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Der Ölpreis wird fallen

 

Wie mir immer wieder unter die Nase gerieben wird, habe ich keine Ahnung vom Ölgeschäft. Ständig sage ich voraus, dass der Ölpreis sinken wird, aber wo ist er? Immer noch über 100 Dollar, und das schon seit Anfang 2011 (Brent). Langsam könnte es mir peinlich sein – wenn ich nicht wüsste, dass ich am Ende Recht behalten werde.

Grafik: Tägl. Rohölpreis (Brent) seit 1990

Warum halte ich Erdöl für überteuert? Am wichtigsten ist vermutlich, dass die Preise für Strom aus Photovoltaik ständig fallen. In Teilen Asiens sind sie bereits so niedrig, dass diese Art der Stromproduktion nicht mehr weiter staatlich gefördert werden muss. Technischer Fortschritt und rückläufige Kosten durch Massenproduktion sind dafür verantwortlich. Es fehlt zudem nicht an Flächen, wo die Paneele installiert werden können, auf Dächern, über der Autobahn oder in der Wüste Gobi. Hinzu kommt, dass demnächst mit bahnbrechenden Fortschritten oder Kostendegressionen in der Batterietechnik zu rechnen ist, wodurch es nicht mehr so wichtig für die Akzeptanz des Sonnenstroms ist, dass die Sonne nur tagsüber scheint.

Grafik: Vergleich: Ölpreis und Preise für PV-Module in Deutschland

Bei der Windkraft fallen die Preise auch, aber nicht so rasch. Hier geht es darum, die Anzahl der Volllaststunden zu maximieren und den Wind auf einer großen Fläche da einzufangen, wo er vergleichsweise immer kräftig weht, also in großer Höhe und nicht nur an den Küsten und offshore. Matthias Willenbacher schreibt in seinem Buch Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin, dass man die Menge an Windstrom allein durch höhere Türme und größere Rotorblätter erheblich steigern kann, ohne das Landschaftsbild groß zu verändern (S. 72). Die alten Anlagen werden an derselben Stelle durch effizientere ersetzt. Vor allem in China und den USA ist die Erzeugung von Windstrom sehr billig – offenbar vor allem deswegen, weil die Windparks dort sehr groß sind; die Produktionskosten sinken mit deren Größe.

Die hohen Ölpreise waren in den vergangenen Jahren ein Anreiz, in unzugänglichen Gefilden nach Öl zu bohren und dafür Hunderte von Milliarden Dollar auszugeben. Die Durchschnittskosten dieser Ölproduktion sind vielfach nicht viel niedriger als der jetzige Marktpreis, was zeigt, dass es sich dabei um Wetten auf weiter steigende Preise handelt. Große neue Felder wurden bisher allerdings nicht erschlossen, was vermutlich einer der Gründe dafür ist, warum ein Einbruch der Ölpreise bisher ausgeblieben ist. Das Angebot nimmt nur langsam zu. Wenn die Preise eines Tages unter die Marke von etwa 100 Dollar pro Fass sinken sollten, aus politischen oder konjunkturellen Gründen, oder weil die chinesische Immobilienblase schließlich doch platzt, werden die neuen Anlagen in die Verlustzone rutschen. Da die Grenzkosten einer einmal installierten Anlage in der Nähe von Null liegen, wird es nach den Regeln der Marktwirtschaft zu einem Preiskampf kommen. Unter Wettbewerbsbedingungen bewegt sich der Marktpreis dann auf die Grenzkosten zu, es kommt also zu einem Preiseinbruch.

Insgesamt dürfte es hier zu massiven Fehlinvestitionen (stranded assets) gekommen sein, einer Bubble, ähnlich der, die es vor 2007 auf den Immobilienmärkten einiger OECD-Länder gegeben hatte, auch von der Größenordnung her (siehe Ambrose Evans-Pritchard: Fossil industry is the subprime danger of this cycle, The Telegraph, 9. Juli 2014). Seit 2008 wird jährlich zwischen 800 Milliarden und einer Billion Dollar in die Entwicklung und Gewinnung fossiler Brennstoffe investiert. Die Ölmultis könnten sich überhoben haben und im schlimmsten, aber nicht unwahrscheinlichen Fall Konkurs gehen.

Bis zuletzt hat sich der Ausstoß von Kohlendioxid weltweit ständig erhöht. Die Qualität der Umwelt verschlechtert sich global also immer noch. In China ist es stellenweise so schlimm, dass es in den Küstenstädten zu Massenprotesten gegen den Smog gekommen ist. Die chinesische Führung hat inzwischen das Verbrennen von Kohle gedeckelt. Ähnlich ist es in anderen Schwellenländern. Um die Umwelt nicht gänzlich zu zerstören, wird überall per Regierungsbeschluss die Menge der Schadstoffe begrenzt. Auch das macht den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien attraktiver und senkt ceteris paribus den Ölpreis.

