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Anzeichen für eine neue Finanzkrise

 

Wenn ich mir die jüngsten Prognosen von EU-Kommission, OECD und Internationalem Währungsfonds anschaue, könnte es kaum besser laufen: Das Wachstum ist robust, die Inflation niedrig, die Löhne steigen etwas rascher als in den letzten Jahren und die Geldpolitik dürfte sehr expansiv bleiben. Das gilt global, für die USA und für Euroland. Andererseits weiß ich, dass es diesen Organisationen nie gelingt, eine Rezession vorherzusagen, geschweige denn eine Finanzkrise. Wenn alle zuversichtlich sind, dann geht es los – dann kommt es zu dem ominösen „Minsky Moment“, dem großen Ausverkauf von Aktien, Immobilien und Rohstoffen, manchmal jedenfalls. Oft hält die Euphorie länger an als das skeptische Beobachter wie ich für möglich halten, aber irgendwann kippt die Sache dann doch. Nur: wann?

An den Märkten jedenfalls herrscht große Nervosität, weil die Akteure den Eindruck haben, dass eine Korrektur unvermeidlich ist, und zwar schon bald. Der Aufschwung ist in die Jahre gekommen, die Preise vieler Aktiva haben die Bodenhaftung verloren und es gibt kaum noch plausible Anlagemöglichkeiten. Was könnte der Auslöser sein?

In den vergangenen Wochen wurden vor allem zwei Krisenszenarien durchgespielt: dass es durch die angekündigten Zinserhöhungen der US-Notenbank in Schwellenländern wie Argentinien, Brasilien oder der Türkei zu Schuldenkrisen kommt, oder dass die populistischen Parteien Italiens die Existenz des Euro gefährden könnten. Wie die erste Tabelle zeigt, haben sich die Wechselkurse, Aktienindices und Bondrenditen der Länder, die potenziell am meisten gefährdet sind, kräftig zum Negativen hin verändert, während die „sicheren“ Länder entsprechend profitierten.

Tabelle: Aktuelle Makrtbewegungen (Finanzmarktkennzahlen 180531)

Im Vergleich dazu spielten der drohende Handelskrieg und die Effekte des Brexit an den Märkten keine Rolle.

Es sieht so aus, als würde sich die US-Notenbank Fed nicht von den jüngsten Panikattacken beeindrucken lassen und mit ihren Zinserhöhungen fortfahren. Was das für den Rest der Welt bedeuten könnte, ist für sie eher irrelevant. Wichtig und entscheidend ist für sie, dass in den USA de facto Vollbeschäftigung herrscht, die Löhne dort jetzt auch real steigen und die Inflation, einschließlich der Kerninflation, offenbar dauerhaft bei zwei Prozent angelangt ist. Höchste Zeit also, die Zügel weiter anzuziehen, die Zinsen zu normalisieren, damit es bei der nächsten Rezession geldpolitischen Spielraum gibt. Die Fed Funds Rate, der amerikanische Leitzins, dürfte bis Ende 2019 von jetzt 1,7 Prozent auf mindestens drei Prozent zulegen und so die gesamte Dollar-Zinskurve nach oben verschieben.

Carmen Reinhart, Professorin an der Harvard University und Mitverfasserin eines Buches über die Geschichte von Finanzkrisen („This Time Is Different“), hat vor kurzem eine Art Schreckensszenarium entworfen: Wenn die amerikanische Geldpolitik restriktiver würde und die anderen OECD-Länder, sprich die EZB und die Bank von Japan, zögen nicht mit, würde der Dollar weiter aufwerten. Für die Schwellenländer wäre das ein doppelter Schock – sie müssten auf ihre Dollarschulden höhere Zinsen zahlen und der Dollar selbst würde aus ihrer nationalen Sicht teurer. Sie könnten Probleme mit ihrem Schuldendienst bekommen. „Vor der Finanzkrise von 2008 hatten die Schwellenländer wegen einer Reihe vorangegangener Krisen keine hohen Schulden und erholten sich superschnell. … Im vergangenen Jahrzehnt waren ultra-niedrige Zinsen ein starker Anreiz, Kredite aufzunehmen, so dass sie jetzt deutlich höher verschuldet sind als 2008“, wird Reinhart vom Finanzinformationsdienst Bloomberg zitiert (eigene Übersetzung). Sie glaubt beispielsweise nicht, dass Argentinien sein Leistungsbilanzdefizit von mehr als fünf Prozent des BIP am Markt finanzieren kann (siehe die folgende Tabelle).

