Olympia-Splitter IV: Skispringerinnen, die Mary Poppins des 21. Jahrhunderts

Die Geschichte der Frauenbewegung reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Ihren ersten Höhepunkt erlebte sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großbritannien und den USA, als die Suffragetten das Wahlrecht erkämpften. Ihr Accessoire war der Regenschirm. Frauen, an die Schirme! Ihre Protestformen waren passiver Widerstand, Hungerstreiks, Störungen von Veranstaltungen und öffentliches Rauchen, was Männer vorbehalten war. Literarisch und musikalisch schön aufgearbeitet ist der Stoff in Mary Poppins:

Zu jener Zeit, 1908, sprang auch die erste Frau von einer Skischanze (ohne Zigarette, soweit man weiß): Gräfin Paula Lamberg aus Kitzbühel, Tochter von Hugo Anton Emil Reichsgraf von Lamberg. „Im langen Rock und tadelloser Haltung“ landete sie bei 24 Metern, heißt es in den Chroniken. Das ist deutlich weiter als so mancher Mann heute. Wir haben keine Bewegtbilder, aber wir dürfen uns Frau Gräfin wie Mary Poppins vom Himmel schwebend vorstellen.

Am Dienstag um 18.30 Uhr (live in der ARD) können wir in Sotschi die Mary Poppins des 21. Jahrhunderts beobachten. Zum ersten Mal stören springen Frauen bei Olympia und zwar deutlich weiter. Den Rekord hält Daniela Iraschko-Stolz mit 200 Metern, wie die Gräfin aus Österreich.

Das wurde aber auch Zeit für die Olympia-Reife, und sie sollte selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Alexander Arefjew, der Trainer der russischen Männer, sagte jüngst: „Ich bin gegen Frauen-Skispringen. Skispringen ist schwierig und traumatisch. Wenn sich ein Mann verletzt, ist es nicht schlimm. Wenn sich eine Frau verletzt, kann es böse enden.“ (Wobei man sich fragen kann, ob das nicht nur frauen-, sondern auch männerfeindlich ist. „Wenn sich ein Mann verletzt, ist es nicht schlimm.“ Hallooo!)

Wer die New York Times anklickt, kann sich diesen Sport multimedial erklären lassen. Wer die Neue Zürcher Zeitung liest, weiß, dass damit nur noch zwei olympische Disziplinen Männern vorbehalten bleiben: das 50-Kilometer-Gehen im Sommer und die Nordische Kombination im Winter. Demgegenüber stehen Synchronschwimmen und die Rhythmische Sportgymnastik, zwei reine Frauensportarten. Hoffen wir, dass sich das bald ändern wird. Es wird Zeit, den Spieß umzukehren. Männer, an die Reifen!

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Dutzende Schneemaschinen rattern über die Pisten Sotschis. LKWs schaffen neuen alten Schnee heran. Den hatte man vorsorglich im letzten Winter aufgehoben und in riesigen Lagerhallen untergebracht. Eine weise Entscheidung, wie sich jetzt zeigt. Denn bei den wärmsten Winterspielen aller Zeiten macht sich der weiße Niederschlag rar.

Auf über 15 Grad Celsius stieg das Thermometer am Montag. Das ist auch für eine der südlichsten Städte Russlands ein Rekord. Normal sind dort im Februar Temperaturen zwischen 3 und 10°C. Diesmal ist alles anders.

Frühling liegt in der Luft. Statt dicken Pullovern, Mützen und Schals hätten die Athleten mal lieber Badesachen einpacken sollen. Die japanischen Eishockey-Frauen haben immerhin kurze Hosen dabei.

Dazu passt ein herrlicher Fund der ARD in ihrem Archiv: ein Porträt von Sotschi aus dem Jahr 1966, der Sommerresidenz Stalins, der „Amüsieroase erholungsbedürftiger Stakhanovisten“. Der Schlafanzug sei aus der Mode gekommen auf der Promenade, erfahren wir über die damalige Verwestlichung, soll man sagen: Nizzaisierung, Sotschis. „Und die puritanische Heilbäderstille der Stalinzeit hat der Donnerhall der heißen Rhythmen aus dem Repertoire des Klassenfeinds zerrissen.“

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Bei dem Wetter ein kühles Bierchen am Strand trinken, das wär doch was. Und natürlich ist in Sotschi für alles gesorgt: Ein Kühlschrank voller Freibier steht bereit. Um ihn zu öffnen, braucht man lediglich kanadische Freunde. Denn nur mit einem kanadischen Pass lässt sich der Kühlschrank öffnen.

Abgefüllt werden sollen die kanadischen Sportler auf diese Weise aber nicht. Kanadas größtes Brauunternehmen Molson will mit der Aktion nur auf sich aufmerksam machen. Interessenten gibt es im olympischen Dorf bestimmt genug.

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Zum Abschluss die tägliche Dosis Politik: „In russischen Medien wird Putins Elan für die Olympischen Spiele bereits mit jenem des Zaren Peter des Großen verglichen, der im 18. Jahrhundert ein Sumpfgebiet an der Ostsee trockenlegte“, schreibt die NZZ über Wladimir, den Superzar. Und wer mehr über die politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und sportpolitischen Hintergründe der Sotschi-Spiele und vor allem über Putin wissen will, nehme sich eine halbe Stunde Zeit für eine Folge Jung & Naiv, der Sendung für „Politik für Desinteressierte“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Zu Gast: Jens Weinreich. Stehen zwei äußerlich ähnliche Typen vor der Kamera, finde ich.

Mitarbeit: Juliane Dräger

 

Olympia-Splitter III: Die große Kupplungsshow

Es war die erste Panne dieser Olympischen Spiele. Und was für eine. Millionen Menschen weltweit haben zugesehen, als bei der Eröffnungszeremonie in Sotschi die vier olympischen Ringe aufleuchteten. Und eine Schneeflocke. Schon damals munkelte man ja, was wohl mit dem armen Tropf geschehen würde, der diese Schneeflocke auf dem Gewissen hatte.

 

Der Verantwortliche für diese Blamage soll Boris Awdejew gewesen sein. Und heute berichtete das englische Blatt The Daily Currant: Sein Körper sei übersät von Messerstichen in einem Hotelzimmer gefunden worden. Über den Tathergang sei noch nichts bekannt. Ich war schockiert.

Ganz sicher bin ich nicht die Einzige, die dieser Nachricht auf den Leim gegangen ist. Aber ich kann Sie beruhigen: The Daily Currant ist ein Satireblatt. So wie der Postillon, bloß weniger lustig. Die Story ist frei erfunden. Awdejew lebt. Vermute ich mal.

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Für den russischen Snowboarder Alexj Sobolej sind die Olympischen Spiele schon wieder vorbei. Zumindest sportlich. Privat wird er noch eine ganze Weile mit den Nachwirkungen seines Auftritts zu tun haben.

