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Timothy Garton Ash und die Inflationslüge

 

Ich bin ein großer Fan von Timothy Garton Ash, deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass er in seinem neuen Essay über Deutschland in der New York Review of Books die Inflationslüge zitiert.

They are also obsessed with the danger of inflation. One poll found that Germans fear inflation more than they fear getting cancer. The shadow of history again: in this case, the trauma of two dramatic inflations, after the first and after the second world war. Yet as the economic policy correspondent of the liberal weekly Die Zeit argues in a spirited polemic, they misunderstand both the past—it was deflation, not inflation, that immediately preceded Hitler’s rise to power—and the present reality of that danger.

Der Aufsatz ist sehr lesenswert.

52 Kommentare

  1.   Alex

    Offensichtlich hat das deutsche Volk die Inflation als das traumatischere Ereignis erlebt. Was für ein Sinn hat es gegen diesen Aspekt anzuargumentieren?

    In niedrigeren Inflationsraten stecken Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit und damit Planbarkeit. Kein Wunder also, dass dies der deutschen Mentalität entgegenkommt. Ein Inflationsziel von 2% komprimiert die Volatilität der Geldentwertungsrate (verglichen zB mit 4%).

    Alex

  2.   alterego

    Traumata hin oder her. Kraufkraftverluste halte ich aus Sicht des Konsumenten und Sparers grundsätzlich für wenig erfreulich bis schädlich. Sie sollten daher so klein wie möglich sein.

    Ein sinkendes Güterpreisniveau käme dagegen einer Kaufkraftsteigerung gleich, und zwar ohne dass die Löhne nominal wachsen müssten.

    Es gibt allerdings starke Kräfte, die ein vitales Interesse daran haben, die Inflation zu pushen. Die Zocker und allgemein die, welche auf Pump und damit auf Kosten anderer leben, sowie diejenigen, welche gerne viel gepumtes, sprich noch nicht verdientes Geld unters Volk bringen, selbst wenn dieses niemals durch reale Wertschöpfung verdient werden kann.

  3.   Dietmar Tischer

    Was immer die Ursachen von Inflation waren, sind oder sein werden:

    Sie wurde ERLEBT und die damit verbundenen Lebensumstände wurden weitervermittelt.

    Und die waren in der Tat dramatisch, immerhin das erkennt dieser G. T. an.

    Wenn wir „obsessed with the danger of inflation“ sind, dann sind wir es eben – ob das nun ein Trauma ist oder nicht.

    Man kann angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation in Europa zu recht GEGEN ein kurz- bis mittelfristiges Inflationsszenario argumentieren.

    Allerdings sollt man dabei nicht vergessen, dass die Deutschen ihre Ersparnisse überwiegend in monetären Forderungen bilden, die von Inflation direkt betroffen wären.

    Die Deutschen mögen vieles nicht verstehen – das verstehen sie.

  4.   Atan

    Danke für den Hinweis auf diesen wirklich sehr lesenswerten Aufsatz.
    Wobei das Thema „Inflationsangst“ ja wirklich nur ein kleiner Unterpunkt unter vielen Unterpunkten ist.

    Neben vielen klugen Erklärungen zu momentanen Widersprüchen in der deutschen Position steht am Ende jedoch die Quintessenz: Deutschland kann weder subjektiv noch objektiv die „neue“ deutsche Frage, noch die europäische allein beantworten – sondern kann nur als primus inter pares im Konzert der Europäer agieren.
    Es kann weder Europa im Alleingang den Weg aus der Krise erkaufen noch das Dilemma eines Euros lösen, der v.a. als asymmetrisches Instrument zum Niederhalten deutscher ökonomischer Dominanz konstruiert war – ALLE EU-Staaten müssen darüber nachdenken, wie der zukünftige gemeinsame Weg aussehen soll – und das unser neues „Holy Republic Commonwealth“ nicht als der übliche Brüsseler Bastard gleich zur allgemeinen Verunglimpfung freigegeben wird, sondern eben als das Unicum anerkannt, das eben kein zusätzliches einschüchterndes Monstrum auf der Weltbühne sein will.
    Vielleicht einfach nur ein sympathisches Riesenfaultier, das sich ernährt, sich dank seiner Größe und Kräfte zu behaupten weiß und ansonsten mit niemandem Streit sucht.


