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Gold im freien Fall

Von 15. April 2013 um 13:59 Uhr

Von Donnerstag bis heute ist der Goldpreis um rund zehn Prozent (fast 150 Dollar) gesunken. Am Vormittag lag der Preis in London nur noch bei 1.416 Dollar pro Feinunze. Seit seinem Höchststand am 5. September 2011 hat er jetzt rund ein Viertel eingebüßt. Eine Blase platzt!

In den zehn Jahren bis zum Herbst 2011 hatte sich der Goldpreis – in Dollar gerechnet – im Durchschnitt um jährlich 21,5 Prozent erhöht. Das nominale Sozialprodukt der Welt war im gleichen Zeitraum jedoch nur um 8,1 Prozent pro Jahr gestiegen, ebenfalls in Dollar. Da sich Gold nicht verzinst, ist das nominale Sozialprodukt eigentlich nicht der richtige Vergleichsmaßstab – es geht ja vor allem um den Schutz vor Inflation. Und die lag in diesem Zeitraum im Durchschnitt lediglich bei 3,9 Prozent. Mit anderen Worten: Die Blase war größer als fast alles, was man bisher von Immobilien und Aktien kannte.

Grafik: Goldpreis in Dollar (tägl. seit 2001)

Goldpreis in Dollar (tägl. seit 2001)

Nimmt man an, dass der Goldpreis in den zehn Jahren vor dem Beginn seiner Hausse in etwa im Gleichgewicht war – der Durchschnittspreis betrug damals 334 Dollar – und er normalerweise nur so stark steigen sollte, dass er die globale Geldentwertung ausgleicht, müsste er heute bei 530 Dollar liegen. Nun ist er zwar schon um 25 Prozent eingebrochen. Bis zum “Normalniveau” sind es aber noch einmal 63 Prozent. Da Märkte im Korrekturmodus gerne übertreiben, müssen die 530 Dollar nicht die Untergrenze sein. In der Endphase des Bretton-Woods-Systems kostete Gold nur 42 Dollar je Unze.

Die Abwärtsspirale könnte sich zudem schnell drehen, weil es mit der Weltkonjunktur vielleicht doch nicht so gut läuft wie gedacht. Die Märkte zeigen sich augenblicklich vor allem beeindruckt davon, dass Chinas Wachstumsrate des realen Bruttosozialprodukts im ersten Quartal im Vorjahresvergleich überraschend auf 7,7 Prozent gefallen ist. Im Außenhandel schlägt sich außerdem die konjunkturelle Nachfrageschwäche der Industrieländer nieder. Auch in China gibt es so etwas wie eine Kreditblase. Wenn sie eines Tages platzt, könnte es dort sogar zu Deflation kommen. Bereits heute liegen die Verbraucherpreise, überraschend für ein rasch expandierendes Schwellenland, nur um 2,1 Prozent über ihrem Vorjahreswert. Die industriellen Erzeugerpreise schrumpfen sogar um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Insgesamt sind die globalen Inflationsrisiken äußerst gering. Und dass, obwohl Fed, EZB, Bank of Japan und Bank of England eine extrem expansive Geldpolitik betreiben, sowohl was ihre Zinspolitik, als auch was die Explosion ihrer Bilanzsummen angeht. Sie sitzen allesamt in den berühmten Liquiditätsfallen, wo es mit noch mehr Zentralbankgeld nicht mehr getan ist. Die Rettung kann in einem solchen Fall allein von einer expansiveren Fiskalpolitik kommen – aber dieser Ausweg ist angesichts der hohen Staatsschulden bekanntlich versperrt. Genauer: Die Finanzminister glauben, dass die Kapitalmärkte sie zwingen, ihre Haushalte zu sanieren. Überall da, wo Immobilienblasen geplatzt sind, versuchen zudem Haushalte und Banken, ihre Schulden durch sparsames Wirtschaften zu verringern. Das bremst die Konjunktur.

Da die Lücke zwischen dem, was produziert wird und dem, was bei einer normalen Auslastung des Arbeitskräftepotenzials und der Kapazitäten produziert werden könnte, global gesehen sehr groß ist – und im Übrigen weiter wächst – fällt es überall sehr schwer, Löhne und Preise zu erhöhen. Die Inflation ist daher kein Problem mehr. In Japan wurde die Notenbank sogar damit beauftragt, endlich wieder für Inflation zu sorgen. Das Land sitzt schon seit 15 Jahren in der Liquiditätsfalle und leidet unter einem fallenden Preisniveau. Den übrigen großen Volkswirtschaften droht möglicherweise ein ähnliches Schicksal.

Es ist nicht zu erkennen, wie der Fall des Goldpreises aufgehalten werden kann. Der Euro müsste schon auseinanderbrechen oder es müsste zu einem Krieg im Nahen Osten kommen. Beides ist zurzeit nicht wahrscheinlich.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Unter den Annahmen, dass der Goldpreis in den zehn Jahren vor dem Beginn seiner Hausse in etwa im Gleichgewicht war”

    Im Gleichgewicht mit was?

    Es gibt maßgebliche Leute, die es eher so sehen, dass Gold schon verflucht lange eine grotesk aufgepumpte Blase ist (blogs.ft.com/maverecon/2009/11/gold-a-six-thousand-year-old-bubble/) nur noch übertroffen von der aufgepumpten Pose der Goldbugs.

