausgegangen war, dass die Banken das Geld gleich wieder bei der Zentralbank deponieren. Aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Die LTRO ist vielleicht einer der cleversten Schachzüge der Zentralbankgeschichte.

1. Er ist eine taktische Meisterleistung: Ein gemeinsamer Währungsraum braucht einen lender of last resort – also eine Institution, die noch Geld in den Taschen hat, wenn alle anderen ihr Geld abziehen –, sonst liefert er sich völlig den Marktkräften aus.  Es hätte einen Aufschrei in Deutschland gegeben, wenn die EZB die Staatsanleihen direkt gekauft hätte. Deshalb verteilt Draghi das Geld über die Banken. Das beruhigt die Deutschen. Wir haben es hier mit einem klassischen Dilemma zu tun: Die Zentralbank könnte die Liquidität auch denen geben, die sie benötigen – also klammen Staaten oder Unternehmen. Doch dann begibt sie sich in den Bereich der Kreditallokation, der in einer Marktwirtschaft den privaten Banken übertragen ist, was zu Streuverlusten führt. Das kann man ändern, aber es wäre ein gewaltiger Schritt.

2. Die Liquiditätsinjektion ist massiv. Insgesamt beläuft sich der Nettozuwachs an Zentralbankgeld durch die beiden Operationen auf 520 Milliarden Euro. Die EZB hat die Fed als weltgrößte Geldmaschine abgelöst.

Grafik: Bilanzsumme des Eurosystems und der Fed

3. Das viele Geld wirkt. Den Banken steht frei, was sie mit der zusätzlichen Liquidität finanzieren. Die größeren werden Staatsanleihen kaufen, die kleineren vielleicht sogar den ein oder anderen Unternehmenskredit verlängern. Beides ist hilfreich. Und auch der psychologische Effekt ist von enormer Bedeutung. Die EZB hat dafür gesorgt, dass der Zusammenbruch einer Bank im Währungsraum unwahrscheinlich geworden ist. Dadurch können sich einige Banken auch wieder privat refinanzieren.

4. Es gibt bisher keine Anzeichen dafür, dass das zusätzliche Zentralbankgeld inflationär wirkt. Der Grund liegt auf der Hand: Das Zentralbankgeld ist nur ein Element der Geldversorgung einer Wirtschaft. Das meiste Geld schöpfen die privaten Banken – und die halten sich immer noch zurück. Während die Geldbasis (das Zentralbankgeld) explodiert, stagniert die breite Geldmenge M3.

Grafik: Geldbasis und M3 in der Waehrungsunion

Klar: Irgendwann wird sich die Wirtschaft wieder stabilisiert haben und dann springt auch die Geldschöpfung der Banken wieder an. Doch dann ist es technisch überhaupt kein Problem, dem System die Liquidität wieder zu entziehen. Nach drei Jahren müssen die Zentralbankkredite sowieso zurückbezahlt werden.

5. In Deutschland ist dieser Zeitpunkt wahrscheinlich viel früher erreicht als im Rest der Euro-Zone. Doch dafür gibt es die neuen antizyklischen Regulierungsinstrumente. Wenn also hierzulande eine Immobilienblase oder ähnliches droht, dann muss die Bafin einschreiten und die Eigenkapitalanforderungen heraufsetzen – die EZB kann nicht den Süden vertrocknen lassen, nur weil im Norden eine Flut droht.

6.  Natürlich werden durch das billige Geld auch Banken durchgefüttert, die eigentlich verschwinden müssten. Aber darum müssen sich die Aufsichtsbehörden kümmern.

7. Die Risiken für die Zentralbankbilanz steigen natürlich, weil mehr Kredite vergeben werden und die Qualität der Sicherheiten tendenziell abnimmt (auch wenn die Notenbank auf diese Abschläge vornimmt und die Pfänder zu Marktpreisen bewertet). Nur: Jedes Handeln ist mit Risiken verbunden – auch das Nichthandeln. Politik – und das unterscheidet sie von der Wissenschaft und dem Leitartikelschreiben –  besteht in der Abwägung der Risiken. Wenn es durch die Geldschwemme der EZB gelingt, den Währungsraum zu stabilisieren, dann ist das für die deutschen Steuerzahler sicherlich billiger, als wenn er ordnungspolitisch korrekt zerbricht.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Lieber Herr Schiertz,

    ich wage es mal politisch vollkommen inkorrekt mit dem Holzhammer:

    Wie lange geht dieses noch gut?

