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Erstes Quartal – endlich mal Wachstum!

 

Die detaillierten Zahlen zum deutschen Sozialprodukt im ersten Quartal, die gerade veröffentlicht wurden, sind besser, als ich erwartet hatte. Dabei bin ich schon ziemlich optimistisch. Kürzlich hatte ich ausgerechnet, dass unter einigen nicht unrealistischen Annahmen 2014 beim realen BIP durchaus eine Drei vor dem Komma stehen könnte. Die Konsensusprognose liegt bei knapp unter zwei Prozent. Viel ist dem außergewöhnlich warmen Winter geschuldet, sodass es nicht unbedingt so weitergehen muss, aber die Frühindikatoren sind robust, vor allem die Stimmung der Verbraucher und Unternehmer. Die Bauwirtschaft hebt gerade ab.

Die Ifo-Indikatoren für Mai, die ebenfalls heute Morgen über die Ticker kamen, waren gegenüber April leicht zurückgegangen, befinden sich aber immer noch nahe den Rekordständen von Ende 2006 und Anfang 2011 und liegen damit weit über den Durchschnittswerten seit der Wiedervereinigung. Für eine Fortsetzung des Aufschwungs fehlt es weder an guter Stimmung noch an Geld.

Grafik: Ifo Geschäftsklima Mai 2014

Gegenüber dem vierten Quartal hat das reale BIP saisonbereinigt um 0,8 Prozent zugelegt. Nach der vor allem in den USA populären Methode, das auf’s Jahr hochzurechnen, bedeutet das eine „Verlaufsrate“ oder „annualisierte Rate“ von 3,3 Prozent – die amerikanische Vergleichszahl liegt übrigens im ersten Quartal bei lediglich 0,1 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr betrug die deutsche Zuwachsrate 2,5 Prozent. Wir nähern uns der Drei, und die Outputlücke ist etwas kleiner geworden, wenn leider auch nur die deutsche, nicht die von Euro-Land insgesamt: Die hat sich erneut ausgeweitet.

Grafik: Deutsches Bruttoinlandsprodukt ggVq und ggVj 1999 - 2014Q1

Woher der neue konjunkturelle Schwung? Er kam allein aus dem Inland. Die inländische Nachfrage war inflationsbereinigt gegenüber dem Vorquartal um nicht weniger als 1,9 Prozent gestiegen, mit einer Verlaufsrate von 7,6 Prozent.

Endlich haben die privaten Haushalte wieder deutlich mehr Geld ausgegeben. Worauf hätten sie noch warten können? Die Beschäftigung steigt und steigt, die Zinsen sind so niedrig wie noch nie, die Arbeitnehmereinkommen übertrafen ihren Vorjahresstand um 3,5 Prozent, so viel wie seit dem Ende der großen Rezession nicht mehr, und die angesammelten Ersparnisse haben astronomische Größenordnungen erreicht – jährlich wurden in letzter Zeit netto rund 175 Mrd. Euro auf die hohe Kante gelegt. Da die Konsumausgaben der Verbraucher 60,5 Prozent der inländischen Verwendung ausmachen, sind sie konjunkturell immer der entscheidende Faktor. Diesmal waren sie gegenüber dem vierten Quartal mit einer Verlaufsrate von ungewöhnlichen 2,8 Prozent gestiegen, waren allerdings nur 1,4 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Verbraucher haben also vermutlich noch beträchtlichen Nachholbedarf. Das lässt hoffen.

Grafik: Privaer Konsum und verfügbares Einkommen der priv. HH, ggVj., 1992-2014Q1

Und dann der Bau! Das gute Wetter hat die Zahlen sicher geschönt, aber wenn ich mir die Baugenehmigungen ansehe und die realen Auftragseingänge im Baugewerbe, bin ich mir sicher, dass es sich nicht nur um ein Strohfeuer handelt, auch wenn es im jetzigen und den folgenden Quartalen bei der Produktion sicher gedämpfter zugehen wird. Für Bauten wurden im ersten Quartal real 7,8 Prozent mehr ausgegeben als vor einem Jahr; gegenüber dem vierten Quartal entspricht dies einer Verlaufsrate von 15,4 Prozent. Obwohl der Anteil des privaten und öffentlichen Baus an der inländischen Verwendung gerade einmal bei 11 Prozent liegt (nominale Werte), trug der Bau nicht weniger als 0,4 Prozentpunkte zur gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate von 0,8 Prozent bei, genauso viel wie der private Verbrauch.

