‹ Alle Einträge

Das Rätsel der drei toten Zeugen – Das Medienlog vom Dienstag, 31. März 2015

 

Es ist ein neuer, mysteriöser Todesfall im NSU-Komplex: Melisa M., Zeugin im NSU-Ausschuss von Baden-Württemberg, starb am Samstag etwa anderthalb Jahre nach ihrem damaligen Freund Florian H., einem möglichen Zeugen zum rätselhaften Polizistenmord von Heilbronn. „Wann immer die Hoffnung auf eine Erklärung aufkam, gab es Tote“, kommentiert Miguel Sanches von der WAZ. Damit gehöre der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter „zu den rätselhaftesten der NSU-Mordserie“. Wie viele Beobachter ordnet der Autor die gestorbenen Zeugen einer vermeintlichen Serie zu, in der auch der V-Mann Thomas Ri. den Tod fand.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Ein gerichtsmedizinisches Gutachten ergab, dass M. an einer Lungenembolie infolge eines Motorradunfalls gestorben war. In weiteren Untersuchungen soll die Leiche nun auf Gifte und Medikamentenrückstände geprüft werden. Im Untersuchungsausschuss hatte M. zum Tod ihres Freundes ausgesagt, konnte jedoch keine umfangreichen Aussagen machen. H. hatte sich am Vorabend seines Ablebens von ihr getrennt.

„Zwei Zeugen im Fall Kiesewetter sind tot, es bleibt ein ungutes Gefühl“, schreibt Solveig Bach auf ntv.de. Den Informationen von H., nach denen eine rechte Gruppe aus Baden-Württemberg für den Mord mitverantwortlich sein könnte, schenkte die Polizei anfangs keinen Glauben – womöglich sei das ein Fehler gewesen. Angesichts neuer Erkenntnisse bleibe „immer eine Antwort weniger als Fragen“.

Die Fälle beim angeblichen „Zeugensterben“ haben „sehr unterschiedliche Ursachen und deuten keineswegs zwingend auf eine Fremdeinwirkung hin“, analysieren wir auf ZEIT ONLINE. So legen die Meldungen von gestorbenen Zeugen zwar den Schluss nahe, es könne sich nicht mehr um Zufälle handeln – doch steht ein Beweis dafür weiter aus: „Den Zeugen, der gefesselt und erschossen aufgefunden wurde, hat es im Komplex NSU noch nicht gegeben.“ Aber: „Jeder weitere Todesfall (…) macht hellhörig, denn es gibt mehrere davon“, merkt dpa-Autorin Julia Giertz an.

Die These von gewollten Todesfällen legt René Heilig im Neuen Deutschland nahe: „Wer redet, lebt nicht lange.“ Nun wolle die Staatsanwaltschaft den Fall schnell abschließen, „wie schon zu oft, wenn es um Zeugenschaft in Sachen NSU geht“.

Das Risiko einer Lungenembolie ist nach Expertenangaben im Allgemeinen zwar selten, nach einem Unfall jedoch wahrscheinlich, wie von der taz zitierte Experten sagen. Demnach ist eine künstlich herbeigeführte Embolie zwar möglich, aber bislang in krimineller Absicht nicht bekannt. „Leider sind wir mittlerweile so weit, sagen zu müssen, alles ist möglich, nichts ist ausgeschlossen“, sagt der Anwalt Mehmet Daimagüler, der Opferangehörige im NSU-Prozess vertritt, gegenüber Wiebke Ramm in den Yahoo-Nachrichten.

Die turbulenten Entwicklungen in Baden-Württemberg brächten den Untersuchungsausschuss durcheinander, schreibt Herbert Beck von der Schwäbischen Zeitung: „Der Tod der Zeugin (Melisa) M. liefert ein weiteres Mosaiksteinchen.“ Dadurch jedoch gewinne das Bild des NSU-Komplexes „nicht an Schärfe“. Wahrscheinlich werde es dem Gremium nicht gelingen, wie geplant bis Jahresende seinen Abschlussbericht vorzulegen.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, 1. April 2015.

57 Kommentare


  1. Was ist an diesem Todesfall so mysteriös???
    Es kursieren jetzt allenthalben wilde Verschwörungstheorien.
    Es ist durchaus vorstellbar, daß eine junge Frau nach einer Verletzung an den unteren Extremitäten eine nicht erkannte tiefe Thrombose bekommt, die in der Folge zu einer tödlichen Lungenembolie führen kann.
    Ich selbst habe in meiner ärztlichen Tätigkeit so etwas schon erlebt und bezweifle deshalb die offiziellen Verlautbarungen in keiner Weise.

