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Rechte Gruppe könnte in Kiesewetter-Mord verwickelt sein – Das Medienlog vom Montag, 16. März 2015

 

Neue Zweifel an der offiziellen Version zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter von 2007 in Heilbronn: Erkenntnissen aus dem baden-württembergischen Untersuchungsausschuss zufolge prüft die Polizei, ob eine rechtsextreme Gruppe namens Neoschutzstaffel in die Tat verwickelt ist, wie die Stuttgarter Nachrichten berichten. Die Gruppe soll sich nahe Heilbronn mit dem NSU getroffen haben. Dabei ist die Information eigentlich nicht neu: Auf die Gruppe hatte bereits der Zeuge Florian H. hingewiesen, der im September 2013 in seinem Auto verbrannt war – kurz vor einer Vernehmung. Nur hatten die Ermittler H. bislang nicht geglaubt.

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H. hatte behauptet, er kenne Kiesewetters Mörder. Nach einer Befragung 2012 war er jedoch als unglaubwürdig eingestuft worden. Nach dem Erkenntnisstand der Bundesanwaltschaft handelte es sich dabei um Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Verfügte H. über Wissen, das er nicht hätte haben dürfen? Nach Polizeiermittlungen handelte es sich bei seinem Tod um Selbstmord. Seine Eltern hatten diese These in Zweifel gezogen.

In den Fokus rückt nun ein möglicher Zeuge namens Matze, den H. in einer Vernehmung benannt hatte. Dabei handelt es sich offenbar um den Soldaten Matthias K., der die Abkürzung NSS auf die Hüfte tätowiert haben soll. Er wurde kürzlich identifiziert. “Es bleibt allerdings unklar, warum die Behörden diesen ‘Matze’ nicht früher ausfindig machen konnten”, merkt Daniel Stahl in der Heilbronner Stimme an. Denn H. hatte seinen Bekannten offenbar genau beschrieben. Auch suchten Ermittler in einer Datenbank nach Matze, wie der Stuttgarter Untersuchungsausschuss in seinen Sitzungen herausfand. Ein Heilbronner Staatsschützer habe in dem Gremium jedoch den Eindruck hinterlassen, “als wisse die Polizei kaum etwas über die rechte Szene”.

Weitere Meldungen beschäftigen sich mit dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße von 2004. In einem Beitrag für den Kölner Stadtanzeiger zieht Harald Biskup ein Fazit: Die Opfer der Tat hätten mit ihren Schilderungen “das Fehlverhalten der Polizei offengelegt”. Sie hätten “allen Beteiligten die Tragweite des Anschlags deutlich gemacht” – bei dem offenbar nur durch Zufall niemand zu Tode kam. Beate Zschäpe müsse mindestens mit einer langjährigen Haftstrafe rechnen.

Karin Truscheit portraitiert für die Frankfurter Allgemeine Sandro D’Alauro aus Köln, der Ende Januar im Prozess ausgesagt hatte. Er hatte unter den Opfern die schwersten Verletzungen davongetragen, als sich Nägel in seinen Körper bohrten und seine Haut verbrannte. Vom Prozess erhoffe er sich Antworten auf die Frage, ob der NSU bei dem Anschlag Unterstützer hatte.

Das nächste Medienlog erscheint am Dienstag, 17. März 2015.

17 Kommentare

  1.   Bob Roberts

    “Dabei handelt es sich offenbar um den Soldaten Matthias K., der die Abkürzung NSS auf die Hüfte tätowiert haben soll. Er wurde kürzlich identifiziert. “Es bleibt allerdings unklar, warum die Behörden diesen ‘Matze’ nicht früher ausfindig machen konnten”, merkt Daniel Stahl in der Heilbronner Stimme an. Denn H. hatte seinen Bekannten offenbar genau beschrieben.”

    H. wusste doch wohl den Namen des Mannes?

    Warum wird ein Soldat mit Hakenkreuztätowierung am Arm von der Bundeswehr toleriert?

  2.   Optimist

    “Rechte Gruppe könnte in Kiesewetter-Mord verwickelt sein”
    Da bin ich aber sehr gespannt auf zwei Dinge:
    1.) Das Motiv dieser Gruppe
    2.) Das Motiv der Baden-Württembergischen Polizei zugunsten dieser Gruppe die Mordaufklärung jahrelang so zu vermurksen, wie sie es offensichtlich getan hat.
    Es ist ja schön, dass sich das Zeit-Blog jetzt zumindest implizit an die Erkenntnis herantastet, dass die Anklageschrift im Fall Kiesewetter unbrauchbar ist. Noch schöner wäre, wenn es das auch explizit machen und zugeben würde, dass es keine tragfähigen Beweise für eine Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt gibt.
    Wenn das aber so ist: wer hat dann die (angeblichen) Dienstwaffen im Wohnmobil platziert und warum? Durch das Nachbessern werden die Fragen zunächst nicht weniger, sondern zahlreicher und drängender werden.