Tabelle: Kennzahlen zur Verschuldung ausgewählter Länder

Das heißt was? Vermutlich wird es zu Umschuldungen, Problemen bei den kreditgebenden Banken und Rezessionen kommen. Die gesamte Weltwirtschaft könnte angesteckt werden, einschließlich China, das sich neuerdings für die ärmeren Länder zu einem bedeutenden Kapitalgeber gemausert hat. Für Deutschland, den Euroraum insgesamt und alle übrigen OECD-Länder käme es zu einem Einbruch ihrer Exporte und daher mindestens zu einer Abkühlung der Konjunktur, vielleicht sogar zu neuen Rezessionen.

Dieses Szenarium wurde kurz, dafür aber heftig durchgespielt, ist von den Marktteilnehmern aber inzwischen in die Zwischenablage geschoben worden. Das aktuelle Thema ist Italien und der Euro. Anfangs wurden die Ankündigungen der wahrscheinlichen künftigen Regierungsparteien Fünf Sterne und Lega, eine Volksabstimmung über den Euro abzuhalten, ernst genommen, was die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen von 1,8 Prozent Anfang Mai auf 3,16 Prozent am 29. Mai in die Höhe getrieben hatte, und damit, wie Amerikaner zufrieden feststellten, auf ein Niveau oberhalb der US-Renditen mit gleicher Laufzeit. No longer. Die Märkte hatten sich rasch wieder beruhigt, nachdem beide Verhandlungspartner klargestellt hatten, dass das mit dem Euro nicht so gemeint war. Jetzt wollen sie lediglich über das Vertragswerk verhandeln, in dem die angeblich zu restriktiven Auflagen für die Mitgliedsländer des Euro formuliert sind. Das klingt schon nicht mehr so bedrohlich. Die italienische 10-Jahresrendite ist inzwischen zurück auf 2,75 Prozent und damit wieder niedriger als die der Treasuries (2,85 Prozent).

In Italien haben wir es mit einer politischen Krise zu tun, nicht so sehr mit einer wirtschaftlichen. Vor allem wenn die EZB zu ihrer Aussage steht, dass die Leitzinsen auch lange nach dem Ende des Bondankaufsprogramms niedrig oder sogar unverändert bleiben werden, dürfte es keine Probleme mit dem italienischen Schuldendienst geben. Trotz der hohen Staatsschulden ist der Zinsaufwand seit der Jahrtausendwende von 5,8 Prozent des BIP stetig auf nur noch 3,6 Prozent gesunken (Deutschland ist laut EU-Kommission bei 1,0 Prozent angekommen). Das dürfte zu stemmen sein.

Italien hat außerdem kein Leistungsbilanzdefizit mehr, das es zu finanzieren gilt, sondern inzwischen einen Überschuss von 2,6 Prozent des BIP; das bedeutet, dass Auslandsschulden netto zurückgezahlt werden. Außerdem, um das mal klar zu sagen, macht es überhaupt keinen Sinn, in einer Währungsunion von „zu finanzierenden Auslandsschulden“ zu reden – niemand macht sich beispielsweise Sorgen darüber, dass das Land Brandenburg gegenüber dem Rest der Bundesrepublik ein dauerhaftes Defizit aufweist; Brandenburg wird daran nicht pleitegehen, genauso wenig wie einst das viel stärker als Italien verschuldete Griechenland pleitegegangen ist. Pointiert gesagt sind Schulden innerhalb einer Familie (einer Währungsunion) ziemlich irrelevant, nur die Schulden der Familie als Ganzes gegenüber der Außenwelt können gefährlich werden. Davon kann keine Rede sein.

Aber nicht alles ist gut im Staate Italien. Wie die Grafik zeigt, haben die Banken gewaltige Probleme mit ihren notleidenden Krediten – sie haben eine ähnliche Größenordnung wie ihr Eigenkapital. Immerhin wird dieses Thema offensiv angegangen.

