Mit geschlossenen Augen und zitternden Lippen schmachtet sie Whitney Houstons I will always love you ins Mikro und keinen Menschen im Club interessiert es … Das geht auch anders. Fremdschämen ist beim Massenkaraoke im Fundbureau kein Thema. Schließlich singen hier alle gemeinsam, ganz oldschool mit Liederzetteln in der Hand, und das drei bis fünf Stunden lang. Die exakte Auswahl kann man via Online-Songlist checken. Da sind Klassiker von den Beatles oder The Police dabei, aber auch aktuelle Stücke von Daft Punk und Placebo. Bisher fand das Massenkaraoke in Hamburg öfters auf der Tanzbarkasse Frau Hedi, in der Bar227, in der Roten Flora, auf Straßenfesten oder einfach so im Park statt. Diesmal kann man sich nicht im Vorhinein Tickets sichern – an der Abendkasse gilt: Wer zuerst kommt, singt zuerst. Die Band (ohne Namen) die das Rudelsingen organisiert, kennt sich übrigens noch aus Schultagen.
Was passiert, wenn man jemanden als Terroristen bezeichnet? Was, wenn dieser jemand der eigene Vater ist? In der frisch umgebauten Katholischen Akademie widmet sich Flexibles Flimmern diesmal dem Thema Schuld. Die Organisatoren des mobilen Kinos zeigen mit dem Film Simons Geheimnis von Atom Egoyan einen Beitrag, der das Schuld-Phänomen in einer spannenden und verstörenden Geschichte behandelt: Im Französischunterricht erzählt Simon (Devon Bostick) die Geschichte seiner Eltern – wie sein Vater seiner schwangeren Mutter Sprengstoff ins Gepäck schmuggelte, damit sie ein israelisches Passagierflugzeug zur Explosion bringt, wie die Sicherheitskräfte diese Bombe fanden und wie Simon nur deshalb das Licht der Welt erblicken durfte. Der Enthüllung folgen Hasstiraden im Internet und eine fassungslose Familie. Der Zuschauer erlebt Simon selbst indes als verschlossenen Jungen, der versucht, den Verlust seiner Eltern durch einen Autounfall zu verarbeiten. Vor dem Film findet ein Gespräch mit Dr. Hans-Martin Gutmann, Professor für Praktische Theologie der Universität Hamburg, zum Thema Schuld statt.
TEXT: LENA FROMMEYER
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Yasemin, Süperseks und Happy Birthday, Türke! Als Schauspielerin war Emine Sevgi Özdamar in wichtigen Filmen mit Migrationshintergrund präsent – zurzeit nimmt sie als Schriftstellerin die Gastprofessur für Interkulturelle Poetik an der Universität Hamburg wahr. Ihre Vorlesungen zum Thema Sprach-Rollen-Wechsel über die Entstehungsbedingungen ihrer literarischen Texte, ihren Sprachwechsel vom Türkischen ins Deutsche und ihr Rollenverständnis auf den Bühnen von Literatur und Theater trägt die vielfach preisgekrönte Autorin nun auch ins Kino. Am 15. Mai um 18 Uhr zeigt Emine Sevgi Özdamar im Abaton-Kino Filmausschnitte und spricht über ihre Rollen auf der Bühne und im Film, indem sie die Karriere einer türkischen Putzfrau gewitzt Revue passieren lässt. Außerdem wird sie aus ihren unterschiedlichen Texten vorlesen.
Ein abendliches Picknick mit Alexander Posch im Park – hört sich das nicht romantisch an? Und selbst wenn es kein exklusives Date ist und der Schriftsteller ’ne Menge Menschen eingeladen hat, ist es noch immer eine lohnenswerte Veranstaltung. Zum Auftakt der Reihe Wortpicknick liest der Machtclub-Mitbegründer am Musikpavillon in Planten un Blomen aus seinem neuen Roman Sie nennen es Nichtstun. Sein Held (und Alter Ego) ist Hausmann und „Herr über drei Kinder“ – er bastelt im Hamburger Vorort Kastanientiere, entsorgt tote Amseln und versucht mit skurrilen Strategien aus diesem Alltag auszubrechen. Alexander Posch skizziert lakonisch das bohrende Gefühl von verpassten Chancen und der großen Sehnsucht nach einem anderen Leben. Sein Kompagnon Johann Popp spielt zu diesen literarischen Ergüssen stimmungsvolle Countrymusik, Stücke von Johnny Cash, Norah Jones und Hank Williams. Bis September findet das Kultur-Picknick einmal im Monat statt, bei Wein und kulinarischen Kleinigkeiten lesen und spielen dann Hamburger Autoren, Schauspieler und Musiker gegen Hutspende.
Zuerst spricht ein Ingenieur über seine Entwicklung von intelligenten Legosteinen, dann referiert jemand über die Vielfalt öffentlicher Toiletten und im Anschluss präsentiert eine Illustratorin die Entstehungsgeschichte ihres Online-Comics. So in etwa könnte die Pecha Kucha Night in Hamburg ablaufen. Bei dem in Japan entwickelten Vortragsformat stehen die Teilnehmer nacheinander auf der Bühne und dürfen in 20 Bildern mal 20 Sekunden von Dingen erzählen, für die sie brennen. Und sowohl Wissenschaftler als auch Geschichtenerzähler nutzen dieses Zeitfenster von etwas über 6 Minuten, um reale oder fiktionale Projekte oder Erlebnisse mit ihrem Publikum zu teilen. Seit einem Jahr findet das Format (wieder) in Hamburg statt. Zur fünften Ausgabe stehen neun Presenter in den Startlöchern, darunter Michael Fritz von Viva con Agua, Sebastian Hartman von Fuck the Streets! Streetart in Hamburg und Anna Wildhack von nexthamburg.
