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Deutschland wieder auf dem Weg in die Deflation

Von 20. Juni 2012 um 15:02 Uhr

Von Inflation ist in Deutschland weit und breit nichts zu sehen. Es geht vielmehr in die andere Richtung: Nach den Zahlen, die heute früh veröffentlicht wurden, lagen die gewerblichen Erzeugerpreise im Mai saisonbereinigt um 0,4 Prozent unter dem Aprilwert, und seit Februar sind sie annualisiert mit einer Rate von nur 0,6 Prozent gestiegen. Die niedrigen Renditen auf Bundesanleihen haben nicht nur damit zu tun, dass Deutschland wegen seiner soliden Staatsfinanzen als Safe Haven gilt, sondern auch damit, dass die Inflationsrisiken minimal sind.

Grafik: Deutsche Erzeugerpreise 3m-annualisiert 1997-1205

Bei den Verbraucherpreisen gab es im Mai bekanntlich ebenfalls einen Rückgang gegenüber April (0,1 Prozent), und nur einen annualisierten Anstieg von 0,4 Prozent seit Februar. Das hatte wesentlich mit der Wende bei den Energiepreisen und dem Rückgang der Einfuhrpreise insgesamt zu tun. Selbst bei den Ausfuhrpreisen herrscht inzwischen absolute Stabilität.

Grafik: Deutsche Verbraucherpreise 3m-annualisiert 1997-1205

Da das reale Sozialprodukt jetzt kaum noch expandiert, wofür vor allem die ZEW- und Ifo-Indikatoren sowie die rückläufigen Auftragseingänge in der Industrie sprechen, ist es für die Unternehmen sehr schwer, ihre Preise zu erhöhen. Der schwache Euro hilft ihnen dabei nur der Tendenz nach, fundamental ändert er nichts an der Tatsache, dass die deutschen Inflationsraten dabei sind, ins Negative abzurutschen. Der wichtigste Grund dafür ist die schwächelnde Weltwirtschaft. Deren reales BIP scheint im zweiten Quartal nur noch mit einer Verlaufsrate von 1,5 Prozent zugenommen zu haben, verglichen mit einem Langfristtrend von etwas unter 3 Prozent. Sowohl in Deutschland als auch global vergrößern sich also die Outputlücken. Schwache Nachfrage kombiniert mit einer Zunahme des potenziellen Sozialprodukts erzeugt stets einen Abwärtsdruck auf die Preise.

Auch von den Löhnen geht keine Inflationsgefahr aus. Im Gegensatz zu dem, was die Medien in letzter Zeit verbreitet haben, und dem Eindruck, der in der Öffentlichkeit entstanden ist, sind die Zuwachsraten auf’s Ganze gesehen immer noch sehr moderat. Im ersten Quartal waren die tariflichen Stundenlöhne gerade einmal 1,9 Prozent höher als vor Jahresfrist. Da die Anzahl der Arbeitslosen seit Januar bei 2,9 Millionen verharrt, was einer Arbeitslosenquote von 6,8 Prozent entspricht, ist nicht zu erkennen, wie und wo Lohninflation entstehen könnte.

Die Europäische Zentralbank druckt derweil als de facto-Lender of Last Resort für die Banken und staatlichen Schuldner des Euroraums agressiv Euro, was denen, die an eine feste Verbindung zwischen Notenpresse und dem Ausgabeverhalten von Haushalten, Unternehmen und Staat glauben, Schweißperlen auf die Stirn treibt. Sie können sich beruhigen: Da der Schuldenabbau bei allen Akteuren obenan auf der Prioritätenliste steht, gibt es diesen Nexus auf absehbare Zeit nicht mehr. Bei unterausgelasteten Kapazitäten wäre er auch in einer “normalen” Rezession nur sehr schwach. Gegenüber dem vergangenen Jahr haben die Banken Eurolands im April ihre Kredite an den privaten Sektor nur um 0,3 Prozent ausgeweitet; real ist das ein kräftiger Rückgang. Der sogenannte Transmissionsmechanismus zwischen Geldpolitik und nominalem Sozialprodukt funktioniert nicht mehr. Wir kennen das von Japan.