Bei der Qualifikation zu seinem ersten Wettkampf hatte sich der 22-Jährige seine Handynummer auf den Helm geschrieben. Nur wenige Minuten war sie für die Fernsehzuschauer sichtbar. Dann musste er sie mit schwarzem Tape abkleben. Doch der kurze Moment reichte dem russischen Frauenschwarm: 2.000 SMS, viele davon mit Nacktfotos, trudelten auf seinem Handy ein.

Dass er das Finale beim Slopestyle-Snowboarden nicht erreicht hat, ist dabei reine Nebensache. Immerhin hat er jetzt genug Zeit, die vielen Nachrichten zu beantworten.

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Wladimir Putin wird das sicherlich freuen: Olympia als Kupplungsshow. Er möchte, dass seine Kinder fruchtbar sind und sich mehren. An russische Frauen wird derweil recht offen der Wunsch herangetragen, doch gefälligst mehr Kinder zur Welt zu bringen. Es scheint zu wirken. Stolz verkündete die russische Regierung zum Start der Olympischen Spiele, dass die Zahl der Geburten die der Sterbefälle wieder übersteige.

Passend dazu hieß es aus Sotschi nun: Ein neuer Geburtenrekord. Ausgerechnet am Tag der Olympiaeröffnung erblickten 34 künftige Wintersportler das Licht der Welt. So viele wie angeblich seit zehn Jahren nicht mehr. Wir schauen dann in neun Monaten noch mal, ob wir alle die Olympischen Spiele nicht doch irgendwie unterschätzen.

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Für die Österreicher gab es heute eine besondere Überraschung: Wladimir Putin kam spontan zu Besuch, um den Athleten „Alles Gute“ zu wünschen. Und das sogar auf Deutsch.

 

Lieber O., ich hasse keine Russen

Lieber Edgar O.,

Sie haben sich am Samstagmorgen um 2:51 Uhr die Mühe gemacht, mir in Bezug auf einen Artikel eine private E-Mail zu schicken. Im ersten Satz ihrer Nachricht bezeugen Sie, ich sei zu emotional für einen Journalisten. Sie fordern mich auf, mein Feindbild der Russen zu überdenken. Im dritten Satz behaupten Sie, Wladimir Putin sei zu recht der mächtigste Mann der Welt.

Ich habe mich über Ihre Zeilen gefreut. Anders als viele andere mir unbekannte Menschen, die mich am Wochenende kontaktierten, halten Sie mich nicht für einen „Propagandisten“, „Russenhasser“ oder „Russlandhetzer“, zumindest schreiben sie es nicht wortwörtlich und raten mir nicht, „endlich eine russische Frau in Sotschi zu finden“.

Wissen Sie, als ich am Samstagabend in den Bergen des Kaukasus wanderte, über ihre Worte grübelte, kam ich vom rechten Weg ab. Ich sah ein wolfsähnliches Tier, rannte einige Meter, erreichte einen unbeleuchteten Tunnel und blieb im Schnee stecken. Der Kalte Krieg hat nie ein Ende gefunden, dachte ich. Deshalb halten Sie mich nach einem kritischen Kommentar über Putin für einen Freund Amerikas. Das erklärt, warum OlympicMartin mich auf Twitter beschimpft, Alexje und Dimitru mir auf Facebook drohen. Darum wissen wir vom Fuck-the-EU-Telefonat.

Oben im Kaukasus hätte es passieren können, dass ich nie wieder nach Hause gefunden hätte oder Schlimmeres, eine Falle. Womöglich wäre ich noch in einem der schrecklichen Journalisten-Hotels gelandet, in denen das WLAN nicht geht. Dann kamen zwei kräftige Russen auf mich zu.

Vassili und Andre, beide in der Bergregion rund um Sotschi aufgewachsen, Anfang 20, Angestellte des IOC. Sie zeigten mir den richtigen Pfad, nahmen mich in ihre Mitte und redeten mit mir in drei Sprachen. Kein Wolf kreuzte unseren Weg. Am Ende, nachdem wir noch aufs Finale der buckelpistenabfahrenden Frauen geschaut hatten, umarmten wir uns bei der Verabschiedung.

Schon mein Opa, der in der DDR als bester Traktorist der Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft seines Landkreises mehrmals Russland bereisen durfte, hatte mir als Kind erzählt, wie liebenswert, spontan und gesellig viele Russen sind. Und nun, lieber Edgar O., lieber OlympicMartin, kann ich es Ihnen von Herzen auch aus eigener Erfahrung schreiben: Ich hasse gar keine Russen.

Wer die russische Regierung, also Wladimir Putin, kritisiert, meint damit nicht die Menschen, die in Russland leben. Ich dachte, das wäre klar. Übrigens interviewen wir jeden Tag einen von ihnen, Stimmen Russlands heißt die Serie, egal ob Putin-Kritiker (die größten Putin-Kritiker sind übrigens Russen) oder Putin-Anhänger. Seien Sie sicher, wir suchen in der Redaktion ein ausgewogenes Bild.

Und erlauben Sie mir noch einen kurzen Hinweis. Ich glaube, in der Olympia-Kritik und dem Stöhnen einiger Journalisten über ihre Hotels ist noch etwas durcheinandergeraten. Wenn in einem Hotelzimmer zwei Toiletten nebeneinander stehen oder das Laminat nicht gerade verlegt ist, hat das nichts mit den Menschenrechtsverletzungen der russischen Regierung zu tun. Auch über die Verantwortung des Internationalen Olympischen Komitees, das die Winterspiele an einen subtropischen Badeort vergeben hat, sagt ein falsch angebauter Lichtschalter wenig aus.

Wer das miteinander vermischt, überhöht die Lichtschalter und umgeht die Probleme in Russland: eingeschränkte Meinungs- und Demonstrationsfreiheit, Korruption, selektive Justiz, keine freien Wahlen.

Mit herzlichen Grüßen aus Sotschi, wo die Sonne scheint, die Luft voller Liebe ist und das Meer einen mit seinem Blau verzaubert,

Steffen Dobbert

 

Olympia-Splitter II: Sportler und die Menschenrechte

Claudia Pechstein legte sich nach dem Zieleinlauf erschöpft auf eine Bank. Sie war ihr 3000-Meter-Rennen zu schnell angegangen. Ungewöhnlich für die erfahrene Athletin. So verpasste die fast 42-Jährige um einen Platz die Medaillenränge. Pechsteins Auftritt in Sotschi erreicht viel Aufmerksamkeit, ist sie doch die erfolgreichste Wintersportlerin der deutschen Olympia-Geschichte.

Weil das ZDF am Sonntag übertrug, sah man Pechstein im Fernsehen beim Interview. Den Kollegen von der ARD gibt sie selten bis gar keine Interviews. Die waren zu kritisch. Pechstein ist vor gut vier Jahren wahrscheinlich zu Unrecht wegen Dopings gesperrt worden. Doch ob sie wirklich immer sauber war, daran darf man zweifeln.

