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Helmut Schlesinger macht es sich zu einfach

 

Die WAMS hat ein langes Interview mit Helmut Schlesinger. Wie zu erwarten, kritisiert er die Drei-Jahres-Tender der EZB. Schön und gut – über die Geldpolitik der Notenbank lässt sich trefflich streiten, auch wenn ich eine andere Position vertrete. Aber bedenklich ist folgende Passage des Interviews:

Welt am Sonntag: Was würden Sie anders machen?

Helmut Schlesinger: Ich bin kein Notenbanker mehr. Ich gebe keine Ratschläge.

Genau solche Antworten machen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Rettungsskeptikern so schwierig. Sie kritisieren nur und weisen auf die sicherlich vorhandenen Risiken hin. Das kann jeder und es ist zu wenig.

Und wenn Schlesinger schwindlig wird, weil „leichtfertig“ viel zu viel Geld in Umlauf gebracht werde und somit die große Inflation drohe, dann sei ihm folgende Grafik von Richard Koo (via FT Alphaville) empfohlen:

 

Die Zentralbankgeldmenge steigt, doch das Geldangebot insgesamt stagniert. Das sollte doch einem alten Monetaristen zu denken geben – es sei denn, er sucht die Inflation unter jedem Kieselstein.

39 Kommentare

  1.   Andreas Heil

    @Mark Schieritz

    Die _wollen_ das nicht zur Kenntnis nehmen. Aber wo wir gerade beim Bilderbuch sind … hatte gerade Gustav Horns Verteilungsgraphik für die USA in Bezug zu einer anderen gesetzt.

    http://www.markt-daten.de/research/themen/images/debt-bip.gif

    Sonnige Grüße
    Andreas

  2.   alterego

    Erst einmal ist durch die Abschreibung von Scheinwerten (nicht werthaltigen Forderungen) im Zuge der Finanz- und Staatsschuldenkrise in den Bankbilanzen einiges Geld vernichtet worden. Zum Zweiten könnte es sein, dass billiges Zentralbankgeld derzeit erneut finanzsektorinterne Spekulationszyklen treibt und dabei neue nicht unbeträchtliche Scheinforderungen aufbläht, die in einer nächsten Finanzkrise zum Platzen gebracht werden. Zum Dritten erlaubt dieses Schaubild keine Aussage darüber, dass es nicht doch zeitverzögert im Zuge wieder wachsenden Vertrauens der Banken zueinander zu einem deutlichen Anstieg des Geldangebots kommt.

  3.   Wirtschaftssachverständiger

    @ Mark Schieritz

    Auf die Bemerkung von Helmut Schlesinger: „Ich bin kein Notenbanker mehr. Ich gebe keine Ratschläge“ schreiben Sie:

    „Genau solche Antworten machen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Rettungsskeptikern so schwierig. Sie kritisieren nur und weisen auf die sicherlich vorhandenen Risiken hin. Das kann jeder und es ist zu wenig.“

    Diese Antwort ist schlicht eine Unverschämtheit. Natürlich kann und darf man kritisieren, ohne es selbst besser machen zu können oder die genaue Lösung zu kennen.

    Vor rund 200 Jahren hat dies einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung in Deutschland mit seiner Anmerkung zur versalzenen Suppe und dem Nicht-besser-Kochen-müssen bereits geklärt (sollte man denken).

    Es fällt unangenehm auf, dass Sie so oft der Auseinandersetzung in der Sache entfliehen wollen, indem sie moralisierende Kommentare zur vermeintlichen (und kritikwürdigen) Motivation ihrer Gegner abgeben.

  4.   Wirtschaftssachverständiger

    @ Mark Schieritz

    Wenn Sie doch nur ein einziges Mal die von Ihnen eingestellten Datenreihen und Grafiken ein wenig sorgfältiger studieren würden!

    Dann könnten Sie zum Beispiel feststellen, dass das Geldangebot seit Beinn der lockeren Geldpolitik durchaus gestiegen ist. Zum Beispiel in den USA seit 2009 um mehr als 20 Prozent.

    Vor allem aber: Was derzeit noch nicht passiert ist, kann ja noch kommen. Wo die Liquidität so großzügig ausgestreut wird, lässt die Inflation nicht lange auf sich warten. Bei den Asset-Preisen haben wir doch längst eine massive Teuerung.

  5.   Thor

    Die Inflation ist doch schon lange da. Bei den „Finanzwerten“. Wo stände denn der DAX,DOW…sonstige Assets, ohne die Finanzspritzen der Notenbanken?

  6.   ergo sum

    @ andreas # 1:

    Immer wieder interessant, wenn auch längst bekannt. Nur geht es hier eben nicht um die USA, sondern um uns.

  7.   Thomas Pittner

    Natürlich braucht es verschiedene Faktoren für eine „Inflation“, gemeint sind wohl Verbraucherpreissteigerungen.

    Am „knappen“ „Geld“ liegt es jedoch nicht, dass die Steigerungsraten (auch mit modernsten Methoden der Messung :roll: ) relativ moderat sind.

    Nur haben es eben nicht die, die Brötchen und Fernseher kaufen. Das „Geld“ reichte auch für mehrer hundert Prozent höhere Preise.

