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EZB – mit noch mehr Geld gegen die Deflation

 

Seit drei Jahren verfehlt die EZB ihr Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent. Zuletzt waren die Verbraucherpreise um 0,1 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Angesichts des erneut fallenden Ölpreises, des schwächeren Wachstums in China, der anhaltenden Bilanzbereinigungsprozesse in mehreren europäischen Ländern, der hohen Arbeitslosigkeit und der großen Outputlücke sieht es nicht danach aus, dass sich die Inflation nachhaltig oder auf eine gefährliche Weise beschleunigen könnte. Auf den Stufen, die dem privaten Verbrauch vorgelagert sind, also bei den Einfuhren, im Großhandel und in der Industrie, herrscht Deflation, sodass es von den Kosten her kaum Druck gibt, die Konsumentenpreise zu erhöhen. Deflation ist das Risiko, nicht Inflation. Am vergangenen Donnerstag hat Mario Draghi daher angekündigt, die Geldpolitik weiter zu lockern.

EZB - mit noch mehr Geld gegen die Deflation

Ist das überhaupt noch möglich? Groß ist der Spielraum nicht mehr, aber es gibt ihn. Wahrscheinlich wird zum einen der Zins, den die Banken auf ihre Einlagen beim Eurosystem „bekommen“, nach dänischem und Schweizer Modell von jetzt -0,2 Prozent auf vielleicht -0,5 Prozent gesenkt, zum anderen dürfte die EZB-Bilanz aggressiver und für eine längere Zeit als bisher geplant ausgeweitet werden. Der Finanzsektor soll mit Liquidität überschwemmt und die Geldanlage so unattraktiv gemacht werden, dass die Banken fast gezwungen sind, größere Risiken einzugehen, wenn sie Gewinne machen wollen. Sie verkaufen Wertpapiere an die EZB, erhalten dafür Guthaben auf ihren Zentralbankkonten und auf die müssen sie einen Strafzins zahlen – was ihnen natürlich nicht gefällt.

Im Vergleich zu den USA und Japan ist das quantitative easing, die großzügige Versorgung der Banken mit Zentralbankgeld, bisher äußerst vorsichtig und keineswegs großzügig vonstattengegangen: Gegenüber Anfang 2007, also der Zeit vor der Finanzkrise, hat die Fed ihre Bilanzsumme um das Fünffache vergrößert, die Bank von Japan um mehr als das Dreifache, die EZB dagegen um weniger als das Zweieinhalbfache. Niemand weiß, ob es diese Unterschiede sind, die dazu geführt haben, dass das nominale BIP der USA so viel rascher zunimmt als das BIP des Euroraums – dort um 24 Prozent im Zeitraum 2007 bis 2015, hier nur um rund 9 Prozent –, vielleicht lag es vielmehr daran, dass das amerikanische Deleveraging im privaten Sektor nach der geplatzten Immobilienblase aus strukturellen Gründen schneller vonstattenging als das europäische oder dass die Finanzpolitik insgesamt expansiver war. Die lockerere Geldpolitik hat der US-Wirtschaft jedenfalls nicht geschadet. Vor allem hat sie sich bislang nicht in nennenswert höheren Inflationsraten niedergeschlagen. Mit anderen Worten, es spricht aus Sicht der EZB viel dafür, bei den Wertpapierkäufen einen Gang hochzuschalten oder das Programm über den September 2016 hinaus zu verlängern. Beides wird wohl passieren.

Grafik: Zentralbankbilanzen seit 2007

Was können die Banken mit dem zusätzlichen Geld tun, das auf ihren Konten bei der EZB landet? Es ist wie eine heiße Kartoffel – weil es nur Kosten verursacht, wollen sie es loswerden. (Auch wenn ihnen das im Aggregat nicht gelingt.)

Die naheliegende Möglichkeit besteht darin, mehr Kredite zu vergeben. Damit das klappt, werden die Banken weniger pingelig sein müssen, was die Bonität ihrer Kunden angeht. Das Problem besteht darin, dass die guten Schuldner eigentlich kaum Kredite benötigen – die Investitionskonjunktur ist immer noch nicht richtig angesprungen und der Bedarf an Fremdmitteln entsprechend gering. Immerhin die Kredite an den privaten Sektor Eurolands nehmen neuerdings nicht mehr ab. Wenn demnächst noch mehr frisch gedrucktes Geld unterwegs ist, kann vielleicht noch ein bisschen mehr Schwung in das Kreditgeschäft kommen, und damit in die Konjunktur. Die hängt davon ab, wie viel eigenes und geliehenes Geld die Leute und die Unternehmen am Ende ausgeben. Nur wenn es sich dabei um nennenswerte Beträge handelt und nur wenn dann auch die Löhne stärker steigen, lassen sich die Preise erhöhen. Ohne eine robust expandierende Wirtschaft wird es keine Inflation geben.