  2.   regilot

    Wie sagt man in südlichen Gefilden im Land?

    Es hat ein Geschmäckle.

  3.   Gefreiter Blume

    Lieber Autor, sind sie lebensmüde? Wie können Sie zweifeln?
    Spaß beiseite.. In der Türkei wird mittlerweile offen über einen „Tiefenstaat“ geredet. Das sollten wir in Deutschland auch mal so langsam angehen. Es muss nicht immer eine Verschwörung sein, wenn Personen in Deutschland so mächtig sind, dass sie an unserer Regierung vorbei, die Polizei, den BND und weitere Instanzen befehligen können.

  4.   Karl Müller

    Wie verhält es sich eigentlich wenn doch angeblich 2 mal eine Thromboseprophylaxe betrieben worden ist. Ist das Vorgehen Routine? oder bestand hier aus fachlichen Gründen eine Veranlassung? Dann müsste die Patientin darüber belehrt worden sein (aus den Akten nachvollziehbar) und ggf,. nochentsprechende Medikamente u. Arztbrief mitgegeben bekommen haben?

    War die Prophylaxe noch in Blut nachweisbar?

    Gerade bei körpereigenen Substanzen ist eine Analyse nicht ganz einfach, Insulin ist ebenso problematisch wie Hormone und mane Gifte lassen sich nur mit komplizierte massenspektrometrischen Methoden überhaupt identifizieren….

  5.   grist

    Liebe ZEIT-Redakteure,

    worum es eigentlich geht, und was Sie leider nicht verstehen:

    „Die Fälle beim angeblichen „Zeugensterben“ haben „sehr unterschiedliche Ursachen und deuten keineswegs zwingend auf eine Fremdeinwirkung hin“, analysieren wir auf ZEIT ONLINE. So legen die Meldungen von gestorbenen Zeugen zwar den Schluss nahe, es könne sich nicht mehr um Zufälle handeln – doch steht ein Beweis dafür weiter aus: „Den Zeugen, der gefesselt und erschossen aufgefunden wurde, hat es im Komplex NSU noch nicht gegeben.“

    Hier geht es um Hypothesen, die unterschiedlich plausibel sind. Natürlich kann hinter der Verkettung von unwahrscheinlichen Ereignissen der reine Zufall stecken. Aber je mehr unwahrscheinliche Ereignisse zusammen auftreten, desto unwahrscheinlicher wird die gesamte Kette. Damit wird die gesamte Hypothese immer unwahrscheinlicher und je unwahrscheinlicher Hypothese, desto überzeugender müssen die Belege für dies Hypothese sein, damit man sie noch akzeptiert.

    9 Morde ohne Aufklärung: sehr unwahrscheinlich
    14 Banküberfälle ohne Aufklärung: sehr unwahrscheinlich
    Tod durch unerkannte Diabetes: unwahrscheinlich
    Tod durch Selbstverbrennung: unwahrscheinlich
    Tod durch Lungenembolie nach Bluterguss: unwahrscheinlich

    Wenn Sie möchten, könnte man das Ganze auch quantifizieren. Dann landen wir bei einer Zahl in der Größenordung von etwa 4 Lottohauptgewinnen durch dieselbe Person. Auch das kann reiner Zufall sein, trotzdem würde man wohl sehr genau untersuchen, ob nicht doch eine Manipulation stattgefunden hat.

    Den selben Fall haben wir hier. Und wenn man hört, dass schlampig gearbeitet wird, bspw. wichtige Beweismittel sofort vernichtet werden sollen (das verbrannte Auto) und einfach übersehen werden (die Waffen, die noch in diesem Auto lagen), vorschnelles Ausschließen von Fremdeinwirkung, etc., dann sollten alle Alarmglocken läuten. Das ist wie wenn sich herausstellt, dass der glückliche Lottogewinner den Hersteller der Maschinen kennt. Auch das ist noch kein Beweis. Aber man würde eben sehr genau hinschauen.

    Und das ist Ihr Job in diesem Fall!