Grafik: Globale Emission von Kohlendioxid, 1980-2013

Ich bin mir außerdem nach wie vor sicher, dass die hohen Ölpreise die Verbrauchsgewohnheiten nachhaltig verändern. Sie zwingen die Haushalte und Unternehmen, sparsamer mit Energie umzugehen. Ich bin mir auch darüber im Klaren, dass sich Blasen an den Märkten fast immer länger halten, als nüchterne Analysten das erwarten. Mit einem solchen Fall haben wir es hier zu tun. Wetten wir?

104 Kommentare

  1.   Florian

    Deutschland ist ja bekanntlich „Vorreiter“ bei der Energiewende.
    Zumindest in Deutschland hat diese Energiewende allerdings nicht zu einem Rückgang bei der Kohleverstromung geführt. Sondern zu einem Anstieg.

    Der Grund ist einfach: Energie lässt sich schlecht speichern. Und Wind und Sonne produzieren halt nicht dann, wenn der Bedarf da ist sondern dann wenn sie Lust haben.
    (Der von Ihnen erwähnte Ausweg „Batterietechnik“ ist leider nur ein Traum. Für die Größenordnungen die notwendig wären, um eine mehrtägige Windflaute zu kompensieren ist Batterietechnik schlicht um mehrere Zehnerpotenzen zu teuer.

  2.   Peter Ledwon

    Sie haben vollkommen Recht: Der Preis wird fallen. Und er wird auch (wieder) steigen oder aber evtl. genau andersherum. Man schaue sich nur die Preisvolatilität der letzten 7 Jahre an. Wie immer schreibt Herr Wermuth die aktuelle Lage geringfügig angepasst fröhlich in die Zukunft weiter.
    2006/07 hat er bestimmt ähnlich geschrieben und keinen US-Hypothekenmarkteinbruch kommen sehen…
    Viel eindrucksvoller wären Angaben wie diese: wann(!) Herr Wermuth rein und wann(!) er raus aus dem Markt gehen würde.
    Und in welche Richtung.

  3.   TomW

    Gibt es in China überhaupt eine Immobilienblase? So wie ich das verstanden habe, sind Immobilien das einzige, wie dort jemand überhaupt überschüssiges Geld, z.B. zur Altersvorsorge einigermaßen sicher anlegen kann. Die Immobilien stehen oft sogar leer. Die Spekulation ist dort deswegen ganz anderer Natur als wir das anderswo gesehen haben. Mangels Alternativen für Anlagen wird diese Blase aber wohl eher nicht platzen, weil man in China als einfacher Mensch sein Geld eben nicht einfach so zur Bank tragen kann. Dort würde man es nämlich ganz sicher verlieren, weil Betrügereien dort sehr üblich sind und die Zinsen meist deutlich unter der Inflationsrate liegen. Deswegen lohnt die langfristige Investition in Immobilien, selbst wenn man dabei Geld verlieren würde. Und China ist zudem ein Land in großem Wandel, d.h. man kann langfristig darauf hoffen, dass die Immobilien doch noch benötigt werden, selbst wenn sie über Jahre oder Jahrzehnte leerstehen.

  4.   Barthel Berand

    @ Dieter Wermuth,

    Ich glaube nicht, dass es zielführend ist, den Ölpreis mit der Preisentwicklung bei Solar- und Windstrom zu vergleichen.

    Die Einsatzquote von Öl für die Energiegewinnung liegt deutlich unter 50%. Davon wiederum entfällt der größte Teil auf die Kraftstoffproduktion (Verkehr). Eine Konkurrenz zwischen Solar/Wind und Öl ist daher nur sehr schwach ausgeprägt. Sollte die Effizienz des Elektromotors im Automobilbereich zukünftig deutlich zunehmen, wird diese Konkurrenz stärker und Ihre Argumentation wird stichhaltiger. Das halte ich derzeit aber für Zukunftsmusik.

    „Bis zuletzt hat sich der Ausstoß von Kohlendioxid weltweit ständig erhöht. Die Qualität der Umwelt verschlechtert sich global also immer noch. In China ist es stellenweise so schlimm, dass es in den Küstenstädten zu Massenprotesten gegen den Smog gekommen ist.“

    Randnotiz:
    CO2 ist ein unsichtbares und geruchloses Gas. Das hat mit Smog nichts zu tun. Ferner beträgt der Anteil des menschengemachten CO2 nur um die 5%. Der überwiegende Anteil ist also natürlichen Ursprungs. Wenn Sie jetzt noch einen Globus in die Hand nehmen und sich die Fläche Deutschlands vergegenwärtigen, erscheint die Klimahysterie in unserem Lande trotz seiner vergleichsweisen hohen Industrialisierung ein wenig weltfremd. Kosten und Nutzen stehen in keinerlei Verhältnis.