Grafik: Kredite an den privaten Sektorim Euroraum (%, ggVj)

Die andere Alternative heißt „Wertpapierkäufe“. Kaum haben die Banken ihre Gutschrift von der EZB erhalten, werden sie neue Bonds kaufen – und Aktien. Letztere rentieren, gemessen an der Dividende, im Durchschnitt des DAX mit 2,75 Prozent und damit um rund drei Prozentpunkte besser als die Einlagen bei der Notenbank. Das ist ein kleiner Puffer gegen künftige Kursverluste. Auf anderen europäischen Aktienmärkten ist es ähnlich. Die beträchtlichen Kurssteigerungen sind eine unmittelbare Folge des Anlagenotstands, der durch die Liquiditätsschwemme ausgelöst wurde. Viel Geld trifft auf ein beschränktes Angebot und alles was gut ist, ist inzwischen sehr teuer. Insgesamt hat der Aktienmarkt seinen Bezug zu den fundamentalen Faktoren verloren, den Gewinnen, der Wachstumsrate des Sozialprodukts und den Inflationserwartungen. Er hängt am Gängelband der EZB. Ziemlich gefährlich.

Bonds guter Qualität sind inzwischen ebenfalls sehr teuer und dürften noch teurer werden, wenn die EZB ernst macht mit der Expansion und/oder Verlängerung ihres Anleihe-Ankaufsprogramms. Für zehnjährige Bundesanleihen gibt es bereits heute nur noch eine Rendite von 0,47 Prozent. Der Internationale Währungsfonds hat in seinem neuen Global Financial Stability Report analysiert, wie die fairen Bewertungen der 24 wichtigsten Rentenmärkte der Welt auf der Basis der erwarteten Zuwachsraten des nominalen BIP aussehen müssten: Danach ist kein Markt so überbewertet wie der holländische, der deutsche ist ihm aber dicht auf den Fersen, ebenso wie die Märkte in Frankreich, Japan, in der Schweiz, in den USA und in Großbritannien. Am anderen Ende befinden sich die üblichen Verdächtigen: Russland (bei Weitem am billigsten), Brasilien, Türkei und Indien. Wir haben es mit dem normalen Trade-off zwischen Risiko und Ertrag zu tun, nur extremer als sonst – weil in den reichen Ländern so viel Geld gedruckt wird.

Grafik: Bewertungen von Staatsanleihen, GFSR_Oct2015, p. 26

Wenn geliehenes Geld in großem Stil in die Wertpapiermärkte fließt, sind die nächsten Asset Bubbles nicht mehr fern. Definitionsgemäß werden sie eines Tages platzen. Wie immer wird der Auslöser die zunehmende Diskrepanz zwischen den realistischerweise erwartbaren Erträgen von Aktien und Anleihen einerseits und den Kosten der Wertpapierkredite andererseits sein. Die Leitzinsen angesichts großer kreditfinanzierter Blasen zu erhöhen, ist daher gefährlich. Die Notenbanken sind sich nämlich inzwischen darüber im Klaren, dass es äußerst schwierig ist, mit geldpolitischen Mitteln gegen die Folgeschäden geplatzter Blasen anzukämpfen. Da so viele Akteure überschuldet und vor allem bestrebt sind, ihre Schulden durch sparsames Wirtschaften zu verringern, wirkt eine Politik nicht so richtig, die darauf zielt, mit der Hilfe von niedrigen Zinsen und reichlich Liquidität neue Schulden zu generieren. Dass die amerikanische Notenbank trotz der guten Konjunktur immer noch zögert, die Zinswende einzuleiten, hat mit der Furcht zu tun, dass es zu einer neuen Finanz- und Schuldenkrise kommen könnte. Je länger sie allerdings abwartet, desto größer werden die Blasen und mit ihnen die Überschuldung.

