Indie kann schwimmen

„Was Günther Netzer für stilvollen Fußball ist, das ist der Revolver Club für coole Indie-Parties!“, sagt Thees Uhlmann über die Partyreihe. Auf vielen Veranstaltungen steht Indie drauf, ist aber nicht ernsthaft Indie drin. Zumindest keine authentische Zusammenstellung von alten Wave-Britpop-Alternative-Helden mit hippen, rockenden Indie-Hypes und Trends aus England, den USA und Skandinavien. DJ Benny Ruess sorgt seit 14 Jahren für diese Auswahl der „Finest Floorfiller Of Underground“. Die Partyreihe Revolver Club findet regelmäßig in Hamburg, Kopenhagen, Kiel und Berlin statt. Außerdem richtet das Team auch kleine Indie-Newcomer-Konzerte aus, bei denen Bands wie Friska Viljor, Adele, Grizzly Bear oder The Kooks auf der Bühne standen, bevor sie international groß rauskamen. Manchmal lädt der Revolver Club in Hamburg auf die Tanzbarkasse Frau Hedi. Gemächlich schippert der schwimmende Club über die Elbe und steuert nur zum stündlichen Ein- und Ausstieg das Festland an. Tipp: Sind alle Tickets an den Offline- und Online-Vorverkaufsstellen ausverkauft, gibt es ja noch die Abendkasse.

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Männer in Tutus

Das ist nicht Afrika, behauptet das Festival auf Kampnagel. Dem kann man nur schwer etwas entgegensetzen. Auch wenn ein Dutzend Produktionen mit Partnern aus Mosambik, Mali, Tunesien, der Demokratischen Republik Kongo und Südafrika modernes Tanztheater aus deutsch-afrikanischen Netzwerken präsentieren – diesen riesigen, widersprüchlichen Kontinent kriegt auch eine solche Mammut-Produktion nicht unter einen Hut. Der Mix aus traditionellen und westeuropäischen Tanzproduktionen thematisiert unter anderem soziale Umbrüche und Verwerfungen in Tunis, Maputo und Kinshasa. Der Höhepunkt von This Ain’t Africa ist die Neuinterpretation des Ballettklassikers Schwanensee (Foto) durch den südafrikanischen Shootingstar Dada Masilo, welche die stereotype Aufteilung in Schwarz-Weiß hinterfragt und Geschlechterrollen zur Diskussion stellt. Darüber hinaus zeigt die Inszenierung Point Of Intersection vom Choreografen Panaibra Gabriel Canda am 4. April, wie ein tanzender Körper politische Zeichen setzen kann.

Festival vom 2. bis 12. April

 

Hand und Hirn

Er singt über die Liebe, die Natur und das Leben als Reise. Seinen Songtexten merkt man an, dass Johnny Flynn nicht nur Musiker ist, sondern sich ebenso gut aufs Dichten versteht. Schauspielern kann er übrigens auch. Der junge Brite gilt als Multitalent und ist auf der Bühne instrumental vielseitig einsetzbar. Mal spielt er Mandoline, dann greift er zum Banjo oder setzt die Trompete an die Lippen. Gemeinsam mit The Sussex Wit, der Folk-Rock-Band seines besten Freundes Adam Beach, experimentierte Johnny Flynn eine ganze Weile musikalisch herum. Auch der jüngste Longplayer, Country Mile, ist ein Gemeinschaftsprojekt. Darauf sind handgemachte Klänge zu hören und klassischer Folk, der manchmal von lateinamerikanischen Bossa-Nova-Rhythmen inspiriert wurde. Tipp: Beim Konzert stets ein Taschentuch bereithalten. Es wird emotional.

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Tod in der Uckermark

Für eine Lesung im Nochtspeicher braucht es einen literarischen Piloten und einen Co-Piloten – zumindest wenn es um die vom mairisch Verlag präsentierte und Daniel Beskos moderierte Reihe Piloten geht. Zur achten und letzten Lesung der Saison sitzt der Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse auf der Bühne. Der Hamburger Autor Saša Stanišić liest Passagen seines zweiten Romans Vor dem Fest, in dem er eine lange Nacht der Unruhe in der Provinz beschreibt. „Es ist die Nacht vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann – der ist tot.“ heißt es in der Beschreibung. Zugezogene, Verstorbene, Lebende, Handwerker, Rentner und arbeitslose Halbgötter in Fußballtrikots treffen in der Geschichte aufeinander. Als Co-Pilotin fungiert beim Leseabend Katharina Adler aus Berlin, die Auszüge aus einem bisher unveröffentlichten Roman liest.

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Saufjazz mit DJs

„Mittwoch ist der neue Sonntag“, kommentiert der Golden Pudel Club selbstbewusst sein Abendprogramm für den ersten April. „Saufjazz mit DJ Friteuse und DJ Frisöse“ steht auf dem Plan in der schlichten Trinkhalle am Fischmarkt. Meist legen hier internationale Vertreter der Elektroszene auf, die besonders szenigen DJs mit besonders experimentellen Sets. Das Programm auf der Club-Homepage liest sich wie ein Comic voll unzusammenhängender Bemerkungen: Reminiszenz des Grauen, Cantuccini, the brown bunny, Die Kotze hat meine Jacke verklebt. Welche Rückschlüsse lassen sich auf das Seelenheil der Texter ziehen? Das bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage, was am ersten April im Pudel passiert. Lohnen wird sich ein Besuch in jedem Fall.