    “Der Euro müsste schon auseinanderbrechen, oder es müsste zu einem Krieg im Nahen Osten kommen. Beides ist zur Zeit nicht wahrscheinlich”

    Am ersten Punkt arbeit die Eurozone aber ganz beharrlich …

  2. 2.

    Da muss jemand schlagartig eine große Menge Gold auf den Markt gebracht haben, um Kasse zu machen. Aber gut so. Wenn der Abwärtstrend noch etwas anhält, kann man bald wieder einsteigen.

    • 15. April 2013 um 14:46 Uhr
    • alterego
  3. 3.

    @ Dieter Wermuth

    “Da sich Gold nicht verzinst,…”

    Geld verzinst sich auch nicht, es sei denn, Sie verleihen es. Verleihen Sie Gold, bekommen Sie ebenfalls Zinsen.

    “es geht ja vor allem um den Schutz vor Inflation.”

    Für mich gibt es nur einen Grund, physisch Gold zu halten: Man rechnet mit dem völligen Wertverlust der Papiergeldwährung. Daher ist der Preis des Goldes – ausgedrückt in Konfettigeld – auch recht unerheblich. Letztlich wird die Kaufkraft des Goldes in der Nachkrisenzeit entscheidend sein. Gold hat man, um nicht ärmer zu werden, nicht um reicher zu werden. Wir transportieren damit Kaufkraft in eine Zeit, die nach der Krise kommen wird.

    “Mit anderen Worten: Die Blase war größer als fast alles, was man bisher von Immobilien und Aktien kannte.”

    Dann vergleichen Sie die Goldblase einmal mit der Zentralbankbilanzsumme. Sie werden dort eine deckungsgleiche Entwicklung feststellen können. Das ist kein Zufall. In letzter Zeit ist die Bilanzsumme der EZB rückläufig. Daher sinkt auch der Goldpreis. Das ist insoweit keine Überraschung. Überraschend ist vielleicht, dass der Goldpreis derzeit ein wenig nach unten überschießt – im Vergleich zur Bilanzsumme. Möglicherweise sind einige Stop-loss-Grenzen gefallen oder es werden einige Leute nervös.

    Wichtig ist, wie sich die Zentralbankbilanzen in den nächsten Jahren entwickeln werden. Ich denke, sie werden weiter steigen. Aber ich mag mich irren.

    • 15. April 2013 um 15:23 Uhr
    • Barthel Berand
  4. 4.

    @ D. Wermuth

    Sie waren doch ganz nahe dran mit

    >Die Finanzminister glauben, dass die Kapitalmärkte sie zwingen, ihre Haushalte zu sanieren.>

    Weiter gedacht heißt das:

    Die gehorteten Goldbestände der Zentralbanken stehen tendenziell zum Verkauf. Im Fall Zypern soll ja die EZB den Verkauf schon verlangt haben.

    Solange kein Inflationsszenario dagegen steht – und es gibt im Augenblick tatsächlich keines, wie Sie richtig feststellen –, also Käufe von Privaten für hinreichende Nachfrage sorgen, fällt der Preis.

    Das kann jeder Hedgefond-Lehrling nachvollziehen, so dass durch deren zusätzlichen Angebotsdruck das Abwärtspotenzial weiter steigt.

    • 15. April 2013 um 15:29 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    Da scheint der AfD eine Fügung des Schicksals zu sein.

    “Es ist nicht zu erkennen, wie der Fall des Goldpreises aufgehalten werden kann. Der Euro müsste schon auseinanderbrechen…”

    Die Blase muss nicht platzen gönne der AfD die Macht. Dann ist das Platzen des Euros sicher wie das Amen in der Kirche. Das braucht man dann übrigens auch wieder verstärkt.

  6. 6.

    Und weil jetzt alle Angst haben und verkaufen, fällt der Kurs noch schneller, kann man sich bald wieder die Zähne aus Gold machen lassen.

  7. 7.

    Was sagen jetzt eigentlich die, die während der Eurokrise geschrien haben, dass der Goldstandard wider eingeführt werden soll? Immer noch so überzeugt? Das ist halt Marktwirtschaft, der Preis kommt durch Angebot und Nachfrage zustande, auch beim Geld und auch beim Gold, aber neu ist das ja eigentlich nicht..

    • 15. April 2013 um 15:53 Uhr
    • gonzales828
  8. 8.

    @ Barthel Berand: Die EZB ist nur ein Spieler unter vielen. Während die Fed und die BoJ weiter munter die Bilanzen erweitern, sinkt die der EZB gaaaanz langsam. Wenn man also die Summen aller ZBen zusammen addieren würde, wäre sehr wahrscheinlich ein weiterer Anstieg zu erkennen. Ein statistischer Zusammenhang muss bei weitem noch keine reale Kausalität beinhalten (siehe Bierpreise in Irland und die Geldmenge in den USA); zumal nicht wenn es sich um ein global gehandeltes Gut wie Gold handelt.

    • 15. April 2013 um 15:57 Uhr
    • Berndt
  9. Kommentar zum Thema

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