Die EZB könnte demnächst ein ähnliches Problem bekommen. Das Kreditgeschäft, die Konjunktur und die Inflation mit niedrigen Zinsen und viel Zentralbankgeld anzuheizen ist das eine, die zunehmende Überbewertung von Bonds und Aktien das andere. Die Geldpolitik ist klar überfordert.

83 Kommentare

  1.   Babendiek

    Der letzte Satz in dem Beitrag lautet: „Die Geldpolitik ist klar überfordert.“

    Dieser Satz ist absolut richtig, aber vielleicht in einem etwas anderen Sinne als vom Autor gemeint. Die Geldpolitik kann die Kreditvergabe der Banken und damit die Investitionen der Unternehmen nur sehr begrenzt beeinflussen. Dies hat mehrere, ganz verschiedene Gründe.

    Die wichtigsten Financiers der mittelständischen Unternehmen und der privaten Häuslebauer sind die Sparkassen und Volksbanken. Diese Institute profitieren weitgehend nicht vom Ankaufprogramm der EZB, da sie gar keine Anleihen, Aktien und anderen Finanzinstrumente im Handelsbestand haben.

    Genauer gesagt: Die meisten Sparkassen und Volksbanken dürfen Anleihen und andere Wertpapiere nur langfristig halten. Anleihen müssen im Anlagenbuch ausgewiesen und in der Regel bis zur Endfälligkeit gehalten werden.

    Sparkassen und Volksbanken sind rechtstechnisch meist so genannte Nicht-Handelsbuchinstitute (sorry, dies heißt wirklich so). Sie dürfen also keine Handelsbücher führen und keinen Eigenhandel mit Wertpapieren treiben, mit dem Ziel kurzfristig Kursgewinne zu erzielen. M. a. W.: Diese Institute dürfen nicht zocken.

    Sparkassenvertreter wie DSGV-Chef Fahrenschon sehen sich deshalb von der Geldpolitik schwer diskriminiert. Das massive Ankaufprogramm der EZB, das jetzt offenbar verlängert und ausgeweitet werden soll, begünstigt ganz einseitig die Großbanken Deutsche Bank, Commerzbank und HypoVereinsbank/Unicredit. Diese drei Institute kommen bei privaten Kreditnehmern auf einen Marktanteil von nicht einmal 20 Prozent. Rund 80 Prozent der Deutschen haben ihre Bankverbindung hingegen bei einer Sparkasse oder einer Volksbank.

    Die Großbanken wiederum können die Kreditvergabe kaum ausweiten. Dies verhindern vor allem regulatorische Vorgaben wie die höheren Anforderungen an die Eigenkapitalunterlegung.

    Die Deutsche Bank war in den vergangenen Jahren mit einem Minimum an Eigenkapital unterwegs, um die Eigenkapitalrendite in die Höhe zu treiben. Die Eigenkapitalquote der Deutschen Bank betrug zeitweise nur drei Prozent. Zum Vergleich: Sparkassen kommen in der Regel auf vier bis sieben Prozent. Jetzt muss die Deutsche Bank erst einmal die Bilanz aufräumen, bevor an Expansion auch nur zu denken ist.

    Zugleich sinkt die Kreditnachfrage in der deutschen Großindustrie. Dies hat zum einen den Grund, dass die Unternehmen sich zunehmend am Kapitalmarkt finanzieren. Für Anleihen müssen Emittenten mit guter Bonität kaum mehr zahlen als der Bund – erstklassige Corporate Bonds gelten bei den Investoren ebenso als Safe Harbour wie Bundesanleihen. Auch Schuldschein-Darlehen, Convertibles, Hybridanleihen und Mezzanine-Finanzierungen der unterschiedlichsten Couleur haben Hochkonjunktur.

    Zum anderen investieren die Großunternehmen seit Jahren immer weniger in Deutschland. Mir ist eine Studie (ich glaub von der KfW) in Erinnerung, wonach Großunternehmen ihren Kapitalstock in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um insgesamt 100 Milliarden Euro reduziert haben. (Um diesen Betrag waren die Abschreibungen höher als die Neu-Investitionen.)

    Es ist eine schleichende Entwicklung: Großunternehmen bauen die Aktivitäten im Ausland aus, während die Produktion im Inland bestenfalls konstant bleibt. VW hat in den vergangenen Jahren weltweit zehn neue Fabriken gebaut: Acht Werke in China, eines in den USA und eines in Osteuropa, jedoch keines in Deutschland. BASF errichtete riesige Verbundstandorte in China, den USA, Mexiko und Spanien. Airbus baut jetzt, nach Hamburg, Toulouse und China, ein viertes Montagewerk in den USA.

