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Draghis Coup

 

Aus meinem Kommentar für ZON:

Deshalb hat die Zentralbank den Auftrag, die Teuerung bei knapp zwei Prozent zu halten – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Auf dieses Ziel hat man sich verständigt. Mit einer Inflationsrate von aktuell weniger als einem Prozent wird es verfehlt. 

Schon um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren, musste die EZB die Zinsen daher noch einmal senken. Das hilft der Wirtschaft, weil unter anderem die Aufwertung des Euro gedämpft würde. Die Stärke der Währung macht derzeit vor allem den Exporteuren im Süden ihr Geschäft kaputt.

Für die deutschen Sparer sind niedrigere Zinsen zwar auf den ersten Blick ein Ärgernis. Doch wenn die Krise wieder eskaliert, weil sich die EZB verweigert, müssten sie erst recht um ihr Geld bangen.

34 Kommentare

  1.   gojko

    @Dietmar Tischer: „Ansonsten hat sie noch einige Pfeile im Köcher. QE ist einer, Strafzinsen ein anderer.“

    Wie sollen denn Strafzinsen funktionieren? Dann werden die Leute einfach ihr Geld in bar unter der Matratze verwahren. Und die Banken sehen ohne Spareinlagen doch auch alt aus, oder?

    Und QE ist doch Staatsfinanzierung, was laut Maastrichtvertrag verboten ist.

  2.   Dietmar Tischer

    @ gojko # 11

    Eben.

    Und deshalb wird es großes Theater geben, wenn dies ernsthaft auf der Tagesordnung steht.

    Kommt es auf den Tisch, etwa wie OMT, wäre es gerechtfertigt von „Draghis Coup“ zu reden.


  3. @10
    „Ich bin mal gespannt, was die öffentliche Debatte uns bietet, wenn derartige Maßnahmen in den Fokus rücken.“

    Ich auch, das wird lustig!

    @11
    „QE ist doch Staatsfinanzierung, was laut Maastrichtvertrag verboten ist.“

    Die Frage wird doch gerade in Karlsruhe beraten, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

    „Wie sollen denn Strafzinsen funktionieren?“

    Die Banken müssen Mindestreserven halten. Außerdem hat physische Bargeldverwahrung im Großen Stil auch seine Kosten, so gab es schon öfters mal leicht negative Zinsen in den letzten jahren.

    Außerdem funktionieren ja negative Zinsen in beide Richtungen: Wer Geld zur Bank trägt muß dafür zahlen, aber wer sich welches leiht bekommt noch extra umsonst oben drauf!

    Mal im Ernst, wenn ihre Sparkasse Ihnen anbietet:
    „Nehmen sie 100 Euro Kredit für 0% auf. Sie bekommen 2 Euro dazu geschenkt!“
    würden sie da nicht zugreifen?

    Und dann bleibt ja immer noch der Helikopter …
    http://www.marketoracle.co.uk/images/credit-crunch.jpg

  4.   alterego

    @9
    Was braucht die Eurozone denn?

    Sinkende Kurse helfen den Schwachen. Aber den Starken, die sie nicht bräuchten, noch mehr. Damit helfen sie unter dem Strich vielleicht sogar dem Aggregat Währungsunion. Aber sie verstärken wahrscheinlich auch die internen Fliehkräfte.

    Wie schon so oft geäußert: Ich lehne diese ganze Manipulationsdenke, die mit nahezu jedem Blogbeitrag des Autorenteams angestoßen und gefördert wird, grundsätzlich ab. Es ist und bleibt nun einmal kontraproduktiv und für alle Beteiligten unter dem Strich schädlich, wenn, gerade in der Zeit der Globalisierung, ein für das grenzüberschreitende Wirtschaften wesentlicher, ja fundamentaler Koordinations- und Ausgleichsmechanismus, nämlich der schwankender Wechselkurse, ausgeschaltet wird. Was bleibt, ist Krampf.

    Das ist politisch motivierter, ökonomischer Unsinn, der daher bei umfassender Sichtweise auch politisch keinen Sinn machen kann – was zunehmend deutlich wird. So etwas muss abgeschafft werden, statt zu versuchen, es krampfhaft und immer unzulänglicher zurechtzumanipulieren.

