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Die letzten Tage des alten Europas

 

Europa steuert auf die Entscheidungsschlacht zu. Wenn sich der Risikoaufschlag auf spanische und italienische Staatsanleihen auf dem aktuellen Niveau hält, können beide Länder früher oder später Bankrott anmelden – was uns wieder einmal zeigt, dass eine Pleite kein objektiver Zustand ist, sondern eines von mehreren möglichen Gleichgewichten.

Letztlich können wir nur hoffen, dass die aktuellen Renditen wirklich ein Ergebnis der Panik an den Märkten sind – dass es sich also um eine Fehlbewertung handelt. Mit Liquiditätskrisen kann Europa umgehen, genau deshalb wird jetzt ein Europäischer Währungsfonds eingerichtet, der im Zweifel die überhohen Renditen durch den Ankauf von Anleihen auf dem Sekundärmarkt oder die Vergabe von Garantien nach unten prügelt. In diesem Fall wäre damit auch kein Transfer verbunden.

Und wenn der neue Fonds nicht rechtzeitig fertig und schnell genug aufgestockt wird, weil die Parlamentarier es vorziehen, in den Sommerurlaub zu fahren, während der Kontinent brennt, dann muss eben die EZB noch einmal ran. Sie hat im Prinzip unbegrenzte Ressourcen und kann ohne langwierige Abstimmungsprozesse handeln. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Notenbanker einspringen, weil die Finanzpolitik versagt. Und der erste deutsche Abgeordnete, der etwas vom Überschreiten des Rubikon faselt, sollte sein Mandat zurückgeben.

Wenn wir es aber, woran ich nicht glaube, doch mit Solvenzproblemen zu tun hätten, wenn also wirklich halb Europa pleite ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Dann bleibt nur der Euro-Bond oder die Auflösung der Währungsunion.

Was also tun?

34 Kommentare

  1.   SLGramann

    „Wenn wir es aber, woran ich nicht glaube, doch mit Solvenzproblemen zu tun hätten, wenn also wirklich halb Europa Pleite ist, dann weiß ich auch nicht weiter.“

    Herr Schieritz, halb Europa ist zur Zeit(!) vielleicht etwas(!) zu viel gesagt, wenn man die Sache auf die Wirtschaftskraft der Länder bezieht.

    Aber dass Sie nicht glauben können, dass hier ein echtes Solvenzproblem besteht, das kann ich fast nicht glauben. Andererseits erklärt das ihre grundsätzliche Haltung, dass EZB und Eurokraten die Märkte irgendwie aushebeln oder austricksen sollen – was meiner Meinung nach nur alles immer schlimmer macht, weil sie damit nicht an den falschen Strukturen ansetzen.

    Sicher, Märkte sind keineswegs immer effizient. Die Theorie, dass sie es immer(!) wären, gehört zum größten Bullshit aller Zeiten und hat unglaublichen Schaden verursacht.
    Auf der anderen Seite sind Märkte aber meistens(!) ziemlich(!) effizient.

    Die Probleme in Griechenland, Portugal, Spanien und auch Italien sind real!
    Und sie werden schlimmer. Denn diese Länder sind nicht wettbewerbsfähig. Nicht mit diesem harten Euro. Never ever.

    Die Lösung, die wir bräuchten: Schuldenschnitte (radikal), Austritte einzelner Länder aus dem Euro, außerdem Bildung eines Nord- und eines Südeuro. Der Südeuro wohl ohne(!) Griechenland und Portugal – die brauchen Landeswährungen und ihre Geldhoheit zurück.

    Die „Lösung“, die wir bekommen werden: Weiterwursteln, Bürgschaften Deutschlands für die Kredite des Rests (egal, wie das organisiert wird). Langfristfolgen m.E.: Wachstumsschwäche, Zinsknechtschaft, faktische Abschaffung der Demokratie, Protektoratsstrukturen, aufkommen radikaler Gegenbewegungen, Nationalismus, Gewalt.

    Der Euro, so wie er ist, wird zum Totengräber der europäischen Idee als Völkergemeinschaft in friedlicher Vielfalt werden.

  2.   B Mayr

    @PBUH

    > Toller Vorschlag
    Danke für die Blumen.

    Ein Grundproblem ist doch, dass die Schuldner ihre Schulden nicht zurückzahlen können, geschweige denn Investitionen tätigen können und das die Gläubiger ihr Geld horten (siehe Goldpreis, Frankenkurs und Zinsen auf deutsche Staatsanleihen) und auch nicht investieren.

    Deshalb sollte unser Gemeinwesen (=Staat) das tun. Da die Staaten selbst hohe Schulden haben und Die Vermögensverteilung in den letzten Jahren immer ungleicher wurde, ist eine höhere Staatsquote in der jetzigen Situation sinnvoll. Also Steuern hoch und sinnvoll investieren.

