Ö

Nachrichten aus dem Zentrum

Wien – Venedig

Von Oliver Scheiber 10. November 2009 um 18:27 Uhr

In Sachen Lebensqualität liegt Wien gut. Kürzlich sah eines der beliebten Rankings Wien sogar als lebenswerteste Stadt der Welt. Und dies trotz eines erheblichen Standortnachteils: Wien liegt nicht am Meer. Ein Problem, das Wien freilich mit anderen schönen Städten teilt. Mit Paris etwa oder mit Madrid. Andernorts hat man in den letzten 100 Jahren allerdings den Bahnausbau vorangetrieben. So sind es knapp 800 km von Paris nach Marseille, in 2 Stunden 50 Minuten kann man die Strecke mehrmals am Tag mit dem TGV zurücklegen (Durchschnittsgeschwindigkeit 275 km/h). Von Madrid nach Sevilla fährt stündlich ein Zug, in zweieinhalb Stunden legt man 472 km zurück (188 km/h im Schnitt).

Von Wien nach Venedig führen die ÖBB derzeit zwei direkte Züge täglich. Im besten Fall legt man die rd. 600 km in acht Stunden zurück (75 km/h im Schnitt). Nun stellen die ÖBB die Züge ein: ab dem Winterfahrplan werden die Fahrgäste in Klagenfurt in Autobusse umsteigen. Für den harten Kern an Masochisten wird wohl ein Kleinbus reichen… Nachdem die ÖBB gleichzeitig ihren Güterverkehr von der Schiene auf die Straße bringen wollen, stellt sich für den Steuerzahler in Sachen Bundesbahn langsam die Sinnfrage: das Unternehmen erfüllt seine Kernaufgaben nicht mehr .

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Österreichs Parteien haben sich, spät aber doch, mehrheitlich auf ein Gesetz zur Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure verständigt .

Pappel im Sommerloch

Von Georg Bürstmayr 31. August 2009 um 14:18 Uhr

An der Wiener Ringstraße ist kürzlich eine vorwitzige Pappel (sie war halt mit fünf Jahren noch recht jung und keck) innerhalb weniger Minuten komplett in der Erde versunken. Leider gibt’s davon kein Video. Dafür eine solche Fülle an herzerfrischenden Kommentaren, dass sich damit ein halbes Kabarrett-Programm füllen ließe.

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Parmesan als Staatsgoldsicherung

Von Jürgen Wolf 25. August 2009 um 01:01 Uhr

Jammern gehöhrt ja zu den wienerischen Eigenschaften. Man weiß ja, daß das Geld jetzt grad knapp ist, nicht nur bei den Leuten, die es sonst gern für gutes Essen ausgegeben haben. In Wien tun sich mittlerweile nicht nur die 3-Haubener was überlegen, um an den Profit der 90er Jahre anknüpfen zu können, indem sie endlich mal auch das “normale” Klienel bedienen, sondern auch schon längst die meisten der s.g. Mittelschichtswirten, in dem sie höchstwertige Speisen und Getränke plötzlich ganz seriös um ein drittel weniger des vergangenen Preises verhökern, Das ist zwar kurzfristig schön für den Gast, der hohes Niveau schätzt, aber mittelfristg der ganzen wiener Gastroszene nicht dienlich. Schön langsam spricht sich auch bei den Küchenchefs der “Mittelgastronomie” herum, daß man mit anderen Teilen als Filet, Lungenbraten und sonstigen Edelteilen arbeiten kann. Dies wiederum braucht Leute in der Küche, die Basiswissen mitbringen. Diese kommen meistens vom Land, die dann die Milz, das Hüferschwanzl, das Ochsennaul und das Beuschel noch ordentlich und korrekt
zubereiten können. In Wirklichkeit gibt es keine Wirtenkrise. Nach vielen Gesprächen mit mir befreundeten und bekannten Wirten komme ich nur zu einem Schluß:Erkenne, was Dein Gast will, mache es, und ALLE sind zufrieden.
Unser FortNox wäre also:We keep our identidy, saving the mamas marmelade, dads Blunz und Überhaupt aunts Grammlschmalz…so long

Berlusconi sucks

PS:Kalbsbeuschel

Zutaten für 4 Portionen:

700g Kalbslunge
400g Kalbsherz

Für den Siedefond:
Wasser
1 Bund Wurzelwerk
1 Lorbeerblatt
10 schwarze Pfefferkörner
1/8l Riesling
1/16l Weißweinessig

Für das „Beuschelkräutl“

80g Schweineschmalz
2 Stk. Zwiebeln, feinwürfelig
3 Stk. Knoblauchzehen, gehackt
1 Stk. Sardellenfilet, gehackt
1 KL Sardellenpaste
2 KL eingelegte Kapern
150g Essiggurkerl, gehackt und ihre Marinade
2 KL Estragonsenf
1 kl. Bund glatte Petersilie, gehackt
Geriebene Schale von einer halben Zitrone
1 TL getrockneter Majoran
Etwas getrockneter Thymian