Grafik: Ausrüstungsinvestitionen und Bauinvestitionen seit 1991

Ökonomen wie ich fühlen sich, vielleicht irrationalerweise, meist nicht wohl, wenn das Wachstum vor allem durch Konsumausgaben und Investitionen in Beton generiert wird. Damit das Produktionspotenzial rascher zunimmt und sich die Herausforderungen der Zukunft leichter meistern lassen, müssen vor allem die Ausgaben für Ausrüstungen und Software steigen. Da sieht es jetzt auch ein bisschen besser aus. Die Ausrüstungen übertrafen ihren Vorjahresstand real um 5,3 Prozent. Leider liegen sie aber immer noch weit unter dem Niveau, das vor dem Ausbruch der Finanzkrise erreicht worden war (um rund 12 Prozent). Wenn der Staat mit seinen vollen Kassen etwas Gutes tun will, sollte er hier nach Ansatzpunkten suchen – die Produktivität, definiert als reales Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde, ist im ersten Quartal leider erneut zurückgegangen (um 0,6 Prozent gegenüber dem vierten Quartal) und ist damit in den sechs Jahren seit der Jahreswende 2007/2008 gerade einmal um 0,6 Prozent gestiegen. Es ist schön und gut, wenn es so viele neue Jobs gibt wie in den letzten Jahren, aber für ein fortschrittliches Land kommt es genauso darauf an, dass der Output pro Stunde kräftig steigt. Hier haben wir ein Problem.

Und sonst? Die staatlichen Konsumausgaben haben unterdurchschnittlich zugenommen, nämlich nur um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Staat hält seine Taschen zu und möchte offenbar in diesem Jahr einen richtig großen Überschuss erwirtschaften. Warum eigentlich? Das Problem ist ja wohl nicht, dass sonst die Inflation außer Rand und Band geraten könnte.

Grafik: Wachstumsbeiträge zur Änderung des BIP

Etwas verblüffend ist, dass die Lagerbestände außerordentlich stark aufgestockt wurden. Wenn die Zahlen stimmen, hat die Produktion viel kräftiger zugenommen als der Absatz. Normalerweise bedeutet das nichts Gutes für die kommenden Quartale – sodass wir 2014 vielleicht doch nicht auf meine Wachstumsrate von 3 Prozent plus kommen werden (ich brauchte jetzt dreimal in Folge eine Quartalszuwachsrate von gut 0,9 Prozent!).

Fast sensationell mutet an, dass Deutschland sich weiter vom kranken Mann Europas zu seiner Konjunkturlokomotive mausert (ich gebe zu, ein ziemlich schiefes Bild). Die vergleichsweise gute Konjunktur und die anhaltende, wenn auch nur leichte Verschlechterung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Partnern haben dazu geführt, dass die Einfuhren im ersten Quartal deutlich kräftiger zugenommen haben als die Ausfuhren. Das, was von internationalen Organisationen wie der EU-Kommission und den Regierungen im Süden der Währungsunion immer wieder angemahnt wurde, ist nun eingetreten. Auch wenn der deutsche Exportüberschuss nach wie vor gewaltig ist, fällt es den anderen jetzt tendenziell leichter, ihre Schulden abzutragen. Im ersten Quartal 2007 hatte Deutschland im Warenhandel gegenüber dem Euro-Raum einen Überschuss von 29,6 Mrd. Euro – er ist bis zum ersten Quartal 2014 stetig auf 13,4 Mrd. Euro geschrumpft. Dieser von der Öffentlichkeit und den Euro-Gegnern weitgehend unbemerkte Trend dürfte den Euro weiter stabilisieren. Das Zinsniveau, das seit der Londoner Rede von Mario Draghi vom 26. Juli 2012 auch für die Krisenländer stark rückläufig ist, ist der andere, schon länger wirkende Faktor, der den Schuldendienst erleichtert und ein Scheitern des Euro unwahrscheinlicher macht.