Grafik: M3 und Kredite in der EWU 1999-1204

Das heißt allerdings nicht, dass die EZB nicht noch mehr Gas geben könnte, oder dass das von Vornherein wirkungslos wäre. Je nachdem wie man rechnet, ergibt sich nach der Taylor-Rule für den Leitzins der Notenbank ein “angemessener” Wert zwischen plus 0,5 und minus 2 Prozent. Da gibt es also noch Spielraum, angesichts der Zinsuntergrenze von Null ist er aber nicht groß. Der stärkste expansive Effekt käme dann zustande, wenn die EZB unter dem Druck der Umstände direkt oder indirekt eine nachhaltige Sanierung und Rekapitalisierung der Banken auf den Weg brächte. Darauf dürfte es in den nächsten Tagen und Wochen wohl hinauslaufen

Tendenziell deflationär wirkt im Übrigen die europäische Finanzpolitik. Das reale BIP von Euroland dürfte in diesem Jahr um etwa 0,6 Prozent niedriger sein als 2011, nicht zuletzt weil die staatlichen Defizite um nicht weniger als 1,7 Prozentpunkte des BIP zurückgefahren werden dürften. Diese extrem pro-zyklische Politik bewirkt für sich genommen im Jahr 2012 einen Rückgang des realen BIP gegenüber 2011 um 0,9 Prozentpunkte. Bislang gibt es noch keinen akzeptierten Plan, wie gleichzeitig das Wachstum nennenswert stimuliert werden könnte. Schulden sollen ja nach dem Willen unserer Kanzlerin nicht mit neuen Schulden bekämpft werden. Das volkswirtschaftliche Verständnis der schwäbischen Hausfrau eben. Strukturreformen am Arbeitsmarkt, bei der Finanzverwaltung und anderen Institutionen brauchen aber Jahre, bis sie sich in höheren Expansionsraten beim Sozialprodukt niederschlagen. Kurzfristig ist nicht viel gewonnen, und langfristig sind wir alle tot.

Solange nicht erkennbar ist, dass sich hier etwas tut, kann ich wohl getrost bei meiner Überschrift bleiben – dass Deutschland auf dem Weg in die Deflation ist.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wer sich immer nur vor Inflation fürchtet, hat sich letztlich eine heftige Deflation redlich verdient. Es scheinen jetzt nach und nach alle das zu tun, was die schwäbische Hausfrau immer gefordert hat: sie sparen. Vielleicht guckt sie bald ganz schön blöd aus der Wäsche, die schwäbische Hausfrau. Macht nichts: man muss ihr nur erklären, dass das Ausland an allem schuld ist. Dann wird das schon wieder.

    • 20. Juni 2012 um 17:52 Uhr
    • EuroOptimist
  2. 2.

    es wird der tag kommen wo entdeckt wird, das billiges geld auch die realwirtschaft braucht. spätestens wenn sie im euro raum wachsen soll. kann nicht mehr lange dauern.

  3. 3.

    Deflation bei gleichzeitigem Stagnieren der Wirtschaft, die sogenannte Stagflation, kann die Wiedergesundung verlangsamen. Eine langfristige Japanisierung der europäischen Wirtschaft wäre aber sehr gefährlich. Vorzuziehen wäre also eine leichte Inflation.

  4. 4.

    Der Artikel ist sehr gut.
    Der Autor könnte allerdings der Aussage, dass der Schuldenabbau bei allen Akteuren ganz oben auf der Prioritätenliste steht, mehr Ausdruckskraft verleihen, wenn er auch eine Graphik seinem Bericht beifügen würde, die den sinkenden Schuldenstand im Euro-Land dokumentiert.
    Ach so, die gibt es gar nicht.

    • 20. Juni 2012 um 19:52 Uhr
    • Pfannkuchenvergifter
  5. 5.

