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Der mediterrane Lebensstil in der Krise

Von 8. März 2012 um 20:53 Uhr

Olaf Storbeck macht mich auf einen interessanten Artikel von Fabian Bornhorst und Ashoka Mody – zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds – aufmerksam. Es geht in dem Artikel um die interessante Entwicklung der deutschen Kapitalbilanz beziehungsweise die Tatsache, dass Deutschland, obwohl es ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss ist, zugleich per Saldo privates Kapital aus dem Ausland importiert.

Ich möchte hier aber einen anderen Punkt herausgreifen: Die Entwicklung der deutschen Leistungsbilanz. Die Bereitstellung externen Mittel durch die Notenbank und die Rettungsfonds der EU hilft den Krisenstaaten bei der Finanzierung ihrer Importe, weshalb es oft heißt, dadurch werde eine Anpassung der makroökonomischen Ungleichgewichte verhindert – und “die” leben weiter auf “unsere” Kosten. Oder in den Worten von Hans-Werner Sinn:

Der mediterrane Lebensstandard wird so weiterfinanziert (…) Mit der Notenpresse ließ sich das Leben in der Peripherie weiter finanzieren, als sei nichts gewesen, und die notwendigen Anpassungsmaßnahmen wurden auf Jahre verzögert.

Einmal abgesehen davon, was fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und fünf Jahre Rezession in Griechenland mit mediterranem Lebensstil zu tun haben: Die Daten des IWF wecken erhebliche Zweifel an der These, wonach die Anpassung verhindert wird. Demnach hat sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit den Krisenstaaten seit dem Höchststand 2008 um fast die Hälfte reduziert.

Eine spiegelbildliche Reduktion gab es – der Chart kommt von der Bundesbank – in den Leistungsbilanzdefiziten der Krisenländer (zum Teil durch eine bessere Exportperformance, vor allem aber durch einen Einbruch der Binnennachfrage).

Die Anpassung schreitet voran – und sie ist für die Defizitländer alles andere als lustig.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Obwohl Sinn ein kluge Kopf ist, macht er einen häufigen Fehler: Er erkennt eine Wirkungskette mit negativer Rückkopplung und schließt daraus, das damit die ursprüngliche Änderung VOLLSTÄNDIG kompensiert wird (‘Der mediterrane Lebensstandard wird so weiterfinanziert (…) als sei nichts gewesen’).
    Es ist halt doch was.

    Nach schlimmer sind die Jungs aus dem expansionary austerity department, sie sagen, das ein Land dadurch reicher wird, dass der Staat Leute entlässt.

    • 8. März 2012 um 22:34 Uhr
    • bmmayr@googlemail.com
  2. 2.

    Interessant finde ich, in dem sehr lesenswerten Artikel, die Aufbrechung des bilateralen Denkmodels zwischen Leistungs- und Kapitalbilanz. Warenströme und Kapitalströme sind nicht bilateral gegenläufig, sondern Kapital fließt häufig sehr sehr verschlungene und teilweise fragwürdige Wege um letztendlich in der Zahlungsbilanz aufzuschlagen. Hier fehlt jegliche Markttransparenz, kein Wunder wenn sogar, vollkommen unzeitgemäß, noch nicht einmal das Eurosystem offenlegt, welche Staatsanleihen es gekauft hat und auch nicht miteilt welche Geschäftsbank wieviel Zentralbankgeld erhalten hat. Banker gefallen sich scheinbar sehr als Oracel oder Verwirrer, denn als Aufklärer.

    • 9. März 2012 um 01:01 Uhr
    • Bernd Klehn
  3. 3.

    @ Bernd Klehn
    Bitte mal einen Blick in die Bundesbankstatistik zum Kapitalverkehr mit Ireland werfen.
    LINK: bundesbank.de/statistik/statistik_veroeffentlichungen_beiheft3.php
    -> Zahlungsbilanzstatistik – Februar 2012, Seite 41
    Wie passt das zusammen mit Schaubild 4 von Bornhorst/Mody?

    • 9. März 2012 um 11:14 Uhr
    • jmg
  4. 4.

    “Mediterraner Lebensstil” war vor allem eine größere Inflationstoleranz.

    Es wurden Reallohnsteigerung in Gr von 40% berichtet, bei 26% Produktivitätszuwachs; das ist keine sehr grobe Abweichung.

    Das Problem ist Nominal.
    Griechische Preise sind im Vergleich zu deutschen Preisen seit 98 um 50% zu viel gestiegen.

    50 Prozent!

    Die Reallohnsteigerungsdifferenz kommt da drauf, beides zusammen (unter Berücksichtigung der Produktivitätsfortschritte) bewirkt die Veränderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit.