Insgesamt: ein sehr erfreulicher Vormittag.

19 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    Keine Frage, es sieht gegenwärtig ganz gut aus.

    Wir sollten uns darüber freuen.

    Aber es gibt eben auch das Haar in der Suppe, auf das Sie zu Recht weisen:

    >Die Ausrüstungen übertrafen ihren Vorjahresstand real um 5,3 Prozent. Leider liegen sie aber immer noch weit unter dem Niveau, das vor dem Ausbruch der Finanzkrise erreicht worden war (um rund 12 Prozent) … Es ist schön und gut, wenn es so viele neue Jobs gibt wie in den letzten Jahren, aber für ein fortschrittliches Land kommt es genauso darauf an, dass der Output pro Stunde kräftig steigt. Hier haben wir ein Problem.>

    Es ist DAS Standortproblem und sollte uns Sorge bereiten.

  2.   LikeABoss

    „besser, als ich erwartet hatte.“

    Das ist das große Problemn in Deutschland (damit meine ich nicht Sie persönlich, Herr Wermuth, denn Sie gehören in der Tat nicht zu den Pessimisten, wie ich meine). Dass man „lieber erstmal“ vom „Schlimmsten“ ausgeht und sich ggf. dann positiv überraschen lässt, das ist dann aber nur noch eine Randnotiz und man schaut schon wieder gebannt in die (schwarzgemalte) Zukunft. Ich frage mich, ob mal ein Geisteswissenschaftler in mühevoller Kleinarbeit ausgewertet hat, wie gefühlte Lage und Zukunftserwartungen dann in Deckung mit den tatsächlichen Entwicklungen gebracht werden konnten. Ich denke ich drifte nicht in eine spekulative Einzelmeinung ab, wenn ich mutmaße, dass „besser als erwartet“ als Resultat solch einer systematischen Gegenüberstellung absolut dominieren würde und die Deutschen nur selten von negativen Entwicklungen überrascht wurden. Das ist in einer Gesellschaft, wo die Hälfte stets Psychologie ist, ein ganz großes Problem und eines was doch weitaus mehr „durchschlägt“ als zB die Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber, die ja nur einen Teil der Lohnsumme ausmachen, die wiederrum nur einen Teil der Standortkalkulation ausmacht. Aufgrund von Ängsten und Pessimismus unterlassene Investitionen und all zu zögerliche Geschäftsentscheidungen sowie Fachkräftemangel in Aufschwungzeiten, weil man im Abschwungzyklus all zu defensive Personalentwicklung („auf der Kostenbremse“) betrieben hat, das sind in meinen Augen die größten Wachstumsbremser in Deutschland, das sage ich auch an @#1 Dietmar Tischer gerichtet.

    Ich weiss, was man mit einem Individuum macht, was solche Probleme hat. Aber mit einer ganzen Nation? Woran liegt es nur, dass auch studierte Verantwortliche, mit Qualifikation und allem, ohne größeres Zögern wolikige Renditeversprechen im Ausland stets nur zu gerne glauben („im Ausland ist alles besser“) und damit regelmäßig auf die Nase gefallen sind, ich will gar nicht wissen wieviel im Inland erwirtschaftetes Kapital alleine binnen der letzten 20 Jahre bei solchen Auslandsabenteuern vernichtet wurde. Und umgekehrt den Markt, den sie immer noch am besten kennen, so latent pessimistisch einschätzen, in allen Erwartungen zu großen Untertreibungen neigen und damit ja auch eine selbsterfüllende Prophezeiung schaffen (s. o.).

    Wenn etwas die Amerikaner (neben anderen Faktoren) immer wieder aus dem Schlamassel zieht, dann „can do“-Mentalität und ein, bisweilen übersteigerter, Glaube an die eigenen Fähigkeiten und die eigene Stellung in der Welt (natürlich ganz weit vorne). Das ist ebenfalls eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn wir also zwischen zwei selbsterfüllenden Prophezeiungen wählen können, wieso dann nicht jene mit dem besseren Wirtschaftswachstum und dem besseren Lebensgefühl?

