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Flucht in die Sachwerte

 

In der Öffentlichkeit ist es noch nicht so richtig angekommen: In Deutschland findet zurzeit eine Flucht in die Sachwerte statt, aber diesmal nicht aus Furcht vor einer neuen Lohn-Preisspirale, sondern weil die Habenzinsen und Bondrenditen so außerordentlich niedrig sind. Die Anleger halten Ausschau nach Alternativen. Da es am Arbeitsmarkt ganz gut aussieht, sind sie wieder bereit, längerfristige Risiken einzugehen. Bislang handelt es sich eher um eine Normalisierung als um Vorboten neuer Immobilien- und Aktienblasen. Noch befindet sich die deutsche Wirtschaft in einer Phase, in der die steigenden Immobilienpreise und Aktienkurse positive Vermögenseffekte haben, also ihrerseits die allgemeine Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stimulieren und den Konjunkturaufschwung damit robuster machen.

Am eindrucksvollsten ist, was sich derzeit am Bau tut. In den drei Monaten bis Februar übertrafen die realen Auftragseingänge im Wohnungsbau ihr Vorjahresniveau um nicht weniger als 12,9 Prozent; in nominaler Rechnung waren es 15,2 Prozent – es brummt, aber bei den Preisen ist das noch nicht angekommen. Aus der Differenz der beiden Zuwachsraten errechnet sich eine Steigerung der Baupreise für Wohnimmobilien von nur 2,1 Prozent. Das ist ein Zeichen, dass die Bauunternehmen noch über viele freie Kapazitäten verfügen und wir es weiterhin mit einem Käufermarkt zu tun haben, wie übrigens auch in den anderen Ländern des Euroraums. Von Überhitzung ist nichts zu sehen.

Grafik: Auftrageingang im Wohnungsbau und Baupreisindex seit 1999

Für deutsche Haushalte ist das Thema „deleveraging„, die Reduzierung der Schuldenquoten, glücklicherweise kein Thema, jedenfalls nicht so ein zentrales wie in den Krisenländern des Euroraums, die durch das Platzen kreditgetriebener Immobilienblasen immer noch gezwungen sind, ihre Schulden abzubauen. Mit noch so niedrigen Zinsen lassen sie sich nicht verleiten, neue Kredite aufzunehmen. Hierzulande gab es jedoch keinen Immobilienboom und damit auch keine Blasen, die hätten platzen können. Aus diesem Grund haben die Verbraucher auf ganz normale und vorhersehbar Weise auf die rekordniedrigen realen und nominalen Hypothekenzinsen reagiert. Sie sind nicht überschuldet, haben sich lange Zeit zurückgehalten und können sich jetzt erlauben, den Rubel rollen zu lassen.

Grafik: Auftrageingang im Wohnungsbau und Baupreisindex seit 1999

Sogar im gewerblichen Bau läuft es wieder. Sein Beitrag zu den Auftragseingängen im Hochbau ist etwa doppelt so hoch wie der des Wohnungsbaus. Real lag die Zuwachsrate in den drei Monaten bei 10,8 Prozent, nominal bei 12,9 Prozent, woraus sich auch hier eine nur bescheidene Erhöhung der Baupreise errechnet (1,8 Prozent).

Der Ausblick für die deutschen Investitionen ist so positiv wie seit Jahren nicht mehr: Erst lassen die Unternehmen Fabriken und Bürogebäude bauen, dann kaufen sie die Maschinen, Schreibtische und Computer für die Produktion. Der gewerbliche Bau ist ein Frühindikator für die Ausgaben für Maschinen und Anlagen. Der Boom im Wohnungsbau wiederum wird die Nachfrage nach Möbeln, Teppichen und sonstigen Haushaltsgegenständen anheizen, also den privaten Konsum. Ich wette daher nach wie vor darauf, dass die Mehrheit der Ökonomen ihre BIP-Prognosen im Verlauf des Jahres deutlich nach oben anpassen werden und dass am Ende für 2014 eine Drei vor dem Komma stehen wird.

