‹ Alle Einträge

Merkel kämpft an der falschen Front

 

Die entscheidende Woche beginnt und es läuft alles auf einen Deal hinaus, der wohl so aussehen wird: Schärfere Regeln für die Haushaltspolitik gegen ein stärkeres Engagement der EZB und/oder die Aussicht auf Eurobonds eines fernen Tages.

Im Prinzip ist das nicht falsch. Um die Krise zu beenden, ist ein kurzfristig wirkendes Finanzierungsinstrument nötig, genau so aber auch ein besseres Regelwerk für die längere Frist. Und es ist völlig klar, dass die jeder kurzfristigen Finanzierung innewohnenden Anreizprobleme gelöst werden müssen. Insofern stimmt die Richtung.

Das ist aber auch schon alles. Denn wie Wolfgang Münchau völlig korrekt schreibt, die Krise ist nur bedingt eine Staatsschuldenkrise. Griechenland hat getrickst und seinen Haushalt nicht in den Griff bekommen. Das gilt aber nicht für Italien, Spanien oder Irland. Dort sind die Schuldenquoten gesunken vor dem Ausbruch der Finanzkrise

Grafik: Oeffentl_Verschuldung_GR_IR_IT_ES_POR

Mit anderen Worten: In drei Fünftel der PIIGS wurden die Schulden sogar gesenkt. Teilweise sogar ziemlich radikal.  Was gestiegen sind, sind die Schulden des privaten Sektors, nämlich der Banken und der Privathaushalte. Als die Staaten gegen die Rezession ankämpften und die Banken stützten, wurden aus den privaten Schulden dann staatliche Schulden. Diese sind das Phänomen tieferer Verwerfungen.

Die Krise ist also genau so eine Privatschuldenkrise – und die hat ziemlich viel mit den wirtschaftlichen Ungleichgewichten innerhalb des Währungsraums zu tun: Mit einer zu schwachen Binnennachfrage in Deutschland und einer zu starken in Südeuropa, mit Kapitalströmen aus dem  Norden in den Süden und mit einer Geldpolitik, die die Krise in Deutschland verschärfte und den Boom in Spanien anheizte.

Solide Staatshaushalte sind schön und gut, aber ohne eine Lösung für diese Probleme wird sich die Währungsunion nicht stabilisieren lassen. Das bedeutet aktuell, dass erstens ein Plan her muss, wie der Süden seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann, ohne in der Deflation zu versinken. Austerität alleine hilft da nicht weiter. Und dass zweitens verhindert werden muss, dass in ein paar Jahren Deutschland da steht, wo heute Spanien steht – und umgekehrt. Das bedeutet: Koordination in der Lohnpolitik und Regeln für Eigenkapital oder Notenbanksicherheiten, die den prozyklischen Effekt der Einheitszinsen abmildern.

136 Kommentare

  1.   Morph

    „Das bedeutet aktuell, das erstens ein Plan her muss, wie der Süden seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann, ohne in der Deflation zu versinken. Austerität alleine hilft da nicht weiter.“

    Was, wenn ein solcher Plan nicht möglich ist?

    Der ‚Ratschlag‘ an Merkel, doch bitte an der richtigen Front zu kämpfen, wäre diskutabel, wenn er mit einem wirklichen Vorschlag verbunden wäre.

    Mark Schieritz löst Welthungerproblem: Einfach mehr essen! 😉

  2.   Landburli

    „Mit einer zu schwachen Binnennachfrage in Deutschland und einer zu starken in Südeuropa“

    „zu schwach“ nach welchem Maßstab? Dem Überkonsum der Angelsachsen und meisten Europäer die letzten 15 Jahre? Der einzige Grund warum die Bundesrepublik nicht überschuldet ist, besonders Privathaushalte und Unternehmen nicht, ist deren defensiveres Ausgabeverhalten. Und freilich kann man auf Pump auch eine viel höhere Binnennachfrage erzeugen, mit welchen Folgen sieht man derzeit. Sie können doch nicht in einem Atemzug (Blogeintrag) die hohe Privatverschuldung zurecht als Krisenauslöser benennen und gleichzeitig die deutsche Konsumzurückhaltung als Problem darstellen. Und das spart uns auch in keine wirkliche Sparpolitik, da wir uns nicht anders verhalten als vor 5, 10, 15 oder 25 Jahren („Austerität“ eingedeutschtes engl. „austerity“ für Sparsamkeit..bitte auch so nennen!). Unser öffentlicher Sektor lebt nach wie vor über seinen Verhältnissen, solange es noch Neuverschuldung gibt, von Spardiktat also auch dort nichts zu sehen. Und Europa aus der Krise konsumieren können die Deutschen alleine auch nicht, zumal wir in wenigen Jahren dann auc ruiniert wären.