    Ohne Euro wären die griechischen Preise wahrscheinlich etwas stärker gestiegen, kann man annehmen; also Reallohnentwicklung völlig im Lot.

    Nur kann man eben mit fixiertem Wechselkurs keine gröberen Inflationsdefizite mittelfristig aushalten.

    So einfach ist “mediterraner Lebensstil” vom Geruch der Faulheit zu entzaubern.

    Natürlich gehört zu der Entwicklung ein gerüttelt mMaß an Blödheit; nur die war ja auf Seiten der Stabilitätsländer und ihrer Großökonomen genau so groß; selbst heute gibt es nur ganz selten mal “zu hohe Preise” statt “zu hohe Löhne” zu lesen.

    • 9. März 2012 um 11:29 Uhr
    • Thomas Pittner
  5. 5.

    Es ist natürlich so, dass die Notenpresse per Target2 und die sogenannten Rettungsschirme den “mediterranten Lebensstil” weiterfinanzieren (seit 2007, also seit 5 Jahren!).

    Ohne diese (antidemokratisch) umverteilten Gelder wären SÄMTLICHE BANKEN in den GIPS bereits zahlungsunfähig. Die GIPS müssten ihren kompletten Laden bereits schließen und dort würden Verhältnisse herrschen, die der wahren volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit dieser Länder entsprechen. Diese Verhältnisse wären sehr viel schlechter als die derzeitigen.

    Die Rettung der GIPS durch “Rettungs”-Schirme und Notenpresse sind jedoch nicht ausreichen legitimiert worden und stellen somit einen schweren Verstoß gegen demokratische Grundsätze da. Noch dazu führen die Rettungsversuche dazu, dass (zumindest im Fall von Griechenland) die Empfängerländer praktisch ihre demokratische Selbstregierung aufgegeben haben und zu Vasallenstaaten der Geberländer geworden sind.

    “Etwas Grundsätzliches ist aus den Fugen geraten” (Wulff). Daran ändert sich auch nichts, wenn die Leistungsbilanzen sich jetzt wieder ein wenig anpassen.

    Da ich Optimist und großer Verfechter der Europäischen Integration bin, hoffe ich das alles doch noch irgendwie gut geht. Aber wir müssen alle wissen, dass das, was hier in Europa passiert, die größte Wette der neueren Geschichte ist.

    • 9. März 2012 um 12:15 Uhr
    • Interessierter Beobachter
  6. 6.

    @ jmg

    Verstehe ich auch noch nicht, da uns insgesamt aus Irland in 2010 fast exakt 100Mrd. netto zugeflossen sind. 55Mrd. haben wir zurückgeholt und 45Mrd. haben Irländer hier angelegt. Diese Zahlen finde ich dort nicht wieder. Insgesamt muss man natürlich feststellen, dass es in Europa drei Geldwaschanlagen gibt Luxemburg (Nettokapitalabfluss jährlich 190Mrd.), UK (Nettokapitalzufluss jährlich ca. 400-500Mrd.) und eben Irland. Wobei Irland immer über den Tisch gezogen wurde und hoffentlich jetzt seine Zockerbude endgültig schließt, sonst kommt es nie auf die Beine. Auch muss das Eurosystem darauf drängen, dass die Euro-Zockerbuden in Luxemburg und UK geschlossen werden, ansonsten stellen sich nie ressourcenoptimierte Kapitalströme ein. Die Macht dazu hätte das Eurosystem, da es Herrscher über das Zentralbankbankgeld ist, ohne das keine Zockerei stattfinden kann. und als Schlusspunkt die eigene Zockerbude schließt, also die Währungshütung ernst nimmt.

  7. 7.

    “Die Macht dazu hätte das Eurosystem, da es Herrscher über das Zentralbankbankgeld ist, ohne das keine Zockerei stattfinden kann. und als Schlusspunkt die eigene Zockerbude schließt, also die Währungshütung ernst nimmt.”

    Aber bitte.

    Welche Geldmenge wäre denn in etwa angemessen, für dieses BSP?

    Wie sollte ein Pfad aussehen, dahin zu kommen?

    Schließlich führt jede nur geringe Verlangsamung des weiteren Anstiegs zu Aufschreien.

    • 9. März 2012 um 13:08 Uhr
    • Thomas Pittner
  8. 8.

    @ Thomas Pittner

    Zuerst müssen die Eurozockerbuden in Luxemburg und UK geschlossen werden. Gegen London gibt es erste zarte Schritte, deswegen hat UK das Eurosystem vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Während Luxemburg aus mir unerklärlichen Gründen absolute Narrenfreiheit hat, dort werden z.B. pro Kopf für 135000Euro Banknoten gedruckt, die selbstverständlich schwarz außer Landes gebracht werden. Wie kann das Eurosystem dieses zulassen?

  9. Kommentar zum Thema

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