Am Aktienmarkt geht es seit Jahresanfang auf hohem, wenn auch nicht übertrieben hohem Niveau seitwärts. Aktuell ist die Stimmung nicht gerade euphorisch – die Flucht in den Sachwert „deutsche Aktie“ dürfte erst einmal vorbei sein. Die Zeit seit dem zyklischen Tiefpunkt Anfang März 2009 lässt sich in zwei unterschiedliche Phasen einteilen, die konjunkturelle Erholungsphase bis zum Juli 2012, als der DAX im Jahresdurchschnitt 19,2 Prozent zulegte, und die euphorische Phase, die auf die Londoner Rede Mario Draghis vom 26. Juli 2012 folgte. Er hatte erklärt, dass die EZB alles tun werde, um den Euro zu stabilisieren, und dass es nicht an den Mitteln dafür fehle. Anlagen in deutschen und anderen europäischen Aktien gelten seitdem als wenig riskant. Bis Ende 2013 stieg der DAX mit einer durchschnittlichen Jahresrate von nicht weniger als 29,1 Prozent.

Grafik: Dax Performance-Index, tägl. seit 1999

Deutsche Aktien sind im Augenblick nicht populär, sie sind aber keineswegs teuer. Gemessen an den für dieses Jahr erwarteten Gewinnen liegt das gewogene Kurs-/Gewinnverhältnis laut Bloomberg bei 13,24, was einer (realen) Gewinnrendite von 7,55 Prozent entspricht (1/13,24). Die realen langfristigen und „risikolosen“ Anleiherenditen betragen zurzeit 0,5 Prozent (1,5 Prozent für 10-jährige Bundesanleihen minus die deutsche Inflationsrate von 1,0 Prozent), was eine „Risikoprämie“ von 7,05 Prozentpunkten ergibt. Je höher die Risikoprämie, desto billiger sind ceteris paribus die Aktien. Normal ist eine Prämie in der Größenordnung von fünf Punkten.

Der Aktienmarkt befindet sich aus zwei wichtigen Gründer in einer Konsolidierungsphase, die bis zum Herbst anhalten könnte. Erstens möchten die Anleger sehen, dass die Kursgewinne der vergangenen Jahre tatsächlich durch einen kräftigen Anstieg der Gewinne fundamental bestätigt werden. Die kommende Berichtssaison wird das vermutlich zeigen. Zweitens hängt jetzt das Damoklesschwert der russischen Expansionsgelüste über dem Markt. Sollte der Westen in den nächsten Wochen Sanktionen verhängen, die wirklich weh tun, würden sich die Gewinnaussichten der DAX-Unternehmen rasch verschlechtern, vor allem wenn russisches Auslandsvermögen eingefroren oder beschlagnahmt würde, oder wenn kein russisches Öl und Gas mehr gekauft würde. Die hohe Risikoprämie hat augenblicklich nicht zuletzt politische Gründe.

Beim Vergleich der Dividendenrenditen mit den 10-jährigen Renditen von Bundesanleihen oder Pfandbriefen schneiden Aktien nach wie vor sehr gut ab. Die Unternehmen zahlen im Durchschnitt eine Dividende von 2,8 Prozent auf den Kurswert, während die Festverzinslichen nur 1,5 beziehungsweise 1,72 Prozent abwerfen.

Trotzdem: „Sell in May, go away – and come back on St. Ledger’s Day“ (im September, zum Pferderennen).

16 Kommentare

  1.   Like A Boss

    Mich würde interessieren ob man eine Aussage dazu treffen kann wie sich diese aktuelle Gemengelage langfristig auf die Wohlstandsentwicklung der Deutschen auswirken wird und ob dadurch ggf. auch die düsteren Prognosen zu den Folgen des demografischen Wandels – selbst im „Negativszenario“ – schon wieder Makulatur sind.

    Die Niedrigzinsphase hat ja so keiner kommen sehen, als erster Punkt. Das heißt die ganze Verschuldungssituation unseres Gemeinwesens, die aufgrund der staatlichen Finanzierung (zB Rentenzuschuss) der Sozialsysteme relevant ist, stellt sich gegenwärtig und somit auch in der Fortschreibung in die Zukunft doch sicherlich sehr viel günstiger für uns dar. Inzwischen sind wir im sechsten Jahr einer Niedrigzinsphase und das muss sich doch inzwischen substantiell in den Zinskosten (und somit auch den Zinseszinskosten der kommenden Jahrzehnte) niedergeschlagen haben.

