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Christen in Pakistan von Mob verbrannt

In der nordwestpakistanischen Stadt Gojra im Punjab sind mehrere Angehörige der christlichen Minderheit einem Mob zum Opfer gefallen, der offenbar gezielt von Extremisten aufgehetzt wurde. In der vergangenen Woche wurde das Gerücht gestreut, ein Exemplar des Koran sei während einer christlichen Hochzeit entweiht worden.

Daraufhin hatten sich tagelang Ausschreitungen aufgeputschter Muslime ereignet, die darin kulminierten, dass mehrere Häuser angezündet wurden und die darin lebenden Christen verbrannten.

Es ist die Rede von mindestens sieben Opfern, manche pakistanische Medien vermuten gar Dutzende Tote.

Die Regierung spricht von einer „offenbar gezielten Provokation durch Radikale“. Die Zeitung „Dawn“ zitiert Stimmen, die das viel zu zaghafte Eingreifen der Polizei kritisieren.

Der pakistanische Minderheiten-Minister Bhatti trat dem Gerücht entgegen, ein Koran sei entweiht worden und versprach den Christen Entschädigung.

Mag sein, dass Extremisten die Hand im Spiel hatten. Aber: Welch ein Land, in dem ein solches bizarres Gerücht ausreicht, um die Brandschatzung Dutzender Häuser auszulösen!

 

Talibanherrschaft in Pakistan weitet sich aus

Pakistans norwestliche Grenzregion auf einer Karte der BBC Screenshot: JL

Diese Karte wurde vom BBC-Urdu-Service zusammengestellt. Sie zeigt, wer über welche Gebiete in den nordwestlichen Provinzen Pakistans herrscht.

Die Regierung hat nach den Recherchen der BBC nur noch Kontrolle über 38 Prozent des Territoriums. Rot sind die von den Taliban kontrollierten Bereiche vermerkt, gelb solche mit einer bedeutenden Taliban-Präsenz.

Die Autoren schreiben:

„From the research, a clear pattern of Taleban-related militancy emerged.

When the Taleban identify an area to concentrate on, they start making their presence felt by bombing music shops and girls schools. This is followed by attacks on government buildings and police stations and law enforcement personnel before moving on to major attacks, including suicide bombings.“

Mehr zu den einzelnen Bezirken hier.

 

Bitte, gebt Pakistan kein Geld mehr!

Dafür plädiert Fatima Bhutto, die Nichte der ermordeten Staatspräsidentin. Fatima Bhutto hat in Amerika studiert und lebt heute wieder in Karatschi. Es ist schon recht pikant, wie sie den Mann ihrer Tante Benazir angreift, der heute das Land regiert: ein Tunichtgut, korrupt, unfähig und bereitwillig, das Land den Taliban auszuliefern.


Fatima Bhutto

Obama – und die gesamte Welt – sollte Pakistan kein Geld mehr geben, schreibt Bhutto. Die horrenden Summen, die seit 2001 an das Land geflossen sind, habe weder Pakistan noch die Welt sicherer gemacht, sondern seien in „tiefen Taschen“ gelandet. Die pakistanische Regierung tue einfach ihren Job nicht: den Menschen Lebenschancen bieten, die Korruption bekämpfen, Wasserversorgung und Müllentsorgung gewärhleisten, die Terroristen bekämpfen:

It may surprise some Americans that even in the midst of this recession, billions of their tax dollars are given directly to the thievery corporation that is Pakistan’s government, never to be seen again. George W. Bush gave Pakistan a whopping $10 billion to fight terror, money that seems to have gone down the drain—or rather, into some pretty deep pockets. And it’s not just the U.S.—last week, international donors from 30 countries met in Tokyo and pledged $5 billion to Pakistan to “fight terror.” The IMF has given the country $7.6 billion in a bailout deal that boggles the mind. Saudi Arabia has generously pledged $700 million over the next four years, and the less-generous European Union an additional $640 million over the same period. And then there’s Obama’s promise of $1.5 billion a year, dependent, the White House says, on results.

It’s phenomenally silly to give that kind of money to a president who, before becoming president, was facing corruption cases in Switzerland, Spain, and England. Zardari and his wife, the late Prime Minister Benazir Bhutto, are estimated to have stolen upwards of $3 billion from the Pakistani Treasury—a figure Zardari doesn’t seem desperate to disprove, he placed his personal assets before becoming president at over $1 billion.

Mehr hier.