Grafik: Notleidende Kredite der Banken im Euroraum

Ende 2015 lagen die notleidenden Kredite (non-performing loans = NPLs) der italienischen Banken noch bei 16,8 Prozent aller Kredite. Sie sind vor allem durch Verkäufe an amerikanische Hedgefunds bis Ende 2017 laut EZB auf „nur“ noch 11,1 Prozent gesunken, ein eindrucksvoller Fortschritt. Bisher war dafür eine wichtige Bedingung erfüllt, die in der Zukunft vielleicht nicht mehr gegeben ist, nämlich die Verwertung der Sicherheiten ohne die Einschaltung von Gerichten. Man wird sehen. Die eigentlichen Problemländer sind weiterhin Griechenland und Zypern. Sie stellen aber keine existenzbedrohende Gefahr für den Euro dar.

Insgesamt dürfte der Euro durch das wahrscheinliche weitere Auseinanderlaufen der amerikanischen und europäischen Zinsen unter Druck bleiben – was gut für die Konjunktur wäre und tendenziell zu mehr Inflation führt. Dann könnte der Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung etwas näher rücken. Andererseits ist die Lage bei den Staatsschulden und der Leistungsbilanz in Europa um Längen besser als in den USA, was verhindern wird, dass der Euro ins Bodenlose fällt.

Und die globale Finanzkrise? Sie ist erst mal abgewendet, bleibt aber ein großes Risiko. Sie wird wahrscheinlich nicht durch europäische Ereignisse ausgelöst werden.

34 Kommentare

  1.   BMMMayr

    @DW
    Erstmal ein großes Lob dafür, dass Sie als große Ausnahme in der Medien Landschaft (implizit) differenzieren zwischen Staatsschulden (= Schulden der staatlichen Institutionen) und den Schulden des ganzen Landes.

    Sie stellen die Situation des Landes Italien ziemlich zutreffend dar: Das Land baut Auslandsschulden ab, sie liegen netto bei gerade mal 6,7% des BIP (GR 140%, ES 80%, F 20%) und das Land ist auf einem positiven Weg, wenn auch sehr langsam.

    Es gibt also absolut keinen Grund das Land jetzt finanziell zu schlachten und natürlich auch keinen Grund für einen Schuldenerlass, den Lega und M5S fordern und damit ihren wirtschaftspolitischen Analphabetismus zeigen.

    Im Grunde sollte auch ihre Aussage gelten:

    „Pointiert gesagt sind Schulden innerhalb einer Familie (einer Währungsunion) ziemlich irrelevant, nur die Schulden der Familie als Ganzes gegenüber der Außenwelt können gefährlich werden.“

    Dummerweise ist das nicht so. Auch innerhalb einer Familie kann sich ein Mitglied überschulden und ein fatales Domino in Gang setzen.

    Deutschland steht z.B. finanziell super da, aber wenn die Deutsche Bank fällt, dann macht das schon Probleme. Was passiert wenn eine große italienische Bank fällt?

    Das Hauptproblem Europas und der Eurozone ist, dass die Vorteile dieser Gemeinschaften ungleich verteilt sind, so dass sich einzelne Länder fragen, „Was hat denn der Euro / Europa jemals gutes für uns getan?“ (Danke Monty Python!) und damit Anklang beim Wahlvolk finden.
    Die Gefahr ist weniger, dass ein Land (außer den Briten) austritt, sondern dass die Bereitschaft für den Fortbestand zu arbeiten weiter sinkt, notwendige Reformen um die Dinger zukunfsfest zu machen weiter ausbleiben und einzelne Länder ruhig oder gar genussvoll dabei zusehen, wie Europa und die Eurozone immer mehr auf den Hund kommen.

    Die Frage, welche institutionellen Reformen braucht Europa und die Eurozone hat Macron gestellt, bald kommen Antwortvorschläge nicht nur von Lega und M5S sondern auch von PSOE und Podemos.