    Klimapolitik ist seit dem Ende des kalten Krieges das neue politische Gängelband, das uns die Politik durch die Nase gezogen hat, um uns eine Nützlichkeit vorzutäuschen, die sie nicht haben kann.

    Man sollte es durchtrennen.

  5.   TomW

    Wenn der CO2-Output steigt, wächst zwangsläufig auch die Nachfrage nach fossilen Energieträgern wie Erdöl. Das spricht gegen sinkende Ölpreise. Manche sind sogar heute schon der Meinung, dass wegen des bislang ungebrochen Wachstums beim Energieverbrauch Peak Oil längst erreicht ist und die Förderung also längst hinter dem Wachstum zurückbleibt. Der wachsende Ausbau der erneuerbaren Energien schliesst diese Energielücke, stellt also keinen Ersatz fossiler Energieträger dar. Das erklärt den wachsenden CO2-Output, der ja bei einem Ersatz von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energien sonst zurückgehen müsste.

    Deswegen wird der Ölpreis eher oben bleiben, es sei denn, die globale Wirtschaft bricht vollkommen zusammen und damit die Nachfrage nach Energie insgesamt. Passiert das nicht, müssen wir weiter von einer wachsenden Nachfrage nach Energie ausgehen, was den Ölpreis stabilisiert.

  6.   TomW

    @Barthel Berand: Bei den Naturwissenschaftlern steht der Klimawandel und seine Ursache heute nicht mehr in Frage, er ist Konsens.

    Deswegen ist Ihre Behauptung in etwa mit der Feststellung vergleichbar, die Sonne würde sich um die Erde drehen. Die Kirche und ihre Anhänger sind zwar mit dieser Behauptung noch über tausend Jahre hausieren gegangen, haben damit aber am tatsächlichen Weltenlauf nichts ändern können.

  7.   Barthel Berand

    @ TomW

    Wir scheinen das Wort „Konsens“ unterschiedlich auszulegen.

    Wie viele Quellen sollen ich Ihnen angeben, damit Sie diese Aussage widerrufen?


  8. @1
    Eine jahrzehntelange Agenda der Energiepolitik auf einem kurzen Ausschnitt, dem „Ist-Zustand“, zu begründen wäre schlicht kurzsichtig. In der Elektrotechnik haben wir den letzten Jahrzehnten Quantensprünge überall dort erlebt, wo Geld in Entwicklung geflossen ist. Denken Sie nur an die IT, da haben die ersten Experten die aus dem Feld gab in den 80ern auch felsenfest absolut unhaltbare Thesen in den Raum gestellt. Und die heutigen Kapazitäten der Computer hätte kein einziger damals für möglich gehalten oder eine entsprechende Prognose geglaubt. Alleine was ein 100 Euro Smartphone heute so alles kann wäre pure Utopie gewesen und jeder „seriöse EDV“ Techniker hätte einen ausgelacht und einem irgendwas von Zehnerpotenzen vorgerechnet…

    Wir sind aktuell erst ganz am Anfang einer verstärkten Entwicklung von Speichertechnologien, die über kompakte Kurzzeitspeicherung von Energie für genügsame Handgeräte hinausgehen. Angefangen vom neuen Bereich der EBikes, über die EAutos bis hin zu Industrieanwendungen von Energiespeicherung. Nach wie vor ist nicht einmal die Aufbauarbeit entsprechender Forschungsinfrastruktur abgeschlossen. Und angesichts absolut unerwarteter aber doch verblüffend einfacher Durchbrüche wie bei neuen Werkstoffen wie „Graphen“ spricht auch nichts dafür, dass ernsthafte Forschung die von Ihnen genannten Probleme nicht mittel- und langfristig wird lösen können. Kurzfristig haben wir nach wie vor den aktuellen Kraftwerkspark und es steht uns nach wie vor Erdöl zur Verfügung. Wenn wir den Umstieg vor „Peak Oil“ schaffen ist doch alles in Butter.

  9.   Tiefenwahn

    Ich glaube nicht an wirkliche Ölpreissenkungen. Warum sollte Saudiarabien sein Öl billiger verkaufen, sie können doch ihr Öl einfach behalten und abwarten. Die Rendite, die man erzielt, wenn man das Öl im Boden läßt, dürfte um ein Vielfaches höher liegen als die Rendite, die man heute anderswo erzielt. Langfristig wird der Preis von Öl auf jeden Fall steigen. Es macht überhaupt keinen Sinn wertvolles Öl unter Preis gegen das neugedruckte Papiergeld der westlichen Notenbanken zu tauschen. Natürlich hat Saudiarabien auch ein Interesse daran, dass die Weltwirtschaft nicht zusammenbricht – aber Ölpreissenkungen gehören da nicht dazu.