    Aus Sicht der Unternehmen gibt es viele Gründe für die Produktion in den Absatzmärkten: Sie sparen Transportkosten und Zölle. Löhne und Umweltkosten sind in China erheblich niedriger als in Deutschland. Währungsrisiken werden vermindert. Obendrein macht es sich in der Öffentlichkeit und bei Politikern gut, dort, wo man verkaufen will, auch Arbeitsplätze zu schaffen.

    Alle diese Faktoren kann die EZB kam oder gar nicht beeinflussen.

    Anders als die Großindustrie ist der Mittelstand bei den Investitionen hierzulande noch im Plus. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Kapitalstock dieser Betriebe in Deutschland um rund 175 Milliarden Euro.

    Die Mittelständler und die sie finanzierenden Sparkassen und Volksbanken aber werden – siehe oben – von Draghi und seinem Ankaufprogramm diskriminiert.

  2.   Tiefenwahn

    Bei den Negativzinsen muss die EZB aufpassen, dass sie diese nicht zu niedrig ansetzt. Die Banken vermeiden Negativzinsen auf Bankguthaben, da sie Angst haben, ihre Kunden zu verlieren. Diese können ja bei Negativzinsen das Geld auch abheben, und ins Schließfach legen, zumindest die Kunden, die nennenswerte Beträge auf den Konten haben. Um dies gegen zu finanzieren, müssen die Banken dann die Zinsen für Kredite erhöhen, was der Intention der EZB entgegen läuft.
    Die Bondkäufe der EZB vermehren wie gehabt nur das Vermögen der bisherigen Bondbesitzer. Das gleiche gilt auch für andere Assets. Für mittlere Einkommen wird die Anschaffung von Immobilien immer schwieriger bei den sehr stark gestiegenen Preisen. Die Durchlässigkeit der Gesellschaft wird damit immer weiter reduziert, und nur die Reichen profitieren von dieser EZB Politik. Die Vergemeinschaftung der Schulden der Eurogemeinschaft über die EZB mag den Euro vorübergehend retten, aber für Deutschland ergibt sich daraus eine erheblich Mehrbelastung.

  3.   BMMMayr

    Wie verzweifelt man derzeit versucht die Pferde zum saufen zu bringen, sieht man auch an den Konditionen der KfW für den Wohnungsbau. Im normalen Programm 124 sind es 1,65% fest für 10 Jahre.
    Im EnergieeffizientBauen Programm 153 sind es 0,75% für 10 Jahre. Bald wird es in diesem Programm eine Verdopplung der Kreditsumme pro Wohneinheit geben und eine Zinsbindung für 20 Jahre. Und einen Tilgungszuschuß von 5 – 10% der Kreditsumme geschenkt oben drauf.

    Angeblich ist ja Wohnraum knapp und nichts soll ja einen Boom besser befeuern als als eine Immobilienblase.

  4.   HubertLamberti

    Das billige Geld muss in den Wirtschaftskreislauf.
    Da kommt es aber nicht an. Unternehmen investieren nicht, wenn billiges Geld da ist, sondern wenn sie damit rechnen können, dass ihre Produkte auch verkäuflich sind.
    Verkäuflich sind die dann, wenn Konsumenten entsprechende Einkommen haben, also müssten die Löhne steigen.
    Und Konsumenten bekommen Kredit bei der Bank ihres Vertrauens, wenn sie einen einigermaßen festen Arbeitsplatz haben, Befristungen und Zeitarbeit helfen da nicht wirklich.
    Oder soll alles exportiert werden in Länder, wo die Bank für internationalen Zahlungsausgleich immer größere Ungleichgewichte sieht, unterm Strich also „Export auf Pump“!?

  5.   PWeierstrass

    „Was können die Banken mit dem zusätzlichen Geld tun, das auf ihren Konten bei der EZB landet? Es ist wie eine heiße Kartoffel – weil es nur Kosten verursacht, wollen sie es loswerden. […]

    Die naheliegende Möglichkeit besteht darin, mehr Kredite zu vergeben.“

    Oder eben Wertpapiere.

    Und warum nicht… Sachwerte? Die Zentralbanken könnten Immobilien kaufen, und riesige Projekte im Bereich des Sozialen Wohnungsbaus anstoßen.

