So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Wolfgang Münchau sagt es richtig

Von 4. März 2012 um 23:48 Uhr

In dem Film Casablanca gibt es eine berühmte Szene, in der Captain Renault vorgibt “schockiert, schockiert” darüber zu sein, dass in Rick’s Café gespielt wird – um kurz darauf seine Gewinne ausgehändigt zu bekommen. Genau so verhält es sich mit der Target-2-Debatte, wie Wolfgang Münchau in seiner FT Kolumne richtig feststellt.

One of the more intriguing recent developments of the eurozone crisis is the shock expressed by Germany’s economic establishment that the eurozone is, in fact, a monetary union. No one had apparently told them.

Natürlich werden in einer Währungsunion Leistungsbilanzen finanziert, natürlich ist die EZB die Zentralbank jedes Mitgliedsstaates und nicht nur der Deutschen, natürlich verschieben sich dadurch die Risiken – und natürlich braucht es zwei um Tango zu tanzen.

One of the deep causes behind this problem is, of course, Germany’s persistent current account surplus.

Man muss sich nur einmal überlegen, was mit den Target-Salden passiert wäre, wenn man – was ja durchaus Sinn gemacht hätte– die nationalen Zentralbanken abgeschafft hätte und alle Ströme über die EZB laufen würden. Genau: Es würde sie schlicht nicht geben, obwohl sich an den ökonomischen Verhältnissen durch den Wechsel der Organisationsform natürlich nichts ändern würde. Soviel zu ihrer Relevanz.

Wolfgangs Schlussfolgerung:

What people are really saying is that they no longer want a monetary union. They want a looser single currency regime.

So schaut’s aus.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    #Mark Schieritz

    In der Tat. Fein erklärt und ganz simpel.

    Mein Fazit: Der SPIEGEL tut ihm nicht gut.

    • 5. März 2012 um 05:52 Uhr
    • Andreas Heil
  2. 2.

    @ Schieritz

    “Man muss sich nur einmal überlegen, was mit den Target-Salden passiert wäre, wenn man – was ja durchaus Sinn gemacht hätte– die nationalen Zentralbanken abgeschafft hätte und alle Ströme über die EZB laufen würden.”

    Dann würden die Haupt-Probleme nach wie vor in voller Schärfe bestehen:

    Die Europäische Zentralbank hat ihre Bilanz seit 2008 in ungeheurem Maße aufgebläht, stärker noch als die Federal Reserve der USA. Dies fliegt uns irgendwann alles um die Ohren.

    Die insgesamt eine Billion Euro, die die EZB mit der Dicken Bertha verschossen hat, sind zu zwei Dritteln in Frankreich, Italien und Spanien gelandet. Mit Milliarden-Geschenken werden Zombie-Banken am Leben erhalten und zum Zocken ermutigt.

    Die Banken dieser Länder reichen für die Kredite zunehmend schlechtere Risiken ein. So geben italienische Banken der EZB, wie der Spiegel heute berichtet, eigene Anleihen, die mit Garantien der italienischen Regierung aufgepeppt sind!!!

    Für die Kredite, die an die Süd-Staaten geflossen sind, würde unverändert der deutsche Steuerzahler zu 27 Prozent haften. Auch nach Abschaffung der Bundesbank stünden dreistellige Milliarden-Summen im Feuer.

    Die Geldschwemmen der EZB lösen allerorten Spekulationen mit Immobilien und anderen Assets aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Blasen platzen.

    Es ist nicht gelungen, die Stabilitätskultur der Bundesbank auf die EZB zu übertragen. Dies ist doch der Punkt, an dem sich die Fachleute reiben, nicht die Währungsunion an sich.

    Zum intellektuellen Niveau von Wolfgang Münchau wäre zu sagen: Noch vor Weihnachten hat er in seinen Kolumnen mehrfach das binnen weniger Wochen zu erwartende Auseinanderbrechen der Währungsunion vorhergesagt. Und nun?

    Sehr aufschlussreich auch, dass Münchau nahezu jede Kolumne mit der Behauptung schließt, gegen die Krise würden nur Eurobonds helfen.

    Gewiss: Der City of London würde das Herz im Leibe lachen, wenn die Deutschen auch noch so doof wären, mit Eurobonds alle Risiken auf sich zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Banken in London und anderswo ihre Profite realisieren können.

    Bescheidene Frage: Für wen schreiben die FT und Münchau?