    Auch im privaten Sektor, die Deutschen haben ja inzwischen relativ wenig Vermögen, viel wurde in schwierigen Jahren aufgezehrt. Studien der letzten Jahre zeigten und machten nachdenklich, in manchem vermeintlichen „Krisenstaat“ der Eurozone ist das pro Kopf Vermögen der Mittelschicht deutlich höher als bei uns. Wenn nun aber durch niedrige Zinsen Investitionen in Sachwerte besonders lohnend sind, sicher auch nicht nur im Inland sondern auch in ganz Euroland, dürfte das Geldpolster für „unser Alter“ (als Gesellschaft) doch deutlich großzügiger ausfallen.

    Auch im industriellen Sektor, die Schwelle von Rentabilität, also den Ertrag den eine Investition bringen muss m die eigenen Kapitalkosten zu verdienen, dürfte deutlich niedriger geworden sein. Anstatt durch Lohndumping nur den Faktor Arbeit immer billiger zu machen gibt es hier nun eine ebenfalls sehr machtvolle Schraube an der man drehen kann (Kapitalkosten mögen kein dominanter Batzen einer Kalkulation sein, aber auch Lohnkosten machen häufig in der Industrie ja nur noch einstellige Prozentwerte aus).

    Das dürfte dann auch wieder auf die Massenkaufkraft durchschlagen, womit sich a) die Leute wieder mehr Vermögen (Sparquote) aufbauen können und b) höhere Anwartschaften für ihre Altersvorsorge erwerben (Problem Altersarmut wieder etwas entschärft?).

    Dann hat als zweiter Punkt: zu den „Hochzeiten des deutschen Selbsthasses“, wo eine Auswanderershow die nächste im TV jagte, alle vom „Auswandan“ träumten und „Wir sterben aus“ Titelseiten des Boulevards füllte, da hätte keiner angenommen dass sich Deutschland als Magnet für Arbeitskräfte entwickelt. Für Fachkräfte. Mehr noch, der durchschnittliche Europäer, der auf der Suche nach Arbeit aus seiner Heimat nach Deutschland umsiedelt, ist besser qualifiziert als der durchschnittliche Deutsche (höhere Akademikerquote etc.). Das mischt doch die Karten auch in diesem Aspekt völlig neu, nicht nur sind damit die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung bzgl. schierer Einwohnerzahl obsolet, auch die ganzen Schlußfolgerungen die man daraus für die wirtschaftliche Entwicklung gezogen hat.

    Also die Eurokrise und ihre Folgen, langsam habe ich das Gefühl, dass Deutschland nichts besseres hätte passieren können. Welch Ironie. Ist dies nur (m)ein Bauchgefühl oder lässt sich dies auch an harten Fakten so ablesen?


  2. Sehr geehrter Herr Wermuth,

    Danke für den Post. Schade, dass er so wenig Aufmerksamkeit bekommt, ich bin auch spät dran, habe fleißig das BIP gesteigert 🙂

    Ich sag es ja schon lange, dass in Deutschland mehr Investitionen, mehr Nachfrage uns eine höhere Inflation sinnvoll wären, aber jetzt sagt es auch noch H.W. Sinn: „Deutschland benötigt eine nachfragegetriebene Inflation, die von einem Investitionsboom ausgelöst wird.“

    Und jetzt scheinen wir hoffentlich die ersten Schritte in diese Richtung zu sehen. Denn es handelt sich ja offensichtlich nicht um eine Flucht in die Sachwerte wie der Titel sagt, zumindest nicht in dem üblichen Sinne, dass Liquidität vorhandene assets jagt und nur deren Preise steigen. Nein es wird investiert!