  3.   bekir_fr

    Wenn ein Gruppe “NSS” in den Heilbronner Mord verwickelt sein könnte, dann ist ein Mensch mit “NSS”-Tätowierung einzustufen als
    a) “ein möglicher ZEUGE namens Matze”?
    b) ein der (Mit-)täterschaft / Mitwisserschaft Verdächtiger?

    Wie so oft würde ich auf b) tippen, verstehe aber vermutlich (zumindest in diesem Prozess) nicht so richtig, was die Unschuldsvermutung bedeutet.

    Schon der VS-Beamte T., der 2006 (als einziger der Internetcafé-Besucher) sich heimlich vom Mord-Tatort geschlichen hatte, nachdem er fast über die Leiche gestolpert sein muss, wird von Justiz und Medien trotz “mysteriöser” Unklarheiten in seinen Aussagen (Richter Götzl: “Ich glaube Ihnen kein Wort”) eisern in Kategorie a) eingeordnet – seltenst und höchstens im Konjunktiv und mit drei Fragezeichen wird mal Kategorie b) als hypothetische Möglichkeit angedeutet.

    Und dann herrscht wieder mal große Verwunderung, warum ein “Zeuge” so äußerst ungern und detail-arm aussagen will!

  4.   rubicon

    Es ist schon alles sehr seltsam und eigentlich unfassbar, weil es einen ungeheuren Verdacht nährt: Die Ermittlungsbehörden sind auf dem rechten Auge zumindest blind, wenn sie nicht gar in Teilen stille Sympathien hegen…

    – Ein Ermittler im Fall Florian H. (er überbrachte u. a. die Todesnachricht) hat(te) Kontakt(e) zum KKK und ist immer noch im Dienst.
    – Computer und Mobiltelefon im ausgebrannten Auto von Florian H. wurden vom LKA BW nicht untersucht, sondern erst jetzt von den Eltern dem UA übergeben.
    – LKA: “Alles was er zu NSU gesagt hat, war erfunden.” Die NSS-Spur hätte nicht bestätigt werden können. Im Übrigen sei es nicht Aufgabe des LKA gewesen, dem nachzugehen – “weil wir nicht in der rechten Szene ermitteln sollten, sondern nur zum Mord in Heilbronn.” (http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/NSU-LKA-ermittelt-wieder-in-Neonazi-Szene;art4306,3109200)

  5.   Paul

    “Beate Zschäpe müsse mindestens mit einer langjährigen Haftstrafe rechnen.”

    Ein Täter oder Mittäter muss fraglos mit einer langjährigen Haftstafe rechnen.
    Aber nicht nur mir erscheint fraglich, wie Herr Biskup und andere darauf kommen, dass Tun oder Mittun der Frau Zschäpe auch nur ansatzweise nachgewiesen wurde.
    Das “mindestens” wäre dann noch eine Nachfrage wert: Weiß Herr Biskup, dass mehr als eine langjährige Haftstrafe hierzulande nicht zur Anwendung kommt?


  6. Quod est dubitandum
    Zitat: „Neue Zweifel an der offiziellen Version zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter von 2007 in Heilbronn… Verfügte H. über Wissen, das er nicht hätte haben dürfen? Nach Polizeiermittlungen handelte es sich bei seinem Tod um Selbstmord.“ Nanu, Verschwörungstheorien ausgerechnet in der „Zeit“? Merke: Die Plausibilität einer behördenoffiziellen Darstellung und Interpretation eines Verbrechens mit politischem Hintergrund auch nur andeutungsweise anzuzweifeln oder gar in Frage zu stellen, ist nach allgegenwärtigem Brauch nichts als reine Verschwörungstheorie. Deren Anhänger sind per definition nicht zurechnungsfähig und gehören in eine Zelle mit Leuten, die Elvis noch unter den Lebenden glauben, die Illuminaten als Urheber der Französischen Revolution wähnen oder die Appollo-Operation für einen dreisten medialen Fake halten, also kurz mit Leuten, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Was die Causa NSU betrifft, so handelt sich der Süddeutschen Zeitung“ zufolge bereits bei der „Theorie vom Dritten Mann“, der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Eisennach getötet haben könnte, bevor er deren Camping-Mobil in Brand steckte, um eine „Verschwörungstheorie“, und zwar um eine „krude“…

  7.   fliegenklatsche

    Wenn so eine Gruppe daran beteiligt war kann man es doch wohl schnell nachvollzehen warum sie schweigen.
    Wer will schon wegen Beihilfe zu einem Mord an einem Polizisten verurteilt werden?