Es gewann die Holländerin Ireen Wüst, die Favoritin. Ein besonderes Detail: Sie ist bisexuell. Das ist ja eigentlich egal, aber natürlich auch nicht. Bei diesen Spielen (und nicht nur bei diesen) ist das auch ein politisches, ein juristisches Thema. Natürlich nicht bei unseren Nachbarn, die Niederlande gelten als eins der liberalsten Länder in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen und deren Gleichstellung. Aber im Putinland sei dieser Hinweis gestattet.

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Wenn es eine Königsdisziplin bei den Winterspielen gibt, dann ist es das Abfahrtsrennen im Ski Alpin – sowas wie das 100-Meter-Rennen des Winters. Am Sonntag waren die Männer dran. Es gewann: ein Österreicher. Das klingt nicht überraschend, ist es aber. Matthias Mayer hatte vorher nicht zu den Favoriten gezählt, im Weltcup hat er es bislang nur zwei Mal aufs Podest geschafft, jeweils Rang 2 im Super-G, nie in der Abfahrt. In Rosa Chutor, dem Potemkischen Dorf, wohin Putin zum Skifahren bestellt, war der Kärntner aber als Erster unten (also im übertragenen Sinn, denn die fahren ja nicht gleichzeitig runter). Andere Begriffe für Rosa Chutor: Disneyland, Lindenstraße.

© Facebook
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Man hatte eher mit dem Norweger Aksel Lund Svindal und dem Amerikaner Bode Miller gerechnet. Doch die blieben ohne Medaillen. Für den Pistenteufel Miller, den vermutlich bekanntesten aktiven Skifahrer der Welt, werden es wahrscheinlich seine letzten Spiele sein.

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Einen lesenswerten Beitrag entnehmen wir dem Blog von Jens Weinreich, dem Sportjournalisten des Jahres 2013. Er befasst sich mit der Frage, ob sich Sportler politisch äußern sollen. „Das sind natürlich keine jungfräulichen Themen und Fragen, sondern Dauerbrenner. Derlei Fragen werden diskutiert, seit es Olympische Spiele gibt“, schreibt Weinreich und referiert wichtige Beispiele. Die bekanntesten sind Cathy Freeman, die Aborigine und Goldmedaillengewinnerin über 400 Meter von Sydney 2000, und Tommie Smith, der nach seinem Olympiasieg in Mexiko Stadt 1968 gemeinsam mit John Carlos die schwarzbehandschuhte Faust streckte. Das Symbol der antirassistischen Black-Power-Bewegung.

Ein aktuelleres Beispiel: Der amerikanische Mittelstreckenläufer Nick Symmonds widmete während der Leichtathletik-WM in Moskau 2013 seine Silbermedaille seinen lesbischen und schwulen Freunden. Weinreich zitiert Symmonds, der sagte, er sei „keine seelenlose Maschine, die nur Training und Medaillenziele im Kopf habe“.

Ich habe über die deutsche Fahnenträgerin Maria Höfl-Riesch geschrieben, dass man von ihr wohl keine „politische“ Äußerung hören wird. Ich kann mich Weinreich nur anschließen. Ich verlange gar nicht, dass sich Sportler äußern, und kritisiere auch nicht, wenn sie es nicht tun. Schön fände ich es freilich, wenn sich Sportler mündig geben. Erst recht, wenn sie das dritte Lebensjahrzehnt fast vollendet haben und erst recht, wenn sie die deutsche Fahne tragen. Bei Weinreich heißt es: „Man muss kein Held sein, um für Menschenrechte einzustehen. Nur Mensch. Das gilt auch für Sportler.“

Das Zitat war mir noch im Kopf, als Gerhard Schröder gestern im Beisein des IOC-Präsidenten Thomas Bach im Fernsehen sagte, man solle politischen Konflikte nicht auf dem Rücken von Sportlern austragen. Nichts verstanden, kann ich dazu nur sagen. Wenn jemand etwas auf dem Rücken von Sportlern austrägt, dann das IOC. Traurig, welches Bild der Putin-Buddy Schröder abgibt. Hätte ich 98 doch nur Kohl gewählt.

Siehe dazu auch: „Es gibt niemanden, der seine rigorosen Kommerzinteressen rücksichtsloser auf dem Rücken der Athleten austrägt, als das IOC“, sagt Thomas Kistner, Sportpolitikexperte der SZ, dem Deutschlandfunk.

Ein paar Leseempfehlungen

    Im Economist der Vorwoche finden wir zwei gute Recherchen über die politische Bedeutung Sotschis für Putin und die wirtschafltichen Nachteile, die die Autokratie Putins für Russland nach sich zieht. Wussten Sie, dass sich Putin (angeblich) Juri Andropow, das sowjetische Staatsoberhaupt von 1983 bis 1984, zum Vorbild genommen hat?

    Auf der Website von Play the Game, einer Art Sportpolitik-NGO aus Dänemark, berechnet der holländische Sporthistoriker Jurryt van de Vooren die Kosten der Spiele 2014. Danach sei das Budget von Sotschi höher als alle Winterspiele von 1924 (Premiere in Chamonix) bis 2010 zusammen. An gleicher Stelle fordert der Leiter von Play the Game, Jens Sejer Andersen, die Olympischen Spiele wieder kleiner und handlicher zu machen.

    Auf der amerikansichen Nachrichtenseite dailybeast vergleicht der ehemalige Schachweltmeister und politische Oppositionelle Garry Kasparov die Spiele von 2014 mit denen von 1936: Titel: „Die Liebesgeschichte zwischen Diktatoren und Olympischen Spielen“. Hitler-Vergleiche sind gemäß Godwins Gesetz unausweichlich. Deswegen sind sie aber noch nicht immer falsch. Und, bevor jetzt die geschätzten Kremltrolle wieder aktiv werden: Vergleichen ist etwas anderes als Gleichsetzen. Vergleichen heißt mitunter: Unterscheiden.

    In St. Petersburg, erfahren wir von Human Rights Watch, wurde während der Eröffnungsfeier die russische Menschenrechtlerin Anastasia Smirnova festgenommen. Sie wollte ein olympiakritisches Banner fotografieren. Kurz später ereilte zehn homosexuelle Aktivistinnen und Aktivisten das gleiche Schicksal. Sie hielten eine Regenbogenflagge hoch und sangen am Roten Platz in Moskau die russische Nationalhymne.