 

Hör mal, wer da hämmert

Selbstverständlich ist Architektur eine Kunst, ein Handwerk oder eine Wissenschaft. Trotzdem können Laien sehr gut ihren Senf dazu geben – schließlich leben und arbeiten sie täglich darin. Darum stellt der Nochtspeicher seine eigene Bausubstanz regelmäßig allen Interessierten als Veranstaltungsort einer Architektursprechstunde zur Verfügung. Der Diplom-Ingenieur und Architekt Karsten Wagner berät mit Erfahrung und Expertenwissen Architekturbetroffene, die in St. Pauli und dem Rest des sogenannten Gefahrengebiets vielleicht noch etwas betroffener sind als in anderen Stadtteilen: Zu den Themen Mietpreisexplosion, Gentrifizierung und Immobilienspekulation gibt es hier seit Jahren Gesprächsbedarf. Die Architektursprechstunde dreht sich um die stets aktuelle Frage: Wie wollen wir eigentlich leben? Die humorvolle Runde ist keine bloße Verbraucherberatung, sondern ein offener Stadtteil-Dialog, zu dem alle herzlich eingeladen sind. Ausdrücklich auch Spekulanten.

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Krieg ist scheiße

Gregor Weber, ehemaliger Tatort-Kommissar, zieht in den Krieg. Eine logische Konsequenz seiner Biografie? Nach dem Abitur und Wehrdienst bei der Marine studiert er zunächst Jura, dann Germanistik, dann Schauspiel. Nach zahlreichen Einsätzen vor der Kamera will er wissen, wie es sich anfühlt, als deutscher Soldat in Afghanistan stationiert zu sein, wie es ist, der heimischen Kaserne den Rücken zu kehren und auf einem Feldbett in Kundus zu schlafen, mit dem Sturmgewehr gegen die Taliban zu kämpfen. Bei seinem Selbstversuch beobachtet er nicht nur, sondern macht die gesamte Einsatzvorbereitung mit. Dann erlebt er, wie Lebensgefahr für Soldaten zur Gewohnheit wird, was Kameradschaft bedeutet, wie deutsche Bürokratie in der „Dritten Welt“ funktioniert und fragt sich: „Ist das mein Krieg?“ Zurück in Deutschland schreibt er ein Buch: „Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s!“ Welcher Ort wäre besser geeignet für diese Lesung, als die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr?

 

Böse Bärte

Diese Bildergeschichten wollen als Literatur verstanden werden und richten sich an ein erwachsenes Lesepublikum. Das Genre Graphic Novel hat es ins Feuilleton geschafft. Im Literaturhaus finden die  3. Hamburger Graphic Novel Tage statt. Beim kleinen Festival unter dem Motto „Sprechende Bilder“ treffen deutschsprachige Zeichner auf internationale Künstler. Dabei sind unter anderem Stephen Collins und sein rabenschwarzer Humor, dem er in Der gigantische Bart, der böse war freien Lauf lässt und Barbara Yelin, die in Riekes Notizen das aufregende Leben der digitalen Bohème persifliert.

Der Boxer
Graphic Novel „Der Boxer“ von Reinhard Kleist

Am ersten Festivaltag lädt der international anerkannte Comiczeichner und Autor Reinhard Kleist (Foto) nachmittags zum Workshop „Realitäten im Comic, der leider bereits ausgebucht ist. Abends um 19.30 Uhr spricht er gemeinsam mit Baru, dem Altmeister des französischen Comics, über „Spannung und Zeitgeschichte“.

31.3.-3.4.
http://www.facebook.com/literaturhaus.hamburg

 

Der Visionär

Eine breite Lehne dominiert die hellblauen Sitzelemente, daneben eine ockerfarbene Liegefläche, optisch getrennt durch ein Gardinenstangenkonstrukt, an dem Pflanzen hängen. Die Sitzlandschaft Bikini Island von Moroso hat der visionäre Allrounder Werner Aisslinger entworfen. Für Entwürfe wie diesen erhielt er nun den Preis Designer des Jahres 2014 der Zeitschrift Architektur & Wohnen. Nach Berlin und Düsseldorf zeigt das Stilwerk Hamburg in einer Sonderausstellung bis zum 12. April ausgewählte Arbeiten des Designers. Dazu gehört vielleicht auch die sich energetisch selbst versorgende Küche oder jene Pflanzenstühle der Serie Chair Farm, die im Stahlkorsett heranwachsen. Auch das mobile Heim Loft Cube wäre eine Vorstellung wert. Das luxuriöse Wohnmodul erinnert an die puristische Architektur in der HafenCity. Will der Hausherr seine Nachbarschaft wechseln, mietet er einen Helikopter und lässt sein Zuhause durch die Luft transportieren.

Ausstellung: 20.3.-12.4.
Mo-Fr 10–19, Sa 10–18, So 13–18 Uhr

 

Wer ist Wenders?

Beim Hamburger Filmquiz schneidet gut ab, wer sich in der Welt des Film- und Fernsehens besonders gut auskennt. Von Blade Runner bis Babel, von Romero bis Renoir, von Wenders bis Willis bedient sich dieser Abend für Filmkenner (und solche, die es werden wollen) bei allen Genres der Kinogeschichte. Der Moderator Rex Kramer und sein Überraschungsgast zeigen speziell bearbeitete Filmsequenzen, dann beraten sich die Teilnehmer in Gruppen. Was ist das noch für ein Streifen, in dem Klaus Kinski durch das Bild reitet? Wie heißt die Reihe, in der ein Sensenmann an der Highschool mordet? Der Gastgeber stellt die Fragen, nachdem die Ausschnitte gezeigt wurden. Um zu punkten, muss man kein wandelndes Filmlexikon sein. „Freunde des mongolischen Undergroundkinos werden hier keine Gelegenheit finden, mit ihrem Wissen anzugeben“, verspricht Rex Kramer. Die Gewinner erlangen dennoch Ruhm und Ehre. Schöne Preise gibt es ebenfalls.