  3.   Landburli

    PS: eine Krise ist eine Gelegenheit gewohnte Denkmuster zu überprüfen, dazu sollte gehören das Mantra abzulegen dass die Deutschen unter „Konsumschwäche“ litten, umgekehrt wird der Schuh draus, die westliche Vergleichsgruppe litt an „Überkonsum“.

  4.   keiner

    „Unser öffentlicher Sektor lebt nach wie vor über seinen Verhältnissen“

    Ich kann den neolib Schwachsinn nicht mehr hören und lesen. Die wirklich Reichen sind undertaxed, sonst könnten sie die Kohle ja nicht für Zinsen an den Staat ausleihen (statt ihn zinslos beim Finanzamt abzuliefern).

    Dafür ist der klassische Mittelstand overf*cked, wie ja selbst die etwas merkbefreiten Amis langsam feststellen.


  5. Landburli zeigt genau auf wo das Problem liegt: Nicht da wo er es vermutet.

    Sondern im Unvermögen zu verstehen, dass die Überschüsse des Einen die Defizite des Anderen sind, das Eine geht nicht ohne das Andere.

    Deutschland verkauft mehr ans Ausland als es dort kauft, im Gegenzug häufen wir (per Saldo) Forderungen ans Ausland an (= Schulden der Anderen). Statt dafür weniger oder nichts mehr zu bekommen (default, Schuldenschnitt, Inflation) wäre es sinnvoller dafür mehr im Ausland einzukaufen. Das müssen ja nicht Konsumgüter zum Verfrühstücken sein, das könnten auch Investitionsgüter oder Solarstrom aus sonnenreichen Ländern sein.

    Das Problem dabei: Dazu müssten wir die Wirtschaft der Defizitländer etwas hochkommen lassen und das kostet bei uns Arbeitsplätze. Und das will keiner.

    In Deutschland wird man eher wiedergewählt, wenn man die hiesigen Arbeitnehmer kurz hält, die erwirtschafteten Güter per Saldo an Ausland verschenkt und auf selbiges Ausland wettert statt zu sagen: „Liebe Deutsche, ihr habt seit Jahren viel gearbeitet und weniger dafür gekriegt als auch zusteht, jetzt lassen wir mal die anderen mehr arbeiten, investieren und gönnen uns auch mal ein bischen was“

  6.   keiner

    „…RBS has £31.bn of debt maturing in 2012, Lloyds £27.4bn and Barclays £17.7bn, a chunk of which will need to be done during the first quarter of the year.“

    ftalphaville.ft.com/blog/2011/11/28/766831/liquidity-support-for-the-uk-banks/

    Sind es nicht vielleicht die tollen „Märkte“, die völlig über ihre Verhältnisse gelebt haben und bankrott sind? Aber die Verbrecher laufen strahlend durch die Welt, zeigen mit dem Finger auf andere uns schreien „Haltet den Dieb!“. So dämlich sind nicht mal schwäbische Hausfrauen, dass sie diesen Riesenbetrug nicht merke(l)n würden.

  7.   Landburli

    @4 und 5

    Das ist mir klar aber das heißt nicht dass sich daraus einfache Lösungen ergeben. Weder leben wir in einer globalen Blöckewirtschaft wo ein Exportüberschuss dem Ursprungsland in Binnenbreite nützt, die Erträge zirkulieren homogen global auf den Finanzmärkten, zumal die prozentuale Lohnsumme stetig schrumpfte. „Die Deutschen“ pauschal zu Profiteuren der Handelsungleichgewichte zu erklären halte ich daher für zynisch. Und wie auch immer die Defizite begründet sein mögen: es gibt sie. Reichensteuer, von mir aus. Fakt ist dass dato weiterhin auf Bundesanleihen gelebt wird. Analyse nicht mit Diskussion vermengen.