 

Pakistan: Das Militär als Komplize der Extremisten

David Kilcullen, der von mir hier bereits mehrfach erwähnte Soldat und Counterinsurgency-Vordenker, hat gestern vor dem Militärausschuss des amerikanischen Kongresses ausgesagt. Sein Thema war die Lage in Pakistan, wo die Taliban immer näher an Islamabad heranrücken.

David Kilcullen (links, mit Sonnenbrille) im Irak

Kilcullens Bilanz ist niederschmetternd. Für die 10 Milliarden Dollar Militärhilfe seit 2001 haben die USA nichts bekommen, was für eine Verbesserung der Sicherheitslage spricht.  Im Gegenteil. Mit Hilfe oder stillschweigendem Komplizentum des Militärs und des Geheimdienstes gewinnen die Radikalen immer mehr Boden – in Pakistan und Afghanistan.

Kilcullens Liste der Ereignisse in seiner Zeugenaussage ist höchst alarmierend. Er schlägt vor, das Militär nur noch unter strengen Auflagen zu fördern und sich vielmehr auf den Aufbau der Polizei zu konzentrieren, die wesentlich wichtiger im Kampf gegen die Terroristen sei. Und ausserdem sei die Polizei der einzige Akteur, der wirklich „als Institution Aktien darin hat, Recht und Gesetz aufrecht zu erhalten, den Staatskollaps zu verhindern und den Extremismus zu bekämpfen, statt sich (wie das Militär, JL) auf den Kampf gegen Indien vorzubereiten.“

Seine Konklusion lautet: „Statt weiter vorzugeben, dass Pakistan ein schwacher, aber williger Partner gegen den Extremismus sei, müssen wir erkennen, dass (…) wesentliche Teile des pakistanischen Sicherheits-Establishments Komplizen des Feindes sind, sei es durch ihre eigene Unfähigkeit, unter Einschüchterung oder aus böser Absicht. (…) Unsere Hilfe für die Polizei zu erhöhen – und damit die Polizei effektiv zur primären Kraft der Aufstandsbekämpfung zu machen – während wir alle Hilfe für das Militär durch zivile Autoritäten leiten und dadurch größere Verantwortlichkeit erreichen, dies ist der richtige Weg. Im Jahr 2009 ist es zu spät für Prävention. Wir müssen den Verfall stoppen und im kommenden Jahr die Lage stabilisieren, um dann in der Folge Extremismus und Militanz zurückdrängen zu können.“

 

Interview mit einem pakistanischen Taliban

Während die Taliban die Entspannungspolitik der pakistanischen Regierung im Swat-Tal offenbar als Aufforderung betrachten, nun auf Islamabad vorzurücken, versuchen die säkular gesinnten Teile der pakistanischen Öffentlichkeit ihren Galgenhumor zu behalten.

Ein Beispiel aus der Tageszeitung „Dawn„, die in Karatschi erscheint.

Ein Journalist versucht, sich ein Interview mit einem Taliban-Führer vorzustellen:

Salaam, Jamat Bin Jihad Bhai

Walaikumaslam!

How are you today?
Why do you want to know?
Just asking, sir.
You ask too many questions.
But I’m here to interview you!
No, I will speak and you will listen.
But …
Shut up, damn fool man!
But …
Quiet, or I’ll have you beheaded!
Gulp!
What?
I gulped.
Gulped what?
Err … air perhaps?
I thought I told you no questions!
But …
Keep quiet, you kaali  chapati!
Kaali chapati?
Yes, that’s what you insects eat in Karachi, don’t you?
Do we? And what do you guys eat?
Is that a question?
Gulp!
You gulped again.
Yes.
Are you drunk?
No!
I think you are. I’ll have you flogged. Weiter„Interview mit einem pakistanischen Taliban“

 

„Krieg gegen den Terrorismus“ ist zuende

Jedenfalls der Gebrauch des Begriffs. Das sagte die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton Reportern auf dem Flug nach Den Haag, wo sie heute an der Afghanistan-Konferenz teilnimmt.

Es gebe keine Direktive zum Wortgebrauch. Die Obama-Regierung habe einfach aufgehört, das Wort zu benutzen.

Gut so. Es war von Anfang an eine dumme Idee, einen Krieg gegen eine Methode zu führen.

Und dann kam noch hinzu, dass die Phrase für die Propaganda zur Vorbereitung des Irak-Krieges gebraucht wurde. Und der Krieg gegen Saddam Hussein hatte mit dem internationalen Terrorismus nun wirklich gar nichts zu tun.