 

Olympia-Splitter: Olympia für Fürsten, Künstler und Amateure

Was wären die Olympischen Spiele ohne die Sportler? Und was wären sie ohne ihre Exoten? Die berühmtesten der Sportgeschichte sind Eddy the Eagle, der britische Schieflieger, und die Jungs von Cool Runnings. Das waren die jamaikanischen Bobfahrer, die 1988 in Calgary so viel Aufsehen verursachten, dass sie Stoff für einen (sehr erfolgreichen) Spielfilm lieferten.

In den echten Wettbewerben von Calgary hatten die Jamaikaner keine Chance, verkörperten aber das olympische Prinzip: Dabei sein ist alles.

Doch es darf natürlich nicht jeder dabei sein, auch nicht in Sotschi. Das IOC und die nationalen Fachverbände haben für jede Sportart genaue Nominierungskriterien festgelegt. So ist einerseits die Zahl der Athleten aus einem Land begrenzt. Andererseits qualifiziert sich im Allgemeinen nur die Weltklasse. Olympia ist keine Jedermann-Veranstaltung.

Und: Olympia ist auch gefährlich, gerade auf Schnee und Eis. Vor vier Jahren kam es in der Rodelbahn von Vancouver zu einem tödlichen Unfall. Der Georgier Nodar Kumaritaschwili kam mit über 140 Stundenkilometern von der Bahn ab und prallte gegen ein Betonteil. Daraufhin hat das IOC nicht nur die Bahnen verlangsamt, sondern auch die Qualifikationskriterien verschärft. Abfahrt und Bobsport sind ebenfalls lebensgefährlich, auch da ist das IOC streng. Eine Wiederholung von Cool Runnings ist heute nicht mehr vorstellbar – auch wenn Jamaika in Sotschi mit einem Bob startet, doch die aktuellen Fahrer aus der Karibik sind keine Anfänger mehr.

Allerdings lässt das IOC Lücken für Außenseiter. In solchen Disziplinen, die relativ ungefährlich sind, sind die Hürden niedrig, zum Beispiel Slalom und Riesenslalom im Ski Alpin oder im Langlauf. Da kann man zwar auch hinfallen, aber man holt sich kaum mehr als eine feuchte Hose. Und so kommt es, dass wir in Sotschi Wintersportler aus Afrika, dem Pazifik, der Karibik oder anderen Sonnenregionen sehen werden.

Vanessa-Mae mit Thomas Bach
Vanessa Mae mit Thomas Bach (AFP/Getty Images)

Vanessa-Mae wird bei Olympia wohl nicht die erste Geige spielen. Aber dabei sein ist ja bekanntlich alles. Weil die Stargeigerin die russische Nationalhymne nicht spielen kann, darf sie nicht bei der Eröffnungsfeier auftreten. Stattdessen schnallt sie sich nun Bretter unter die Füße und fährt für Thailand Slalom. Ihre Nummer in der Weltrangliste: 3.166. Ob Vanessa Mae die Stangen im Dreiviertel- oder Sechsachteltakt umkurven wird, will sie noch nicht verraten.

Falls sie während der Spiele mal einen väterlichen Rat braucht, fragt sie am besten den Erfahrensten aller Skirennfahrer: Hubertus von Hohenlohe. Der Adlige mit Vorfahren aus Liechtenstein nimmt schon zum sechsten Mal an Olympia teil, allerdings für Mexiko. Dort wurde er vor 55 Jahren geboren. Dass er der älteste Athlet in Sotschi sein wird, sieht man ihm kaum an. Immerhin hat sich der Lebenskünstler extra in Schale geworfen: Mit seinem Mariachi-Rennanzug, der ein schwarzes Bolero-Jäckchen, ein weißes Hemd und einen roten Kummerbund vereint, gewinnt er auf jeden Fall bei Sotschis Next Topmodel. Und auf dem Siegertreppchen kann er dann auch gleich seine neuesten Schlagerhits zum Besten geben.

Vielleicht gewinnt von Hohenlohe sogar noch einige neue Fans, zum Beispiel aus Paraguay, Simbabwe und Togo oder von Dominica, Osttimor, Tonga und den Britischen Jungferninseln. Denn diese Nationen schicken zum ersten Mal Athleten zu den Olympischen Winterspielen. Wegen des schlechten Zustands ihrer Skipisten hatten sie sich bisher aus dem Wintersport rausgehalten. Aber die einmalige Chance, in der schönsten Stadt Russlands Geschichte zu schreiben, wollten sie sich nicht entgehen lassen.

Der Skiverband von Togo ließ sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen: Über Facebook kontaktierten sie die 19-jährige Mathilde-Amivi Petitjean. Die Schülerin wohnt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Frankreich und hat sich in den Alpen auf die Spiele vorbereitet. Die jüngste Teilnehmerin in Sotschi ist sie aber nicht. Der Titel geht an die deutsche Skispringerin Gianina Ernst. Am 31. Dezember wurde sie 15. Hätte sie einen Tag später Geburtstag, dürfte sie nur zuschauen.

Deutsches Curlingteam um John Jahr (Getty Images Sport)
Das deutsche Curling-Team um John Jahr (Getty Images Sport)

Die deutsche Curling-Mannschaft setzt lieber auf Altbewährtes und bringt mit seinem 48-jährigen Teamleiter den ältesten Deutschen ins Turnier: John Jahr. Der Enkel des gleichnamigen deutschen Verlegers (Gruner + Jahr) wird in Sotschi die Steine aufs Eis bringen. Aber keine Sorge. Der Mann weiß, was es heißt, schwer zu tragen. Gegen die Millionen in seinem Tresor sind die Curling-Steine ein Klacks.

Eine anstrengende Olympia-Vorbereitung hat der Rennrodler Fuahea Semi hinter sich. Der 26-Jährige wurde von einer deutschen Agentur im Inselkönigreich Tonga entdeckt. Weil sein Allerweltsname aber bei den Spielen untergehen könnte, bekam er einen, den man sich leichter merken kann: Bruno Banani. Zufällig derselbe Name wie die sächsische Billigunterhosenmarke. Seit Semi so heißt, füllt sich sein Konto auf mysteriöse Weise. Und wenn es ums Geld geht, entdeckt sogar das IOC die Ethik. Präsident Thomas Bach sagt über diese Werbemasche: „Rechtlich haben wir keine Handhabe, ihn bei Olympia nicht starten zu lassen. Wir können nichts machen, wenn dieser Name in seinem Pass steht.“ Ethisch sei das aber nicht in Ordnung. Bleibt nur zu hoffen, dass der Rodler nicht in Boxershorts in den Eiskanal geschickt wird, um die neue Kollektion zu präsentieren.

Bruno Banani geht für Tonga an den Start (Alex Livesey/Getty Images Sport)
Bruno Banani geht für Tonga an den Start (Alex Livesey/Getty Images Sport)

Für Furore wollen in Sotschi aber auch einige alte Hasen sorgen: Ole Einar Björndalen ist schon jetzt der erfolgreichste Biathlet aller Zeiten. Sechs Mal holte der Norweger bislang olympisches Gold. Doch der 40-Jährige hat noch nicht genug. Genauso geht es Noriaki Kasai, der bereits seit 1991 zur Weltspitze der Skispringer gehört. Obwohl er inzwischen 41 ist, will er an allen anderen vorbeifliegen. Der tschechische Eishockey-Spieler Jaromir Jagr wird in wenigen Tagen 42. Davon will er sich aber nicht vom Toreschießen abbringen lassen. Und auch Claudia Pechstein reiht sich in den Ü-40-Club ein. Die erfolgreichste deutsche Olympionikin im Wintersport trägt auch mit ihren 41 Jahren noch die Favoritenrolle im Eisschnelllauf.

Den jungen Athleten das Feld zu überlassen, kommt für die Alten nicht infrage. Zwischen Stützstrümpfen und Franzbranntwein haben sie in ihren Taschen noch Platz gelassen für ein paar Medaillen. Zwar könnten sie mit den bisher gewonnenen Trophäen schon ganze Museen füllen, aber sie wissen auch, dass man Edelmetall im Alter immer besser brauchen kann. Zum Beispiel für goldene Zähne oder silberne Krückstöcke.

In diesem Blog sammeln wir täglich die Olympia-Splitter: Fundstücke, Kurioses, Tweets und Sweets aus Sotschi. Wir freuen uns auf die Diskussion mit Ihnen und Ihre Anregungen.

 

Hier noch nicht fertig, dort schon verfallen

Falls das Video nicht lädt, klicken Sie bitte hier.

 

Unsere Olympia-Reporter Steffen Dobbert und Christof Siemes erzählen im Video von Sonnenschein und Baustellen, von ihren ersten Eindrücken in Sotschi also.

In diesem Blog werden die beiden über ihre Erlebnisse in Sotschi berichten. Über Kurioses, Wunderliches und Erzählenswertes abseits des Olympia-Stroms. Ab und zu werden sie auch über ihre Arbeit schreiben. Zusätzlich schreiben sie Texte für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE, twittern hier und üben ihr Russisch. Wir freuen uns über Ideen, Anregungen, Fragen und Kritik. Den ersten Text für dieses Blog schrieb Christof Siemes kurz nach seiner Ankunft:

Ein großer Freund dieser Spiele in Sotschi war ich nie. Aber nun, da ich sie live erlebe, bin ich ernsthaft erschüttert. Natürlich kann man es blöd finden, wenn zwei Tage, bevor die Spiele von Sotschi überhaupt losgehen, gut situierte Journalisten rumnörgeln, in ihrem Hotelzimmer liege noch Bauschutt auf dem Bett. Aber inzwischen geht es nicht mehr nur um kleine Macken.

In meinem Zimmer dünsten Farbe und Teppichkleber noch derart giftig-frisch, dass mir Hals und Augen brennen. Die Zusicherung, es würde Internetzugang in jedem Zimmer geben, glauben wir schon lange nicht mehr. Und fragen Sie mal den Kollegen vom Tagesspiegel, wie der es fand, mehr als eine halbe Stunde in einem wackligen Aufzug steckenzubleiben, ohne dass irgendjemand auf seine Hilferufe über den Notfallknopf reagiert hätte. Am Ende musste einer der wenigen freiwilligen Helfer, der überhaupt die Telefonnummer des aus dem Boden gestampften Hauses kannte, aus Sotschi die Rezeption oben in den Bergen anrufen und sagen: Gorki Panorama, Sie haben ein Problem. Die Treppe ist übrigens auch keine Lösung: Die ist allein den Bauarbeitern vorbehalten.

Es hatte eben doch seinen Grund, warum bei unserer Ankunft der Eingang zu dem Komplex noch mit rot-weißem Trassierband abgesperrt war. Das Haus ist einfach nicht fertig – und das wird es in den nächsten drei Wochen bis zum Ende dieser Spiele auch nicht mehr. Und das ist kein Einzelfall. An den verschiedensten Schauplätzen wird zwar noch fleißig gewerkelt und gefegt, verzweifelt versuchen zahllose Bauarbeiter, den Putz, der nie dran war oder schon wieder abblättert, irgendwie noch zu flicken. Aber das ganze Tal vom Meer hinauf in die Bergregion von Krasnaja Poljana sieht immer noch aus wie eine gigantische Baustelle. Das Flussbett der Mzymta sieht nach sieben Jahren Brachialbehandlung aus wie ein Panzerübungsplatz. Verschämt versuchen die Verantwortlichen, die größten Brachen und Dreckslöcher hinter Sichtblenden zu verstecken. Aber die neue Straße und die Eisenbahnlinie liegen auf ihren gewaltigen Stelzen so hoch, dass wir auf unserer Berg- und Talfahrt zwischen den Wettkampfstätten freie Sicht auf jede Sauerei haben, die hier begangen wurde und in Jahren nicht verheilen wird.

Und so summieren sich die Einzelbeobachtungen zu einem ernüchternden Befund: Das ganze Projekt ist derart überdimensioniert, dass es selbst mit all dem Geld, dass Wladimir Putin hineinpumpen ließ, nicht rechtzeitig fertig werden konnte – und vielleicht nie wirklich fertig wird. Bürgersteige enden im Nichts, neu gepflanzte Bäumchen werden mit Stricken mühsam aufrecht gehalten, und wo man die mitunter achtspurige Schnellstraße, die nun das Tal durchschneidet, als Fußgänger gefahrlos überqueren soll, weiß keiner so genau.

Besonders gespenstisch mutet es an, dass manche Bauten, seien es nun Häuser oder Straßen und Wege, am einen Ende bereits zu verfallen scheinen, obwohl sie am anderen noch nicht mal fertig sind. Wie dieser Brutalismus aus der Retorte mit seiner billig gebauten Angeberarchitektur jemals den gewachsenen Skigebieten in den Alpen Konkurrenz machen soll (denn das war ja ein Ziel der Super-Investitionen), weiß der Nachfahr des Zaren allein.

Es stimmt ja, dass auch bei der Zurichtung der Gebirge Mitteleuropas zu alpinen Vergnügungsparks vieles schief gelaufen ist. Aber soviel Pfusch in so kurzer Zeit – das hat man nicht mal in den französischen Mega-Skigebieten fertiggebracht. Natürlich sollen nicht immer unsere westlichen Standards für den Rest der Welt das Maß aller Dinge sein. Aber die Veranstalter haben es auf diesen Wettstreit angelegt. Und kann man nicht mal die Hoffnung haben, dass irgendjemand aus unseren früheren Fehlern lernt? Oder von den obersten Olympiern in seinem Tatendrang etwas gebremst wird?