    Und obwohl man über Betongold durchaus streiten kann, es macht viel Sinn: Es gibt in etlichen Gegenden in Deutschland ein Mangel an Wohnraum. Die (relativ) strengen Energiestandards in Deutschland sorgen dafür, dass bei Neubau UND Renovierung immer eine energetische Sanierung erfolgen muß, das ist gut für die Umwelt, aber auch für die Reduzierung der Abhängigkeit von Energieimporten (Rußland/Krim!).

    Hoffentlich fließt auf diese Art und Weise auch Liquidität von den cash hoarders zur arbeitenden Bevölkerung (Beschäftigte im Bau), was gut für die Nachfrage wäre.

    Und wenn es stimmt, dass auch die Investitionen im gewerblichen Bereich anziehen, dann könnte die Entwicklung langsam auf einen Pfad kommen, der mit dem dauerhaften Überleben der Eurozone vereinbar wäre.

    Jetzt müssen wir nur noch den Stau bei den öffentlichen Investitionen auflösen, die Daumenschrauben bei den Arbeitnehmern etwas lockern (kalte Progression) und die Energiewende wuppen …

  3.   Dieter Wermuth

    @ Like A Boss (#1)

    Der Euro hat der deutschen Wirtschaft – also uns allen – gut getan. Die Schwankung der Wechselkurse, die das Planen und Investieren schwer gemacht hatten, haben sich per saldo deutlich vermindert; durch Lohnzurückhaltung konnte der frühere Wettbewerbsnachteil ausgeglichen werden, ohne dass das durch eine Aufwertung zunichte gemacht wurde; die Inflation ist niedriger als zu Bundesbankzeiten; die Realzinsen sind am Kapitalmarkt so niedrig wie nie und haben zumindest am Immobilienmarkt die gewünschte erfreuliche Wirkung (die Konjunktur hat sichtlich Fahrt aufgenommen), aber auch die Unternehmensinvestitionen kommen angesichts des freundlichen Aktienmarkts in Schwung, und wir profitieren hoffentlich noch lange von der starken Zuwanderung aus Europa (so dass es vielleicht doch nicht zu der demographischen Katastrophe kommt – da brauchen wir allerdings netto etwa doppelt so viele Zuwanderer wie im vergangenen Jahr). DW

  4.   Dieter Wermuth

    @ bmmayr (#2)

    Wenn es kein Deleveraging gibt, die Zinsen rekordniedrig sind, der Staat seine Restriktionspolitik aufgibt, weil er sein Defizitziel erreicht hat, und es eine Menge Aufholpotenzial gibt, kann die Wirtschaft nach langen Jahren der Rezession und Stagnation in der Tat mal wieder abheben. Die wirtschaftspolitische Medizin schlägt an. DW

  5.   Tiefenwahn

    @ Like A Boss (#1)

    für unseren Arbeitsmarkt und unser Rentensystem sieht es tatsächlich gut aus, nur geht das natürlich auf Kosten der Länder, deren Leistungsfähigkeit unter der unseren liegt. (Man könnte auch sagen, bei uns wird relativ zu wenig verdient).

    Die Frage ist, wie lange die anderen Länder dies aufrecht erhalten können. Wenn wir dann jährlich dreistellige Milliardenbeträge zur Aufrechterhaltung der Sozialversicherung der anderen Länder transferieren müssen, und dies nicht mehr bequem über das Neudrucken von Geld möglich ist, dann sehe ich allerdings schwarz – auch bei uns.

  6.   Like A Boss

    Danke für die Antworten.

