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Lebenslang versehrt – Das Medienlog vom Mittwoch, 21. Januar 2015

 

Einst schwer verletzte Opfer fassten vor Gericht ihr Leiden in Worte, die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zeigte sich – wie üblich – ungerührt: Am Dienstag sind im NSU-Prozess die ersten Zeugen zum Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße gehört worden. 22 Menschen wurden am 9. Juni 2004 verletzt, als über 700 Nägel aus einem Sprengsatz schossen, abgestellt mutmaßlich von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Aussagen waren drastisch: „Was zwei Zeugen am Dienstag vor Gericht schildern, lässt manchem Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren“, schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Vier Zeugen hörte das Gericht zum Auftakt. Besonders plastisch wirkten die Schilderungen der ersten beiden, zweier Freunde, die sich bei der Explosion direkt neben der Bombe befanden. „Ihre Körper sind durch Narben entstellt, ihre Psyche ist lebenslang versehrt“, heißt es bei Friedrichsen. Schwer wog allerdings auch, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen die Opfer verdächtigte, ihnen DNA und Fingerabdrücke abnahm und ihnen den Kontakt miteinander verbot.

„Warum konzentrierte sich die Polizei auf einen kriminellen und nicht auf einen terroristischen Hintergrund?“, fragt Tim Aßmann vom Bayerischen Rundfunk in der Tagesschau. Fragen wie diese treiben auch die Opfer bis heute um. Mit der Enttarnung der Terrorzelle im Jahr 2011 kam allerdings eine Frage hinzu: „Handelte der NSU alleine oder gab es in Köln lokale Unterstützer?“

„Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte, hört sich alles an. Unbewegt wie so oft“, beobachtet Hayke Lanwert von der WAZ. Das galt auch, als ein Arzt Bilder der Verletzungen zeigte. Dabei habe es sich um einen der emotionalsten Momente des Tages gehandelt.

Auf ZEIT ONLINE haben wir uns gegen eine Analyse und für ein Wortprotokoll des Gerichtstags entschieden – um die Opfer mit ihren drastischen Schicksalen zu Wort kommen zu lassen. So lässt sich zumindest erahnen, wie erschreckend das Szenario auf der Keupstraße nach der Explosion gewirkt haben muss: „Alles war ohne Geräusche, wie in Zeitlupe“, so schilderte der Zeuge Sandro K. die Situation. Deutlich wird auch die Ohnmacht gegenüber der Ungewissheit über die Täter: „Weil man nichts abschließen konnte, habe ich versucht, das zu vergessen.“

Möglich war ihm das nicht: Das Auffliegen des NSU 2011 war ein Ereignis, das „die Welt des einstigen Zerspanungstechnikers erneut aus den Angeln hob“, schildert Harald Biskup im Kölner Stadtanzeiger.

Begleitet wurde der erste Vernehmungstag von einer Demonstration der Organisation Keupstraße ist überall, die vor dem Gericht auf das Versagen der Behörden und das Schicksal der Opfer aufmerksam machte. „Der Beginn der Aussagen der Opfer aus Köln wird als ein besonders wichtiger Tat im NSU-Prozess wahrgenommen“, folgert Frank Jansen im Tagesspiegel.

Nebenklageanwältin Gül Pinar kritisiert in einem Interview mit dem Blog Elalem den Stand der Aufklärung im Prozess. So gebe es „deutliche Anzeichen, die auf ein breites bundes- wie landesweites Unterstützernetzwerk des NSU hinweisen“, doch sei die Bundesanwaltschaft nicht bereit, von ihrer These eines engen Kreises von drei Haupttätern abzuweichen. Somit liefen viele NSU-Unterstützer noch frei herum. Das Fazit: „Die Anklageschrift ist falsch!“

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 22. Januar 2015.

5 Kommentare

  1.   Karl Müller

    Die Qualität der vorgestellten Presseberichte spricht für sich selbst.

    Und die Synopse von RÄ Pinar liest sich zwar flüssig und listet viele Mängel sowei Fragwürdigkeitan auf, nurn fehlt es darin zu diesem Zeitpunkt an handfesten Aussagen. Mit „Anzeichen“ brauch ich der StA nicht kommen, und werde eh doppelt vorsichtigt, wenn eine so befremdliche Anklageschrift präsentiert wird….


  2. Wie bei jeder kriminellen Gewalttat gehören die Leiden der Opfer zum notwendigen Inhalt des Strafverfahrens. Das gilt für alle gegen Menschen gerichteten Straftaten, nicht nur für solche, deren Opfer Migranten sind. Die in jeder Hinsicht nicht „normale“ Berichterstattung (in Extra-Rubriken) über das NSU-Verfahren trägt dem nicht Rechnung. Es soll offenbar politische Stimmung gemacht statt nur berichtet werden. Das ist journalistisch nicht seriös.