    Ich finde regelrecht bizzar, wie sich die USA nach der Finanzkrise inzwischen schon wieder berappelt haben, obwohl alle „harten Indikatoren“ dort viel negativer sind als bei uns, die Infrastruktur viel größere Investitionsdefizite hat, sogar die Unternehmenssteuern inzwischen real höher sind als im (angeblichen) Hochsteuerland Deutschland (auch so ein Klischee, was einfach nicht aus der Welt zu bringen ist, nicht einmal in Zeiten von 25 % Abgeltungssteuer und der Listung Deutschlands als „Steueroase“ in Rankings internationaler Organisationen, zB „Tax Justice Network“, was Deutschland zwischen Jersey und Bahrain einordnet: http://www.huffingtonpost.com/2011/10/04/top-ten-tax-havens_n_994273.html). Oder die ach so schlimme Bürokratie, zahlreiche Mittelständler, die eben noch über paar Euro Gebühren und paar Tage Wartezeit bei deutschen Behördengängen gejammert haben, schlackern mit den Ohren, wenn in den Schwellenländern Investitionsvorhaben über JAHRE verschleppt werden, bloß weil sie in der staatlichen Bürokratie festhängen.

    Und eine so gut ausgebildete und gleichzeitig – nach Agendapolitik und „Lohnverzicht“ – so genügsame Arbeitnehmerschaft wird man auch in keinem zweiten industrialisierten FLÄCHENstaat auf der Welt finden. Und vieles andere.

    Ich frage mich wirklich, WORAUF wartet die Industrie? WARUM kommt die Investitionsbereitschaft nicht endlich mehr in Gang? Es wird doch alles auf Verschleiß gefahren, ich habe keinen Bekannten im produzierenden Gewerbe, dessen Arbeitgeber seit den 1990ern (letzte große Investitionswelle) nicht alles auf Verschleiß gefahren wird, von den Produktionsanlagen bis hin zu den „Sozialräumen“ (Umkleide, Kantine, etc.), den Asphaltdecken auf dem Betriebsgelände, bis hin zur Werkspforte usw., überall wird jeder Cent rausgequetscht und man sieht rein gar nichts von Investitionen und guter Konjunktur. Wo die Investitionen hingehen ist v.a. das Ausland, dort macht man dann die Verluste, holt sich die blutige Nase, die deutsche Stammbelegschaft darf das Defizit dann wieder rausarbeiten.

    Es muss doch irgend eine Möglichkeit geben das politisch zu unterbinden, zB indem man das steuerlich irgendwie möglichst unattraktiv macht und umgekehrt Inlandsinvestitionen begünstigt. Das dürfte doch auch im Einklang mit dem Europarecht zu bringen sein. Viel mehr als das aktuelle Wachstum interessiert mich das WachstumsPOTENTIAL, was durch Investitionsstreiks der Industrie (und auch der öffentlichen Hand) unter seinen Möglichkeiten bleibt.

  3.   feedback loop

    @Dieter Wermuth

    Auch wenn der deutsche Exportüberschuss nach wie vor gewaltig ist, fällt es den anderen jetzt tendenziell leichter, ihre Schulden abzutragen

    Nach meinem Verständnis ist es so, dass ein positiver deutscher Exportüberschuss, egal wie groß, immer bedeutet, dass die Verschuldung des Auslands gegenüber Deutschland wächst. Ein Abbau der Schulden ist – auch tendenziell – überhaupt nur möglich, wenn dich Deutschland zu einem Land mit Importüberschuss wandelt. Verstehe ich da etwas falsch? Ist es nicht wirklich so, dass sich Deutschland, wie jüngst Japan, zu einem Nettoimporteur entwickeln muss, um die Ungleichgewichte abzubauen?

  4.   Dietmar Tischer

    @ LikeABoss # 2

    >Ich frage mich, ob mal ein Geisteswissenschaftler in mühevoller Kleinarbeit ausgewertet hat, wie gefühlte Lage und Zukunftserwartungen dann in Deckung mit den tatsächlichen Entwicklungen gebracht werden konnten. Ich denke ich drifte nicht in eine spekulative Einzelmeinung ab, wenn ich mutmaße, dass “besser als erwartet” als Resultat solch einer systematischen Gegenüberstellung absolut dominieren würde und die Deutschen nur selten von negativen Entwicklungen überrascht wurden. Das ist in einer Gesellschaft, wo die Hälfte stets Psychologie ist, ein ganz großes Problem und eines was doch weitaus mehr “durchschlägt” …>

    Ist schon richtig, was Sie sagen.