    Ich muss schon zugeben, dass ich lange nur bereit war die Risiken und Kosten zu sehen und den Nutzen nicht sehen wollte. Das mag auch daran liegen, dass wir ja aus einer Position der Schwäche in diese Währungsunion gestartet sind. Die Wiedervereinigung wurde, insbesondere in den Langzeitfolgen, in meinen Augen massiv unterschätzt. Nach dem Strohfeuer des „Wiedervereinigungsbooms“, der durch die DotCom-Blase in meinen Augen noch etwas verlängert wurde, kam dann der Abschwung umso kräftiger (inklusive der ganzen Depression und „deutscher Selbstzweifel“, weil wir unser „Ego“ und nationale Identität seit dem Krieg ja v.a. an ökonomischen Erfolg geknüpft haben, daher ja auch diese Identifikation mit der DM, denke ich). Und es sah für mich einfach so aus, nach dem Motto „und jetzt kommt der Todesstoß“, Anfangsprobleme wie der Teuro bestätigen diesen Eindruck (der einfach Realität war, insbesondere bei Dingen, wo man sich die Preise griffig merken kann, wie gastronomische Leistungen). Dann hatten wir noch unser Defizitverfahren…die Wende brachte die Finanzkrise 2008. Die zeigte uns, nicht wir machen was grundlegend falsch, sondern die Welt um uns herum. Und deren Fata Morgana wurde in alle Winde verweht, unsere solide, weniger glamouröse und dynamische aber eben solide, Art des Wirtschaftens bewährte sich. Und inzwischen wurde aus dem vermeintlichen kranken Mann Europas wieder die Lokomotive, nach der sich um Rettung suchende europäische Staaten strecken. Und das hat nun Eigendynamiken ausgelöst, die wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirkten. Siehe die niedrigen Kapitalkosten, siehe die Anziehungskraft für Arbeitsmigration, die bei uns natürlich eine Aufwärtsspirale in Gang setzten hilft.

    Und das ist in meinen Augen eben nicht dem Euro per se geschuldet, sondern seiner ganz spezifischen Entwicklung – insbesondere dem Wendepunkt „Finanzkrise“, der metaphorisch gesprochen himmelwärtsstrebende Kartenhäuser um uns herum hat einstürzen lassen, während unser solider Kartenstapel, der sich zuvor recht klein ausmachte, sich nun am weitesten in die Höhe reckt. Ich meine, ich muss nur die Artikelsuche hier auf Zeit Online bemühen um die ganzen Lobeshymnen auf Island, Irland, Spanien, Britannien etc. zu finden und umgekehrt die ganzen Abgesänge auf Deutschland. Selbst Finnland, auch einst „Musterknabe“ im schon traditionell in Deutschland verherrlichten Skandinavien, droht gerade sein AAA Rating zu verlieren (wegen hausgemachter Regierungskrisen). So dass absehbar ist dass Deutschland und Luxemburg, sollte Finnland das AAA verlieren, die einzigen beiden „Topschuldner“ sein werden – in ganz Europa! Das spült uns natürlich günstiges Kapital in die Hände, damit den Schmierstoff des Kapitalismus, damit erreichen wir eine ganz andere Wachstumsperspektive… und immer so weiter.

    Um es noch deutlicher als in meinem ersten Posting zu sagen: ich bin langsam der Ansicht, dass Deutschland richtiggehend von der Eurokrise und den strukturellen Problemen des restlichen Europas profitiert! Das sage ich ohne jede Schadenfreude, eher mit Erstaunen. Und die deflationären Kräfte, die von der Peripherie Eurolands aus am Geldwert zerren, halten trotz der Minizinsen die Inflation in Schach – so sehr, dass sogar eine weitere Lockerung diskutiert wird. Wann hat es solch eine Situation denn schon einmal gegeben? Im Moment kommt für uns Deutsche alles zusammen, was nur zusammen kommen kann, um unsere ökonomischen Perspektiven auf eine höhere Bahn zu hieven – v.a. höher als es die pessimistischen Prognosen von vor wenigen Jahren noch prophezeien wollten (was man schon daran sieht, dass die bereits für 2014 prognostizierten Entwicklungen schlicht nicht eingetreten sind bzw. die Erwartungen deutlich übertroffen wurden, damit ist schon jetzt klar, dass die ganzen Prognosen Makulatur sind).

    Ich kann es einfach nicht so ganz fassen, dass ich mich – und viele Mitbürger – so geirrt habe. Und umgekehrt der Euro gerade unseren Partnern nicht den Vorteil gebracht hat, den diese sich davon erhofft haben. Irgendwie ist alles in’s Gegenteil verkehrt.