  5. Der Aufsatz enthält wirklich viel Lesenswertes.
    Deutschland mag zu groß und zu klein und zu groß gleichzeitig sein, aber auch der Kleinste kann den Richtigen Weg aufzeigen, wenn die Ideen (poetry in Garton Ash’s Diktion) bei den Partnern auf offene Ohren stoßen und zu einer gemeinsam vertretenen Linie führen, die realistisch und erfolgreich sein kann.
    Schmidt konnte das mit Giscard, Kohl konnte es sogar mit Mitterand und Gorbatschew. Bei Merkel fühlen sich zu viele geknechtet und ziehen nur widerwillig mit.

    Das Leitbild von Atan (sympathisches Riesenfaultier) hat was, auch wenn faul in Deutschland vielleicht nicht so gut resoniert, aber sowas wie ein BFG (big friendly giant) wäre eine gute Vision für Europa. Da müssen sich u.a. die träge griechische Landschildkröte und die hyperaktive deutsche Arbeitsbiene noch annähern.

  6.   Dietmar Tischer

    Nachtrag zu meinem Beitrag # 3.

    Ich bin eben über die Abhandlung eines Ökonomen der Federal Reserve Bank of Richmond gestolpert:

    richmondfed.org/publications/research/working_papers/2013/pdf/wp13-07.pdf

    Seine These (Abstract):

    “Use of the New Keynesian model to identify shocks points to contractionary monetary policy as the cause of the Great Recession in the Eurozone.”

    In dem paper ist viel Modell-Mathematik enthalten und ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob die These wirklich gut gestützt wird.

    Interessant und einer Bemerkung würdig sind im Rahmen dieser Diskussion die folgenden Forderungen an die EZB:

    “Structural reform is required to eliminate the current account deficits of the peripheral countries given the inability to depreciate a domestic currency. However, the ECB has to be clear that surplus countries will experience inflation above 2 percent for extended periods of time. It will have to explain to the German public that such inflation is not a sign of a lack of the discipline that allowed Germany to achieve a current account surplus. Most important, the ECB needs to start by recognizing that Europe’s problems are more than structural. It needs to stop using monetary policy as a lever for achieving structural changes and to end its contractionary policy.”

    Die EZB (!) soll der deutschen Öffentlichkeit Inflation von mehr als 2% über eine ausgedehnte Zeitspanne schmackhaft machen!

    Klar, Inflation würde der Peripherie beim Anpassungsprozess helfen.

    Aber warum sollen die Deutschen eine derartige Empfehlung als Beitrag zur Krisenbewältigung (mit Entwertung ihrer Geldvermögen) überhaupt zur Kenntnis nehmen, wenn die Italiener z. B. nicht in der Lage sind, ihre Immobilien zu besteuern (Belastung ihrer Vermögen), um SICH SELBST aus den Schwierigkeiten zu helfen?

    Dieser Ökonom mag ein guter Ökonom sein.

    Aber er träumt.

    Niemand macht den Deutschen dauerhaft eine Inflation schmackhaft, die deutlich über 2% liegt.

    Noch nicht mal die Deutsche Bundesbank würde das schaffen – und der glauben sie viel.

  7.   alterego

    @6
    Ja, diese „Empfehlung“ verstößt gegen die Interessen der (Mehrheit) der Deutschen. Sie dient ausschließlich den Interessen der Überschuldeten, also der Unseriösen und Hasardeure sowie generell der Finanzindustrie, die so auf Kosten der Mehrheit, insbesondere der Bezieher von Arbeitseinkommen und der Sparer, ihre Überschuldung oder ihre durch die Überschuldung ihrer Schuldner bedingten Risiken loswerden wollen.