    Herrlich! Alle Jahre wieder ein Deflationsartikel in der Zeit. Kaum sinken die Benzinpreise mal für eine Woche, steht die Deflation wieder vor der Tür. Dabei ist es natürlich egal, dass die Mieten und Immobilienpreise in Deutschland kräftig gestiegen sind und absehbar weiter steigen, es ist egal, dass die Wohnnebenkosten dieses Jahr wieder 5% höher ausfallen wird, als im letzten Jahr. Es ist offenbar auch egal, dass die Löhne und Gehälter gerade der sogenannten “Mittelschicht” im letzten Jahr deutlich gestiegen sind. Auch dass der Euro im Vergleich zum Dollar, Yen und Schweizer Franken deutlich gefallen ist, spielt natürlich keine Rolle. Gas und Stromversorger haben ihre Tarife natürlich auch erhöht. Und irgendwie ist es ja beruhigend, dass all das Geld, was die EZB druckt, auf keinen Fall jemals in der Realwirtschaft ankommen wird – nur warum druckt sie es dann bloss?

    Kleiner Hinweis an den Author: Bald sind Sommerferien, der Liter Super wird wahrscheinlich wieder deutlich über 1,65 notieren, natürlich wegen des schwachen Euros und der hohen Nachfrage und vielleicht auch wegen des Ölpreises.

  6. 6.

    Das Gespenst Inflation, was gar keines ist. Woher soll denn eine Inflation überhaupt kommen? Ich kann keine feststellen. Nahrung in Deutschland wird einem förmlich hinterher geschmissen, andere Produkte werden kaum noch zum ausgewiesenen Preis verkauft, sondern immer und irgendwie zu einem rabattierten Preis angeboten. Einzig und alleine Energie steigt im Preis, aber so schlimm kann es nicht sein, denn Auto gefahren wird trotzdem und an anderer Stelle kann ich ja sparen. Die Gefahr eine Deflation ist also gegenwärtig fast größer als die einer Inflation. Besonders dann, sollte die Wirtschaft doch noch abschmieren, was ja so unwahrscheinlich auch nicht ist.

    Schon komisch, wie tief die Angst vor Inflation ist, wo doch kaum noch Überlebende der Hyperinflation unter uns sein können.

    • 20. Juni 2012 um 20:29 Uhr
    • Infamia
  7. 7.

    Wenn das Problem eine in der Summe zu hohe Verschuldung von Staat, Haushalten und Unternehmen (auch Banken!) ist, dann kann es c. p.

    nur ein Deleverage, das in der Tat deflationäre Tendenzen aufweist

    oder

    nur ein Oszillieren um ein Maximum gerade noch verkraftbarer Schulden geben, um gerade einmal deflationären Tendenzen zu entgehen.

    Ein nennenswertes Wachstum kann es auf kurze bis mittlere Frist nicht geben, weil – wie im Artikel richtig festgestellt wird – die dafür erforderlichen Strukturbedingungen nur längerfristig erreichbar sind (wenn man überhaupt darauf hin arbeitet).

    Dieses Szenario ist die Kehrseite einer jahrzehntelangen Verschuldungspolitik, die an ihre Grenzen gestoßen ist und damit nachhaltiges Wachstum nich mehr generieren kann.

    • 20. Juni 2012 um 20:43 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 8.

    Die Einkommensentwicklung ist real deflationär. Dank kalter Progression wird selbst eine nominelle Inflation zur realen Deflation für die Arbeitnehmer. Dass sich das auf Basisgüter tendenziell deflationär auswirkt – wen wunderts? Die Leute haben nicht mehr auszugeben.

    Bitter ist aber, dabei beobachten zu müssen, wie die Inflation zugleich die mühsam erarbeiteten Sparguthaben auffrisst und Immobilien zu einem Luxus für immer weniger werden.

    Ich fände es anständig, wenn solche Artikel in der ZEIT künftig mit einer orientierenden Information darüber versehen werden, von welchem sozialen Niveau aus der Autor seine Wahrheiten verkündet. Kommt die normal verdienende Familie (80 h SCHWERE Arbeit = 45 h netto = gerade noch so über die Runde) in der Wahrnehmung der ZEIT überhaupt noch vor?

  9. Kommentar zum Thema

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