    Allerdings sollte man ergänzen:

    Wir, die Deutschen, haben außergewöhnliche ANSPRÜCHE und ERWARTUNGEN an die Zukunft.

    Deshalb kann man es nicht bei einer wohlgefälligen Betrachtung der unbestreitbar außerordentlich guten Gesamtsituation belassen, sondern muss die Dinge (auch) perspektivisch sehen.

    Darum geht es mir vor allem und deshalb ist Kritisches, mitunter vielleicht auch zu Kritisches nicht als Schlechtreden oder Pessimismus zu verstehen, sondern wie gesagt als Sorge.

    >Ich frage mich wirklich, WORAUF wartet die Industrie? WARUM kommt die Investitionsbereitschaft nicht endlich mehr in Gang? Es wird doch alles auf Verschleiß gefahren, …>

    Es gibt m. A. n. zwei Mechanismen, die in diesem Zusammenhang vor allem wirksam sind:

    a) es ist der Renditewettbewerb, der nach angelsächsischem Vorbild immer mehr der Maßstab unternehmerischer Entscheidungen geworden ist. Beispiel Siemens: Die alte „Deutschland AG“, getragen von einem sehr stark konsensbezogenen Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit gibt es nicht mehr, so dass das Unternehmen eben mal 10.000 Arbeitsplätze im Inland streichen will – nachdem bei den Gemeinkosten, auf die Sie abheben, nichts mehr auszuquetschen ist. Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen.

    b) durch die Globalisierung werden andere Standorte zunehmend attraktiver für Investitionen. Die Investitionen migrieren und damit werden nicht mehr genügend Arbeitsplätze geschaffen, jedenfalls nicht solche mit sehr, sehr hoher Wertschöpfung.

    Dennoch:

    Es wird noch investiert, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nach wie vor über sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte verfügen.

  5.   rjmaris

    #3: mit diesen anderen sind eben die südlichen Euro-Staaten gemeint. Aber gegenüber alles Ausland hat Deutschland nach wie vor einen Überschuss (kumuliert erheblich über 1 Billion EUR).

    Insofern ist ihre Feststellung im allgemeinen Sinne schon korrekt. Und tatsächlich: Nettoimport bezogen auf Eurozonen-Staaten ist vonnöten.


  6. @3
    „Ein Abbau der Schulden ist – auch tendenziell – überhaupt nur möglich, wenn dich Deutschland zu einem Land mit Importüberschuss wandelt. Verstehe ich da etwas falsch?“

    Nein, solange Sie von den Schulden die andere Länder bei Deutschland haben sprechen.

    Dieter Wermuth redet allerdings von den Schulden der anderen und nicht von den Schulden der anderen gegenüber Deutschland.
    Prinzipiell könnten diese Länder sich natürlich auch (per Saldo) entschulden, wenn Sie Bilanzüberschüsse und damit Forderungen gegenüber Drittstaaten (z.B. außerhalb der Euro-Zone) aufbauen würden. Prinzipiell. Praktisch gibt es da einige Mechanismen, die diesen Weg sehr schwer bzw nahezu unmöglich machen.

    Dennoch ist dies der Weg der nach offizieller Deutscher Lesart beschritten werden soll.