Selbst der Chef deutschen Delegation, der Ex-Grüne Michael Vesper, der sich zum staatstragenden Allesgutfinder gewandelt hat, musste angesichts der rücksichtslosen Umsetzung einer Profilneurose schwer schlucken. Für seine Verhältnisse erstaunlich unverschlüsselt sprach er auf einer Pressekonferenz im Deutschen Haus von seiner Hoffnung, das IOC möge angesichts dieser Zustände seine Vergabepraxis ändern.

Wie diese Spiele eine, ihre Seele finden wollen, bleibt angesichts der Megatonnen Beton, all der Containerdörfer und Gewerbegebietsästhetik ein Rätsel. Am Ende, so viel ist jetzt schon sicher, werden alle wieder mit leuchtenden Augen von Lillehammer sprechen, dem norwegischen Dorf, in dem 1994 die stimmungsvollsten Winterspiele aller Zeiten stattfanden.

 

Olympia-Splitter: Medaillenspielereien, Friedrich beschwert sich, Blumen für die Ruderer

Der Medaillenspiegel ist ein Politikum, das die Diskutanten in zwei Lager trennt. Es soll Leute geben, die ihr Sportverständnis und ihr Gefallen an Olympia vor allem an dieser etwas altbackenen Nationenwertung ausrichten. Im Gegenzug hat man das Gefühl, dass man in den Augen mancher Medaillenspiegelkritiker mit einem Fuß in der rechten Ecke steht, wenn man einen Blick auf ihn wirft.

Dabei kann man mit diesem Ranking so schön spielen. Der Guardian hat die offizielle Medaillenzahl (Gold, Silber und Bronze, in verschiedener Punktzahl bewertet) mit dem jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP), der jeweiligen Einwohnerzahl und der Teamgröße verrechnet. Welches Land mehr Mittel hat, ob Geld oder Menschen, dem fällt auch das Gewinnen leichter. Das dürfte einleuchten.

Dadurch ergeben sich leichte Relativierungen in den Hierarchien. Die USA fallen von 1 (Stand jetzt, mit China geteilt) auf 57 (BIP), die Chinesen von 1 auf 60 (Einwohner). Neuer Sieger in diesen beiden Wertungen ist Grenada, das den 400-Meter-Sieger bei den Männern stellt: Kirani James. Noch mehr Grund für die 90.000 Bewohner der karibischen Insel, auf der Straße olympische Erfolge zu feiern, wie in dieser Woche.

Deutschland fällt übrigens von 5 auf 28 (Einwohner) und 44 (BIP). Noch ist uns kein Trick Quotient eingefallen, mit dem wir Deutschland wieder in die Top 3 hieven könnten. Haben Sie eine Idee, liebe Leser? Vielleicht Medaillen geteilt durch die Sonnenminuten pro Jahr?

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Eine weitere spannende Variable, mit der man die Medaillenzählerei aufwerten könnte, wäre der finanzielle Einsatz, der der Ausbeute zugrunde liegt. Etwa wie viele Steuern in die Sportförderung geflossen sind und was der Staat im Gegenzug dafür fordert. Dazu bräuchte man einen Einblick in die Zahlen.

Doch obwohl sich der Innenminister Hans-Peter Friedrich vor etwa zwei Wochen von einem Gericht belehren lassen musste, dass er die Zielvereinbarungen, die sein Ministerium mit dem DOSB für London getroffen hat, offenlegen muss, hat er den zwei klagenden Journalisten bislang keinen Einblick gewährt. Der oberste Dienst- und Datenherr des Sports hält es für ein Geschäftsgeheimnis, wie die Regierung mit dem Geld der Leute den Sport finanziert.

Der Minister hat nun sogar den Einsatz erhöht und Beschwerde gegen das Urteil eingelegt, ihm gehen die Argumente so schnell nicht aus (was man in Berlin so Argumente nennt). Sportlich, sportlich. Doch verweigert das Ministerium bis Freitag, 15 Uhr, die Herausgabe der Informationen, drohen dem Ministerium 10.000 Euro Zwangsgeld, wie das Gericht am Donnerstag mitteilte. Und die Beschwerde habe bezüglich des Zwangsgelds keine aufschiebende Wirkung. Allgemein, ergänzen die Richter, sei es sehr selten, dass eine Behörde sich nicht an Gerichtsbeschlüsse halte.

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© Julian Finney/Getty Images Sport
© Julian Finney/Getty Images Sport

Rhetorisch einfallsreich sind auch die Fotoagenturen Getty und AP. Muss man auch sein, wenn man weiterhin an seiner Bildsprache festhalten will, mit der man die Beachvolleyballerinnen begleitet.

Die amerikanische Website Buzzfeed hat einige Beispiele gesammelt, womit die Agenturen ihre „butts and bodies“-Bilder beschriften. So heißt es etwa vor zwei Fingerzeichen, die eine Spielerin hinter dem Rücken ablichtet (siehe oben): „Zara Dampney gibt ihrer Partnerin während des Spiels Signale.“ An anderer Stelle vor ähnlichem Ausschnitt: „Anastasia Vasina und Anna Vozakova feiern einen Punkt.“ Oder: „Shauna Mullin bereitet einen Aufschlag vor.“

Doch, bevor ich den – männlichen – Kollegen Scheinheiligkeit vorwerfe, sollte ich wohl selbst mal kurz überlegen, warum ich zu diesem Thema in den Bildarchiven stöbere.

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Um unserem Gleichstellungsauftrag gerecht zu werden, wollen wir an dieser Stelle nicht versäumen, Sie darauf aufmerksam zu machen, warum bei Siegerzeremonien an männliche Ruderer Blumen verteilt werden.

 

Olympia Splitter: Phelps gesteht, ins Becken zu pinkeln

Phelps uriniert ins Becken

Der Olympiasieger in der Disziplin Olympiasiege, der US-Schwimmer Michael Phelps, gab offen zu, vor Wettkämpfen in das Aufwärmbecken zu pinkeln. Das veranlasste den Guardian, das Tabu-Thema „Urinieren im Schwimmbad“ in einer Umfrage zu untersuchen: „Haben Sie je in ein Schwimmbecken gepinkelt?“ Aktueller Stand: Eine Zwei-Drittel-Mehrheit antwortet mit Ja.

Liu Xiang humpelt ins Ziel

Als der 110 Meter Hürden-Läufer Liu Xiang bei seinen Heimspielen in Peking vor dem Start verletzt aufgeben musste, gingen die Bilder des weinenden Chinesen um die Welt. In London kam er im Vorlauf immerhin bis zur ersten Hürde, ehe er stürzte und verletzt aufgeben musste. Da dies jedoch zugleich das wahrscheinlich letzte Rennen in der Karriere des Olympiasiegers von 2004 sein sollte, humpelte er unter tosendem Applaus der Zuschauer auf einem Bein ins Ziel – natürlich nicht über die Hürden, aber immerhin. Seine Kollegen verneigten sich vor ihm.