    Vernünftige „normale“ Gerichtsberichterstattung würde dem Publikum Anhaltspunkte dafür zu liefern versuchen, was die Zeugen zur Bestätigung oder Widerlegung der Anklage beigetragen haben mögen. Dazu erfährt man aber nichts.

    Statt dessen wird journalistische Wut darüber erkennbar, dass die Angeklagte Zschäpe sich „ungerührt“ gezeigt und (das sähe man wohl gern) sich nicht schluchzend zu Boden geworfen und alles zugegeben hätte, was ihr vorgeworfen wird. Damit bleibt es beim Anklagepunkt „Keupstrasse“ beim Stand von vorher: Nichts Genaues weiß man nicht. Weder gibt es Strengbeweise dafür, wer der/die Täter am Ort war/en noch ist das prozessual feststellbar, da die in Betracht kommenden Personen verstorben sind. Ebenso ist weiter im Dunklen, worin eine Mittäterschaft oder auch nur Beihilfe der Angeklagten Zschäpe bestanden haben könnte. Damit ist die Anklage keinen Schritt weiter gekommen.

    Das Münchner Verfahren zeigt einen „Journalismus“, der für sich alle Fragen längst „geklärt“ hat und nun mit geringstmöglichen Einsatz von Fakten und Rechtskenntnis zur politischen „Abrechnung“ mit der (auch nicht wirklich feststellbaren) Gesinnung der Angeklagten zu verkommen droht. Dass der Senat das offenbar mitmacht und sogar durch ufer- und sinnlose Gesinnungserforschungen noch befördert, lässt an einem rechtsstaatlich korrekten Abschluss immer mehr zweifeln:
    Entweder hat der Senat die Hoffnung auf sachliche Klärung aufgegeben und versucht nun, Gesinnung zu kriminalisieren, oder die Schuld der Angeklagten steht nach dem alten deutschen Juristenspruch „Dem Angeklagten ist die Tat zuzutrauen, also hat sie auch begangen!“ zur Überzeugung des Gerichts längst fest und es wird noch etwas Voodoo aufgeführt.
    Beides wäre fatal – aber für Deutschlands Justiz nicht neu.

  3.   Karl Müller

    @ 2.,

    Ihrer Kritik schließe ich mich vollumfänglich an!

    Mir ist nur noch nicht klar, ob das Vorgehen des GBA dahingehend aufgebaut ist sich mit „wir haben ja versucht“ bei Freispruch mangels Beweisen zu entlasten, oder ob in der Anklage die Revision mit zureichender Wahrscheinlichkeit eingebaut wurde?

    Der Rechtsstaat hat schon durch die defizitären Ermittlungen Schaden genommen, die Rechtspflege wird durch die goteske Beweisführung des GBA auch massiv geschädigt.

    Ein Schuldspruch aufgrund der bisher bekannten Sachverhalte überträfe noch die unsäglichen Offenkundigkeitserklärungen in der „RAF“-Verfahren.

    Allerdings steht zu befürchten das genau das Eintritt: Schuldig mangels Beweisen und fehlenden Anteilnahme!

  4.   Franz

    Die Linke in Thüringen will jetzt in einem neuen PUA zum NSU vorrangig die Verbindungen von den Nazis im Umfeld von BMZ zu kriminellen Strukturen prüfen schreiben aktuell die Thüringer Medien. Hoffentlich keine Lügenpresse und wer hat denen diesen richtigen Tipp gegeben? Werden die Linken da standhaft bleiben, ist nicht ganz ungefährlich?

  5.   tacheles

    An dem was z.Z. im MÜNCHENER Gericht vorgeht kann mann sehr genau den Unterschied zwischen einem „rechtsstaatlich einwandfreiem Verfahren“ und einem von „willkürlichem Massnahmen gestützten Tribunal“ erkennen!
    In einen nach den Prinzipien eines Rechtsstaates ablaufendem Procedere stützt sich die Anklage auf Fakten und einwandfrei nachgewiesene gerichtsfeste Beweise.
    Ausserdem gilt für das erkennende Gericht: „Im Zweifel für den Angeklagten“!
    In einen TRIBUNAL , auch als Schauprozess bezeichnet, werden „Emotionen“ vorgetragen, gelten vermutliche „Gesinnungen“ als Beweise, werden Zweifel nicht thematisiert und wird solange verhandelt bis „Irgendetwas“ an den Angeklagten hängengeblieben ist.
    Nun urteile Jeder selbst um was es sich hier handelt!
    M.E. muss ein Prozess nicht mehrere Jahre dauern wenn die Anklagebehörde unumstößliche Beweise für die Anklage vorbringt!
    Denn bei Fehlen von stichhaltigen Beweisen erübrigt sich die Anklage!

 

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