  7.   LikeABoss

    @4:
    „Es gibt m. A. n. zwei Mechanismen, die in diesem Zusammenhang vor allem wirksam sind:

    a) es ist der Renditewettbewerb, der nach angelsächsischem Vorbild immer mehr der Maßstab unternehmerischer Entscheidungen geworden ist. Beispiel Siemens: Die alte „Deutschland AG“, getragen von einem sehr stark konsensbezogenen Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit gibt es nicht mehr, so dass das Unternehmen eben mal 10.000 Arbeitsplätze im Inland streichen will – nachdem bei den Gemeinkosten, auf die Sie abheben, nichts mehr auszuquetschen ist. Vor zwanzig Jahren wäre das undenkbar gewesen.“

    Meiner Meinung nach hat der Weg in die falsche Richtung begonnen, als für kurzfristige Erlöse die „Deutschland AG“ zerschlagen wurde. Das war ja sogar staatlich gewollt und durch steuerrechtliche Änderungen befördert. Aber auch die amerikanische Managementkultur und der „Shareholder Value“, der es aus irgend einem Grund für einen „Value“ hält, stabile Industriekonglomerate, wo stets gut laufende Geschäftsfelder vorhanden sind, die Probleme in anderen Geschäftsfeldern kompensieren können, zu zerschlagen. Um die „Filets“ zu versilbern – unbeirrt durch die Tatsache, dass aus einem Filet rasch ein Problem werden kann und dann das stützende Konzerngeflecht fehlt. Schlecht für den langfristigen Werterhalt, wenn Unternehmen dadurch zu harten Sparprogrammen gezwungen werden und sich dabei Zukunftsperspektiven ruinieren (zB aus kurzfristigen Sparzwängen die Entwicklung heruntergefahren wird und man sich damit jede Zukunftsperspektive abschneidet) oder gar in die Insolvenz getrieben werden. Schlecht auch für die Arbeitnehmerschaft. Gut nur für jene, die leistungslos durch das Rumklicken an der Trading-Eingabemaske einen „fast buck“ machen wollen. DAS ist für mich das bleibende „Grundübel“, bei dem was Sie hier ansprechen.

    „b) durch die Globalisierung werden andere Standorte zunehmend attraktiver für Investitionen. Die Investitionen migrieren und damit werden nicht mehr genügend Arbeitsplätze geschaffen, jedenfalls nicht solche mit sehr, sehr hoher Wertschöpfung.“

    Gerade das hat sich ja als Chimäre herausgestellt, zahlreiche Unternehmen kehren reuig nach Deutschland zurück oder müssen zumindest zugestehen, dass die Verlagerung (die ja auch immer Nachteile) hat unter dem Strich den Aufwand nicht wert war. Dazu setzt man sich anderen, tendentiell instabileren, Rechtsordnungen aus. Siehe das ewige Problem mit gestohlenem Know-How, wodurch sich unsere Industrie die eigenen Konkurrenten von Morgen züchtet, gegen die sie chancenlos ist – ein aus den Schwellenländern stammendes Unternehmen mit kopiertem Know How wird immer billiger arbeiten können als ein westliches Unternehmen, mit „teurerem“ Standbein im Westen und Entwicklungskosten; genau auf die Art und Weise haben bereits früher Konkurrenten die einst führende deutsche Kamera und Unterhaltungselektronikbranche ruiniert, die ist zwischenzeitlich quasi verschwunden, wehe uns, wenn sich das mit Maschinenbau und KFZ wiederholt. Hier sind weitere problematische Entwicklungen absehbar, der technische Standard hat ein NIveau erreicht, wo Kunden zunehmend nicht mehr bereit sind für „cutting edge“ Neuentwicklungen richtig viel Geld auszugeben, es gibt einen wachsenden „good enough“-Sektor (nach dem Motto, was vor 10 Jahren das Neueste vom Neuesten war, kann jetzt nicht schlecht sein – dafür ist es 80% billiger, was die etwas geringere Produktivität mehr als ausgleicht, damit ist es „good enough“). Auch ohne Klau von geistigem Eigentum und Industriespionage wird das schwierig genug für unsere Exportindustrie.