So ist das mit den guten Kontakten: Umtriebige Menschen versammeln mit Leichtigkeit diverse Kreative für eine Gemeinschaftsausstellung. Wie der Berliner Jan Kage (Kurator, Autor, Radiomoderator, Musiker), der 13 Künstler der Party Arty Army in die Galerie Borchardt beorderte – seit über zehn Jahren kommen bei der Berliner Partyreihe DJs mit Künstlern und Storytellern zusammen. Unter dem Titel Rekollekt trifft nun in Hamburg Urban Art auf Fine Art, Skulpturen und Wandmalereien auf Videos und Installationen auf Leinwände. Hier postiert beispielsweise Axel Anklam seine Objekte, bei denen Latex oder Epoxydharz als fließende Häute Edelstahlgerüste überspannen. Anina Brisollas digitale Collagen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Natur und (politischer) Kultur. Uwe Lewitzkys kreiert mit Worthülsen aus Werbung, Alltag und Zeitgeschehen textbasierte Arbeiten. Und Il-Jin Atem Choi deutet mit Wandzeichnung, Papier und Haftnotizen die prädeterminierte Geometrie eines Raumes um. Klingt bunt!
TEXT: LENA FROMMEYER
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Hört man den Namen des französischen Manufaktur-Imperiums Hermès, nickt man anerkennend und denkt an Luxushandwerk. Aus einer kleinen Familiensattlerei – 1837 eröffnete Thierry Hermès in Paris sein erstes Geschäft – erwuchs über die Jahrzehnte eine Firma für hochpreisige Koffer, Handtaschen, Uhren, Schuhe und so weiter. Heute beschäftigt das Unternehmen zahlreiche Handwerker in seinen Ateliers in ganz Frankreich. Einige von ihnen reisen gerade um die Welt und bauen im Rahmen des Festival des Métiers nach San Francisco, Toronto, London und Mailand nun auch in Hamburg ihre Werkbanken auf. Man kann ihnen dann bei ihrer Arbeit an Carrés, Sätteln oder auch Handschuhen des Hauses über die Schulter gucken und fleißig Fragen stellen. Wer kein Französisch spricht, dem helfen Dolmetscher vor Ort.
Die Alleinstellungsmerkmale deutschsprachiger Liedermacherinnen auseinanderzuklamüsern kann manchmal in hilfloser Wortklauberei enden: dort Charme, hier Witz, da die Gitarre. Desiree Klaeukens’ Debüt Wo die Nacht den Tag verdeckt ist von einer angenehmen Einfachheit, die auf dem Papier ganz und gar unspektakulär ist. Halt Songs mit Charme, Witz und Gitarre. Ihre klugen, aufrichtigen Texte singt sie wie eine müde Judith Holofernes ohne Geltungsdrang, während ihre Band einen reduzierten, trockenen Folkrock spielt. Dass Hamburgs vielleicht bester Singer-Songwriter Niels Frevert als Förderer und Produzent hinter diesem hervorragenden Album steckt, ist da weniger bemerkenswert als folgerichtig. Ihre geschliffenen Zeilen aus Alltagssprache sind nicht weit weg von Freverts eigener mühevoller Art zu schreiben.
TEXT: MICHEAL WEILAND
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Haben Poetry Slammer Angst vor Auftritten? Bezahlen sie ihre Miete mit ihrer Kunst? Warum machen die das? Marion Hütters Film Dichter und Kämpfer aus dem Jahr 2012 versucht, Antworten zu finden. Neben Theresa Hahl, Julius Fischer und Philipp Scharrenberg wird hier auch das Poetry-Slammer-Leben von Sebastian23 alias Sebastian Rabsahl porträtiert. Er gehört zu den bekannten Gesichtern der Slammer-Szene, die inzwischen aus den Hinterhöfen kleiner Clubs in die Säle der großen Veranstaltungstempel mäanderte. Im Kinofilm erklärt der Mitdreißiger (Erkennungsmerkmal: Schiebermütze), wie seine Texte entstehen und inwiefern er sich als Empfangsstation für Ideen versteht. Fünf Bücher veröffentlichte er bisher, das jüngste heißt Theorie und Taxis (2014 im Carlsen Verlag). Mit seinem dritten Solo-Programm Popcorn im Kopfkino kommt er nun ins Uebel & Gefährlich. Die Ankündigung klingt, na ja, nennen wir es interessant: „Sebastian23 präsentiert Lieder, Bilder, einen lebenden Biber und 250 Gramm Magerquark. Okay, okay, das stimmt so nicht. Es gibt keine Texte, Lieder und Bilder – nur den Biber und den Quark.“
TEXT: LENA FROMMEYER
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Einmal Typveränderung, bitte: Auf Glück und Benzin ist Miss Platnum erst einmal kaum wiederzuerkennen. Aus krudem Balkan-Elektro mit englischen Texten wurde beatlastiger Deutschpop mit ausgeklügelten Hooks – die Erfolgssingle Lila Wolken mit Yasha und Marteria lässt schön grüßen. Eine digitale Soundlandschaft lässt Hip-Hop, Soul und R-’n’-B erahnen, bleibt aber vor allem: Popmusik. Das mag man gelegentlich etwas glattgebügelt finden, oder positiver gesagt: professionell. Dennoch: Die leichten Charme-Einbußen werden mit vielen guten Momenten zurückgezahlt, von denen Miss Platnums bildreiche Texte sicherlich einige der eindrücklichsten liefern. Wer da böse von „Schlager“ spricht, liegt falsch: Mit berechnender Hitparaden-Konfektion hat der Stilwandel auf Glück und Benzin soviel zu tun wie Helene Fischer mit Hip-Hop.