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Adolf Nazi, die Inflation und die Euro-Krise

 

Die Angst der Deutschen vor der Inflation ist bekanntlich ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung der Bundesregierung, wenn es um radikale Vorschläge zur Lösung der Euro-Krise – Eurobonds, aggressive Anleihekäufe durch die EZB, ein höheres Inflationsziel – geht. Aber was ist die Ursache dieser Angst? Und ist sie berechtigt? Und was hat das alles mit dem Euro zu tun?

Der Reihe nach:

Ich habe an dieser Stelle schon einige Male darüber spekuliert, warum sich in Deutschland die Hyperinflation in das kollektive Gedächtnis gebrannt hat, nicht aber die Depression – obwohl Hitler bekanntlich nicht 1923 an die Macht kam, sondern 1933. Dylan Grice von der Société Générale hat dazu jetzt eine interessante Analyse veröffentlicht, zuerst entdeckt von FT Alphaville.

Diese Grafik zeigt die Arbeitslosenquote und die Wahlstimmen für die NSDAP:

Der Siegeszug der Nazis beginnt Ende der zwanziger Jahre, als die Weltwirtschaftskrise ihren Schrecken verbreitete und nicht früher. Grice:

Even after the horrors of hyperinflation, which peaked in 1923, and the subsequent currency stabilisation of 1924, which caused a deep depression in 1925, the Nazis were barely on the electoral radar. But, by the time Germany’s late 1920s depression was in full swing, the situation had changed.

Grice macht einen weiteren interessanten Punkt: Diese Grafik zeigt, wie lange verschiedene Länder die Gold-Kopplung ihrer Währung verteidigten und sich damit geldpolitisch die Hände banden.

Wir sehen: Die Deutschen hielten nach der Erfahrung des Missbrauchs der Notenpresse durch die Reichsbank Anfang der zwanziger Jahre mit am längsten durch – und dafür haben sie in Form eines besonders dramatischen Verlaufs der Krise bezahlt.

Haunted by von Havenstein’s ghost, it fatefully chose to bear instead the brunt of gold standard deflation, experiencing a depression arguably greater even than America’s. 

Die Hyperinflation der zwanziger Jahre führte also dazu, dass die Weimarer Republik sich ganz und gar einer Hartwährungsstrategie verschrieb – ohne Rücksicht auf Verluste. Andere waren da klüger:

After leaving the gold standard, the UK saw its unemployment rate decline by about a third from 1931 to 1933, while Germany’s rose significantly over the same period. If Germany had been willing to follow the UK in inflating, and its unemployment rate had followed a similar trajectory, it would have stood at 17% rather than 33%. 

Mit anderen Worten: Vielleicht hätte die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte verhindert werden können, wenn die Deutschen ein wenig mehr Inflation zugelassen hätten.

Der Euro in seiner jetzigen Form ist in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit dem Goldstandard. Er raubt den Krisenländern die Möglichkeit, die Anpassungslasten abzufedern. Und die gegenwärtigen Vorschläge der Bundesregierung zielen darauf ab, durch Vertragsveränderungen die Regeln noch härter zu machen.

Nun spricht viel dafür, die Architektur der Währungsunion zu verbessern. Aber wir stecken in einer dramatischen Krise, die die westliche Welt destabilisieren könnte. Der Run auf die Banken und Staaten muss gestoppt werden, und das geht nur mit einer gehörigen Portion Liquidität. Sonst ist nicht mehr viel übrig, was die Ordnungspolitiker noch ordnen können.

112 Kommentare


  1. @100 Medley:
    „Wohl wahr, denn vier Prozent Inflation bedeuten auch, dass die Gewerkschaften mindestens 6% Lohnerhöhungen fordern und damit den “Wirtschaftsstandort Deutschland” in seiner (preislichen) Wettbewerbsfähigkeit massiv schwächen. Stichwort: Preis-Lohn-Preis-Lohnspirale.“

    Warum war dieses Modell in den 60er und 70er Jahren so erfolgreich, als die Gewerkschaften noch die entsprechende Verhandlungsmacht besaßen, entsprechende Lohnsteigerungen durchzudrücken und die durchschnittlichen Inflationsraten der D-Mark höher waren als heute in Euro-Zeiten? Da gab es tatsächlich noch Wohlstandszuwächse für die meisten.

    „Vier Prozent Inflation bedeuten auch, dass die Anleiheinvestoren mindestens 6% Zinsen fordern und damit den (deutschen)Staat, -der aktuell für seinen Anleihen nur so inetwa um die 2% für 10 Jahre Schuldverschreibungen bezahlen muss- in den sicheren Bankrott führt.“

    Ein Absenken des Realzins würde vor allem bedeuten, daß Investitionen in die Realwirtschaft für Anleger attraktiver wären als Finanzanlagen.

    „Aber was wird halt nicht alles gemacht um den Euro und damit das internationalistische, multifinanziellkulturelle “Friedensprojekt Europa” trotz aller Verwerfungen doch noch irgendwie schön zu schreiben. Offenbar wird wohl jetzt von den €uro-Befürwortern auch noch der letzte Autor an der, sagen wir es mal sarkastisch, “Heimatfront” aus seinem realitäts- und alltagsfernen Elfenbeinturm gezerrt, um mit feingeistigen, pseudorecherchierten Durchhaltequalitätsjournalismus den “Entsieg” der europäischen Gemeinschaftwährung herbeizufabulieren. Zum totlachen, wenn nicht so zum sterben traurig wäre.“

    Daß der Euro in der jetzigen Gestalt nicht zu retten ist, sollte klar sein. Aber unabhängig von der Frage, ob nun mit oder ohne Gemeinschaftswährung (dann sicher nicht mehr mit allen jetzigen Teilnehmern): Dieses Lohndumping Deutschlands, was in Kombination mit dem Euro in erster Linie für diese massiven Leistungsbilanzüberschüsse verantwortlich ist, muß aufhören.

  2.   Wasser

    Stellen Sie sich vor, Sie haben für Ihr Alter angespart.

    Inflation ist ein Raubzug!

 

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