Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs
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Rock

Wir Kinder aus Genderland

Von 9. April 2014 um 14:44 Uhr

Feministische Standortbestimmung und Kapitalismuskritik, und alles mit Gitarre! Die junge schwedische Indie-Band Könsförrädare hat eine Mission.

© Teg

© Teg

So paradox das in Kombination klingt, so gut haben es längst andere vorgemacht. Sleater-Kinney den sich überschlagenden Gitarrenrock, The Organ den verorgelten Pop, der altmodischen Soul mit neuer Eile anzog, und Electrelane die zerkrachten Melodien. Ihre Messer behielten dabei alle stets im Ärmel; wie wütend ihre Songs auch wurden, so wenig fuchtelten sie mit feministischen Parolen herum. Könsförrädare fahren den Krach nun noch ein paar Stufen runter.

Wer die Band aus dem kleinen nordschwedischen Luleå nur über ihren Song Raging River kennt, könnte sie leicht für nicht mehr als die nächste skandinavische koedukative Spielgruppe halten. Könsförrädare aber haben eine Mission, dafür steht schon ihr Name.

Niemand nennt sich Könsförrädare, ohne das ständig erklären zu wollen. Den Begriff hat die Band der Legende nach aufgeschnappt, als eine feministische Politikerin ihn als Beleidigung für Frauen prägte, die als “Geschlechtsverräterinnen” mit Männern schliefen, um ihn dann für sich positiv umzudeuten. Das funktioniert, vor allem außerhalb von Schweden, wo die radikale Tiina Rosenberg sowieso niemand kennt und man sich lieber mit musikalischen Exporten beschäftigt, aber es sorgt gleichzeitig auch dafür, dass das Zungenbrecherwort so schnell nicht in Vergessenheit gerät. Google haben sie damit längst gewonnen.

Raging River gab es schon vorab zu hören, ein an den richtigen Stellen verzerrtes Stück Indiepop mit leicht ungemütlichen Strophen voll hohem Gesang, dazwischenfunkendem Keyboard und störrischem Rhythmus, das sich zum Refrain weit öffnet. Wären da nicht Zeilen wie “You can’t walk on me, you’ll drown” oder “I don’t make music with my crotch”, könnte man auch annehmen, dass Könsförrädare es einfach mit der Natur haben.

Viel deutlicher wird es auf dem Album Curse All Law textlich auch nicht. Wer zuhört und mitdenkt, erkennt in den Songs nicht nur feministische Standortbestimmung, sondern auch Kapitalismus- und Systemkritik und in Okay die Manifestation all der Selbstverteidigungskurse, in die sie anscheinend auch in Schweden ihre Mädchen schicken: “I said it’s not okay again.” Für griffige Slogans sind Könsförrädare nicht zu haben, aber das sind Poeten ja selten.

Was auch bedeutet, dass man ihre Songs, wie die der eingangs genannten Bands, hören und mögen kann, ohne irgendeine Ahnung zu bekommen. Das klackernde Finger On The Trigger verstört dann nur mit Durcheinandergesang einer ruhigen und einer aufgewühlten Stimme, bevor ein sanfter Trommelwirbel alles wieder beruhigt. Second Coming wird zur leidenschaftlichen Referenz an den Neunziger-Indierock mitsamt schiefem Klavier und der nächsten eigenwilligen Zweitstimme über einem entspannten Gitarrenbett.

Und das sechs Minuten lange Removed, Included / Glass Mountains ist einfach nur eine Meditation über das persönliche Raumbedürfnis in einer Beziehung aus der einfachsten kleinen Gitarrenmelodie der Welt und ein bisschen Wabern dahinter, die in der gruselig geflüsterten Erkenntnis mündet: “I’ve never felt so much alike.” Das sind private, politische Zeilen. Kluge Kids, Könsförrädare.

“Curse The Law” erscheint bei Teg/Cargo.

Kategorien: Pop, Rock

Blitzlichter des urbanen Lebens

Von 24. Februar 2014 um 08:00 Uhr

Melodiös und kantig, rau und klug: Was Matula aus Hamburg auf ihrem neuen Album zeigen, ist vielleicht kein Punk mehr, aber immer noch junge, zeitgemäße, richtig gute Rockmusik.

© Zeitstrafe

© Zeitstrafe

Der erste Eindruck: Hier wird am großen Durchbruch gebastelt. Weiter…

Kategorien: Punk, Rock

Erichs Rampenbarden

Von 7. Februar 2014 um 08:00 Uhr

So viel Osten im Westen: Die Düsseldorfer Band Broilers füllt die Mehrzweckhallen mit pathetischen Stehauf-Hymnen im Punkgewand. Die Freundschaft mit den Toten Hosen hört man ihr leider an.