  5.   Marlene

    Hans Werner Sinn:“Deutschland muß höhere Inflationsraten akzeptieren.“

    Wie hier andere schon geschrieben haben ist jetzt die Fiskalpolitik in Deutschland in der Pflicht.

    Und das Gute dabei, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde bei einem Ausbau der Infrastruktur steigen, aber die Leistungsbilanzüberschüsse würden sinken.

  6.   Michael Stöcker

    Draghis Coup? “Coup“ hat eine eindeutig negative Konnotation. Was war hieran negativ und was überraschend? Das konnte nur für deutsche Mainstream-Journalisten und Mainstream-Ökonomen überraschend gekommen sein, die die Augen verschließen vor dem, was sich gerade im Süden Europas abspielt.

    Die realwirtschaftliche Wirkung ist, wie immer bei Leitzinssenkungen, gleich Null. Zentralbanken können eben nur an dem Zinsseil ziehen (Volcker) aber niemals stoßen. Siehe auch der Beitrag von Mark Dittli: http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/33527/ben-bernanke-stoesst-an-einem-seil/

    Hier ging es Draghi doch eher um zwei Sachverhalte: Zum einen um symbolisches Handeln. Seht her, die Lage ist mehr als Ernst. Wir machen als Zentralbank alles was nur möglich ist. Aber jetzt liebe Politiker sind wir bald mit unserem Latein am Ende. Wacht endlich auf aus eurem Dornröschenschlaf.

    Wer glaubt, dass eine Zinssenkung von 0,25 % bei 90 % Buchgeld (der Kosteneffekt beträgt also real nur 0,025 %) eine investitionsstimulierende Wirkung haben kann, bei gleichzeitig schlechten konjunkturellen Aussichten (Risikoaufschlag bei der Kreditvergabe), der glaubt wohl auch daran, dass man die Pest mit homöopathisch verdünnten Antibiotika besiegen kann.

    Der zweite Aspekt hängt mit der Verteilung von Zentralbankgeld im Eurosystem zusammen. Da das Geld überwiegend in der Peripherie „gedruckt“ wurde, müssen die auch die Kosten der Zentralbankgeldbeschaffung tragen. Dies ist aber weitestgehend in Deutschland gelandet. Die Banken der Südperipherie alimentieren also nolens volens die deutschen Banken. Diese Wettbewerbsverzerrung wurde durch die Zinssenkung reduziert und Draghi wird vermutlich in der nächsten Sitzung auf 0,1 % gehen. Was bleibt ihm denn auch anderes übrig?!

    Negative Zinsen sind Kokolores. Die Banken haben kein Liquiditätsproblem, sondern ein Rentabilitätsproblem. Da wären Strafzinsen kontraproduktiv. Die Inflation ist es, die negative Realzinsen erzeugen kann. Nur, die kann man mit den klassischen geldpolitischen Instrumenten in gesättigten Märkten nicht initiieren. Nicht umsonst hatte ich hier vor einiger Zeit eine zentralbankfinanzierte negative Einkommensteuer (aka Bürgergeld) in die Diskussion gebracht. Das erste Mal hier: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/01/09/zu-unrecht-vergessen-wolfgang-stutzel-und-seine-saldenmechanik_5632/comment-page-23#comments #183, das zweite Mal hier: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/10/07/der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden_6605/comment-page-6#comments # 45


  7. Was soll das für ein Coup sein? Die Zinsen um ein viertel Prozent senken – das dürfte sicher irrelevant sein. Die Situation, in der wir stehen, ist, dass es derzeit mehr Kapital gibt, als wirklich sicher angelegt werden kann. Es kann ja jeder sein Geld in Immobilien, Aktien, Windkraftanlagen, Photovoltaik stecken wie er will. Mehr Risiko, aber auch mehr Gewinn. Das muss jeder selber entscheiden.

    Noch wird niemand gezwungen, sein Geld in Staatsanleihen zu stecken. Und so lange die Nachfrage nach sicheren Anlagen höher ist als das Angebot an solchen, ist es völlig in Ordnung, wenn die Zinsen so niedrig bleiben.