    Naja und die Frage, die Tiefenwahn aufbringt, ob uns das noch mal auf die Füße fällt: glaube ich nicht. Man schaue sich zB die USA an, da können wir einfach viel lernen bzgl. großer Währungsräume, die in ein föderales politisches System eingebettet sind (wobei die USA sogar noch föderaler als – inzwischen – die EU sind, bei uns ist der Zentralismus in einigen Bereichen wie zB dem Verbraucherschutzrecht schon weitaus stärker fortgeschritten als in den USA!). Es hat die USA nicht zerrißen, dass diese schon immer sehr große Wohlstandsunterschiede hatten. Früher war der „south“ arm und rückständig, heute rostet der ehemalige Industriegürtel im Norden (heute „rust belt“, Rostgürtel, genannt) vor sich hin. Und die Amerikaner richten sich halt immer danach und migrieren dorthin, wo der Boom ist, vertrieben vom Bust anderswo. Wir können uns natürlich fragen, ob wir generell ein Menschenbild und eine Lebensphilosophie für wünschenswert finden, in der Menschen nur noch ein „Produktionsfaktor“ sind, der als Rangiermasse dorthin geleitet werden sollte wo sie gerade gebraucht wird, wo Verwurzelung, Heimat etc. keine Rolle mehr spielen… („schöne neue Welt“), aber ich denke ökonomisch ist das auszuhalten.

  7.   Dieter Wermuth

    @ Tiefenwahn (#5)

    Grundsätzlich nützt es auch den Nachbarländern, wenn Arbeitsmarkt und Konjunktur hierzulande gut laufen. Es ist leichter, Defizite im Handel abzubauen oder Überschüsse zu erzielen und damit von den Schulden runterzukommen, die eine expansivere Wirtschaftspolitik bisher verhindert haben.

    Was die dreistelligen Milliardentransfers angeht (also mindestens 4% des BIP), wird es erstens jahrzehntelange Übergangsfristen geben (wir sind ja noch nicht bei den Vereinigten Staaten von Europa angelangt, und auch noch nicht bei gemeinsamen Sozialversicherungssystemen), zweitens würde ein großer Teil davon für Importe aus Deutschland ausgegeben, und drittens sind wir bereits heute Nettoexporteure von Kapital (jährlich 6,8 Prozent des BIP).

    DW


  8. @4

    > Wenn es kein Deleveraging gibt,

    Der Staat will weiter Schulden abbauen und die Unternehmen sind (als ich das letzte Mal nachgesehen habe) Nettosparer, also bauen ebenfalls Schulden ab. Dass weniger gespart und mehr investiert wird ist gut, aber noch kein Ende des Deleveraging.

    > der Staat seine Restriktionspolitik aufgibt, weil er sein Defizitziel erreicht hat

    Es macht einen großen Unterschied, ob das Ziel eine schwarze Null oder ein Absenken der Staatsverschuldung (z.B. vom ~80% auf die Maastricht 60%) ist. Ich fürchte letzteres ist immer noch das offizielle Ziel.

    Wenn man Sie schreiben liest, dann könnte man denken, der Deutsche Staat hätte seine Austerität aufgegeben. Das ist mitnichten der Fall

    > es eine Menge Aufholpotenzial gibt, kann die Wirtschaft nach langen Jahren
    > der Rezession und Stagnation in der Tat mal wieder abheben.

    Richtig, aber das ist kein Verdienst der Bundesregierung (siehe unten)

    > Die wirtschaftspolitische Medizin schlägt an. DW

    Welche Medizin?
    Alles was ich erkennen kann ist, dass man im Wirtschaftskrieg gegen das europäische Ausand aktuell (die Schlußabrechnung steht noch aus) vorne liegt, weil man rundrum alles ruiniert. Natürlich sieht man dann besser aus als die anderen, auch wenn man eigentlich nichts anderes tut als den depressiven Tendenzen des Nachfragemangels ihren Lauf zu lassen. Welche wirtschaftspolitische Maßnahme (Medizin) hat denn die Deutsche Bundesregierug in den letzten Jahren verabreicht?
    Dass jede Depression auch von selbst zu Ende geht war immer klar, aber es als Medizin zu bezeichnen, nur weil man sich überlegt mit dem Prügeln aufzuhören (Abbbau der kalten Progression) und das Opfer nach Jahren der Mißhandlung noch Lebenszeichen zeigt ist … sagen wir mal … seltsam.
    (Analog dem oberösterreichischen Bauernscherz: „Heut mach i mei’n Hund a Freud: Erst hau i eam recht und nacha hör i auf“ zitiert nach Konrad Lorenz http://www.gavagai.de/buch/pol/HHDPOL09.htm)

    Das ändert nichts daran, dass die Tendenzen gut und hoffnungsvoll sind; es zarte Anzeichen gibt, dass die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland anzieht und die breite Masse nicht mehr ganz so kurz gehalten wird.

