‹ Alle Einträge

Die EZB macht sich ein Bilanzziel

 

Ich habe vor einem Monat an dieser Stelle auf den Unterschied zwischen einer normativen und einer positiven Aussage in Bezug auf die EZB hingewiesen. Dieser Donnerstag hat gezeigt, wie wichtig dieser Hinweis war.

Mario Draghi hat den Nachmittag genutzt, um eine positive Aussage teilweise in eine normative zu verwandeln – und er hat dabei wichtige Verbündete verloren. Wie ich höre hat der Zentralbankrat einen großen Teil seiner Sitzung darauf verwendet, über das Verb in der entsprechende Passage im Eingangsstatement zu verhandeln.

Taken together, our measures will have a sizeable impact on our balance sheet, which is intended to move towards the dimensions it had at the beginning of 2012.

Während im Vormonat nur davon die Rede war, die EZB habe die Erwartung (expect), dass sich die Bilanz in diese Richtung bewege, so heißt es nun, sie beabsichtige (intend), diese Größe zu erreichen. Nach meinen Informationen haben allein aus dem Direktorium der EZB Yves Mersch, Sabine Lautenschläger und Benoit Coeure gegen diese Formulierung gestimmt.

Es wird also einsamer um Mario Draghi – und für mich ist die entscheidende Botschaft des heutigen Tages, dass er dennoch entschlossen ist, die Sache durchzuziehen, wenn sich die ökonomischen Daten entsprechend entwickeln. Ich glaube auch, dass er es politisch riskieren kann.

Denn ein moderates QE-Programm wird zwar bei der FAZ, der Welt und der Bild für große Aufregung sorgen, aber ansonsten dürften die Reaktionen in Deutschland durchaus kontrollierbar bleiben – vor allem wenn Jens Weidmann darauf verzichtet, den Konflikt zu eskalieren (dass er dagegen ist, ist eingepreist). In diesem Fall wird auch die Bundesregierung sich ruhig verhalten und wahrscheinlich auf eine Verurteilung des Programms verzichten – was medial als eine indirekte Tolerierung interpretiert werden würde.

Vor einem Monat überschrieb ich meinen Beitrag mit dem Satz Warum die EZB immer noch kein Bilanzziel hat. Jeztz ist sie einem solchen Ziel einen ganzen Schritt näher gekommen.

Entscheidend werden nun also die Daten sein. Es ist gut möglich, dass QE noch vermieden wird, wenn der Ölpreis und die Abwertung des Euro sich früh genug darin niederschlagen. Wenn nicht, wird ein Ankaufprogramm kommen.

84 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    Sehe ich unterm Strich auch so.

    >Denn ein moderates QE-Programm wird zwar bei der FAZ, der Welt und der Bild für große Aufregung sorgen, aber ansonsten dürften die Reaktionen in Deutschland durchaus kontrollierbar bleiben – vor allem wenn Jens Weidmann darauf verzichtet, den Konflikt zu eskalieren (dass er dagegen ist, ist eingepreist).

    Es wird unter Ökonomen für große Aufregung sorgen, aber auch die werden kontrollierbar bleiben.

    Auf längere Sicht:

    Moderat oder nicht – das QE-Programm wird die Zinsen für neue langlaufende Bundesanleihen senken, weil wir anteilig beim Ankauf dabei sind.

    Dies kann das latent vorhandene Aversionspotential in der Bevölkerung steigern, wenn u. a. die Versicherungen mit den „garantierten Zinsen“ auf Einzahlungen in Kapitallebensversicherungen immer weiter runter müssen und die Sache sich medial als „Enteignung deutscher Sparer“ verfestigt (siehe im anderen Thread verlinkte Überschrift im Sinn-Interview: „300 Milliarden Euro Verluste der Deutschen durch Niedrigzinsen“)

    Die Gegenrechnung für die Zinsbelastungen für den Bundeshaushalt wird natürlich nicht mit gleicher Vehemenz aufgemacht.

    Ich wage keine Prognose, würde diesen Aspekt aber auch nicht völlig unbeachtet lassen.

  2.   Dietmar Tischer

    Schäuble heute im HB:

    handelsblatt.com/politik/deutschland/schaeuble-kritisiert-geldpolitik-die-ezb-politik-ist-nicht-die-loesung-sondern-die-ursache/11079770.html

    Entschiedene Kritik, aber ich sehe es auch so wie M. S.:

    Am Ende wird er sich nicht gegen ein QE der EZB stellen.

  3.   Wolfgang Waldner

    Das QE der EZB ist allerdings keine Lösung für das Problem der Deflation und der damit drohenden schweren Krise. Denn es kommt für die Ökonomie auf den Realzins an und nicht auf den Nominalzins, was man in der EZB ganz sicher weiß. Der Realzins ist wegen der Austeritätspolitik zu hoch.

    Die Deflation resultiert aus dem Versuch, auch noch in Frankreich und Italien mit sogenannten Reformen des Arbeitsmarkts die Kosten zu senken, statt die Wettbewerbsverzerrungen im Euroraum durch steigende Löhne in Deutschland zu überwinden.