    Aktuell ist Europa wie ein altes Blackberry Handy, ein ehemals superattraktives, fortschrittliches Teil, aber weil der Support für die Zukunft mehr als fraglich war, ist die Avantgarde auf was anderes umgestiegen. Noch ein paar Jahre weiter so und Europa und die Eurozone werden zu alten Nokia Handys, von denen jeder weiß, dass diese Linie keine Zukunft hat und sich jeder abwendet, auch wenn man damit immer noch ein paar Jahre passabel telefonieren kann.

    Europa und die Eurozone brauchen mindestens ein update, vermutlich sogar einen relaunch, sonst heisst das Zukunftsmodell „Designed in the USA, manufactured in China“ (Danke für nichts, Steve Jobs!).

  2.   Dieter Wermuth

    @ BMMMayr

    Tja, welche Reformen braucht die EU? Wie könnte ein Relaunch aussehen? Die Anstöße müssen in der Tat von denen kommen, die glauben, zu kurz gekommen zu sein, also von den Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit und/oder geringem Wachstum, oder die noch immer arm sind, sprich Polen oder Ungarn – oder Frankreich. Von Deutschland sind keine größeren Initiativen zu erwarten. Niemand wagt zur Zeit, ein Konzept für den finalen Zustand der EU zu entwerfen, also die politische Union – kostet nur Geld!

    Dabei sind in der Geldpolitik, bei der Bankenaufsicht und dem Krisenmechanismus in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht worden. Als nächstes bekommen wir einen Europäischen Währungsfonds. Alles ein bisschen zu abstrakt für die Abendnachrichten und die Bildzeitung.

    Die Unzufriedenheit hat für mich entscheidend damit zu tun, dass nichts gegen die immer ungleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Vermögen getan wird. Das gilt auch für die Linken und für manche Länder außerhalb der EU (USA, UK). Es müsste Kampagnen gegen die Steueroasen geben, gegen die Ungleichbehandlung von Arbeits- und Kapitalvermögen, gegen den Skandal, dass Facebook, Amazon und Ähnliche in Europa Umsatz und Gewinn machen, aber nicht zum Steueraufkommen in der EU beitragen (nur in Irland, NL, Lux, Zypern, Malta freuen sie sich über das jetzige System). Frau Merkel sollte das zum Thema machen, das könnte Populismus der produktiveren Art sein.

    Aber für einen richtigen Schub brauchen wir mal wieder eine existenzbedrohende Krise, vermute ich.

    DW

  3.   mister-ede

    In einem Kommentar zu einem älteren Italien-Artikel habe ich ja geschrieben, dass die Gefahren für die Entwicklung Italiens eher politischer als wirtschaftlicher Natur sind. Niemand weiß, wie sich die neue, anti-europäische rechts-rechts Koalition in Italien entwickeln wird – so sie denn zustande kommt.

    @DW [#2]
    „Die Anstöße müssen in der Tat von denen kommen, die glauben, zu kurz gekommen zu sein, also von den Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit und/oder geringem Wachstum, oder die noch immer arm sind, sprich Polen oder Ungarn – oder Frankreich.“

    Ich teile voll und ganz ihr Plädoyer für gemeinsame Besteuerungsstandards – auch global – aber mit dem zitierten Satz kann ich nicht viel Anfangen. Es geht doch nicht z.B. um Italien vs. Deutschland. Die Kluft verläuft viel mehr zwischen Arbeitslosen, Armen, prekär Beschäftigten und anderen, denen dieses Europa nichts nutzt, vielleicht sogar schadet, und den Vermögens- und Einkommenseliten, die von der aktuellen Konstruktion der EU erheblich profitieren. Ein Binnenmarkt, bei dem jedes Land seine eigenen Vorschriften z.B. gegen Lohndumping oder im Steuerrecht hat, provoziert eine Dumpingspirale. Das ist doch kein sinnvoller ordnungspolitischer Rahmen zum Vorteil aller, sondern ordnungspolitischer Wahnsinn zu Gunsten einer kleinen Elite.

  4.   Die Freiheit liebender

    Was ist mit den faulen Wirtschaftskrediten im Europahandel in Höhe von 923,5 Milliarden Euro (Target2-Salden) auf denen die Bundesrepublik sitzt?

    Italien steht bei der Bundesbank mit 442,5 Milliarden Euro in der Kreide.