    Und wenn nur einer auspackt wer weis was dann noch alles ans Tageslicht kommt.

    Vielleicht sagt keiner was weil der Suizid wirklich vorgetäuscht war und ein “Zeichen” sein sollte.

    Das Zeugen als unglaubwürdig abgetan werden, ist schwieirig.
    Eins muss doch mittlerweile klar sein das man in diesem Fall mit allem rechnen muss.

    Vielleicht gibt es ja einen (kleinen)Beweis für die Täterschaft der beiden Uwes aber der wird eben etwas sensibeler behandelt damit sowas nicht nochmal passieren kann.
    Schlimm wenn man nur so aus fehlern lernen kann.

  8.   tacheles

    2#
    Die im Wohnmobil gefundenen Dienstwaffen (wurden die eindeutig zugeordnet?)
    wären somit die einzige Verbindung zu dem Mord an der Polizistin Kiesewetter.
    Ich erinnere an den prominenten Taxifahrer in dessen Taxi die Mordwaffe aus einem RAF Mordfall gefunden wurde.
    Und dem geglaubt wurde das irgendjemand sie in sein Taxi gelegt habe.
    Falls die Kiesewetter Waffe in das Wohnmobil “gepflanzt” wurde könnte das ein Indiz dafür sein das Mundlos und Böhnhardt von Dritten aus bisher unbekannten Gründen als Ablenkungsopfer getötet wurden?
    Damit ohne kritisch hinterfragt zu werden die Schuld aus mehreren ungeklärten Mordfällen auf diese beiden Toten abgeladen werden kann?
    Es hat den Anschein das in diesem ganzen Fallgebilde, je nach auftauchen neuer Fakten, von einer bereits feststehenden Aufklärungsvorgabe aus die Theorien über die Täterschaft “nachgebessert” und angepasst werden?
    Also das Gegenteil von unvoreingenommenen Ermittlungen in ALLE Richtungen!

  9.   Optimist

    @4
    Tatsache ist, dass die Ermittlungen im Mordfall Kiesewetter von Anfang an Murks waren. Das geht schon aus dem Buch von Aust/Laabs hervor. Kollegen haben sich bereits am Tattag merkwürdig verhalten. Kollegen wurden erst ab 2010 systematisch vernommen. DNA-Spuren von Kollegen an der Kleidung der Opfer wurden ebenfalls erst ab 2010 untersucht. Neben kleinen Sabotageakten aus dem Polizeiapparat gegen den Ermittlungsfortschritt gab es auch das “Phantom von Heilbronn”, das letztlich bis zum heutigen Tag ein kriminalistisches Mysterium geblieben ist.
    Es gibt insgesamt nur zwei Möglichkeiten:
    1.) Die Ermittlungsmysterien haben eine rechte Gruppe jahrelang (und gezielt) davor bewahrt, für diese furchtbare Tat zur Verantwortung gezogen zu werden.
    2.) Die Tatzuweisung an eine rechte Gruppe seit 2011 ist die Fortsetzung der alten Nichtaufklärung mit anderen Mitteln.
    Tertium non datur. Wie es auch immer sei: der Staat, in diesem Fall die Ermittlungsbehörden im Ländle, haben ungeheuren Dreck am Stecken und sind in allererster Linie bestrebt, genau das unter der Decke zu halten.


  10. Ich kann mir vorstellen das die beiden Uwes bei der Tat in Heilbronn helfer hatten, Polizisten sind in vielen Kreisen nicht so gern gesehene Personen und jeder übergriff wird oft in einigen kreisen als besondere Tat angesehen.
    Und dann die Königsklasse einen Polizisten zu töten um so zu zeigen was man vom Staat hält und als Trophäe dann die Dienstwaffe und vorallem die Handschellen mit zu nehmen um später zu beweisen was man getan hat um seine eitelkeit zu befriedigen.
    Pervers.