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Caribou

Neo-Soul, der auf die Tanzfläche entführt: Der kanadische Musiker und promovierte Mathematiker Daniel Snaith live in der Großen Freiheit 36.

Kaum einer verbindet Clubtauglichkeit mit Songwriting wie Dan Snaith: Sein Alter Ego Caribou klingt ein bisschen beatgetriebener und tanzbarer als Indie-Nerds ihre Digitalausflüge gemeinhin mögen, dennoch hat sich der promovierte Mathematiker über sämtliche Genregrenzen hinweg Freunde gemacht. Sein letztes Album Swim mit dem irgendwie allgegenwärtigen Track Odessa erschien 2010, Fans begnügten sich in der Zwischenzeit mit seinem Projekt Daphni, das etwas schärfer die Tanzfläche anvisierte. Nun ist Caribou zurück mit dem Album Our Love – seiner Vorstellung davon, wie Popmusik in diesem Jahr zu klingen hat. Der ideenpralle Maschinensoul dürfte seinen Bekanntenkreis weiter vergrößern – Snaith hat seine persönlichen Grenzen des Wachstums noch nicht erreicht, da geht noch was auf dem Weg zum Popstar.

Text: Michael Weiland

 

„Die Ratten“

Gerhart Hauptmanns Stück über Gutbürgerlichkeit und Proletentum in der gelobten Inszenierung von Karin Henkel feiert Premiere im Schauspielhaus.

Der Theaterdirektor, die Putzfrau, das polnische Dienstmädchen – alle sind sie unter einem Dach, in der heruntergekommenen Kaserne mitten in der Stadt. Auf dem Dachboden treffen sie zusammen, in einem riesigen Fundus mit allen möglichen Dingen, die man sonst nur im Theater findet. So erscheint es fast wie ein groteskes Spiel, wenn man Frau John dabei beobachtet, wie sie auf der ausrangierten Bühne der polnischen Putzfrau Pauline Piperkarcka ihr Kind abkauft. Und wie diese das Kind dann wiederhaben will und alle miteinander zanken. Die größten Proleten sind manchmal die mit der feinsten Verkleidung. In Gerhart Hauptmanns Stück Die Ratten liegen Gutbürgerlichkeit und Proletentum durch zwei parallel verlaufende Erzählstränge eng beieinander. In Karin Henkels Inszenierung, die zuletzt beim Berliner Theatertreffen zu sehen war, wird beides wild gemixt. Das von Kritikern als „mutiges, großstädtisches Theater“ (FAZ) gefeierte Stück kommt nun ins Schauspielhaus. Weitere Vorstellungen: am 23. und 29.10.

Text: Katharina Manzke

 

Schattenmärchen

Das Metropolis-Kino zeigt Lotte Reinigers Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ mit musikalischer Live-Begleitung.

Bewegliche Schattenfiguren sind die Stars in Lotte Reinigers Animationsfilm Die Abenteuer des Prinzen Achmed, der als erster abendfüllender Animationsfilm in Deutschland Mitte der 1920er Jahre entstand (übrigens unter der Mitarbeit von Walther Ruttmann, der 1927 den Film Berlin – Die Sinfonie der Großstadt realisierte). Das zeitlose Märchen nach Motiven aus Tausendundeiner Nacht entführt die Zuschauer mit farbenprächtigen Bildern in einen zauberhaften Orient, an den Hof des Kalifen und auf eine Zauberinsel, wo der mutige Prinz Achmed zauberhafte Abenteuer zu bestehen hat – musikalisch live begleitet von der Cellistin Krischa Weber (TonArt Hamburg) und Andy Giorbino an der E-Gitarre, seines Zeichens einer der ersten Hamburger Musiker, die Ende der Siebziger die Worte Punk und New Wave korrekt buchstabieren konnten.

 

My Favorite Robot

Das House-Trio aus Kanada legt in der Villa Nova auf – Hamburgs neuem Club für elektronische Tanzmusik, der Anfang Oktober eröffnete.

Ja, stimmt, Elektromucke ist im weitesten Sinne Robotermusik beziehungsweise das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Deshalb ist es wohl nur konsequent, wenn sich ein House-Trio aus Kanada (dem Land der Berge, Elche und des Eishockeys) ganz simpel My Favorite Robot nennt – das klingt ziemlich niedlich. Noch mehr menschelt es, wenn man den Namen des Clubs fallen lässt, in dem Jared Simms, Voytek Korab und James Teej ihre Beats durch die Räumlichkeiten schicken. Der Lieblingsroboter ist zu Gast in einer neuen Lokalität des Hamburger Nachtlebens mit gar fürstlichem Namen: der technoiden Villa Nova. Sie ist dort zu Hause, wo man früher im Ego tanzte, in der Talstraße. Am 2. Oktober eröffnete der Club, der von den Machern der Grünanlage Open Airs in Entenwerder betrieben wird. Zudem ist in dieser Partynacht Benjamin Alexander zu Gast, der die Robot Heart-Stage beim Festival Burning Man betreut.

Text: Lena Frommeyer

 

Hamburger Theaterfestival

Großartige Gastspiele: Unter anderem zeigt am 10. Oktober das Deutsche Theater Berlin Dimiter Gotscheffs berühmte Inszenierung von „Die Perser“ im Thalia Theater.

Karten für das Hamburger Theaterfestival sind heiß begehrt. Kein Wunder, schließlich bringt es vom 28. September bis zum 30. November gefeierte Inszenierungen ganz großer Bühnen nach Hamburg. Dieses Jahr gibt es Gastspiele aus Wien, Zürich, Berlin, München und Gent. Viele Vorstellungen sind bereits ausverkauft, trotzdem lohnt es, nach Restkarten Ausschau zu halten. Der Oktober startet mit einem alten Tragödienstoff: Das Deutsche Theater Berlin zeigt am 10.10. auf der Thalia-Bühne Dimiter Gotscheffs berühmte Inszenierung von Die Perser nach Aischylos. Mit Zwischenfälle (Foto) vom Wiener Burgtheater am 19. und 20.10. geht es im Schauspielhaus raffiniert verspielt weiter. Und Ende Oktober, am 30. und 31.10., wird die Kampnagel-Bühne mit Schillers Jungfrau von Orleans zum Schauplatz der französischen Revolution, ebenfalls eine Produktion des Deutschen Theaters.

Text: Katharina Manzke

 

Sebastian Zarius

Werke aus Plastiktüten, digital verändert, zeigt der Künstler im Rahmen seiner Ausstellung „Goma“ im Projekthaus.

Goma ist der Name einer umkämpften Stadt im Kongo und auch das spanische Wort für Gummi. Somit hätten wir schon zwei Hinweise auf die Arbeiten von Sebastian Zarius, der die zentralafrikanische Republik schon früh bereiste und der sich gleichzeitig mit dem Material Polyethylen beschäftigt. In seiner aktuellen Werkgruppe Goma nimmt Sebastian Zarius Plastiktüten auseinander, fügt sie in Fotogrammen neu zusammen und verändert sie digital. So entstehen Bilder mit zerkratzten Feldern und bunten Balken, die das Lesen des Textes im Hintergrund unmöglich machen. Im Ankündigungstext heißt es dazu: „In umfangreichen Serien überschreibt der Künstler das Ausgangsmaterial, macht die Chiffren unkenntlich, kratzt und zerstört im digitalen Prozess, und schafft sich ein vollkommen neues Spielfeld aus Formen und Farbe.“ Zur Eröffnung der Ausstellung im Projekthaus spielt die Hamburger Band Baumhaus.

 

Schlammpeitziger

Der König der Weirdos in Sachen elektronischer Musik präsentiert seinen neuen Tonträger live im Nachtasyl des Thalia Theaters.

Kurz nach dem großen Techno-Knall vor ca. 25 Jahren bildete sich in Köln eine Szene von Knöpfchendrehern, die unter elektronischer Musik etwas anderes als nur Dancefloor-kompatible Beats verstanden. Unter diesen eh‘ schon ziemlich unkonventionell vorgehenden Musikern gab es einen, den man schnell als König aller Weirdos ausmachen konnte. Schon sein Name, Schlammpeitziger, klang nicht nach 4-to-the-floor-Langeweile. Und seine Musik hielt, was der lustige Name und die abstrusen Titel seiner Tracks (wie Erdrauchharnschleck) versprachen: eine Mischung aus Low-Fi, Casio-Sounds, komischen Geräuschen und abstrakter Elektronik – das Ganze getarnt als Tanzmusik. Mehrere Alben und einen ganzen Haufen Remixe (unter anderem für Depeche Mode, The Bionaut, Barbara Morgenstern und Egoexpress) später ist der Mann, der mit bürgerlichem Namen Jo Zimmermann heißt, immer noch am Start. Sein neues Werk, What’s Fruit?, ist soeben beim Pingipung-Label erschienen. Zur Präsentation der neuen Tracks geht es am 10. Oktober ins Nachtasyl.