    Die Nordbanken schwimmen in Zentralbankgeld und legen dieses bei ihren nationalen Zentralbanken, im Augenblick ca. 7ooMrd. (500Mrd. Einlagefazilität, 200 Termineinlage), zu 0,25% an, weil sie sonst damit nichts anzufangen wissen. Die Banken in den Eurokrisenländern benötigen immer mehr neues Zentralbankgeld um nicht insolvent zu gehen. Dieses Geld muss die Kapitalflucht und das über die Verhältnisse Leben dieser Länder abzudecken. Das Geld sammelt sich also im Norden und fehlt in den Krisenländern und das Eurosystem hilft bei der Kapitalflucht. Kein ausländischer Investor legt aber erneut Kapital in den Eurokrisenländern an, die Ausnahme vielleicht Frankreich, sondern flieht eben mit Hilfe des Eurosystems. Der Tag der großen Abrechung innerhalb des Eurosystems wird aber kommen, wenn die Nordländer Gegenleistungen für ihr Geld von den Eurokrisenländern verlangen, dann werden sie feststellen, dass dort nichts zu holen ist und sie durch das Eurosystem und deren Geldschwemme betrogen worden sind.

  2. 2.

    @ Klehn:

    Was schlagen Sie denn vor? Praktisch alle Südländer haben ihre Leistungsbilanzdefizite reduziert – und unser Überschuss wird auch irgendwann sinken. Wir geben ihnen Zeit und sie passen sich an.

    • 29. Februar 2012 um 15:52 Uhr
    • Mark Schieritz
  3. 3.

    Die zusätzliche billige Liquidität wird die Gewinne der Banken erhöhen. Sie sind aber frei bei der Gewinnverwendung.
    Sie können ihr Eigenkapital erhöhen oder die Dividendenausschüttung. Wahrscheinlicher ist aber eine satte Erhöhung der Bonuszahlungen an den Vorstand und die “Leistungsträger”.
    (Leistung muss sich ja bekanntlich lohnen). Eine Zwangsrekapitalisierung der Banken wäre hier wesentlich effektiver. Am grundsätzlichen Problem dieser Währungsunion, der Heterogenität der beteiligten Länder, ändert diese Aktion von Draghi gar nichts.

    • 29. Februar 2012 um 16:18 Uhr
    • jmg
  4. 4.

    Ich sehe das nicht als Meisterleistung. Das wäre es nur dann, wenn nach dem ersten Dreijahrestender diesmal weniger Geld nötig gewesen wäre. Die Spritze ist jedoch größer geworden, was auch für größere Sorgen im Bankensektor spricht. Außerdem ist es ziemlich pervers, die Banken mit Geld zu fluten, gleichzeitig aber Griechenland mit 130 Mrd. Euro abzuspeisen – und das nur unter drastischen Auflagen, während die Kreditbranche es einfach so bekommt. Unterm Strich zeigt dies, wie schief die gesamte Euro-Rettung angelegt ist. Jetzt wackelt das Kartnehaus… http://lostineurope.posterous.com/das-kartenhaus-wankt

    • 29. Februar 2012 um 16:18 Uhr
    • Eric B.
  5. 5.

    @ Mark Schieritz

    ….. leider auch ihre Industrieproduktion, diese Länder liegen bald auf den Flurplatten, ohne Kapital und Wirtschaftskraft, verarmen also. Die EU muss sich endlich wieder zu einer Industriepolitik bekennen, so wie Japan und China. Voraussetzung hierfür ist die Schließung des Finanzkasinos,Industrie und Finanzkasino beißen sich, also Banken pleite gehenlassen, eben keine Zentralbankgeldschwemme und Überarbeitung des Wettbewerbsparagraphen, der uns alle in Richtung des angelsächsischen Models getrieben hat.

  6. 6.

    Das es keine Inflation gibt ist falsch. Investiert wird ein Teil des Geldes nicht nur in Rentenpapiere der Staaten, sondern mittelfristig auch in Rohstofftermingeschäfte, Aktien, Immobilien usw. Dadurch entsteht eine doppelte Inflation: Eine im Bereich der Rohstoffe (Kaffee, Öl, Getreide usw.) und es entsteht eine sogenannte “Asset Inflation”. Eine Asset Inflation im Immobilienbereich war es auch, die zur Finanzkriese 2008 (wir erinnern uns: Die Ursache der ganzen 1% Tender) geführt hat. Das Spiel kann also von Neuem beginnen…

    Die Maßnahmen der EZB sind deshalb nicht unbedingt falsch. Die Frage ist, welche Alternativen es gegeben hätte und welche Nebenwirkungen die aufgewiesen hätten. Aber so zu tun, als wären damit keine Risiken verbunden und es würde kein Inflationsrisiko geben, das ist falsch.

    • 29. Februar 2012 um 16:55 Uhr
    • Michael
  7. 7.

    Warum können nur Bankien teilnehmen? Warum gibt es hier keinen Wettbewerb? Ich kann doch selber eine Milliarde bei der EZB aufnehmen, an z.B. Italien mit Aufschlag verleihen, das Papier bei der EZB als Sicherheit hinterlegen und mit der Zinsmarge gescheiteres tun als Bänker durchfüttern.

    Ach so: Bänker helfen Bänkern, heisst die Aktion. Das ist das einzige, was in dem oben dargereichten bunten Strauss an Spekulationen und Mutmassungen fest steht.

  8. 8.

    “Dicke Bertha”… sehr gute Analogie!
    Teuer und aufwendig in der Herstellung, in der Praxis nahezu nutzlos.

  9. Kommentar zum Thema

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