    „Dennoch:

    Es wird noch investiert, nicht zuletzt auch deshalb, weil wir nach wie vor über sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte verfügen.“

    Da verhält sich die Industrie aber irrational und würdigt gerade das einfach nicht, warum auch immer. Ich denke da nur an einen skandinavischen Handyhersteller, der eine deutsche Produktionsstätte geschlossen und verlagert hat – nicht weil sie keine Gewinne gebracht hätte, sie hat nach Medienberichten jedes Jahr Millionenüberschüsse erwirtschaftet. Das war aber offenbar nicht genug. Die Quittung für diese Unternehmenspolitik: dieses Unternehmen, der einstige Weltmarktführer seiner Branche, konnte am Markt nicht mehr mithalten, die Verkaufszahlen stürzten ins Bodenlose und letztlich wurde der Markenname herausfiletiert und aufgekauft. Konsequenzen für die Beschäftigten (überall in der Welt)? Arbeitsplatz weg. Konsequenzen für den Unternehmenswert? Niederschmetternd. Konsequenzen für die Verantwortlichen? Vermutlich „goldener Handschlag“ und als Einkommensmillionäre ein entspannter Frühruhestand. DAS ist der zweite Punkt, der in meinen Augen ganz grob falsch läuft. Und auch darum fehlt am Ende das Geld für echte Investitionen, der Management-Wasserkopf bindet immer mehr vom Erlös, die Aktionäre nicken diese „Millionengagen“ schulterzuckend ab, solange Dividenden und Kursentwicklung stimmen (sozusagen ein unausgesprochener Burgfrieden).

    In Anlehnung an Piketty würde ich sagen „prozentuale Einkommensentwicklung der Funktionseliten > prozentuale Einkommensentwicklung der produktiv Beschäftigten“, sein r > g steht in da viel mehr im direktem Zusammenhang zum oben erwähnten Burgfrieden und beide Elemente sind jeweils ohne das andere Element in dieser Form IMHO undenkbar. Und erst beides führt im Zusammenspiel zum Ergebnis der immer größeren Polarisierung der „Wohlstandsverteilung“ (um mal nicht so scharf zwischen Vermögen und Einkommen zu unterscheiden). Und weil „r+Burgfriede > g“ in meinen Augen ganz generell gilt, gerade deshalb halte ich Wachstumszahlen des BIP für zunehmend trügerisch. Mehr noch, ich habe zwischenzeitlich den Eindruck, dass wir auf eine paradoxe Situation zulaufen, in der eine Rezession und Deflation unter dem Strich und langfristig dem Gros der Bürger mehr Vorteile als Nachteile bringen würden, denn wenn es kein „g“ gibt, was einseitig verteilt werden kann, dann gibt es die Umverteilung als solche nicht. Dann funktioniert auch der Burgfrieden nicht mehr, dann sind „Millionengagen“ irgendwann nicht mehr durchsetzbar (und sei es gegenüber den Eigentümern) und da es keine boomende Konjunktur gibt, die einen „fast buck“ erlaubt, sondern sozusagen „alte Kaufmannskunst“ und „spitzer Bleistift“ wieder gefragt sind, würden automatisch langfristigere Geschäftsmodelle bevorzugt bzw. durch den Markt kurzfristige Geschäftsmodelle ganz schnell beendet, was zu einem schmerzhaften Lernprozess führen wird.

    Ich sehe mich darin auch durch Piketty bestätigt, der ja ganz ähnlich argumentiert (die historisch einmalige Phase des Massenwohlstands paradoxerweise basierend auf der vorherigen Vernichtung von Vermögen und Kapital, zusätzlich zu diesem „Reset“ wurden Vermögen und hohe Einkommen exzessiv wegbesteuert, um den Wiederaufbau zu finanzieren). Und das macht gleichzeitig ratlos, es kann ja auch keiner von uns solch einen destruktiven „Reset“ wollen. Wie kriegt man diese Hydra nun anders in den Griff?

    Manchmal werde ich fast zum Marxisten (bis mir einfällt dass im Sozialismus zwar alle gleich sind – aber eben gleich arm).

  8.   Dietmar Tischer

    @ LikeABoss

    Ich habe nur Erklärungen angeboten und werte nicht, will aber zu bedenken geben:

    >Schlecht für den langfristigen Werterhalt, wenn Unternehmen dadurch zu harten Sparprogrammen gezwungen werden und sich dabei Zukunftsperspektiven ruinieren …>

    Das gibt es, muss es aber nicht geben.