  6.   qwerty

    @1

    Es geht ja nicht wirklich darum, ob das möglich ist oder nicht. Die Frage die sich stellt ist aber wie hoch wohl die Chance ist das 3 Zeugen in einem Prozess sterben. Noch dazu in einem Prozess der bisher mehr Fragen als Antworten aufgeworfen hat und in dem eindeutig noch die Beteiligung von Geheimdienstorganen an terroristischen Aktionen im Raum steht.

    Wer nicht glaubt das so etwas „bei uns“ möglich ist, dem sei die Geschichte dieses Prozesses nahegelegt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Itavia-Flug_870

  7.   Henry Maier

    3 tote Zeugen?
    Da gibt es noch mehr Tote im Umfeld der „NSU“-Ermittlungen:

    In den Behörden gab es merkwürdige Todesfälle:
    Kriminaloberrat Johann Schlüter. Der Chef der Sonderkommission „Halbmond“, der in Nürnberg die damals als „Dönermorde“ bezeichneten Tötungen aufklären sollte, starb mitten in den Ermittlungen 2006. Todesursache des verheirateten Familienvaters: Unbekannt.
    Im Jahr 2001 fand man Erwin F., bei der Polizei verantwortlich für die telefonische Überwachung von Neonazis in Thüringen, erschossen auf. Der Kriminalkommissar soll sich selbst gerichtet haben.
    Vier Tage später findet man Achim K., den Leiter der Ermittlungsgruppe ZEX (Zentralstelle Extremismus), aufgehängt in seinem Keller. Der LKA-Beamte Mario M. sprach vor dem Thüringer NSU-Ausschuss von einem „Zeichen“, das K. mit dem Selbstmord gesetzt haben soll.
    Wenige Monate später schied ein weiterer hochrangiger Polizeibeamte in Thüringen aus dem Leben. Er starb offiziell an plötzlichem Herzversagen und galt als offensiver Verfechter davon, dass auch die Polizei V-Leute beschäftigen dürfen solle.
    Bei besagtem Toten sah man zusätzlich auch einen direkten Zusammenhang seiner Abteilung mit Organisierter Kriminalität in Litauen. Brisant: Nach den Selbstmorden (?) von Mundlos und Böhnhardt fand man in deren Wohnwagen DNA-Spuren, die nicht zum Duo passten. Stattdessen stimmten sie mit Spuren überein, die man an Tatorten fand, an denen eine organisierte kriminelle Bande aus Litauen Verbrechen begangen hatte.


  8. Man soll ja nichts ausschließen. Aber gerade im letzten Fall frage ich mich, wie dieser angebliche „Mord“ praktisch hätte vonstatten gehen sollen. Die Frau verletzt sich beim Motorradfahren, daraufhin die unerwarteten Komplikationen. Das hieße doch, der Motorradunfall wäre dan irgendwie von außen herbeigeführt worden und danach die Frau im Krankenhaus vergiftet? Nee, klingt mir irgendwie zu kompliziert.

  9.   Bernhard fischer

    Sehr geehrte Redaktion der Zeit,

    wir haben über die Südwestpresse eine gute und fundierte Berichterstattung zum Thema NSU. Gerade in den letzten Tagen wurde im Haller Tagblatt mehrfach berichtet. Da in und um Schwäbisch Hall sehr viele Personen im Zusammenhang mit dem NSU tätig waren, ist dies auch gut so. Erstaunlich nur, dass es sehr wenige Lesermeinungen hierzu gibt, wo andererseits rege Leserbriefe zu allen möglichen Themchen geschrieben werden. Nach allen Erkenntnissen ist es nicht mehr von der Hand zu weisen, dass hier mit voller Absicht die Wahrheit verschleiert wird. Die Frage nach dem tieferen Sinn dieser Verschleierung wurde bisher in keiner Gesprächsrunde oder an anderer Stelle gestellt. In wessen Interesse liegt es, diese schrecklichen Ereignisse zu manipulieren, bis der geneigte Leser endlich sagt: „Ich kann das Kürzel NSU nicht mehr hören!“ ? Lassen Sie sich als Zeitredaktion bitte nicht vor diesen Eselskarren spannen.

  10.   grist

    Und bei – by the way – in Hinblick darauf, dass sich Ihr Berufsstand bei Berichterstattung zu den ursprünglichen Ermittlungen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat:

    http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/allzu-autoritaetsglaeubige-journalisten-1.18479304
    (der Link stammt von einem anderen User auf diesem Portal)

    sollten Sie sich jetzt umso mehr an der Ehre, ja an Ihrem Berufsethos, gepackt fühlen.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren