BenachrichtigungPfeil nach linksPfeil nach rechtsMerklisteAufklappenKommentareAbspielenPauseAbspielenWiederholen
 

Eisermann & Vinje

Werther, der labile Schwärmer: Mit ungetrübter Energie bringt das Duo seine erfolgreiche Goethe-Adaption auf die Bühne der Fabrik.

In Goethes Leiden des jungen Werther legt ein fingierter Herausgeber in bester Found-Footage-Manier dem Leser die angeblich echten Briefe eines bis in den Selbstmord Liebenden ans Herz. Das ist über 200 Jahre her und bei manchen der damaligen (jungen) Leser, solcherlei Kunstgriffe nicht gewohnt, wirkte dieser Kniff bekanntlich verheerend. Goethe gab dem idealistischen Gefühlsüberschwang seiner Zeit zwar literarische Gestalt, doch die Ironie konnten seine Leser nicht erkennen. Wer sich die Studio-Aufnahme des Werks aus dem Jahr 1999 von André Eisermann und Jakob Vinje am Piano anhört, den nimmt sie auch mit diesem Vorwissen sofort gefangen. Dort gibt er den Werther mit virtuoser Empathie als labilen, emotional hoch entzündlichen Schwärmer. Doch ist das, ganz im Sinne des Sturm und Drang, ernst gemeint oder schon ironisch überhöht? Eisermann und Vinje präsentierten ihre Performance in über 600 Vorstellungen mit ungebrochenem Erfolg, jetzt wieder zu erleben in der Fabrik.

Text: Reimar Biedermann

 

Plastic Propaganda

Beim Release-Konzert der Hamburger pink Punker in der Cobra Bar gibt’s jede Menge Druck – und handgezählte Vinyl-Specials.

Jeder, der sich regelmäßig auf Punkkonzerten herumtreibt, trifft immer wieder auf die gleichen Schemata, oft inspiriert vom raubeinigen Deutschpunk der 1980er oder dem melodischen Westküstenpunk der 1990er. Viel zu selten trifft man auf die Spielart, der sich Plastic Propaganda widmen: die The-Clash-Variante, knackig und tanzbar, mit Einflüssen aus verschiedensten Richtungen. „Lieber irre als tough, lieber albern als elitär“, sagen sie über sich selbst. „Weder Schwarz noch Weiß, sondern Neonpink.“ In der Cobra Bar feiern sie den Release ihres Debutalbums, also nicht den Jutebeutel für die handnummerierten Platten vergessen. Vielleicht erwischt ihr sogar eine der 77 pinken Vinyl-Specials!

Text: Benedikt Ernst

 

Locas In Love

Freundlich, aber nicht gefällig: Die Kölner Combo kommt mit ihrem neuen Album und jeder Menge Indie-Pop-Hits ins Nachtasyl.

„Würdest du mich auch noch wollen, wenn du mich nicht schon hättest? Würdest du alle Verbrechen begehen, nur um mich zu retten? Dann ruf es laut, ruf es proud, rufe Dinge, die sich niemand traut, rufe: Ich habe das System durchschaut und es ist am Ende! School is out!“ So sangen Locas In Love beim Reeperbahnfestival 2012 in der Prinzenbar. Bunte Luftballons stiegen über Björn Sonnenbergs abstehendes Kräuselhaar und Stefanie Schranks Ponyfrisur und blieben an der stuckverzierten Decke hängen. Und irgendwie wirkte das überhaupt nicht kitschig, sondern ging auf sehr direkte Art ans Herz. Vielleicht deswegen, weil die Band aus Köln eigenen Regeln folgt. Sie erlauben sich, freundlich zu sein, und sind dabei trotzdem nicht lieb. Tiefsinnige Songs sind voll kluger Verweise auf die Kultur- und Musikgeschichte. Im Nachtasyl präsentieren Locas In Love ihr neues Album Use Your Illusion 3&4. Der kleine, intime Club im Dachgeschoss des Thalia Theaters dürfte ein guter Ort dafür sein.

Text: Michael Weiland

 

Bier-Releaseparty

Ein Fest für Hopfenfreunde: Begleitet von DJ Sternsanchez präsentiert Wilko Bereit im Galopper des Jahres sein neues Bockbier.