    Anzeichen für eine neue Finanzkrise gibt es nach meinem Eindruck vor allem in den USA und davon bleibt Europa sicher nicht unberührt.

    Einen deutlichen Hinweis darauf gibt das „Corporate Debt-to-GDP“ in den USA. Siehe die Abbildung im Artikel von Egon von Greyerz hier: https://www.goldseiten.de/artikel/377895–3-Milliarden-Menschen-weniger-durch-Armut-Krankheit-und-Krieg.html
    Die Unternehmensschulden befinden sich dort aktuell auf einem Extremstand in einer Höhe, wie sie vor den Wirtschaftskrisen und Aktienmarktcrashs der Jahre 1990, 2000 und 2008 waren. Das lässt nichts Gutes erahnen.

    Bemerkenswert im Artikel von Egon von Greyerz auch: „Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 4%, die tatsächliche bei 22%. Es gibt 95 Millionen arbeitsfähige US-Amerikaner, die nicht in den Arbeitsmarkt integriert sind.
    Die US-Wirtschaft besteht aus einer kleinen Minderheit, die extrem von Kreditexpansion und Geldschöpfung profitiert hat.“

    Auch der sich abzeichnende Handelskrieg zwischen den USA und der EU ist sicher nicht förderlich für eine Erholung der Wirtschaft.

    @Dieter Wermuth (#2 )
    Die Unzufriedenheit über die ungleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Vermögen könnte deutlich verringert werden, indem die Geldschöpfung eingestellt würde, denn sie ist eine Hauptquelle dieser ungleichmäßigeren Verteilung.

  5.   BMMMayr

    @2

    „Niemand wagt zur Zeit, ein Konzept für den finalen Zustand der EU zu entwerfen …“

    Das ist auch nicht nötig. Schauen Sie sich den Schuman Plan an, der hat auch nicht gesagt: „Das Ziel sind die Vereinigten Staaten von Europa“.

    Wie damals braucht Europa Ideen die:
    1. Reale Probleme angehen
    2. So offensichtlich der Mehrheit der Unionsbürger in jedem Land und in jeder Region nützen, dass eine Mehrheit der Unionsbürger dafür sein wird. Die hohle „Europa nützt uns allen“ Rhetorik funktioniert nicht mehr genau so wie die „Freihandel nützt uns allen“ Rhetorik. Viele Gruppen glauben sehen das als Märchen, das von interessierter Seite benutzt wird um sie leichter über Tisch ziehen zu können.

    Es muß etwas sein was am Besten 95% der Bevölkerung gut findet so wie die drastische Senkung der Mobilfunk roaming Gebühren, die die EU durchgesetzt hat, nur in wichtigeren Politikbereichen.

    Noch besser wäre es, die Ideen würde helfen die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen Regionen aber auch zwischen den Vermögens- und Einkommenseliten und den restliche > 90% auszugleichen.

    Welche Themen könnten das sein:

    – Besserer Schutz der EU Außengrenzen: Bei den Unionsbürgern mehrheitsfähig,
    käme besonders Italien entgegen und wäre ökonomisch ein (notwendiger) Transfer vom reichen Norden in die südliche Peripherie

    – Europäische Verteidigungspolitik: Der Abschied der USA ist ein reales Problem, gemeinsam wahrgenommene Verteidigungaufgaben schweißen Länder zusammen und auch ökonomisch wäre es wieder ein Transfer vom reichen Norden in die südliche Peripherie.

    – Besteuerung transatlantischer Konzerne: Statt sich in der Familie uns Geld zu streiten (was leider auch mal sein muß), lieber öffentlich das Geld der Konzerne des gerade sehr rüpelhaften US Partners ins Visier nehmen. Ist sachlich überfällig, transatlantisch politisch hoch zeitgemäß und bei den Unionsbürgern sicher mehrheitsfähig. Nur die Konzernschutzengel u.a. in Berlin, die Unternehmen pampern für Arbeitsplätze nicht von Bürgerwohl unterscheiden können, sind da vermutlich dagegen. Wenn es daran scheitert, dann ist die EU auf dem Niveau von D J Trump, im Grunde haben Merkel und auch schön Schröder eine „Germany first“ Politik hauptsächlich für große Unternehmen gemacht, nur die Oberfläche ist freundlicher.