    • 5. März 2012 um 08:36 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  3. 3.

    Merkwürdig, dass die klareren Worte von Münchau häufig in der internationalen Ausgabe zu finden sind und nicht in der FTD oder bei SPON. Oder vielleicht auch nicht merkwürdig …

    • 5. März 2012 um 10:02 Uhr
    • oakeshott
  4. 4.

    Trivial:

    Solange Leistungsbilanzen und Kapitalbilanzen pro Eurozonenmitglied gebildet werden, können, kann man auch deren Kapitalströme verfolgen. Schmeißt man aber alles in einen Topf geht dieses natürlich nicht mehr. Aber dieses will ja hoffentlich keiner. Ansonsten muss eine Währungsunion so organisieren werden, im obigen Fall liegt keine Währungsunion, sondern einen einzigen Wirtschaftsraum vor, dass es sie nicht auseinanderreist.

    Hierzu sind zwei Randbedingungen hinreichend und notwendig:

    Ein sehr enger Korridor der Leistungsbilanzen, inkl. Transferbilanz (hierüber und nur hierüber erfolgt ein Ausgleich zwischen den Mitgliedern)

    und

    in der Summe keine Nettoauslandsschulden,

    so dass sowohl innere Spannungen vermieden werden, wie auch die Währungsunion insgesamt vom internationalen Finanzmarkt nicht angegriffen werden kann.

  5. 5.

    In neuerer Zeit schwillt der Tarket2 auch an weil Milliarden ausser Landes geschafft und in Immobilien angelegt werden. Besonders die Ilaliener machen das in grossem Stil.

    • 5. März 2012 um 14:21 Uhr
    • Dora
  6. 6.

    @ Bernd Klehn

    “in der Summe keine Nettoauslandsschulden, so dass [...] die Währungsunion insgesamt vom internationalen Finanzmarkt nicht angegriffen werden kann.”

    Die Nettoauslandsschulden (IIP) der Eurozone sind 14% GDP, Italien hat 24%, Spanien hat 93%.

    Wo ist die Grenze, unter der man nicht angegriffen werden kann? Die gibt es nicht.

    Für die Angreifbarkeit ist die Nettoverschuldung nicht der Punkt. Solange ein Schuldner Schulden hat, die er ablösen / refinanzieren muß, solange ist er angreifbar.

    Ein Häuslebauer, der seine Hütte zu 75 Prozent abbezahlt hat ist kein Nettoschuldner, da der Wert seines Hauses die ausstehenden Schulden deutlich übersteigt, aber er hat die restliche Kohle nicht flüssig und somit ist er erpressbar und muß z.B. bei Verlust des Arbeitsplatzes u.U. höhere Zinsen für seine Anschlußfinanzierung zahlen, wenn er überhaupt eine kriegt. Das ist das Equivalent einer spekulativen Attacke.

  7. 7.

    @bmmayr

    “Solange ein Schuldner Schulden hat, die er ablösen / refinanzieren muß, solange ist er angreifbar.”

    Ja, natürlich spielt der Grad der Kapitalverflechtung auch eine Rolle, aber in der Regel kann dann bei Kapitalabzug und Nettoauslandsguthaben mit gleicher Münze gekontert werden, dass sich somit der Angreifer ins eigene Fleisch schneidet. Ich kenne keinen einzigen Fall, wo eine Währung eines Nettogläubigers erfolgreich angegriffen werden konnte. Der Angriff auf UK, die Asien-, Russland und Argentinienkrise setze immer Nettoauslandschulden voraus.

    Übrigens die Kapitalflucht aus den Eurokrisenländern hält unvermindert an:

    „Die Forderungen der Deutschen Bundesbank (Buba) aus Target2 stiegen im Februar 2012 kräftig an, um +48,915 Mrd. Euro bzw. um +9,8% zum Vormonat, auf 547,047 Mrd. Euro.“

    querschuesse.de/target2-saldo-der-buba-explodiert-im-februar-um-48915-mrd-euro/

  8. 8.

    @ Wirtschaftssachverständiger

    Jein. Das hängt wirklich ganz davon ab, wie die Situation sich weiter entwickelt, und das ist äußerst unsicher.