    Wenn die Vermögenden Ihr Geld sinnvoll und für alle produktive einsetzen würden, dann hätte ich mit der Ungleichheit kein Problem, aber die Nettogläubiger (reiche Privatpersonen, China, Deutschland) haben gezeigt, daß sie mit Geld nicht umgehen können:

    Deutschland arbeitet sich tot, konkurriert die Konkurrenz in Grund und Boden (auf Kosten der eigenen Bürger) verkauft seine Produkte auf Pump und wundert sich, dass die anderen irgendwann nicht mehr zahlen können. Wir müssen den anderen auch die Chance geben Geld zu verdienen.

    China hat den USA ein gigantischen Konsumrauch finanziert und reiche Privatleute haben u.a. völlig überflüssige Häuserbauten in USA, Irland und Spanien finanziert.

    Diesen Leuten muß man die Kohle wegnehmen und sinnvoll investieren.

    Aber die FDP und die Tea Party glauben immer noch weniger Staat sein sinnvoll, die Demokraten, die CDU und die SPD sind völlig inhaltsleer geworden.

    Es ist ein Drama.

  3.   reiner tiroch

    Alle rettungsversuche egal welcher Art sind ein sinnloses unterfangen, denn die Gelder werden nur in den Banken hin-und hergeschoben. Die Schuldenberge wachsen aber munter weiter, und die Risiken landen wie festgelegt bei den Steuerzahlern. Da helfen auch die schönen Worte wie Stabilitäts-und krisenmechanismus und das Weglächeln der Krise nichts.

  4.   hkeske

    Eine Lachnummer – die gewählten Regierungen Europas lassen sich von ein paar Gläubigern durch die Gegend treiben wie eine Herde Schafe. Habe ich dafür eine Regierung gewählt, daß ein paar reiche Nutzenmaximierer darüber befinden, ob wir ein vereintes Europa schaffen oder nicht?

    Wirklich lächerlich. Wieso nimmt ein Staat Kredite auf, statt seine Bürger entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit mit Einkommen ud Vermögen zu den Kosten des Staates heranzuziehen? Wer hat die Regierungen ermächtigt, uns an ein paar Geldsäcke zu verkaufen?

    Die Deutschen verfügen allein über ein Geldvermögen von mehr als 5 Billionen Euro – bei 2 Billionen Euro Staatsschulden. Welche Geistesgröße ist auf die Idee gekommen, ein Schneeballsystem mit dem voraussehbaren Zusammenbruch der Staatsfinanzen in Gang zu setzen, indem er, statt Steuern festzusetzen und einzuziehen, manche Leute von Steuern weitgehend freigestellt und sie dann um Kreditgewährung gebeten hat? Das können doch wohl nur Verrückte sein, die ein solches Spektakel veranstalten.

    Man sollte den vorsätzlichen Verzicht auf die notwendige Steuererhebung und die dann notwendige Kreditaufnahme als Untreue verstehen und strafrechtlich verfolgen. Keine demokratisch gewählte Regierung kann ihre Befugnisse so mißverstehen, daß sie einen kleinen Teil der Bevölkerung steuerlich schont und mit Kreditaufnahme zusätzlich bereichert.

  5.   Stefan L. Eichner

    Es ist hat in der EU (und voher auch in der EG) immer Probleme in der Findung guter Kompromisslösungen gegeben, weil die Staaten

    a) ihre Kernkompetenzen nicht an Brüssel/Straßburg abgeben wollten (welcher Politiker, der was auf sich hielt, wollte deswegen z.B. schon gerne ins EP?) und

    b) die EU um der nationalen wirtschaftlichen Vorteile willen wollten – was in den letzten Jahren noch ausgeprägter der Fall gewesen ist, wie beispielsweise auch die diesbezügliche Kritik an Merkel zeigt

    und weil der gesamte europäische Integrationsprozess seit den späten 70er Jahren

    c) ZIELSETZUNGSBEDINGT im wesentlichen von einer Allianz zwischen den politischen Entscheidern und Europas Big Business (inkl. Banken!) getragen und geprägt worden ist.

    Unter diesen Vorzeichen lassen sich für die EU, ihre Institutionen und ihre Politik keine wirklich sachgerechten Lösungen finden.

    Die Geschichte zeigt aber auch, dass nur in Krisensituationen oder bei entsprechend hohem Handlungsdruck weitreichende Entscheidungen möglich gewesen sind. Der Druck „der Märkte“ auf Italien und Spanien – egal, woher er nun rührt und ob er eine realistische Entsprechung der Situation ist – erhöht auch den Handlungsdruck auf die politischen Entscheidungsträger auf der EU-Ebene.

    Die Tour, sich mit immer neuen Rettungspaketen noch ein Stückchen länger um die eigentlichen Entscheidungen herumzulavieren, das heißt, an den oben unter a-c aufgeführten Punkten etwas zu ändern, wird nach meiner Einschätzung nicht mehr lange verfolgt werden können.

    Ein Grund, warum vielleicht gegenwärtig doch noch viele Politiker glauben, damit durchzukommen, ist die wackelige Situation in den USA. Wenn die USA abschmieren, dann haben wir eine neue Finanzmarktkrise und es wird dann von dieser Seite auch keinen künstlich erzeugten Druck mehr auf EU-Schuldenstaaten geben. Wie hoch dessen Anteil an den Problemen der EU ist, kann ja niemand wirklich beziffern. Klein ist er aber wohl gewiss nicht.

