So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Die Renationalisierung der Geldpolitik

Von 3. Mai 2012 um 23:51 Uhr

Ich hatte vor einiger Zeit bereits darüber geschrieben, dass die – an sich sehr sinnvollen – neuen makroprudentiellen Instrumente auf nationaler Ebene, wie sie jetzt in Deutschland per Gesetz eingeführt werden, bei nicht sachgerechter Anwendung zu einer Renationalisierung der Geldpolitik führen können. Warum? Weil die nationalen Behörden über Eigenkapitalvorschriften oder ähnliche Maßnahmen die Kontrolle über die Kreditvergabe zurückerobern.

Auch der Economist nimmt sich des Themas nun an:

But in the current climate there is also the danger that such regulations may be used in bigger economies to grab back power from the ECB. By reducing credit availability national central banks can contravene the euro zone’s wider monetary stance.

Aus meiner Sicht gibt es nur eine Lösung: Die nationalen Behörden müssen in kritischen Fällen ihre Maßnahmen von einer europäischen Institution genehmigen lassen, etwa dem ESRB. Damit bliebe die Flexibilität erhalten, national zu reagieren, ohne dass gesamteuropäische Ziele unterlaufen werden können.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es ist immer gut ein institutional framework zu haben, das das Richtige tun kann.

    Herauszufinden was das richtige ist und zu erreichen dass die richtigen Leuten an den richtigen Stellen sitzen ist richtig schwierig.

    Das gleiche Problem wie bei allen demokratischen Institutionen

    Da helfen am Besten öffentliche Diskussionen zur Meinungsbildung bei Entscheidungsträgern und checks and balances.

    Insofern ist der Vorschlag bestimmt nationale Entscheidungen nochmal europäische abstimmen zu lassen richtig.

  2. 2.

    Den Keynesianern paßt es nicht in den Kram, aber: die vertraglich festgelegte Aufgabe der EZB ist, die Inflationsrate knapp unter 2% zu halten.

    Wenn der “one size fits all” Zinssatz aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung der Länder (z.B. Deutschland und Portugal) auf einen faulen Kompromiß hinausläuft, ist doch eine weitere Stellschraube mit der Überhitzungen in D verhindert werden können eine großartige Sache.

    Was bei Immobilienblasen passiert, haben wir doch in den USA, GB und Spanien gesehen. Demnächst wohl auch in China. Brauchen wir das hier auch?

    Gruß, Veikko.

    • 4. Mai 2012 um 09:14 Uhr
    • gojko
  3. 3.

    Rettungsschirme, Fiskal-, Stabilitäts- und Wachstumspakte, makroprudentielle Regulierung, Renationalisierung der Geldpolitik – alles nur ein mehr oder weniger hilfloses Herumschrauben an einer Einrichtung, die offenbar nicht zu gebrauchen und nicht zu verkraften ist. Gleichwohl wird krampfhaft(!) an ihr festgehalten. Dieser kapitale, von vorn herein absehbare Irrtum ist aber auch gar zu peinlich.

    Denn es hätte jedem klar sein müssen, was eine Währungsunion der Ungleichen bedeutet, dass sie die Ungleichen alles andere als gleicher macht – mit der Gefahr erheblicher Friktionen und der zwangsläufigen Folge einer ausgeprägten Schwächung des Gesamtverbunds. Und auch die Spielregeln, auf die sich alle vertraglich verpflichtend eingelassen haben, waren glasklar.

    Irgendwann jedoch muss man mal einsehen, dass man sich gründlich verlaufen hat – und vernünftigerweise den falschen Weg wieder verlassen. Ich bin davon überzeugt, dass dies dem europäischen Projekt unter dem Strich gut täte.

    • 4. Mai 2012 um 12:54 Uhr
    • alterego
  4. 4.

    Eines der dümmsten englischen Sprichwörter lautet: “If at first you don’t succeed, try, try again.” Falsch!
    Sobald man sieht, dass man sich auf dem falschen Wege befindet, sollte man sofort aussteigen, um sich weitere Unkosten zu ersparen, anstatt wie unsere “eiserne” Kanzlerin stur weiter zu machen und uns alle ins Unglück zu steuern.

  5. 5.

    @4
    (Erst) Seit sich die wettbewerbsschwächeren Volkswirtschaften in der EWU zunehmend verausgabt haben, kann die deutsche von der EWU profitieren. Jendenfalls wenn und so lange Deutschland Transfers vermeidet und seine Wirtschaft nicht politisch ausbremsen lässt. Es ist dann an den anderen, das EWU-Spiel zu beenden.

    • 4. Mai 2012 um 13:45 Uhr
    • alterego
  6. 6.

    Frederick Soddy läßt grüssen:
    http://www.ftd.de/politik/international/:top-oekonomen-stefano-micossi-besser-als-basel/70031897.html
    Die drei Maßnahmen sind aus seinem 1926 erschienen Buch :
    Wealth Virtual Wealth and Debt, by Frederick Soddy © 1926, George Allen & Unwin LTD
    abgekupfert – siehe dort practical conclusions S.294ff.
    Jetzt heisst es gegen alle Lobbyisten diese durchzusetzen.
    Es gibt viel zu tun in transparenter unabhängiger Arbeitsweise für Europa und eine wohlfahrtsorientierte Weltwirtschaft.
    Francoise Hollande wird am Sonntag beginnen.
    Grüsse auch an Binswanger und Ackermann !

    • 4. Mai 2012 um 17:23 Uhr
    • Rebel
  7. 7.

    #4

    Das ist genau so ein Nonsens, wie der blinde Glaube, dass man nur immer weiter durchhalten muss. Was sie predigen, ist damit im Endeffekt der Weg des geringsten Widerstands, das kann’s auch nicht sein.

    Prinzipiell ist einer Erweiterung des Instrumentariums nicht zu widersprechen. Ich frage mich aber doch, ob man Blasenbildung nicht einfach durch mehr Markttransparenz bzw. Medienpräsenz/aufmerksamkeit entgegensteuern kann.

    Welche Investoren, die Immobilien zB in Hamburg erwerben wollen setzen denn heute noch auf mittel- bis langfristig steigende Preise? Und wenn das alles nur Spekulanten wären, dann könnte die Blase ja ruhig platzen.

    Ich bin ja auch generell der Meinung, dass eines unserer Hauptprobleme in der Krise der Mangel an Leadership ist. Warum war Merkel nicht 2010 in Athen? Oder wenigstens Anfang 2011? Jetzt traut sie sich da nicht mehr hin. Ganz schwach, ob Juncker, Draghi, Schäuble, Merkel, Sarkozy, Hollande.

    Alles Bürokraten, keine Führer (nicht im Nazi-Sinne gemeint) oder Visionäre. Es fehlt so eine Art Rommel – im Sinne einer Führungspersönlichkeit, die von der Front aus führt, die Reihen schließt und semi-plausiblen Optimismus in den vorderen Reihen verbreiten kann.

    Alex

    • 4. Mai 2012 um 20:23 Uhr
    • Alex
  8. Kommentar zum Thema

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