    Wenn die Lage sich in den südliche Ländern nicht besser, weder betreffend Staatshaushalten, noch Leistungsbilanzdefiziten, noch Wettbewerbsfähigkeit, noch Wirtschaftswachstum, und das wirklich wirklich lange so dahin geht, haben wir tatsächlich ein großes Problem. Abgesehen von einbrechende Exporten in die südlichen Länder und politischer Unsicherheit dort, würden dann die Forderungen des Target-Systems natürlich tatsächlich nach und nach wertlos werden. Wenn dann auch noch der Euro auseinander fliegen würde, wäre das für alle Beteiligten immens teuer.

    Allerdings ist es überhaupt nicht ausgemacht dass es so laufen muss. Die mittlere Variante, wie sie H.W. Sinnd vorzuschlagen scheint, ist die Südländer von der Kreditzufuhr weitgehend abzuschneiden und zu sehen was passiert. Pleitewellen und eine massive Rezession im Süden wären sicher die Folge, vielleicht aber tatsächlich auch eine erfolgreiche Restrukturierung danach. Kann funktionieren.
    Allerdings scheint mir das Risiko bei einer solchen Radikalkur noch größer und auch in diesem Fall wäre ein Auseinanderbrechen der Währungsunion immens teuer für alle Beteiligten, egal ob die Forderungen nun deutsche Privatbanken oder die Bundesbank über Target 2 abschreiben müssen. Um gar nicht zu reden von den Verwerfungen an den Finanz- und Warenmärkten und der wahrscheinlich folgenden Rezession, die den wahren Schaden eines solchen Schrittes darstellen würden und die reinen Abschreibungen von Finanzinstituten bei weitem übersteigen dürften.

    Die dritte Variante versucht das Euro-System (zumindest teilweise) gerade aus: Stützung des Südens, entweder fiskalisch durch Hilfskredite der stärkeren Staaten oder monetär durch anhaltend normale Bereitstellung von Zentralbankkrediten durch die EZB, damit die Krisenstaaten Zeit haben sich anzupassen und das ganze System im besten Fall vielleicht möglichst wenige Abschreibungen vornehmen muss (sei es nun auf Staatsanleihen oder auf assets in den Südstaaten, die bei sowohl bei einem massiven Preisverfall als auch bei einem Ausscheiden aus der Währungsunion natürlich für die Gläubiger massiv an Wert verlieren würden). Da sich bisher sowohl die Leistungsbilanzsalden als auch die Staatsdefizite langsam aber doch in die richtige Richtung bewegen zu scheinen, kommt mir diese Taktik nicht so falsch vor. Ich persönlich meine, dass ein koordinierter Wachstumsplan für Europa noch zusätzlich hilfreich wäre (z.B. ein paneuropäische Energie-Plan, bei dem man aufgrund der momentanen Situation Investitionen im Süden den Vorzug gibt) und dass auch Euro-Bonds in eine eng gesteckten Rahmen (nur bis zu 60 % des BIP gemeinsam und von den Staaten erstrangig zu bedienen; alles über die Grenze liegt allein in nationaler Verantwortung und ist gegebenenfalls zweitrangig zu bedienen!) als Belohnung und Ansporn und Stabilitätsanker sinnvoll wären. Aber auch ohne diese Maßnahmen ziehen sich die Südländer vielleicht langsam aber stetig wieder aus dem Sumpf.

    Die dritte Variante entspricht schlussendlich auch die einer echten und vollständigen Währungsunion. Auch wenn ich Münchau für seine Wortwahl schon kritisieren möchte (Luftwaffen-Vergleiche sind m.E. in einem solchen Kontext nie angebracht, selbst wenn man inhaltlich einen richtigen Artikel schreiben sollte), hat er wohl mit der Conclusio Recht. Man kann sehr wohl ein System ohne Target 2 konzipieren, aber das ist dann eben ein Währungssystem und keine echte Wirtschafts- und Währungsunion mit einer Zentralbank die für alle Banken des Währungsraumes zuständig ist.
    Die Euro-Zone ist angelegt als dauerhafte Konstruktion. Wenn sie das bleibt, erwachsen aus Target 2 keinerlei Probleme und die Debatte ist eher Schattenboxen. Bleibt sie das nicht, oder zumindest nicht vollständig, liegt die Sache anders, aber darauf war der Euro von Anfang an nicht ausgerichtet.

    Dementsprechend hoffe ich noch immer, dass die Währungsunion vollständig erhalten bleiben wird und uns die vielen schlimmen Folgen eines Auseinanderbrechens erspart bleiben.

    Mit freundlichen Grüßen

    • 5. März 2012 um 15:56 Uhr
    • Valorian
  9. Kommentar zum Thema

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