Zum Fertigstellen:

Eine Einbrenn aus ca. 2 EL Schmalz, 2 EL glattem Mehl und etwas von dem entstandenen Fond
Je 1 Karotte, gelbe Rübe und ¼ Sellerieknolle in nicht zu feinen Streifen
1/16l Riesling
2 EL Sauerrahm
1 EL Balsamicoessig
Salz und Pfeffer aus der Mühle

Rezept:

Die Lunge mehrmals mit einer Fleischgabel einstechen und mit dem Herz und den Fondzutaten in einem hohen Topf gut mit kaltem Wasser bedecken und sieden lassen, bis die Lunge weich ist – etwa 30 bis 40 Minuten. Die Lunge sollte mit einem Gewicht beschwert werden um Sie komplett in den Fond zu drücken. Am einfachsten einen etwas kleineren Deckel als der Topf verkehrt drauflegen und
Einen sauberen Stein oä. drauflegen.
Den entstehenden Schaum abschöpfen.
Die Lunge aus dem Fond heben und das Herz noch ca. 10 Minuten weitersieden lassen.
Am besten noch im heißen Zustand von der Lunge die Haut abziehen und möglichst viele der Röhren entfernen, ohne das Gewebe zu sehr zu zerpflücken. Dies zwischen zwei Behälter geben, die genau ineinander passen, beschweren und über Nacht in den Kühlschrank stellen. Das Herz von der Aorta, den Sehnen und dem Fett befreien.
Den entstandenen Fond abseihen.
Am nächsten Tag Lunge und Herz in nicht zu feine Streifen schneiden. Die Zwiebeln im Schmalz ohne
Farbe anschwitzen, alle anderen Kräutlzutaten dazugeben und 10 Minuten durchrösten. Mit Wein ablöschen, mit dem Fond aufgießen, aufkochen lassen, das Wurzelgemüse dazugeben und bissfest
kochen. Lunge und Herz dazugeben und gut durchkochen. Am Schluß mit der Einbrenn und dem Rahm binden und mit Gurkerlmarinade, Petersilie, Balsamico, Salz und Pfeffer abschmecken.

Am besten schmeckt das Beuschel nach dem zweiten Mal aufwärmen.
Ein Löffel Gulaschsaft darüber rundet es perfekt ab.
Die klassische Beilage dazu sind Semmelknödel.

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Der ewige Piefke

Von Joachim Riedl 14. August 2009 um 12:12 Uhr

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Am 9. September wird in Gänserndorf bei Wien das erste Piefke-Denkmal der Welt enthüllt: ein 2,90 Meter hoher Monolith aus Cortenstahl.
Piefke? Ein Monument, dass dem unbekannten deutschen Touristen gewidmet ist? Ein Mahnmal wider 150 Jahre langer Schmähung und Stigmatisierung? Ein Versöhnungszeichen? Eine weithin sichtbare Sehenswürdigkeit (das Marchfeld bei Gänserndorf ist plattes Lad, sehr platt), das helfen soll, den Fremdenverkehr wieder anzukurbeln, der in letzter Zeit merklich eingebrochen ist; vor allem weil der deutsche Urlauber, die Melkkuh der österreichischen Tourismusindustrie, die Sommerferien lieber woanders verbrachte?
Wo denken wir hin? Weit gefehlt. Es ist ein Heldendenkmal. Piefke, Johann Gottfried Piefke, geboren 1815 in Schwerin an der Warthe, preußischer Militärkapellmeister, führte am 11. Juli 1866 in Gänserndorf mit seinem Musikkorps die Siegesparade der preußischen Armee an, die nach ihrem Triumph in der Schlacht von Königgrätz bis vor die Tore der Residenzstadt der Habsburgermonarchie vorgedrungen war. 60 000 Kürassiere, Füsiliere und Grenadiere, Husaren, Dragoner und Ulanen sollen damals zum schmetternden Klang des Königgrätzer Marsches, den Piefke eigens zu diesem Anlass komponiert hatte. Kaum Wunder, dass der Name in der folgenden Zeit kein besonders schmeichelhaften Klang hatte in Wien (mehr über die Geschichte des Piefke ist hier zu lesen).
Und jetzt setzte das Vietelfestival NÖ endlich die überfällige Initiative: Es will damit des ersten Popkonzerts bei Wien gedenken, den es in dem Massenaufmarsch mit Pfeifen und Trompeten entdeckt haben will. Ein Woodstock der Niederlage? Ein Open-air der Katastrophe? Sind diese vaterlandslosen Gesellen noch bei Trost? Weiß der niederösterreichische Landesvater Erwin Pröll von diesem neuerlichen Dolchstoß in den Rücken unseres imperialen Vermächtnisses?
Wir fragen: Warum darf die Schmach von Königgrätz nie vergehen?

