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Gutachter-Debakel im NSU-Prozess – Das Medienlog vom Freitag, 19. Mai 2017

 

Der Auftritt des Gutachters im NSU-Prozess war ein Flop: Gestern sagte der Psychiater Joachim Bauer aus, der Beate Zschäpe im Auftrag ihrer Anwälte begutachtet und eine Persönlichkeitsstörung festgestellt hatte. Das würde bedeuten: Die Hauptangeklagte ist nur vermindert schuldfähig. Bei seinem Termin vor Gericht durften ihn die Prozessbeteiligten befragen – was den Psychiater Bauer immer wieder ins Schwimmen brachte. „In Erinnerung bleibt ein Gutachter, der entweder seinen Auftrag unter- oder sich selbst überschätzt hat“, kommentiert Marcel Fürstenau von der Deutschen Welle. Für Zschäpe dürfte seine Aussage „alles andere als hilfreich gewesen sein“.

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Der Auftrag für das Gutachten von Bauer stammt von Zschäpes neuen Verteidigern Mathias Grasel und Hermann Borchert. Sie erhoffen sich von der verminderten Schuldfähigkeit offenbar einen Strafrabatt für ihre Mandantin. Zuvor hatte allerdings der vom Gericht bestellte Gutachter Henning Saß Zschäpe für voll schuldfähig und weiter gefährlich befunden. Während Zschäpe sich einer Befragung durch Saß verweigerte, stand sie Bauer für Gespräche zur Verfügung.

Die Hauptangeklagte habe sich „damit wohl keinen Gefallen getan“, urteilt Julia Jüttner auf Spiegel Online, der Auftritt sei „zum Debakel“ geraten. Nach wie vor gelte, dass Bauers Erkenntnisse den Angaben zahlreicher Zeugen widersprechen, deren Aussagen er nicht berücksichtigt hat. Jüttner vermutet, dass die Verteidiger für nächste Woche Beate Zschäpes Mutter zur Aussage raten könnten – als nächstes Manöver.

Als „Posse“ werten ZEIT ONLINE die Vernehmung. Seine Expertise habe den „Eindruck von Kumpelei, Einseitigkeit und Gefälligkeit“ erweckt. Ein Zeichen dafür: die „abstrus wirkenden Auswahlkriterien“ anhand derer er seine Quellen für das Gutachten wählte. Deshalb befragten Richter Manfred Götzl und andere Prozessbeteiligte den Gutachter scharf. Auf viele dieser kritischen Nachfragen hatte Bauer keine Antwort.

Die Usancen „einer psychiatrischen Begutachtung von Angeklagten vor Gericht sind ihm doch sichtlich fremd“, schrieben Annette Ramelsberger und Wiebke Ramm in der Süddeutschen Zeitung. Bauers Auftritt könnte aber dennoch zum Vorankommen des Prozesses beitragen: Gutachter Henning Saß kann Zschäpes Angaben nun in seine eigene Analyse einarbeiten. Dann wäre auch der Mangel, dass Saß nicht mit ihr reden konnte, geheilt.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 22. Mai 2017.

2 Kommentare

  1.   Spiegelneurone

    „In Erinnerung bleibt ein Gutachter, der entweder seinen Auftrag unter- oder sich selbst überschätzt hat“ – Oder „sowohl als auch“?
    Offenbar hängen bei diesem Gutachter seine kognitive Stärken mit seinem mangelnden konkreten Urteilsvermögen fatal zusammen. Dunning Kruger-Effekt: „Wer schlechte Leistungen bringt kann auf diesem Gebiet auch die Leistungen anderer nicht beurteilen und neigt zur Selbstüberschätzung.“

  2.   Gassenhauer

    Beate wertet namenlose Anwälte und Psychiater auf. Jeder nutzt die Gelegenheit “NSU Prozess“ seinen Namen aufzuwerten.