Turnerin weint um Gold

Keine Athletin vergoss bei diesen Spielen so viele Tränen wie Viktoria Komova. Die Turnerin verpasste in gleich vier Disziplinen ihr angepeiltes Gold und weinte dabei jedes Mal; so auch am heutigen Dienstag, als sie am Stufenbarren zweimal stürzte und auf dem letzten Rang landete. Selbst als sie im Mehrkampf am Wochenende die Silbermedaille gewann, brach sie in Tränen aus – sie wollte unbedingt Gold gewinnen. Kein Wunder, dass sie so verbissen ist: Die 17-Jährige könnte in vier Jahren zu alt sein, um ganz vorne mitzuturnen. Die meisten Medaillengewinnerinnen im Turnen waren zwischen 16 und 20 Jahren alt. In keiner anderen Sportart ist der Jugendwahn so groß.

Bronzemedaille nach dubiosem Doping-Urteil

Das Thema Doping schwebt wie ein Damoklesschwert über jedem Sportwettbewerb. Auch die Bronzemedaille der saudischen Springreiter hinterlässt Fragen: Wie das Deutschlandradio berichtet, fiel das Pferd des saudischen Reiters Waleed Sharbatly erst vor wenigen Wochen durch eine Dopingkontrolle, Reiter und Ross wurden gesperrt. Erst kurz vor Beginn der Spiele verringerte der Internationale Sportgerichtshof CAS die achtmonatige Sperre auf zwei Monate, Sharbatly konnte überraschend doch bei Olympia starten. Seltsamerweise beschloss zur gleichen Zeit der Saudi Equestrian Fund, die Nationenpreisserie im Springreiten zu sponsern. Zufall oder nicht: Die saudische Bronzemedaille hat auf jeden Fall einen Beigeschmack.

Sprinter in den Schlagzeilen

Der Goldmedaillen-Gewinner über 100 Meter, Usain Bolt, will Fußballspieler werden, sagte er der Presse. Er möchte jedoch nicht bei irgendeinem jamaikanischen Amateurverein anfangen, nein, der englische Top-Klub Manchester United soll es sein. Fraglich nur, was deren Trainer Sir Alex Ferguson von dieser Idee hält. Der knorrige Schotte gilt als harter Hund, der widerspenstige Spieler schon mal mit Schuhen bewirft. Bolt hingegen isst gerne in Fast-Food-Restaurants oder feiert bis zum Morgengrauen, statt zu trainieren. Ob sich der Jamaikaner den richtigen Verein ausgesucht hat?

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Bolts Gegenspieler Tyson Gay kann weder mit einer Medaille noch mit fußballerischen Fähigkeiten überzeugen, dafür firmiert er jetzt unter einem neuen Namen – zumindest wenn es nach der Internetseite der American Family Association ginge. Da die automatische Korrektur der fundamental-christlichen Website das Wort „Gay“ (übersetzt: schwul) als unflätig einstuft, änderte die Software in einem Agenturtext seinen Namen in „Tyson Homosexual“. Das führte zu Stilblüten wie: „‚It means a lot to me,‘ the 25-year-old Homosexual said.“ Bleibt für die Website zu hoffen, dass der nigerianische Ringer Andrew Abido Dick am Wochenende keine Medaille gewinnt.

 

Olympia-Splitter: Eine Judoka übt poetische Selbstjustiz, Becker zürnt, Transparenz beim DSV

Edith Bosch kam nach England, um etwas zu gewinnen. Das gelang der Holländerin beim Judo-Wettbewerb, sie holte Bronze. Nun eroberte sie zudem die Sympathien vieler Sportfans. Kurz vor dem Startschuss zum 100-Meter-Finale der Männer warf ein pöbelnder Zuschauer eine Bierflasche auf die Laufbahn (der gif-Beweis), sie landete wenige Meter hinter den Läufern, die im Startblock knieten. Im Fernsehen war das Objekt gut zu sehen.

Eine blöde Idee, vor allem, wenn man neben einer Medaillengewinnerin im Judo steht. Edith Bosch, als Zuschauerin anwesend, schnappte sich den Typen und verhinderte mit ein paar einfachen Griffen weitere Störaktionen. Der Mann konnte verhaftet werden. Nicht ausgeschlossen, dass sie dabei auch eine Technik angewandt haben könnte, für die sie in ihrer eigentlichen Disziplin von den Kampfrichtern disqualifiziert worden wäre; Judo ist ja ein reduzierter Kampfsport, bei dem vor allem Wurf- und Fallaktionen zählen.

Von den Fans erhält sie nun Lobeshymnen, es sind Grüße aus Frankreich, Deutschland, Spanien, England: „Well done, Edith!“ Sebastian Coe bekundet, dass er Selbstjustiz freilich ablehne, aber in diesem Fall von „poetry justice“ mache er gerne eine Ausnahme. Er verteilt ihr einen Ippon, die höchste Wertung beim Judo.

Frau Bosch selbst twittert: „Een dronken gast voor mij gooit een flesje op de baan!! IK HEB HEM GESLAGEN…. Ongelofelijk!!“ Holländisch kann so drollig klingen …

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Die New York Times setzt ihre Reihe gelungener grafischer und auditiver Sportanimationen fort. Heute lässt sie alle 100-Meter-Lauf-Medaillengewinner der olympischen Geschichte gegeneinander antreten. Interessanter Nebenaspekt: Dem aktuell schnellsten Achtjährigen Amerikas (13.46 Sekunden) hätte 1896 weniger als 1 Sekunde zu Bronze gefehlt (korrigiert).

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Trotz der Mätzchen der Läufer bei ihrer Vorstellung – ein 100-Meter-Rennen gehört zu den faszinierendsten Sportwettkämpfen. Doch der Verdacht läuft immer mit. Alle Olympiasieger seit 1984 bis auf Donovan Bailey (1996) und Usain Bolt (2008, 2012) wurden später mit Doping in Verbindung gebracht: Carl Lewis, Ben Johnson, Linford Christie, Maurice Greene und Justin Gatlin.

Es ist ein leidiges Thema, auch ein kompliziertes Thema, mit komplizierten Fragen: Ist es menschenmöglich, 100 Meter in 9,63 Sekunden und schneller zu laufen? Soll man Doping-Sünder länger sperren, automatisch für die nächsten Olympischen Spiele, wie es die Osaka-Regel vorsieht, die das IOC bevorzugt, der Internationale Sportgerichtshof aber ablehnt? Und dass jemand nicht positiv getestet wurde, bedeutet ja leider auch oft wenig.