    Da bleibt nur die Hoffnung, dass diese verheerende Politik am Widerstand der betroffenen Bürger in Frankreich und Italien scheitert.


  4. @ Dietmar Tischer

    „….das QE-Programm wird die Zinsen für neue langlaufende Bundesanleihen senken, weil wir anteilig beim Ankauf dabei sind.“

    Wie kommen Sie darauf, dass auch Bundesanleihen gekauft werden? Für mich geht es erneut darum einen Kapitalimport via Eurosystem in die Krisenländer zu organisieren.

  5.   Henry Kaspar

    >> Wie kommen Sie darauf, dass auch Bundesanleihen gekauft werden? Für mich geht es erneut darum einen Kapitalimport via Eurosystem in die Krisenländer zu organisieren.>>

    … was ja auch allen Sinn der Welt macht.

    Oekonomisch waere besser Bundesanleighen blieben bei QE aussen vor, aber sie werden wohl dabei sein muessen, um die Experten vom BVerfG zu besaenftigen.

  6.   weissgarnix

    >was ja auch allen Sinn der Welt macht.

    Ich dachte eigentlich, genau DAS sei der Sinn der ganzen Geschichte, i.e. das Aufpäppeln der Reserven in den Krisenländern. Dann sollten Bundesanleihen in der Tat bis auf ein Feigenblatt außen vorbleiben.

  7.   Bernd Klehn

    @ Henry Kaspar, Dietmar Tischer

    Hier steht etwas mehr:

    „Die EZB könnte dabei besonders riskante Papiere aus Krisenstaaten überproportional kaufen, wie die F.A.Z. in ihrer Samstagsausgabe weiter berichtet.“

    faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/ezb-rat-debattiert-ueber-1000-milliarden-kaufprogramm-13304377.html

  8.   Bernd Klehn

    Ich glaube auch nicht, dass die EZB die Staatsanleihen kauft, die EZB hat ja bisher auf die Emittierung von Geld verzichtet, sondern die Nationalen Notenbanken der solventen Länder sollen die Staatsanleihen der Krisenländer kaufen, nur klar, dass die Bundesbank etwas gegen diesen zweiten (neben Traget2) Kapitaltransferkanal im Eurosystem hat.

  9.   Dietmar Tischer

    @ Bernd Klehn, Henry Kaspar, weissgarnix

    handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/anleihenkaeufe-der-zentralbank-ezb-erwaegt-ankauf-fuer-mehr-als-eine-billion-euro/11081560.html

    Daraus:

    >Ursprünglich hatte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio vorgeschlagen, Staatsanleihen aller Euro-Länder entsprechend der EZB-Kapitalquoten der Euro-Länder zu kaufen. Dies hätte geheißen, dass am meisten deutsche Anleihen, dann französische und an dritten Stelle italienische Staatsanleihen gekauft würden. Im EZB-Rat habe es aber vermehrt Stimmen gegeben, die für eine Konzentration auf Papiere mit höheren Risikoaufschlägen gegenüber deutschen Bundesanleihen plädieren. Das hieße, dass die Zentralbank den größten Anteil an italienischen Papieren kaufen würde, die höhere Zinsen, aber wegen der hohen Verschuldung und Wirtschaftskrise Italiens auch ein größeres Risiko tragen.>

    Mal abgesehen von der Frage, WORIN das größere Risiko für einen größeren Anteil italienischer Papiere bestehen soll, wenn die Eurozone nicht auseinanderfällt, wovon bei Draghis Entschlossenheit, für die er keine Einstimmigkeit im Rat braucht, auszugehen ist:

    Es geht bei der Verteilung der Käufe nicht um das BVerfG. Denn um das geht es in jedem Fall, da wird so oder so geklagt und dessen Linie liegt so oder so fest.

    Es geht bei den Käufen auch darum, dass die EZB nicht unnötigerweise den Deutschen (Presse, Ökonomen, Politik) Munition liefert. Deshalb werden auch deutsche Anleihen gekauft werden, wenn vermutlich auch unterproportional verglichen mit der EZB-Kapitalquote.

    QE mit Käufen von Staatsanleihen wird kommen.

    Nach all den Diskussionen um dieses Thema wäre Draghi eine lame duck, wenn es nicht kommen würde.

    Einen glaubhaften Grund, der es ihm erlauben würde von derartigen Käufen Abstand zu nehmen, z. B. deutlich steigende Inflation oder ein Anziehen der Kreditvergabe der Banken an Unternehmen in der Peripherie, sehe ich nicht.

    Derartige Entwicklungen wären ein Wunder.

    Wo soll das herkommen?

  10.   weissgarnix

    >Nach all den Diskussionen um dieses Thema wäre Draghi eine lame duck, wenn es nicht kommen würde.

    Vermutlich wird es ihn den Kopf kosten, wenn er es macht und damit keine positiven Effekte erzielt (wovon ich ausgehe).