    Aus aktuellem Anlass ein Vergleich zwischen GE, Siemens und Alstom:

    Beim Verhältnis Umsatz/Gewinn zu Beschäftigtenzahl ist die Reihenfolge ganz eindeutig GE, Siemens, Alstom. Letztere sind zwar technologisch Weltklasse, aber hoch verschuldet und kaum renditefähig. Alstom wird übernommen, möglicherweise gewährt ihm der französische Staat durch Beteiligung eine Pseudoselbständigkeit, um Arbeitsplätze bei einem seiner Champions zu retten. Auf jedem Fall: ein praktisch handlungsunfähiges Unternehmen, das Objekt anderer wird. Die Beschäftigten werden die Zeche bezahlen müssen, vielleicht etwas später, aber sie werden die Verlierer sein. Kurzum: Den Renditewettbewerb kann man so oder so sehen.

    >wodurch sich unsere Industrie die eigenen Konkurrenten von Morgen züchtet, gegen die sie chancenlos ist – ein aus den Schwellenländern stammendes Unternehmen mit kopiertem Know How wird immer billiger arbeiten können als ein westliches Unternehmen, mit “teurerem” Standbein im Westen und Entwicklungskosten>

    Richtig ist, dass keinem Unternehmen der Zugang zu den wachstumsstarken Märken geschenkt wird. Der Preis ist in der Regel Transfer von Know how. Das muss aber die Unternehmen nicht in den Ruin treiben, sondern kann sie sogar wachsen lassen – durchaus mit positiven Effekten für den heimischen Standort. Es gibt genügend Beispiele dafür, z. B. im Maschinenbau, der Chemie und im Fahrzeugbau.

    >Ich denke da nur an einen skandinavischen Handyhersteller, der eine deutsche Produktionsstätte geschlossen und verlagert hat – nicht weil sie keine Gewinne gebracht hätte … Die Quittung für diese Unternehmenspolitik: dieses Unternehmen, der einstige Weltmarktführer seiner Branche, konnte am Markt nicht mehr mithalten, die Verkaufszahlen stürzten ins Bodenlose>

    Die Verlagerung hatte vor allem etwas mit den Subventionen für die neue Betriebsstätte auf dem Balkan zu tun. Der Niedergang des Unternehmens ist hauptsächlich falscher Entwicklungs- und Produktpolitik zuzuschreiben.

    Unterm Strich:

    Die Mechanismen, von denen ich gesprochen habe, verlangen erhebliche Anpassungen insbesondere auf den Arbeitsmärkten. Dies ist mit Problemen verbunden, die wir m. A. n. in ihrer Tragweite nicht begriffen haben, wohl auch noch nicht begreifen können. Vor allem: Wir können an der Entwicklung, die in der Tendenz mit gesellschaftlicher Instabilität verbunden ist, nichts Grundsätzliches ändern.

  9.   Hermann Keske

    @ Dieter Wermuth

    Sie müssen mir beim Verständnis der Daten helfen ;-):

    „Dem entgegen wirkte ein kräftiger Vorratsaufbau, der das BIP mit einem rechnerischen Wachstumsbeitrag von 0,7 Prozentpunkten stützte.“

    So steht es in der Mitteilung des Amtes. Das hört sich so an, als ob wir nur ein Wachstum von 0,1 Prozent hätten, wenn es nicht einen „kräftigen“ Vorratsaufbau gegeben hätte.

    Ist ein solcher Vorratsaufbau ein Grund zum Jubeln? Könnte es nicht sein, daß der Vorratsaufbau seinen wesentlichen Grund darin hat, daß die laufende Produktion nicht verkauft werden konnte?

  10.   Hermann Keske

    Ein wichtiger, erfreulicher Aspekt bei den neuesten Wachstumszahlen sollte nicht unerwähnt bleiben, denke ich.

    Der Wohlstand wächst nicht nur, er wächst auch noch gesund und systemgerecht. Das Volkseinkommen wird mit einem Pluas von 4,3 gelistet. Die Arbeitnehmerentgelte wachsen um 3,5 %, die Vermögens- und Unternehmereinkünfte um stolze 5,8 % (65 % mehr als bei den Arbeitnehmern), und das auch noch vor Steuern und Sozialabgaben.

    Das deckt sich doch sehr schön mit den Erwartungen der Wissenschaft – jedenfalls mit der von Piketty – und sollte deshalb, vertrauensbildend, deutlich herausgestellt werden.

 

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