  8. Wenn eine vorübergehende Inflation höher als 2% tatsächlich zur Lösung dieser Krise führen würde, könnte sich eine Mehrheit der Deutschen vielleicht tatsächlich damit abfinden. Aber das Problem ist doch, dass dies keineswegs der Fall sein wird. Es bringt bestenfalls eine Verlängerung der jetzigen Situation.

    Ohne Strukturreformen und ohne eine Bereinigung des dortigen Bankensystems wird man für die Defizitstaaten keine Lösung finden. Dies würde aber überwiegend zu Lasten der dortigen Mächtigen gehen. Da wartet man halt lieber auf Hilfe von aussen, und versucht die Sache auszusitzen. In Griechenland ist dies den Reichen ja schon vortrefflich gelungen, sie haben ihr Geld schon längst in Sicherheit. Die Leiden der Armen interessiert diese Leute doch nur so nebenbei.

    Die pauschalen Hilfen der EZB und der Rettungfonds dienen diesen Leuten am meisten, und helfen den Armen am wenigsten. Auf Solidarität zur Rettung der dortigen Reichen können wir ohne weiteres verzichten.

  9.   Dietmar Tischer

    @ Tiefenwahn # 8

    Niemand redet davon, dass eine Inflationsrate von mehr als 2% oder, besser noch, deutlich über 2% zur LÖSUNG der Krise führen würde.

    Es würde die Entschuldung ERLEICHTERN und damit die Krisenbewältigung, die selbstverständlich von den betreffenden Ländern SELBST durch Strukturreformen etc. zu leisten ist.

    Dazu gehört grundsätzlich, dass – wenn erforderlich – diese Länder auch das VERMÖGEN ihrer Bürger einsetzen. Wer davon wie betroffen ist, muss Sache dieser Länder sein.

    Hilfen, die wir leisten, damit die Sanierung gelingt, sollten zumindest keine direkten Verteilungseffekte in diesen Ländern haben.

    Mein Punkt mit der höheren Inflation:

    a) Es wird sehr schwer, eher unmöglich sein, die deutsche Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie einen solchen Beitrag zur Krisenbewältigung akzeptieren sollte.

    Und

    b) Die Berechtigung, einen solchen Beitrag von uns zu FORDERN, entfällt, wenn in den Ländern, denen er helfen würde, VERMÖGEN nicht für die Sanierung herangezogen wird, wie z. B. durch die Rücknahme der von Monti beschlossenen Immobiliensteuer in Italien. Denn höhere Inflation heißt eben auch, dass die die deutschen Geldvermögen mehr entwertet werden als sie es bei geringerer Inflation würden.

    Was b) anbelangt, gibt es mit mir nichts zu verhandeln.

  10.   Alex

    #9

    „Dazu gehört grundsätzlich, dass – wenn erforderlich – diese Länder auch das VERMÖGEN ihrer Bürger einsetzen. Wer davon wie betroffen ist, muss Sache dieser Länder sein.“

    Unabhängig von den konkreten Schuldnerstaaten schätze ich generell den Willen von Menschen (Bürgern/Steuerzahlern/Sparern) das eigene Vermögen einzusetzen, um ausländische Kreditgeber zu befriedigen, als äußerst gering ein.

    „Es wird sehr schwer, eher unmöglich sein, die deutsche Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie einen solchen Beitrag zur Krisenbewältigung akzeptieren sollte.“

    Ich glaube, dass es anders abläuft. Die höhere Inflation wird bewusst in Kauf genommen bis verdeckt gefördert werden und damit wird einfach die Grenze ausgelotet, ab der die Deutschen aufschreien. Das ist der Weg des geringsten Widerstands aka die Merkel-Doktrin. Wenn bei 3,5% keine Palastrevolte ins Haus steht, dann geht’s eben weiter damit. Man kann sich ja bei der Inflationsrate eh‘ damit herausreden, dass niemand die wirklich punktgenau steuern kann.

    Alex

 

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