    Insofern ist ja die Nichtinflation, also das aufblasen von Assetblasen, das größere Problem aus der Geldschwemme (nicht der letzten paar Jahre, sondern der letzten Jahrzehnte) als die Inflation.

    Brötchenpreissteigerungen kann jeder erkennen und sich darauf einstellen.

    In Schneeballsystemen gebunkertes Scheingeld dagegen kann jederzeit überall aufschlagen, unprognostizierbar, daher gibt es kaum sinnvolle Abwehrmöglichkeiten für Krisen.

    Und alle gängigen Theorien, die mit einer „passenden“ Geldmenge entwickelt wurden, kann man getrost in den Eimer werfen.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Mark Schieritz

    Sie machen es sich mal wieder zu einfach.

    1.Wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass durch den eintrocknenden Interbankenhandel eine Liquiditätsklemme droht, dann kann NIEMAND etwas Anderes wollen als das, was die EZB tut – den Banken Zugang zu Liquidität zu verschaffen. Schlesinger kann nichts anders machen, weil auch er keine Liquiditätsklemme wollen kann. Wenn man – wie Sie – bei Schlesinger stehen bleibt, blendet man allerdings das damit verbundene Problem aus, dass die EZB faktisch VERTRAGSWIDRIG Fiskalpolitik betreibt.

    2.Unabhängig von 1. verweisen Sie und andere Advokaten dieser Politik immer wieder darauf, dass die EZB die zur Verfügung gestellte Liquidität sterilisieren könne und dadurch auch zukünftig Inflation kein Thema sei. Natürlich kann sie dies. Damit wird aber nicht die Frage beantwortet, ob sie es tun wird, wenn DADURCH z. B. eine Rezession oder gar Deflation zu erwarten wäre. Wenn Sie die Drei-Jahres-Tender der EZB in der jetzigen Situation als weitgehend unproblematisch ansehen – so verstehe ich Ihre Position –, dann sollte sie es offensichtlich nicht tun bei derartig erwarteten Folgen ihrer Politik. Das muss dann nicht gleich Inflation bedeuten, aber Inflation ist dann thematisch in der Diskussion.

    Unterm Strich:

    Sie bauen nicht zum ersten Mal mit VERKÜRZTER Sichtweise eine Argumentationssituation auf, die Ihnen scheinbar Überlegenheit sichert oder – wie in diesem Fall – Andersdenkende als hilflos erscheinen lässt.


  9. Dass von der Geldpolitik der Eurozone eine Gefahr ausgeht, sollte und will wahrscheinlich auch niemand unter den Teppich kehren. Die Zentralbankgeldmenge der Eurozone hat ihre Hauptursache in den Ungleichgewichten zwischen den Mitgliedern. Es wird immer argumentiert, dass das Eurosystem hiergegen nichts unternehmen kann, sondern nur die Politik der Nationalstaaten, da eine einheitliche Geldpolitik existiert und es diese geben muss. Dieses stimmt nicht. Es gab und gibt keine einheitliche Geldpolitik. Die Geldpolitik wird von den NZBs bestimmt. Die Hauptinstrumente hierfür sind ELAs, Target2, Banknotenverteilung und Steuerung, Überwachung der Geschäftsbanken. Wenn dieses so ist, sollte das Eurosystem keine passive, sondern eine aktive unterschiedliche Geldpolitik pro Mitglied betreiben, um die Stabilität des Gesamtsystems und die Prosperität der einzelnen Mitglieder fördern zu können. Hierzu muss als erstes die Illusion der angeblich einheitlichen Geldpolitik über Bord geworfen werden und durch gezielte, koordinierte Geldpolitik pro Mitglied ersetzt werden. So jedenfalls überlebt das Eurosystem nicht, es wird ehr auseinanderfliegen bevor die privaten Kapitalströme sich umkehren und somit von alleine für eine stabile Eurozone sorgen.

  10.   gojko

    @Thomas Pittner: „Nur haben es eben nicht die, die Brötchen und Fernseher kaufen. Das “Geld” reichte auch für mehrer hundert Prozent höhere Preise.“

    Hier im Herdentrieb wurde und wird ja vehement die Position vertreten, daß wir (Deutschland) unter unseren Verhältnissen leben und daher die niedrigverdienenden Bevölkerungsschichten deutlich mehr Lohn bekommen sollten. So würde die Inlandsnachfrage gestärkt.

    Wenn ich jetzt aber den oben zitierten Satz hinzunehme (den ich für richtig halte), dann bedeutet das doch, daß wir mit Lohnerhöhungen sofort eine für jeden spürbare Inflation erzeugen. Die Lohnerhöhungen würden damit quasi wieder neutralisiert.

    Und ich sehe nicht, wie die EZB das dann „sterilisieren“ könnte.

    Im Umkehrschluß hieße das, daß wir bisher nur deswegen keine Inflation spüren, weil das viele EZB-Geld bei den Reichen bleibt, die sowieso nichts damit anfangen können (außer eben Assetblasen aufzupumpen).

    Oder mache ich da irgendwo einen Denkfehler?