    – Mehr Macht den Regionen: Viele Bürger sehen die EU als bürokratisches Monstrum und glauben sie wären nicht mehr Herr im eigenen demokratischen Nationalstaats-Haus. Das ist z.B. in Polen ein im Grunde kultureller Grund warum die PIS erfolgreich ist: Die Polen wollen ihr gerade wiedermal errungenes eigenstaatliches Polen behalten. In einer 2. Parlamentskammer von 40 – 60 (historisch gewachsener) Regionen mit je ca 10 Millionen Einwohnern, fühlten sich viele Bürger direkter und besser vertreten und die Visegrad Staaten wären nur noch wenige unter vielen. Aber dafür müsste natürlich irgendwer Macht und Kompetenzen abtreten.

  6.   Dieter Wermuth

    @ mister-ede (#3)

    Ich finde auch, dass dieser Steuerwettbewerb zulasten der großen Länder und zugunsten der US-Multinationals aufhörenh muss. Wenn die deutsche Regierung allerlei Konzessionen im Einigungsprozess machen soll, finde ich es nur fair, dass sie von den Anderen ebenfalls Konzessionen verlangt: Steuerparadiese auf dem Boden der EU und in Überseegebieten müssen geschlossen oder verboten werden (Monaco, Kanalinseln, Karibik, Niederlande, Luxemburg, Malta, Zypern, Irland) – die höheren Steuereinnahmen können hierzulande für Steuersenkungen genutzt werden, insbesondere für Haushalte, die zu kurz gekommen sind. Ich weiss, nicht, warum sich Frau Merkel nicht dafür einsetzt – wahrscheinlich ist sie zu sehr mit Juncker verbandelt. DW

  7.   NIKYTOELE

    die Frage, was Europa braucht
    wäre allgemein: das Ende des Wettbewerb der Nationen: Firmen, die im Wettbewerb nicht mithalten gehen gewollt unter, bei Nationen geht das nicht, oder soll das nicht wettbewerbsfähige Griechenland in der Ägäis versenkt werden
    dazu gehört ein ausgeglichner Handel (, kein vertrgawidiger Exportüberschuss), kein Wettbewerb um Steuer- und Dumpinglöhne…. aber dafür muss sich primär Deutschland bewegen, z. B. hier deutlich höhere Löhne aber da ist das Gegenteil der Fall:
    von Deutschland ausgehend wird der uneingeschränkte Staatsanleihenkauf (Draghi: “ whatever it s take…) der EZB für Italien genau dann in Frage gestellt, als Italien eine Abkehr der Sparpolitik anstrebt – prompt steigen dort die Zinsen — es ist eine Fehlinterpretation, dies als unbestechliche Reaktion der Märkte zu bezeichnen… ich nenne das versteckter Wirtschaftimperialismus…… das geht lange gut, aber das Ende (des Euros, wo man innerhalb nicht wie früher abwerten kann) kommt zwngsläufig , aber dann massiv und dann wird Deutschland plötzlich der große Verleirer sein

  8.   BMMMayr

    @6: Zustimmung, bis auf „Ich weiss, nicht, warum sich Frau Merkel nicht dafür einsetzt – wahrscheinlich ist sie zu sehr mit Juncker verbandelt“

    Aus meiner Sicht ist Frau Merkel davon überzeugt, das Richtige zu tun. Als Frau Merkel 2003 in Leipzig noch ihre Überzeugungen offen zeigte, da hörte man Töne, die in der Presse als marktradikal beschrieben wurden. Diese Überzeugung ist zwar durch unendlichen Pragmatismus nur selten erkennbar, aber manchmal („marktkonforme Demokratie“) ist sie gut zu erkennen. Wenn Frau Merkel ihre Politik begründet, dann fehlen dabei selten die 2 Worte „Arbeitsplätze“ und „Wettbewerbsfähigkeit“. Trotz aller 180° Wendungen u.a. bei Migration, Kernenergie und Umwelt, bei „keine Steuererhöhungen“ ist ihr Kurs immer klar geblieben. Ebenso beim Euro.

