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Warum ich dem Gipfelfest fernbleibe

 

Man hat ein schlechtes Gefühl dabei, der Spielverderber zu sein, wenn alle feiern. Ich wünsche den Euro-Rettern, dass ihre Manöver gelingt. Ich kenne einige von ihnen und ich weiß, dass es sich um kluge Menschen handelt, die ihr Bestes geben – die aber eben unter harten politischen Restriktionen handeln. Meine Skepsis gegenüber der jetzigen Rettungsstrategie beruhte vor allem auf drei Punkten:

1) Der gehebelte EFSF wird Liquiditätsnöte nicht lindern, weil den Investoren eine Teilkaskoversicherung nicht reicht.

2) Die Bankenrekapitalisierung belastet die Konjunktur, weil die Banken Kredite verknappen, um die strengeren Kapitalauflagen einzuhalten.

3) Der Schuldenschnitt in Griechenland führt dazu, dass Investoren eine ähnliche Behandlung auch in anderen Ländern der Euro-Zone erwarten und sich deshalb zurückziehen.

Wenn ich nun Berichte wie den folgenden heute in der FAZ lese, dann sehe ich die in Punkt 3) geäußerten Bedenken bestätigt:

Die Commerzbank will so viele ihrer verbliebenen Staatsanleihen verkaufen wie möglich. Vorstandschef Martin Blessing sagte nach einem Treffen im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten, das Bankhaus habe im dritten Quartal vor allem Kredite für die sogenannten PIIGS-Staaten weiterverkauft. […] „Ich fahre das runter, klar“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.Kritik, wonach ein massiver Verkauf solcher Papiere die Krise verschärfe, wollte Blessing nicht gelten lassen. Er verwies darauf, dass Europas Spitzenpolitiker noch 2010 den privaten Gläubigern Griechenlands versprochen hätten, dass es bis 2013 keinen Schuldenschnitt für Athen geben werde. Man habe ihm damals beteuert, dass es daher nicht nötig sei, Staatsanleihen schnell zu verkaufen. „Wenn heute noch mal ein Politiker zu mir käme und verlangte, wir sollten unsere Staatsanleihen in den Büchern halten, dann antworte ich: Trau, schau, wem.“

Und noch einmal bei der Commerzbank, diesmal zu Punkt 2):

Für die Commerzbank errechnet die EBA in ihrem Szenario einen Betrag von 2,938 Milliarden Euro. ‚Wir können die geforderte Kapitalquote zum Beispiel durch den Abbau von Risikoaktiva in Nicht-Kernbereichen, den Verkauf von nichtstrategischen Assets oder einbehaltene Gewinne sicherstellen. Eines ist jedoch klar: „Wir haben nicht vor, öffentliche Mittel anzunehmen“, sagte Eric Strutz. 

Oder, wie es die Analysten von BNP Paribas zusammenfassen:

The lessons from Greece are:

a. Significant restructuring of private debt is a more likely option than it looked six months ago;
b. The public sector is unwilling to write down its own loans, meaning that the restructuring risk falls on the private sector;
c. The larger a country’s reliance on public sector debt, the bigger the gearing effect will be on private sector debt of ‘shocks’ to the fiscal/economic position of a country.

The net result is a significant rise in the risk premium the market will demand to fund other peripherals (higher probability of default, probably higher writedowns). This raises likely risk premia on other peripheral debt.

16 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Bernd Klehn

    Das cesifo-Papier ist identisch mit dem HB-Artikel.

  2.   dave

    @ Free_speech: Genau so ist es.

    „Den Staaten geht der Euro aus“ 🙂

    Der ist wirklich gut. Scheint noch ein Nachläufer der falschen Sinnschen These zu sein, die Target 2 Salden würden die Kreditvergabe in Deutschland einschränken. Ein bisschen mehr Zurückhaltung wäre da wünschenswert.

  3.   Thomas Pittner

    @ keiner
    „So wie die Dinge stehen haben wir bald als “allerletztes” Mittel Eurobonds und dann geht alles den Bach runter (siehe Tischer/Klehn).“

    Ach, da gibt es noch diverse Zwischenschritte. 🙄

    Aber in welchen Bach geht denn dann der Euro?

    „Der Euro geht aus“, ist ja schön und gut; vielleicht tanzen, Tango oder Salsa oder Foxtrott, oder lieber gut Essen, mediterran scheidet wohl aus, solide deutsche Küche?

    Wo soll der Euro hin, und was tut er da?
    Zumindest bei Eurobonds mit Kapitalflucht aus ganz Euroland sollte sich die Frage wohl stellen-

  4.   Thomas Pittner

    „Italien“

    Die „Märkte“ erwarten ein klares Signal von Italien, hört man.
    Massive Rentenkürzungen oder so, und alles wird gut.

    Man kann sich ja mal die Rentensysteme ansehen.
    Es ist simple Grundschulmathematik: wenn nur die Arbeitenden die Renten finanzieren, und das Verhältnis auf 2 zu 1 sinkt, sind 70 Prozent vom durchschnittlichen Netto (und in Italien gibt es ja noch Möglichkeiten, mit 80 vom letzten Netto zu rentieren) nicht drin, weil dann dem Arbeitenden weniger bleibt als dem Rentner (mit anderen SV-Abgaben und Steuern).

    Aber die Lösung kann bei stetig weiter wachsender Wertschöpfung und Produktivität nun nicht in Armutsrenten für alle, ergänzt durch private „Kapitalgestützte“ Vorsorge, liegen.
    Man muss einfach die Systeme umstellen, den BSP-Anteil für die Renten politisch diskutieren, und dann die entsprechenden EInnahmen aus allen EInkommen erzielen.

    Das führt ganz nebenbei auch noch zu Wachstum.

    Aber was dazu wohl „die Märkte“ sagen würden?

  5.   Rebel

    Es ist kaum nachvollziehbar, dass nach drei Jahren die Kapitalflüchtigen immer noch nicht wissen, wie sie ihre Vermögen sinnvoll vernichten müssen. Sind die so gierig und blöde oder tun sie nur so?

  6.   bodo

    Irgendjemand behauptete, dass wir bereits an die 40 „Krisengipfel“ hatten, doch die Zahl spielt ja keine Rolle, denn es ist immer wieder dasselbe Spektakel: Löcher werden verstopft, indem man neue aufreißt. Kontroverse Entscheidungen werden verschoben bis zum nächsten Gipfel oder dem St. Nimmerleinstag. Nur eines ist sicher: Unsere Schulden steigen unaufhörlich.

    Dass auch die jüngste Rettungsaktion wieder nichts brachte, zeigten schon gestern die Märkte, als Italien für eine neue Milliardenanleihe 6,0% Zinsen bieten musste — mehr sogar noch als die gleichfalls angestiegenen 5,5% für Portugal. Die „Schutzmauer“ ist damit gebrochen, und die anderen PIIGS sind von der Griechenpleite bereits angesteckt, wie zu erwarten war.

 

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