Der April ist der Monat des Biergenusses. Zumindest in der Sternschanze. Denn dort laden gleich zwei Veranstaltungen zur Huldigung des güldenen Gebräus. Zum Tag des deutschen Bieres veranstaltet der Galopper des Jahres in der 73 eine Bier-Releaseparty. Dort widmet man ja ohnehin schon einen Zapfhahn regelmäßig wechselnden, neuen Spezialitäten aus der Brauwelt. Am Tag des deutschen Bieres bringt Braumeister Wilko Bereit von der alternativen Rollberger Brauerei aus Berlin sein neues Bockbier mit. Das Rolli, wie es liebevoll genannt wird, gibt es auch zwei Tage später beim zweiten Bock Beer Day am 25. April in den Schanzenhöfen zu verkosten. Und nicht nur das, sondern auch Bockbier von Brauereien wie Ratsherrn, Hops & Barley, Braukatz, Scheider Weisse und Gruthaus.

 

„Mülheim Texas“

Nicht nur für „Scheißfans“: Der äußerst kurzweilige Dokumentarfilm über den Mülheimer Helge Schneider hat Premiere im Abaton.

Was Sie schon immer über Helge Schneider wissen wollten (aber bisher nicht zu fragen wagten), erfahren Sie auch in Andrea Roggons Dokumentation nicht … Beim Versuch, dem Ausnahmekünstler aus Mülheim „filmisch nahezukommen und ihm dabei sein Geheimnis zu lassen“, hat sich die Filmemacherin (die zur Premiere ins Abaton kommt) aber ganz pfiffig angestellt. Sonst hätte Schneider ihr wohl kaum so viele schöne, fast schon Videoclip-taugliche Szenen geschenkt: ausdruckstanzend am Strand, Playback-singend in der Steppe und – fast können wir hier die Juwelen Seiner Majestät erblicken – badend in einer viel zu kleinen Wanne. Einer der Schlüsselsätze während einer idyllisch anmutenden Paddelfahrt auf der Ruhr lautet: „So, da hast du noch was für deinen blöden Film.“ Und für uns Scheißfans halt. Mülheim Texas ist keine Biografie und kein Werksverzeichnis in bewegten Bildern. Die künstlerischen Facetten Schneiders werden hier verteilt in nur kleinen Häppchen angerissen. In die Tiefe kann keines der Themen gehen, dazu reicht die Zeit nicht. Ein „Geheimnis“ kann der Film aber lüften: Helge Schneider sieht beim Treckerfahren nicht anders aus als jeder andere – nur, selbst das, ein bisschen lustiger.

Text: Michele Avantario

 

Marcus Miller

Vielseitig am Viersaiter: Der Ausnahmebassist kommt mit seinem neuen Album „Afrodeezia“ und seiner neuen Band in die Fabrik.

Er hatte sie alle. Marcus Millers Bassspiel ist so konkurrenzlos, dass sich in der Vergangenheit Musiker von Elton John über Miles Davis bis Aretha Franklin auf seine Fähigkeiten am Viersaiter stützten und die Firma Fender einen E-Bass nach ihm benannte. Doch statt permanent nur anderen beim Verdienen ihrer Lorbeeren zu helfen, schraubte der Grammy-Preisträger dabei immer akribisch an seiner Solokarriere. Auf seinem aktuellen Werk Afrodeezia begibt er sich auf eine Reise durch die Musikgeschichte und findet mit seiner sechsköpfigen Band einen ganz eigenen Sound zwischen Jazz, Soul und World Music – die Essenz einer beeindruckenden Künstlerbiografie, präsentiert in der Fabrik, in der er schon vor zwei Jahren ein großartiges Konzert gegeben hat.

Text: Benedikt Ernst

 

„Ex Machina“

Ein futuristisches Kammerspiel mit Neo-Noir-Touch: Das Studio Kino zeigt das Regiedebüt des Schriftstellers Alex Garland.

Liebe auf den ersten Blick ist es gerade nicht, was den jugendlichen Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) mit der schönen Ava verbindet. Zwar ist die junge Frau (Alicia Vikander) nett und freundlich zu dem schüchternen Nerd, doch gibt es einen deutlich erkennbaren Grund dafür, dass Caleb auf ihren Charme zurückhaltend reagiert – weil nämlich unter ihrer transparenten Bauchdecke ein elektronisches Antriebswerk sichtbar wird. Zudem finden die Begegnungen der beiden unter sterilen Laborbedingungen statt. Drahtzieher ihrer bizarren Dates ist Calebs Vorgesetzter Nathan, ein enigmatisches – von Oscar Isaac (Inside Llewyn Davis) mit großer Coolness verkörpertes – Programmiergenie, das mit dieser Versuchsanordnung herausfinden will, wie selbstständig sein künstliches Geschöpf zu denken und zu handeln in der Lage ist. Das Regiedebüt des britischen Schriftstellers Alex Garland (The Beach), das im Studio und im Abaton anläuft, steht zunächst ganz in der Tradition seiner Science-Fiction-Drehbücher (Sunshine, 28 Years Later). Langsam erst wandelt es sich zu einer zarten Romanze – und dann zu einem Film noir. Ex Machina ist ein elegantes, stilsicher inszeniertes Gedankenspiel zur Mensch-Maschine-Symbiose, das sich klug auf wenige visuelle Spezialeffekte beschränkt.