    Ich bin mir sicher: Für Frau Merkel ist der Schutz, die Hege und Pflege der deutschen Unternehmen oberste Staatsräson aus Überzeugung. Merkel (und auch schon der späte Schröder) betreiben schon lange „Germany First, Germany First!“, viel schlauer und erfolgreicher als Trump, aber die Grundlinie ist die Gleiche: Unternehmen, Reiche und Gutverdiener („Leistungsträger“) entlasten auch, wenn die mit Ihrem Geld nicht wissen wohin und den Rest kurz halten. Und wenn es sein muß auch blanke Machtpolitik gegenüber den Nachbarn zum eigenen Vorteil.

    Auch die Trumpsche Rhetorik gegenüber Handelspartner ist der deutschen gegenüber den Euro-Krisenländern ziemlich ähnlich: „Die wollen nur unser sauer verdientes Geld und versuchen uns unfair auszunutzen, Zeit dass man ihnen zeigt wo der Hammer hängt“

    Die wirklich spannende Frage dabei nicht wie es mit Italien weitergeht (Salvini und Di Maio haben nicht die politische und ökonomische Expertise um Merkel und der EZB Paroli bieten zu können), sondern mit Frankreich: Frankreich verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit und hat ein Leistungsbilanzdefizit. Die Dynamik ist nicht spektakulär, aber der Trend ist klar. Wenn es durch einen transatlantischen Handelskrieg für Europas Wirtschaft schwierig werden sollte, dann wird Frankreich am meisten leiden.
    Über Hollande habe ich vor ein paar Jahren geschrieben, dass er sich entschieden hat, lieber der Totengräber der französischen Sozialisten zu sein als der Eurozone. Mit Verlaub, da lag ich 100 % richtig.
    Macron versucht noch diese Konflikt aufzulösen und einen Weg jenseits der Konfrontation zu suchen, aber wenn man ihn vor die Wahl stellt, Frankreich oder Europa, was wird er tun?
    Wird er selber den den den Kampf annehmen, gegen das was ich im Falle Deutschlands als ökonomischen Angriffskrieg bezeichnet habe, oder wird er das Nachfolger*innen überlassen und selbst als Hollande II in die Geschichte eingehen?

  9.   BMMMayr

    @7
    Alles richtig, genau so wie alles was Sie sagen, auch schon vor 10 Jahren richtig war.

    Nur:
    Das reicht jetzt nicht mehr. Man muß nicht nur die Eurozone auf ökonomisch zukunftsfeste Füße stellen und zurück zu einem freundschaftlichen und kooperativen Miteinander finden, man muß auch die Unionsbürger, die immer weiter zunehmend die Eurozone oder gleich die ganze EU ablehnen, davon überzeugen, dass die große Mehrheit der Unionsbürger von Eurozone und EU profitieren (oder am Beispiel des Brexit sehen, was für einen Katastrophe ein -exit sein kann).

  10.   HKaspar

    Na ja.

    Eine China-Krise schwielt in der Tat schon seit laengerem. Seit Jahren versucht die Regierung einen Abschwung zu verhindern, indem sie per Staatsbanken Geld in die Schwerindustrie und den Wohnungsbau pumpt, das kann nicht ewig gut gehen.

    Eine Schwellenlaenderkrise ist bei einem stärkeren Dollar natürlich stets moeglich, auch wenn das Maß an Dollarisierung der Schwellenländer weit geringer ist als noch vor Jahrzehnten.

    Und Italien ist, wie geschrieben, eine politische Krise, die droht das Wackelgebilde Euro zum Einsturz zu bringen – weil die Europäer es bis heute nicht geschafft haben, auch nur minimale Lehren aus der Eurokrise zu ziehen und Staaten und Finanzsysteme per Bankenunion zu entkoppeln, und deswegen jeder drohende Staatsbankrott den Rest Europas in Geiselhaft nimmt.

    Aber das sind lokale Krisenherde. Fuer eine globale Finanzkrise bedurfte es generelle Anzeichen von Ueberschuldung und excess leverage, ausgelöst durch zu akkomodierende monetaere Bedingungen. Und die gibt es nicht – im Gegensatz zu 2007/08, als Alan Greenspan die Welt in Brand setzte.

 

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