Ironie der Lage: Während uns die Worte ausgehen, um den Konflikt zu beschreiben, wird die Lage immer dramatischer, vor allem in AfPak. Der „lange Krieg“ ist noch lange nicht vorbei: 

Replying to a question on the plane bringing her to The Hague, Clinton declared: „As you said, the administration has stopped using the phrase, and I think that speaks for itself, obviously.“

The secretary of state, who was to take part in an international conference on Afghanistan in the Dutch administrative capital, said of the phrase: „I haven’t heard it used. I haven’t gotten any directive about using it or not using it. It’s just not being used.“

The Bush administration that preceded Obama in the White House used the „war on terror“ to justify its intervention in Iraq, as well as its imprisonment of detainees at Guantanamo in Cuba and secret CIA prisons abroad.

 

Mit dem radikalen Islam verhandeln?

 

Aus der ZEIT von morgen:

Es ist schon atemberaubend, wem auf einmal alles Gespräche angeboten werden: Mit den »moderaten Taliban« will Obama reden. Ohne »pragmatische« Teile von Hamas könne es keinen Frieden geben, sagen 14 angesehene Ex-Diplomaten. Die Briten sprechen jetzt offiziell mit dem »politischen Flügel« Hisbollahs. Amerikanische Senatoren eruieren beim Autokraten Syriens die Möglichkeit eines Friedens mit Israel. Und dann hat sich der amerikanische Präsident in einer spektakulären Videobotschaft an Iran gewandt, jenes Land, in dem immer noch Kundgebungen mit dem Ruf »Tod Amerika« enden. 

Obama, der die Wähler und die Welt mit seinem Idealismus gewann, offenbart sich außenpolitisch als radikaler Realist. In kaum sechzig Tagen hat er die herrschende Maxime der amerikanischen Politik seit 9/11 gekippt: Keine Verhandlungen, keine Gespräche mit dem politischen Islam. Ihr seid entweder für uns oder für »die Terroristen«. Und die bekämpfen wir mit Bomben, nicht mit Worten. Doch nun sind (fast) alle, für die bislang Kontaktsperre galt, gesuchte Gesprächspartner.

Denn eine große Ernüchterung hat eingesetzt. Die Bestandsaufnahme ergibt folgendes Bild: Der radikale Islam ist bis auf Weiteres ein Machtfaktor vom Maghreb über den Nahen Osten bis Pakistan. Die Islamisten haben Macht über die politische Einbildungskraft der Muslime gewonnen. Unsere Interventionen haben ihren Einfluss nicht gebrochen. Eher im Gegenteil. Der Islamismus lässt sich nicht wegbomben – weder aus Afghanistan noch aus Gaza. Er verschwindet auch nicht durch Modernisierung und Säkularisierung. Und es macht sich der nagende Zweifel breit, ob dies gerade wegen unserer Präsenz im Herzen der islamischen Welt so ist. Was tun? Rückzug? Raus, bloß raus?

Es darf keine schwarzen
Löcher mehr geben

In der vernetzten, globalisierten Welt wäre das eine fatale Option, wie der Fall Afghanistan zeigt: Denn der 11. September ist ja gerade dadurch möglich geworden, dass wir die Afghanen mit den Taliban allein gelassen hatten, nachdem sie die Sowjetunion besiegt hatten. Dass so etwas nicht wieder passieren darf, dass es keine schwarzen Löcher der Staatlichkeit mehr geben darf, ist unterdessen der Minimalkonsens darüber, was der Westen in Afghanistan erreichen muss. Alle anderen leuchtenden Ziele in dem kriegsgeplagten Land – Demokratie, Menschenrechte, Bildung – werden längst immer weiter abgedimmt. Und wenn Barack Obama nun gar von Abzugsplänen zu reden beginnt, liegt ein Hauch von Defätismus in der Luft.  Weiter„Mit dem radikalen Islam verhandeln?“

 

Wie erkenne ich einen moderaten Taliban?

David Rothkopf hat auf seinem Foreign-Policy-Blog eine kleine Hilfestellung für CIA-Männer im Einsatz zusammengestellt, die nun in den Bergen des Hindukusch den „moderaten Taliban“ suchen gehen:

The man you are looking for will display one or more of the following views:

1) Seeks only partial destruction of the United States

2) Advocates stoning unfaithful women to death with only small rocks and pebbles

3) Believes terrorists are rewarded in heaven with only 25 virgins

4) Offers Bin Laden refuge in his home only during inclement weather

5) Still seeks to march every last Israeli into the sea but promises not to gloat about it afterwards

This gentleman will probably have a somewhat shorter beard than is typical, smiles occasionally, speaks some English and was last reported living with the Tooth Fairy in Candyland.“