    Das ist gut, und wenn es so weiter geht könnte daraus eine positive Perspektive für Deutschland und ganz Europa werden.

    Betonung auf wenn und könnte werden.

    Aber es gibt noch viel Spielraum mehr zu tun. Und China sollte möglichst keinen Schupfen bekommen.

  9.   Dieter Wermuth

    @ bmmayr (#8)

    Die Medizin, die anschlägt, ist vor allem die Politik der niedrigen (Real-)Zinsen, das Ende der restriktiven Finanzpolitik (Deutschland hatte nach meinen Rechnungen einen gewaltigen konjunkturbereinigten Überschuss im Haushalt – das wird jetzt nicht mehr schlimmer), und natürlich der aus deutscher Sicht schwache Euro. Manchmal funktioniert eine expansive Wirtschaftspolitik eben, vor allem wenn es nicht nötig ist, exzessive Schulden abzubauen – die gab es nämlich nicht. DW


  10. @9

    > Die Medizin, die anschlägt, ist vor allem die
    > Politik der niedrigen (Real-)Zinsen,
    > der aus deutscher Sicht schwache Euro

    Einverstanden. Aber die Urheber dieser Dinge sind Mario Draghi und die Krise, nicht die Deutsche Politik.

    > das Ende der restriktiven Finanzpolitik (Deutschland hatte nach meinen
    > Rechnungen einen gewaltigen konjunkturbereinigten Überschuss im Haushalt
    > – das wird jetzt nicht mehr schlimmer)

    Schau‘ mer mal, ob die restriktiven Finanzpolitik zu Ende geht, ich würde es ja hoffen. Dennoch, selbst wenn, nur damit aufzuhören zu schaden ist nicht meine Definition von „Medizin“ (obwohl ‚primum non nocere‘ ja der Kern medizinischer Ethik ist).

    > Manchmal funktioniert eine expansive Wirtschaftspolitik eben, vor allem
    > wenn es nicht nötig ist, exzessive Schulden abzubauen – die gab es
    > nämlich nicht.

    Wenn Sie mit expansiver Wirtschaftspolitik die Zinsen und den Euro-Kurs meinen, Einverstanden. Ich verstehe unter expansiver Wirtschaftspolitik etwas was die Politik, die gewählten Politiker zu verantworten haben. Aber ich habe verstanden was Sie meinen und will nicht Haare spalten.

    Was die Schulden betrifft gebe ich Ihnen Recht, in D sind weder die Privatpersonen noch die Unternehmen überschuldet und wenn man sich nicht mit den deleveraging Problemen und einer Bilanzrezession bei den Privatpersonen und Unternehmen rumschlagen muß, wirken nicht-fiskalische expansive Impulse eindeutig besser.

    Und ob das was sich abzeichnet ausreicht um die Ungleichgewichte in der Eurozone auf ein dauerhaft tragbares Maß zu reduzieren …

    Deshalb wundert mich ein wenig, dass Sie berechtigterweise gerne und oft auf die Unterauslastung der Kapazitäten und die Nachfragelücke hinweisen, aber im Vergleich dazu recht wenig zu möglichen nachfragewirksamen Impulsen sagen.
    Wenn Sie allerdings mit Ihrer Prognose richtig liegen, dann ist das vielleicht auch besser so, denn im Augenblick sieht es so aus, als ob nachfragewirksame fiskalische Entlastungen nicht vor 2016 oder 2017 kommen und dann würde die Politik nur, wie so oft, das Richtig zu spät und damit dann das Falsche tun, nämlich einen bereits laufenden Aufschwung/Boom unnötigerweise befeuern.

 

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