    Oder eine Bildungsoffensive: Was der Staat in Schüler und Studenten steckt, sackt er am Ende wieder als höhere Steuereinnahmen wieder in.

  6.   Imri Rapaport

    Ich frage mich schon seit Jahrzehnten, warum müssen wir überhaupt eine Inflation haben, die wiederum Einkommenssteigerung fordert um diese zu neutralisieren usw. usw. usw., zumal diese ein künstliches Gebilde ist, welches meisten nur die Einkommensteigerungen des normal Angesetellten/Arbeites neutralisiert, gelegentlich sogar gänzlich auffeilst.
    So wäre es doch viel einfacher keine Inflation zu haben, die Einkommen nur um 1-1,5% p.a. zu steigern als Ergebnis von erhöhter Produktivietät, die wiederum durch kostengünstigere und Rationalisierung bei der Produktion entsteht und das ganze Theater um Inflation wäre vom Tisch. So würde man auch keiner Gefahr einer Deflation unterliegen. Abgesehen davon hat Deflation einen ähnliche Wirkung wie Wettbewerb. Sie motiviert und steigert die Anstrengungen besser zu werden. Und um nicht seine Preise aufgeben zu müssen muss man eben der Beste sein. Und „the better one wins“.

  7.   HellasKöpfchen

    Die Inflationsblase ist doch vor euren Köpfen: steigenden Anlagepreise. Inflation findet nicht flächendeckend statt, sondern nur dort, wohin das Kapital fliesst. Da die normale Ökonomie vom Geldsegen ausgeschlossen ist, gibt es entsprechend keine Inflation, was gut ist. Die angebliche Furcht vor der Inflation ist nur ein fadenscheniger Grund um die Finanzindustrie weiter mit billigem Notenbankgeld zu versorgen. Dies führt unweigerlich in eine Währungsreform. Möglich, das vorher ein wirtschaftliches Erdbeben die Sozialstrukturen auflöst und wir zuerst einen (Bürger-)Krieg haben werden.

  8.   TB42

    @Babendiek

    Dass die Geldpolitik die Sparkassen und Mittelstaendler diskriminiert, kann ich nicht erkennen. So ist mir nicht klar, warum die Grossbanken von der lockeren Geldpolitik profitieren sollen. Das Senken des Zinsniveaus drueckt schliesslich deren Einnahmen. Jedenfalls hat sich die Aktie der Deutschen Bank in den letzten 5 Jahren deutlich schlechter entwickelt als etwa der MDAX.

    Weiterhin beguenstigen niedrigen Zinsen alle Schuldner, insbesondere auch kleine. Das Zinsniveau fuer Immobilienkredite der KfW wurden ja schon erwaehnt.

    (Abgesehen davon, werden ja Sparkassen durch eine explizite Staatsgarantie selbst bei teils sehr, hmm, wunderlichem Verhalten sowieso subventioniert. Also sollten die sich vielleicht nicht so weit aus dem Fenster lehnen …)