  8.   Joerg Buschbeck

    @Landburli

    es gelten strenge Größenbeziehungen, man darf nur Zahlungsmittelbestände und Geldvermögen nicht vermenegn, da ensteht größte Konfusion.

    Schulden sind ein Phänomen von Kaufvorsprüngen

    Staatsschuldenwachstum eines Landes = inländisches Geldvermögenswachstum
    zzgl. Importüberschüsse

    Größenmechanik:
    Es besteht keinerlei Korrelation zwischen Sparen im Sinne eines Ausgaberückgangs und Sparen im Sinne eines Einnahmeüberschusses.

    Vielmehr führt ein Ausgaberückgang einer Gruppe nur dann zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabeüberschuss vor- oder hinnimmt. Anderseits kommt es bei jeder Gruppe auch ohne Ausgaberückgang stets zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen solchen Ausgabeüberschuss vornimmt.

  9.   Landburli

    @6
    Nun gesellschaftspolitisch gesehen sind wir alle gedanklich gefangen im Kapitalismus mit dem wir aufwuchsen. Dass der Realsozialismus noch schlechter funktioniert heißt nicht dass unser System dauerhaft trägt. Der Marxismus kommt im Westen derzeit zu seinem Recht, denn genau das was Marx sagte passiert in unserem reifen Kapitalismus derzeit: durch andauernd zunehmende Produktivität kann die Nachfrage nur noch auf Pump aufrechterhalten werden. Da helfen auch verzweifelte Anpassungsversuche der Jugend nicht mehr, diese versucht durch ständig höhere Bildungsanstrengungen vor dieser Welle zu surfen aber immer mehr scheitern daran. Wir haben eine Systemkrise die derzeit ausweglos ist und mehr als Durchwirschteln geht nicht mehr. Das ist die einzige Erkenntnis die bei der schwäbischen Hausfrau nicht durchdringt, die denkt noch dass wie bisher Reformen, noch mehr Pauken in der Schule und Forschung der Masse Wohlfahrt bringen könnten.

  10.   Joerg Buschbeck

    versuchen Sie doch bitte mal folgender trivialen Logik zu folgen

    1. die Staaten können ihre Schulden nur abbauen, wenn Sie mehr einnehmen als ausgeben.

    2. dazu muss der Rest der Welt mehr ausgeben als einnehmen.

    3. der Rest der Welt sind für die Staaten die privaten Wirtschafter

    4. damit die Privaten mehr ausgeben als einnehmen, müssen diese entweder Guthaben abbauen oder Schulden machen.

    5. Wenn der Staat versucht zu sparen(es bleibt beim Versuch) wenn die Privaten gar nicht entsparen(mehr ausgeben als einnehmen) wollen, gibt es einen Abschwung und die Privatverschuldung bricht dramatisch ein. Deswegen passiert das Gegenteil vom geplanten -Sie können es überall in den Ländern mit Sparversuchen beobachten.

    Schlüsse:
    Staatliche Sparversuche müssen von den Überlegungen begleitet werden, wie man die Privaten zum Entsparen anregt. Dazu brauchen wir eine gesellschaftliche Diskussion.

    Eventuell findet dann aber auch eine Mehrheit wachsende Staatsverschuldung als eine gute Sache, weil man so viel Freude am eigenen Sparen hat und dies ein im Über-Ich verankerter Wert zumindest der Deutschen ist. Es wäre zumindest viel besser auf deutsche Staatsschulden in eine perfekte (Bildungs)infratsruktur zu investieren, als unsere Sozialprodukt gegen uneinbringliche Forderungen ins Ausland zu verschenken und den Unfrieden in Europa anzuheizen.

    Meine Meinung zum richtigen Weg ist auch gar nicht wichtig, wichtig wäre ein breite Einsicht in diese triviale Zusammenhänge für eine gesellschaftliche Diskussion.

 

Kommentare sind geschlossen.