© Robert Eikelpoth

© Robert Eikelpoth

Um die Broilers zu verstehen, hilft es, die Band auf der Bühne erlebt zu haben. Man muss das einmal gesehen haben, wie Sammy Amara vor lauter Kraft kaum stehen kann. Weiter…

Kategorien: Punk, Rock, Schlager

Wehmut unterm Hut

Von 3. Februar 2014 um 15:59 Uhr

Maxïmo Park sind wieder da. Hat sie jemand vermisst? Ihr neues Album “Too Much Information” erfindet den Britpop nicht unbedingt neu, aber dreht zumindest an ein paar Reglern.

© Steve Gullick

© Steve Gullick

Frage in die Runde: Irgendwelche Erwartungen an das neue Maxïmo-Park-Album? Ach, die gibt’s noch? Weiter…

Kategorien: Pop, Rock

Zeit fürs Zimtmädchen

Von 25. November 2013 um 10:29 Uhr

Jazz? Rock? Egal! Die Glorreichen Sieben sind zu viert und variieren Neil Young. Singen tut auf ihrem Album niemand, aber wer kann schon so schön quäken wie das Vorbild.

© Kathrin Lillinger

© Kathrin Lillinger

Schlichte Gemüter erfreuen sich an der sogenannt ehrlichen Rockmusik, und warum auch nicht. Sie versteht sich als ein schweißtreibendes Handwerk und pocht im Viervierteltakt auf den Charme des Rustikalen. Weiter…

Kategorien: Jazz, Rock

Rotzrock statt Turbodiplom

Von 22. November 2013 um 08:00 Uhr

Die Münsteraner Band Messer verweigert sich dem kapitalistischen Wahnsinn. Ihr dunkler Widerstandsrock lässt selbst Joy Division oder Sonic Youth sonnig erscheinen.

© This Charming Man

© This Charming Man

Die Zeiten für echten Protest sind ziemlich deprimierend. Die Generation der heute 20-Jährigen wird wohl als erste nach dem Krieg geringeren Wohlstand als ihre Eltern erleben. Weiter…

Kategorien: Rock

Zwei mit einer Stimme

Von 20. November 2013 um 18:00 Uhr

Mathew Caws von Nada Surf und seine Projektpartnerin Juliana Hatfield schmiegen sich wunderbar aneinander. Einfühlsamer als Minor Alps war zwischen Rock und Folk schon lange nichts mehr.

© Ye Olde Records

© Ye Olde Records

Zweistimmigkeit ist aus mehreren Gründen ein beliebtes Stilelement des Pop. Oft ist die Dopplung am Mikrofon ein probates Mittel, um gesangliche Schwächen zu übertönen. Weiter…

Kategorien: Folk, Rock

Auf dem Treppchen zur Hölle

Von 4. November 2013 um 15:23 Uhr

Metal-Fans, lasst die Finger von Ugly Kid Joe! Nach 17 Jahren kehrt die alte Funpunkfusionhardrockband mit einem neuen Album zurück und diskreditiert sich zum No-Hit-Wonder.

© Maik Wiens

© Maik Wiens

Echte Metal-Fans sind bisweilen genügsame Leute. Ein paar Bratriffs aus turmhohen Boxen, das Dosenbier zur Linken, die Rechte zur devil’s hand, dazu eifrig Matte schütteln, vornehmlich mit festem Bodenstand – fertig ist das Hard-’n'-Heavy-Erlebnis. Weiter…

Kategorien: Metal, Rock

Sei zärtlich zur Maschine

Von 28. Oktober 2013 um 08:00 Uhr

Zuckerbrot oder Peitsche für Robo Sapiens? Das neue Album der Industrialrecken Die Krupps hat Party-Debattenpotenzial und lotet bürgerliche Toleranzschwellen aus.

© Eric Debris

© Eric Debris

Nur wenig auf der Welt führt wohl ein ambivalenteres Leben als die Maschine. Sie war es, die der Zivilisation pflügend, webend, schnaubend den nötigen Schub zur Entwicklung gab. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Rock

Fortschritt ist für Weicheier

Von 21. Oktober 2013 um 08:00 Uhr

Wer Motörhead will, bekommt Motörhead. Das neue Album “Aftershock” belegt amtlich: Nach 38 Jahren sind sie noch immer unter den Marktführern in der metallverarbeitenden Industrie.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Als Ian Fraser Kilmister unlängst in Berlin weilte, unterwarf er sich einer strengen Diät. Anstatt das legendär üppige Frühstücksbuffet der edlen Hauptstadtherberge zu nutzen, in der er abgestiegen war, ließ sich der Motörhead-Chef, den alle Welt nur als Lemmy kennt, jeden Morgen eine Flasche Whiskey aufs Zimmer bringen. Weiter…

Kategorien: Metal, Rock