 

„Härte“

Hart, nicht herzlich: Rosa von Praunheim kommt ins Abaton, um seinen Film über Karate-Champion und Zuhälter Andreas Marquardt vorzustellen.

Der Karate-Weltmeister Andreas Marquardt war über 20 Jahre lang Geldeintreiber, Zuhälter und Millionär in Berlin – bis er für acht Jahre eingebuchtet wurde. Härte heißt darum der Film, den Rosa von Praunheim über ihn gedreht hat. Er erzählt in einem halb dokumentarischen, halb nachgespielten Film die erschütternde Geschichte eines vielfach missbrauchten Menschen und seines außergewöhnlichen Lebenswegs, der ihn schließlich aus der Gewalt wieder zurück ins Leben führte.

Zur Hamburg-Premiere im Abaton kommen Rosa von Praunheim, der Protagonist Andreas Marquardt sowie die Hauptdarsteller Luise Heyer und Hanno Koffler, der im Film Marquardt verkörpert. Auch Jürgen Lemke, Diplom-Sozialpädagoge, Psychotherapeut und Coautor der Marquardt-Autobiografie, ist zu Gast.

 

Maft Sai & Chris Menist

Pop, Funk und Dub aus Thailand: The Paradise Bangkok Molam International Band flutet die MS Stubnitz mit feinstem Siam-Sound. 

Die beiden thailändischen DJs Maft Sai und Chris Menist haben sich mit der Compilation The Sound of Siam weltweit bei Ethno-Fans und Exotica-Freunden einen Namen gemacht. Sie haben die Pop-Musik Thailands aus den 1960er und 70er Jahren wieder zum Leben erweckt. Ihre zweite Veröffentlichung stellte dann traditionelle Molam-Musik aus dem Nordosten des Landes in den Mittelpunkt. Nun haben sie sich selbst ein Update verschrieben und eine Band zusammengestellt mit Christ Menist (Percussion), Kammao Perdtanon, dem „Jimi Hendrix der Phin“ (einer thailändischen Laute), und dem 72-jährigen Sawai Kaewsombat an der Khaen (eine Art große Harmonika aus Bambusrohren). Unterstützt von Bass und Batteria mischt die Paradise Bangkok Molam International Band die MS Stubnitz mit einer schwingenden Mixtur aus traditionellem Thai-Folk, Funk, Blues und Dub auf. Auf keinen Fall verpassen!

Text: Nik Antoniadis

 

„Electro Chaabi“

Wüsten-Dancefloor: Bei den „Arabischen Kulturwochen“ im Metropolis tanzt der Maghreb. Zum Auftakt läuft die Dokumentation „Electro Chaabi“.

Arabische Klänge, Hip-Hop und Electro-Groove: Im Verlauf des Arabischen Frühlings ist auch die Popmusik des Maghrebs aufgeblüht. Im Rahmen der Arabischen Kulturwochen in Hamburg ist dies im Kino nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Electro Chaabi (21. und 28.4.) beobachtet die Entstehung des inzwischen weltweit gefeierten Sounds aus den Vororten und Armenvierteln von Kairo. Woodstock in Timbuktu (Foto)(23./27.4. und 1.5.) führt auf das Festival au Désert, bei dem die Sahara-Tuaregs „Die Kunst des Widerstands“ üben. Ihre jährlich in Mali stattfindenden Treffen sind kein folkloristisches Entertainment, sie dienen auch zur Demonstration ihrer nomadischen Lebensweise. Von urbaneren Klängen berichtet City of Sounds (30.4.): Der Münchner Musiker Roman Bunka ist nicht nur ein begnadeter Virtuose auf der arabischen Laute, sondern auch ein talentierter Fremdenführer, der die Kinozuschauer auf einen Trip durch die Musikszene Kairos mitnimmt. Bis zum 3.5. zeigt das Metropolis acht Filme.