 

Soul Weekender

In Clubs, Bars und zu Wasser auf Partybarkassen spielen sich Soul-DJs aus Europa in Rage – unter anderem Brett Franklin und Paul Grant.

Auf echte Soulfreunde wartet mal wieder ein wundervolles Wochenende. Drei Tage lang geht an Land und zu Wasser einer der größten Soulweekender Europas über die Bühne. Das diesjährige Line-Up bietet unter anderem mit Mick H, Dave Ripolles, Henning Boogaloo, Brett Franklin, Barry Close, Paul Grant und DJ Sigher geballte Soulpower. Da kann jeder seine präferierte Spielart herauspicken – von Northern Soul über Modern Soul und R&B bis Crossover werden im Club (Gruenspan und Komet), in der Bar (Hamburger Botschaft) und wie immer auch auf der Elbe (Frau Hedi und Frau Claudia) ein schmackhaftes All-you-can-hear-Buffet geboten. Wer mit aufs Boot will, sollte sich übrigens sputen mit dem Kauf von Karten. Diese und das komplette Programm gibt es unter auf der Homepage des Soul Weekenders.

Text: Ole Masch

 

Pink Saris

Tradition, Religion, Elend, Kritik und Protest: Das Metropolis Kino zeigt vom 9. bis zum 14. Oktober neue Filme aus Indien.

Einen kritischen Blick auf die indische Gegenwart werfen Filme, die häufig als internationale Co-Produktionen entstanden, weil ihre Regisseure im Ausland leben. So schildert der aus Kanada kommende Richie Mehta in seinem Roadmovie Siddharth (9./10.10.) die großstädtische Realität aus der Sicht eines Vaters, der auf der Suche nach seinem irgendwo zwischen Delhi und Mumbai verschollenen Sohn in Kontakt mit Kinderhändlern gerät. Die scharfen Gegensätze weiblicher Lebenswelten nehmen zwei Dokumentarfilme ins Visier: Gulabi Gang (13./14.10.) porträtiert die feministische Eingreiftruppe, die mit ihrer Pink Sari Revolution (Foto) dem indischen Machismo tatkräftig Paroli bietet, während The World Before Her (14.10.) die Wahlen zur Miss India und den Protest einer fundamentalistisch-hinduistischen Bewegung gegen jede Art der „Verwestlichung“ verfolgt. Cineastisches Highlight aber ist zweifellos das musikbegleitete Stummfilmmärchen Die Abenteuer des Prinzen Achmed.

 

James Brown

Geschichte, wie der Pop sie schreibt: Das bewegende Leben des „Godfathers of Soul“ erzählt dieser Film nach – mit all seinem Glamour und seiner Gewalt.

Get on Up ist kein handelsübliches Biopic, kein moralisches Märchen von Aufstieg und Fall des James Brown. Get on Up ist pure Verherrlichung mit den Mitteln des Pop. Die Schattenseiten dieses Lebens werden darüber freilich nicht ausgeblendet: nicht die Herkunft Browns aus den tristesten Verhältnissen im amerikanischen Süden, nicht die Drogen- und Waffendelikte mitsamt Gefängnisstrafen. Doch „the hardest working man in show business“ mag seine Musiker nur schleppend oder auch gar nicht bezahlen, seine Ehefrau verprügeln oder seine Angestellten zusammenstauchen, stets steht Mr. Brown blendend da: schon als Kind im Boxring oder Bordell; als Sänger im Gospel-Chor wie auch als Little-Richard-Adept; auf der Bühne des Apollo-Theaters in Harlem genauso wie im Oval Office des US-Präsidenten. Vor allem aber natürlich am Mikrofon: Dort entfacht der Hauptdarsteller Chadwick Boseman als James Browns getreulicher Impersonator singend und tanzend ein Feuerwerk, das die in die Kulissen verbannten Rolling Stones wie biedere Chorknaben aussehen lässt.