  6.   Jörg Buschbeck

    Die Lösung ist doch einfach – es ist doch Urlaubszeit.

    Die Hälfte der EZB schicken wir nach Japan zur BoJ und die andere Hälfte zur FED nach USA. Also Bildungsurlaub, nur ein Thema – wie bringe ich mit ordentlichem Aufkaufen der Staatstitel die Zinsen gegen die Null-Linie? Mehr muss ein EZBler in Zeiten viel zu großer privater Geld-Sparpläne gar nicht bringen.

  7.   WIHE

    Die “Lösung”, die wir bekommen werden: Weiterwursteln, Bürgschaften Deutschlands für die Kredite des Rests (egal, wie das organisiert wird). Langfristfolgen m.E.: Wachstumsschwäche, Zinsknechtschaft, faktische Abschaffung der Demokratie, Protektoratsstrukturen, aufkommen radikaler Gegenbewegungen, Nationalismus, Gewalt.

    Der Euro, so wie er ist, wird zum Totengräber der europäischen Idee als Völkergemeinschaft in friedlicher Vielfalt werden.<

    So scheint es zu laufen.
    Der Euro ist so etwas wie die Staatsreligion der europäischen Eliten,
    ausgenommen die schweizerische, norwegische, britische, schwedische und dänische Elite.

    Daran sieht man, man weiß nie so genau, was Elite ist, ob sie dumm ist oder intelligent, erfolgreich oder Versager.
    Die Euro-Elite scheint mir weder intelligent noch erfolgreich zu sein, sie hecheln ihrem Dogma dem Euro, ihrer Staatsreligion hinterher, ähnlich wie die katholische Kirche ihr Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias verteidigt.

    Es sieht so aus, dass das Euro-Problem der Euro-Elite über den Kopf wächst.
    Die Zukunft bleibt trotzdem unsicher.

  8.   PBUH

    @B Mayr

    >Ein Grundproblem ist doch, dass die Schuldner ihre Schulden nicht zurückzahlen können, geschweige denn Investitionen tätigen können

    Ist doch Unsinn, die „Liberals/Lefties“ müssen einfach zur Vernunft finden und ihre Politik ändern. Was wir sicher nicht brauchen, sind noch mehr Investitionen in den Sozial-Industriellen-Komplex.

    Das Grundproblem ist nach wie vor das billige Geld.

    >Deutschland arbeitet sich tot, konkurriert die Konkurrenz in Grund und Boden (auf Kosten der eigenen Bürger) verkauft seine Produkte auf Pump und wundert sich, dass die anderen irgendwann nicht mehr zahlen können. Wir müssen den anderen auch die Chance geben Geld zu verdienen.

    Also treten wir endlich aus dem EURO Verein aus, das schwächt den Export stärkt aber die Gruppen mit geringem Einkommen.

    Was sie wollen ist das Gegenteil, sie wollen die geringen Einkommen durch Inflation weiter senken.

    >Diesen Leuten muß man die Kohle wegnehmen und sinnvoll investieren

    Das Problem ist die billige Kredit-Finanzierung, gerade bei Immobilien. Diese enormen Mengen an vervielfachtem Geld können sie gar nicht alle sinnvoll investieren.

    Wo in Deutschland, ausser bei der Instandhaltung der Infrastruktur, gibt es grösseren Investitionsbedarf?

  9.   nervös

    Ich fürchte WIHE hat recht. Das wird genau so kommen, die sogenannte Elite wird uns alle weiter in die Scheiße reiten. Das schlimmste daran: Alternativen gibt es in der Politik so gut wie keine. Selbst wenn man die Bagage abwählen könnte, wer soll denn an ihre Stelle treten? Auf Zapatero folgt Rajoy, auf Merkel Steinbrück, völlig egal, alles ein und dasselbe. Die Linke hat sich abgeschafft, die rechten Rattenfänger werden von der kommenden Krise profitieren, ich mag mir das gar nicht vorstellen.

  10.   Stephan

    EZB >Sie hat im Prinzip unbegrenzte Ressourcen und kann ohne langwierige Abstimmungsprozesse handeln.

    Das ist richtig. Wobei ich nicht verstehe warum ein Thema von Schlaumeiern wie Schieritz noch nie diskutiert wurde. Wenn wir die rigide Verfassung der Eurozone als gegeben nehmen — also 3% und 60% — stellt sich die Frage warum brauchen wir Bondmärkte überhaupt? Aus diesen Vorgaben ergibt sich nach Adam Riese eine Zahl die den Mitgliedern der Eurozone zur Schuldenaufnahme zur Verfügung steht. Die können dann bei der EZB auflaufen und sich das Geld abholen mit Zinsen Libor +/- x Basispunkte. Bei einem solchem Konstrukt braucht kein Mensch mehr die Bondmärkte zur Disziplinierung. Wenn wir schon so rigide Lottozahlen in Verträgen festschreiben dann sollten wir das auch logisch zu Ende denken.

 

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