    Problematisch ist es nur, wenn, von vorübergehenden Marktbereinigungen abgesehen, dauerhaft Staatsanleihen von Krisenländern aufgekauft werden. Die FED macht so etwas nicht, sie hat nicht etwa Detroits Anleihen aufgekauft, um diese Statt zu retten. So etwas würde der FED nie einfallen. Die kauft nur gleichmäßig über den ganzen Staat. Bei der EZB würde dies einem Aufkauf von Staatanleihen in Proportion zum Wirtschaftanteil der Mitgliedsländer entsprechen.

    Nur hier in Europa soll Geld zugunsten einiger weniger Krisenländer gedruckt werden, damit deren selbstverschuldete Politik so weitergeführt werden kann wie bisher. Die Politiker in den Krisenstaaten haben gar kein Interesse daran. ihre Länder zu retten, die wollen nur ihr eigenes Kapital, und das ihrer Freunde retten. Sonst hätten genauso wie Island ihre Banken pleite gehen, und anschliessend rekapitalisieren können.

    Und in Griechenland, nach 2 Bankenrekapitalisierungen mit Hilfe der EZB, stehen die Banken schon wieder mit 30% Non-Performing-Loans in der Pleite. Das stinkt geradezu nach Mafiamethoden, bei denen wissentlich Kredite ausgegeben werden, die niemals zurückgezahlt werden. Da ist die Situation der Armen dort, die nicht an der Mafia partizipieren, geradezu willkommen, um bei unseren Gutmenschen reflexhaft sofort neues Kapital bereit zu stellen.

  8.   alterego

    @15
    Er nannte das „Durchwursteln“.

    Meine Meinung: Verließen die Krisenländer die Zone, was Sinn ebenfalls, hier: sinnvollerweise, ins Feld führt, käme das Thema Inflation gar nicht auf.

    http://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/policy/Viewpoints/Standpunkte-Archiv/stp-2013/Ifo-Viewpoint-No–150.html

  9.   Dietmar Tischer

    @ Tiefenwahn # 17

    Bei aller begründeten Skepsis nicht alles über einen Kamm scheren.

    >Die Politiker in den Krisenstaaten haben gar kein Interesse daran. ihre Länder zu retten, die wollen nur ihr eigenes Kapital, und das ihrer Freunde retten.>

    Das ist nichts weiter als eine Behauptung, die m. A. n. falsch ist, allein schon deshalb, weil sie schreiben „DIE Politiker“. Es gibt immer und überall solche und solche.

    Sollte sie dennoch richtig sein, müssten Sie sie anders begründen als mit

    >Sonst hätten genauso wie Island ihre Banken pleite gehen, und anschliessend rekapitalisieren können.>

    Island ist und war nicht in der Eurozone. Das ist ein großer Unterschied, wenn es darum geht, seine Banken pleite gehen zu lassen.

    Und Griechenland ist in vielerlei Hinsicht ein Extremfall, nicht vergleichbar mit dem Rest der Peripherie.


  10. @19

    >Island ist und war nicht in der Eurozone. Das ist ein großer Unterschied, wenn es darum geht, seine Banken pleite gehen zu lassen.<

    Warum sollte ein Staat wie Spanien verpflichtet sein, seine Banken anders zu behandeln wie andere Unternehmen auch. Wenn ein Unternehmen pleite geht, gibt es so etwas wie eine Insolvenzverfahren, bei dem die Eigentümer alles und die Gläubiger einen guten Teil ihrer Einlagen verlieren.

    Dass ein Staat dann Einlagen bis zu einer gewissen Höhe sichert, damit die kleinen Anleger nicht alles verlieren – ok. Aber allen Gläubigern ihre Spekulationsverluste zu ersetzen, das scheint mir schon sehr weit hergeholt.
    Aber die ausländischen Gläubiger sind vermutlich nicht der Grund, warum Spanien seine Banken rettet. Das sind eher die großen "Einlagen" der sogenannten Eliten, um die es geht.

    Aber wie gesagt, Island hat die Gläubiger nicht gerettet, und steht jetzt wesentlich besser da. Spanien dagegen erhöht seine Neuverschuldung jährlich um 15% (was dann als Austeritätspolitik verkauft wird), um seine Banken weiter und weiter zu retten, und die ganze Eurozone rettet mit.

 

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