  10. @9
    Der Markt lässt sich auch von der OPEC nicht grenzenlos manipulieren. Wenn man für Öl zu diesem und jenem Preis nicht ausreichend Abnehmer findet dann passt man sich schon an. Das beginnt bei ganz banalen Zusammenhängen, wie dass die Lagerkapazitäten vor Ort zB begrenzt sind und man das Zeug halt irgendwann losschlagen muss, will man die Förderung nicht einstellen (was technisch häufig gar nicht möglich ist, will man das jeweilige Bohrloch nicht „verlieren“ usw., hochkomplexe Angelegenheit).

    Natürlich wird der Preis langfristig steigen. Das Ölzeitalter wird in der Rückschau keine Glockenkurve bilden, wie es die Peak-Oil Leute immer gerne zeigen. Die Realität ist deutlich komplexer. Ich vermute, dass wir aktuell eine stationäre Phase erleben, die von „Mikrozyklen“ volatiler Preisentwicklung geprägt ist. Erst wenn diese stationäre Phase endet gibt es substantielle Aufwärtsentwicklungen, die irreversibel sein werden. Dann sollten wir umgestiegen sein.

    Es macht übrigens aus Sicht der Ölstaaten sehr wohl Sinn, den dort hat man nichts. Das sind Gesellschaften die als einfachste Hirten, Nomaden usw. lebten, bis man dort zufällig Öl im Boden gefunden hat. Auch Jahrzehnte des unverhofften (und objektiv gesehen auch unverdienten, wortwörtlich) Wohlstandes haben dort nicht dazu geführt, dass sich sichtliche heimische Wirtschaftszweige gebildet hätten, die für die Zeit nach dem Öl ausreichen würden, um auch nur unseren Lebensstandard zu halten – geschweigedenn die dort aktuell gelebten Exzesse. Die verzweifelten Versuche mit viel Geld zB Airlines zu etablieren zeigen das ganz gut. Unser ach so vulgäres Papiergeld ist der letzte Strohhalm dieser Gesellschaften, weil alles andere versagt hat (man kriegt dort nicht einmal Mechaniker in ausreichender Zahl ausgebildet um Militärjets zu warten, stattdessen werden dort tatsächlich Jets mit komplexeren Defekten „weggeworfen“ und einfach neue gekauft, muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen). Die Hoffnung dieser Länder ist zum Ende des Ölzeitalters genug „Papiergeld der westlichen Notenbanken“ angehäuft zu haben, um von den Erträgen der damit erworbenen Geldanlagen im Westen irgendwie überleben zu können. Und genau darum haben diese Länder im Übrigen auch ein großes Interesse, dass der Ölhunger durch zu hohe Ölpreise nicht zu stark sinkt. Denn das Ölzeitalter wird so oder so nicht aus Mangel an Öl enden, sondern weil wir vorher einfach umsteigen und Erdöl nur noch ein Randprodukt für die petrochemische Industrie sein wird (Herstellung von Pharmazie, Kunststoffen und dergleichen) und nichts mehr sein wird, was auch nur ansatzweise mit den aktuellen Umsatzzahlen mithalten wird können, also mithin nichts mehr ist, wovon man zigtausende verhätschelte „Prinzen“ und deren „Nebenfrauen“ usw. durchfüttern und dabei noch protzige Kitschpaläste auf künstlich aufgeschütteten Inseln errichten kann.

    „Alles muss raus“, das Ölzeitalter muss man noch mitnehmen, solange es noch dauert. Aus unserer individuellen Perspektive mögen die Fortschritte wie kleine Trippelschritte wirken, in historischen Dimensionen wird das Ölzeitalter aber eine Randnotiz sein und so richtig, angefangen mit der Massenautomobilisierung durch Ford, keine 150 Jahre gedauert haben. Das wird von unseren Nachfahren genauso vergessen sein bzw. belächelt werden, wie wir heute darüber Schmunzeln, dass die westlichen Metropolen im 19. Jahrhundert mit aus Walen gewonnenem Tran beleuchtet wurden und wie umständlich Dampfmaschinen waren.

    „Die haben Überreste urzeitlicher Lebewesen verbrannt um damit laute Höllenmaschinen mit einem Wirkungsgrad von 20% anzutreiben“ wird man einmal amüsiert über unsere Verbrennungsmotoren sagen.