  9.   Elke in Pink

    So ein wenig macht das den Eindruck, als wenn langsam die letzt Runde eingeleitet wird.
    Die Instrumentarien sind stumpf geworden.
    Nicht nur ist „die Geldpolitik klar überfordert“, auch die Standard-Lösungen der Angebotstheorie(en) sind im Grunde vor die Wand gefahren.
    Steigende Ungleichgewichte ermöglichen zwar gegenwärtig wieder mal erstaunliche Gewinne, blähen aber unweigerlich in immer stärkerem Maße gigantische Blasen auf, die dann nicht mehr – und das ist neu – durch „Sozialisierung der Verluste“ aufgefangen werden können.
    ‚Cui bono‘ mag aber evtl. die Perspektive erweitern?
    Die durchschnittliche Rendite der letzten 10 Jahre liegt (keine Lust jetzt einen genauen Belge zu suchen) bei deutlich über 10%. Natürich nur für die BESITZENDEN. Nicht für den 1-stelligen Millionär von Nebenan, sondern für die ‚Kaste‘ der tatsächlich ‚Reichen‘.
    (Neo-)Keynesianer weisen zu Recht daraufhin, dass es bizarr ist z.B. Infrastruktur verfallen zu lassen, während gleichzeitig realwirtschaftliche Nachfragestimuli fehlen, dass die Deflation nur durch Lohnerhöhungen bekämpft werden kann, etc., etc.
    Natürlich ist das (bis auf akute Ausnahmen, wie die ‚Abwrackprämie‘) ein folgenloses Rufen im Walde, weil vergessen wird, dass die Formation des neoliberalen Kapitalismus eben nicht ein rein mit volkswirtschaftlicher Ratio zu verstehendes Phänomen ist, sondern diese zugleich Ausprägung eines Herrschaftsverhältnisses ist.
    Der gute alte ‚Klassenkampf‘ also, der ja bekanntermassen jüngst von Warren Buffet ganz gut auf den Punkt gebracht wurde
    „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“. („There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.“
    NY-Times 26.11.2006
    Was sich also für Erna und Otte-Normal als existenzbedrohende Krise verfestigt, und was ganze Staaten in den Orkus zu reissen beginnt, das hat bekanntlich sein Gegenstück im Wachstum eines beschleunigt expandierenden privaten Reichtums.
    Da machen denn auch die gated-communities immer mehr Sinn.
    Was zu DDR Zeiten die Flucht nach aussen militärisch abgeschirmt hat, dient nun dem gewaltförmigen Schutz nach innen.
    Der „antiimperialistische Schutzwall“ wurde abgelöst durch einen weltweiten Trend zu immer mehr „haltet mir die Armen vom Laib“ – Schutzzäunen – natürlich flankiert mit entsprechend bewaffnetem Personal.
    Auch in Europa erleben wir ja als Vorstufe bereits eine stetig steigende sozial-räumliche Segregation.
    Bezieht man dann die ökologische Dimension noch mit ein, wird recht schnell deutlich, dass der aktuelle „wir haben den Kommunismus besiegt“- Kapitalismus für 90% der Menschen in den enwickelten Gesellschaften und für vermutlich 99,99% der Weltgesellschaft ein immer riskanteres Geschäft zwischen güldener Verheissung und angstbesetzten realen Untergangsszenarien geworden ist.
    Die Angst vor sozialem Abstieg, vor Altersarmut, vor Qualifikationsentwertung, vor Minderung des ‚eigenen‘ ‚Human-Capital‘ ist in Phasen kurzer Selbstehrlichkeit für immer mehr Menschen als Begleiter der eigenen Grundgestimmtheit erkennbar geworden.
    Alternativen scheinen (das Ende der Geschichte) diskreditiert, und die Sphäre des realwirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Unternehmertums ist längst meinungsführend abgesichert durch die Sphäre der Medienkonzerne und der meinungsbildenden ‚öffentlich-rechtlichen Anstalten‘ oder ‚Staatsmedien‘.
    Der Terminus ‚Postdemokratie‘ bringt das ja einigermaßen auf den Punkt, wobei ergänzt werden sollte, dass ‚Kasten-internen‘ supranationalen Gremien/Gerichtsbarkeiten/Steuer-regelungen/Round-tables, zunehmend auch formal einer demokratischen Kontrolle entzogen werden (TTIP, etc.).
    Kurzum:
    ich bin mir da nicht so wirklich sicher, denke aber doch zunehmend, dass Lösungen der gegenwärtigen ökonomoschen Krise nicht mehr im Feld der klassischen Ökonomie gefunden werden können.
    Die Rolle von Neokeynesianern und vielen ‚Heterodoxen‘ ähnelt eher der von Kesselflickern, die mal einspringen, wenns brenzlig wird, und im Effekt nur dafür sorgen, dass die Dampflok weiterfährt und krampfhaft Kurs hält auf dem Weg in den Abgrund.
    Die recht kleine Kaste der Entscheider allerdings – und das wollen viele nicht wahrhaben – haben den Zug längst verlassen, was allergings den Funktionseliten durchaus klar ist, weswegen sie sich abstrampeln noch einen Platz an der Sonne im Vorgarten von ‚Richistan‘ zu ergattern.
    Also Augen zu und auf in die nächste Runde!

  10.   Outside_Observer

    Deflation ist ja das Gegenteil von Blase. Aber wenn wir uns um Deflation Sorgen machen, dann sollte jemand mal Schäuble einen Tip geben, dass die „schwarze Null“ vielleicht keine gute Idee war.

    Ich hoffe, viele Sparer haben von der Niedrigzinsrally im DAX Index profitiert. Es gibt keinen Grund für Sparer, ihr Geld den Banken zu quasi 0% zu schenken. Ich fürchte allerdings, die goldenen Zeiten (für Sparer) sind bald vorbei.