Da tut es gut, wenn jemand Ordnung reinbringt. Der ZDF-Moderator und Leichtathletik-Experte Wolf-Dieter Poschmann sagte gestern, als er einer Bildergalerie unter anderem mit Johnson, Christie und Greene kommentierte (mitgeschnitten von @kubowski):

Das Vorhaben, Dopingsünder lebenslang wegzusperren, ist gescheitert. Und das ist auch nachvollziehbar. Weder die Vier-Jahres-Sperre noch ein Olympiaverbot sind rechtlich durchsetzbar und wären auch nicht die Lösung. Im Grunde genommen wäre es nur die Fortsetzung der Augenwischerei, der Heuchelei, des immer noch unorthodoxen, wenig effektiven Kontrollaktivismus, verbunden mit hohen Kosten und verbunden dann mit der Dämonisierung der wenigen, die dann noch ins Netz gehen. Nein, das ist nicht die Lösung.

 

Die Abendzeitung München sammelt erste Reaktionen.

Update: In der ARD spricht heute ein kenianischer Leichtathlet über die Dopingpraktiken in seinem Land: der Marathon- und 10.000-Meter-Läufer Mathew Kisorio.

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Boris Becker war ein Serve-and-Volley-Spezialist: harter Aufschlag, ans Netz und schnell den Punkt machen. Der Return hingegen misslang ihm häufig, viele landeten weit hinter der Grundlinie. So ähnlich auch diesmal, als er auf einer PR-Veranstaltung einer kritischen Journalistin die Leviten las. Die hatte sich erdreistet, nach der Zwangsversteigerung seiner Finca auf Mallorca zu fragen. „Falsche Frage zur falschen Zeit!“, entgegnete Becker.

Bei dem Termin ging es um Beckers neue Funktion als Botschafter der englischen Tourismusbehörde. In England fühlt sich Becker mehr geschätzt als in seiner Heimat, als charmanter Tenniskommentator der BBC genießt er auf der Insel auch nach seiner Karriere einen guten Ruf.

Doch die Engländer erlebten ihn nun von seiner schwachen Seite. Nach Ende der Veranstaltung soll der Botschafter Becker sogar auf die Journalistin mit erhobenem Zeigefinger zugestürmt sein (sein Verhalten hat er später verteidigt). Die Atmosphäre war ähnlich freundschaftlich wie bei nach einem After-Match-Handshake mit Andre Agassi (ab 14:00). Die umstehenden Briten sollen betreten zu Boden geschaut haben.

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Löbliche Transparenz beim DSV: Er schreibt seine Stellen aus, darunter die Cheftrainer Frauen und Männer. Noch löblichere Partizipation bei Jens Weinreich: Dort können Sie in dieser Sache Ihr Wahlrecht ausüben – passiv und sogar aktiv. Seepferdchen erwünscht.

 

Claire, die Taxifahrerin, kennt den Weg nicht

Die Engländer, jaja, die haben Humor. Was dieser Russell Square denn sei, eine Straße, ein Platz, ein Gebäude, oder was?, fragte Claire, als ich zu ihr ins Auto steige. Der war echt gut, Claire ist schließlich offizielle Olympia-Chauffeurin, fährt den ganzen Tag Leute durch die Stadt und diesen Russell Square findet jeder Londoner mit verbundenen Augen. Nur Claire nicht, sie hatte keine Ahnung.

Claire ist nett, aber kennt den Weg nicht. Damit ist die freundliche Mittvierzigerin ein typischer Vertreter der 70.000 freiwilligen Helfer dieser Spiele. 250.000 hatten sich beworben, wahrscheinlich ging es nach Freundlichkeit. Die Volunteers lächeln immer und überall. Sie würden wahrscheinlich auch noch lächeln, wenn man ihnen sagen würde, ihre lilafarbenen Volunteer-Shirts seien hässlich (was stimmt) und alle Olympiasieger sowieso gedopt (was hoffentlich nicht stimmt).

Mit der mangelnden Freiwilligen-Kompetenz hat niemand so recht ein Problem. Die Freiwilligen nicht, was sollen sie auch machen? Die Besucher auch nicht, sie werden einfach zum nächsten Freiwilligen geschickt, der, egal wo man sich in dieser Stadt befindet, nie weiter als fünfzig Meter entfernt zu sein scheint. So geht das fröhlich weiter und nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz gibt es dann irgendwann doch die Auskunft, die man braucht.

Mittlerweile hat Claire mit meiner Hilfe das Navigationsgerät des Sponsorenwagens, auf dem fesche London-2012-Sticker kleben, bedienen können. Jetzt muss sie nur noch in ihr Funkgerät sprechen und hoffen, dass das Funkgerät zurückspricht und ihr das Okay zur Abfahrt gibt. So etwas kann dauern. „I apologize„, sagt sie, Entschuldigung, das sei erst das zweite Mal, dass sie jemanden fahre.

Dann erfolgte die Startfreigabe, Claire fährt vorsichtig los, die Hände einen Tick zu verkrampft am Lenkrad haltend. Ich versuche, sie abzulenken und stelle Fragen. Claire erzählt, dass sie an insgesamt zehn Tagen dieser Spiele „volunteeren“ dürfe. Am Anfang sollte sie die Autos für die Prominenten fahren. Es stellte sich aber heraus, dass es wesentlich mehr Prominentenfahrer gab als Prominente, weil ja bekanntlich selbst David Cameron neulich mit der U-Bahn zum Olympischen Park fuhr.

Also ließ Claire sich herabstufen und fährt jetzt Journalisten, was gemeiner klingt, als es klingen sollte. Sie kann jetzt etwas entspannter reden, die ersten Kilometer liefen gut. Wenn sie nur nicht auf der falschen Seite fahren würde. Kleiner Scherz meinerseits, der Claire für ein paar Sekunden aus der Fassung bringt.

Vor allem seit der große rote Journalistenbus vor uns fährt, der den gleichen Weg hat, wird Claire ruhiger. Sie braucht nur noch im Windschatten bleiben. Ja, sie habe auch ein nichtolympisches Leben: Lehrerin für Kinder, die nicht zur Schule gehen. Als sie in mein irritiertes Gesicht blickt, erklärt sie, dass sie Jugendliche, die in der Schule gemobbt werden, über das Internet unterrichte.

„Ich möchte Teil dieser Spiele sein“, sagt sie. Und dass die Londoner die Spiele spätestens mit der Eröffnungsfeier lieben gelernt haben. Alles sei ja so „exciting„. Vor allem, dass sie selbst jetzt auf dieser olympischen Spur fahren dürfe, die nur Athleten, Offiziellen, Journalisten und eben Claire vorbehalten sei, mache sie stolz. Den Journalistenbus vor ihr zu überholen, traut sie sich aber doch nicht.

Nach vierzig Minuten haben wir unser Ziel erreicht, Russell Square. „Es ist nett hier“, sagt Claire. Sie müsse jetzt nur noch zurückfahren, sagt sie, dann habe sie Feierabend und fahre nach Hause, anderthalb Stunden dauert das. Mit diesem Auto hier, frage ich? „Nein nein, ich nehme den Zug.“