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business as usual

Von Georg Bürstmayr 7. August 2009 um 16:20 Uhr

Zwei Jugendliche, 14 und 16, haben sich am 05.08.09, gegen 02:30, in einem Supermarkt aufgehalten – um die Zeit hatten sie dort wohl nichts verloren. Zwei Polizeibeamte waren auch da, wohl, weil es Einbruchsalarm gegeben hat. Schüsse fallen. Wenig später liegt einer der beiden Jugendlichen mit einem Durchschuss – angeblich gleich durch beide Oberschenkel – am Boden, der zweite, 14 Jahre alt, hat ein Loch im Rücken und ist tot.

Wie schon im Verlauf selben Tages bekannt wird, sollen die Jugendlichen unbewaffnet gewesen sein, die beiden Beamten im Supermarkt allein (ohne weitere Verstärkung) und die Schüsse sollen im Dunkeln gefallen sein.

In verschiedenen news-foren findet es die Hälfte der PosterInnen, je nach Ort auch deutlich mehr, eigentlich normal und nicht weiter verwerflich, dass auf die beiden Burschen geschossen wurde. Einbrecher, so der Tenor, müssten mit so etwas rechnen.

Das sehen Österreichs Gesetze freilich anders. Auch die Polizei darf hierzulande nicht blindlings auf Einbrecher losschießen. Nun könnte man meinen, die bisher bekannten Umstände sprächen zumindest für den Verdacht, dass diese Gesetze nicht befolgt wurden, also ein Delikt begangen wurde von den Polizeibeamten, das es raschestmöglich und so gut wie möglich aufzuklären gilt. Immerhin ist ein Mensch erschossen worden. Selbst wenn man (wenn auch ohne Beweis) von vornherein völlig ausschließen möchte, dass da Vorsatz im Spiel war, bliebe immer noch der Verdacht der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Zwei Beamte sind zumindest verdächtig, dieses Delikt gesetzt zu haben. Für gewöhnlich spricht ein Schuss in den Rücken auch nicht für den Rechtfertigungsgrund der Notwehr.

In so einer Situation herrscht zunächst vor allem Eile bei der Befragung aller Beteiligten. Wer hierzulande einen Verkehrsunfall mit Personenschaden verursacht, wird deshalb so gut wie immer schon auf der Stelle befragt, so geschockt kann er gar nicht sein. Wenn’s nach einer Rauferei einen Toten gibt, würde der Wunsch nach einer „Auszeit“ (Herr Inspektor, ich bin so geschockt) wohl mit einem Lacher quittiert werden. Wer unter Verdacht steht, einen Menschen getötet zu haben und dazu gar nichts sagen will, muss vielmehr ernsthaft damit rechnen, in Untersuchungshaft genommen zu werden – wegen Verdunkelungsgefahr. Er könnte sich ja sonst eine Geschichte zurecht legen – und sich absprechen, besonders, wenn noch ein zweiter mit im Spiel war. Bei Toten hören sich solche Späße auf. Im Allgemeinen.

Im Besondern ist per Freitag 16:00 Uhr immer noch nichts davon bekannt, dass die beiden Polizisten befragt worden wären. Dem Vernehmen nach befinden sie sich in psychologischer Betreuung und gelten – seit fast drei Tagen schon – als nicht vernehmungsfähig. Ein ranghoher niederösterreichischer Polizeibeamter hat mehr als 24 Stunden nach dem Vorfall in einer TV-Diskussion offen eingestanden, dass es „nicht möglich“ wäre, die beiden Beamten daran zu hindern, miteinander oder mit anderen zu kommunizieren. Psychologen und Polizeitrainer haben sich nach dieser beachtlichen Aussage noch länger Zeit – life, versteht sich – darüber unterhalten, was alles zu diesem „Vorfall“ geführt haben könnte. Ob die beiden Beamten psychisch auch zu angeschlagen waren, um fernzusehen, ist nicht bekannt. Wenn nicht, haben sie freilich eine Menge Hinweise dafür bekommen, wie ihre Aussage aussehen könnte.

Dennoch: Die Justiz hat umgehend reagiert. Möglichst rasch wurde mit Vernehmungen begonnen – mit der des schwer verletzten 16-jährigen (er soll das Naheliegende gestanden haben, dass man nämlich einen Einbruchsdiebstahl vorgehabt hätte).Und: Untersuchungshaft wurde prompt verhängt. Über den 16-jährigen, der immer noch im Krankenhaus liegt. Haftgrund: „Tatbegehungsgefahr“, also die Vermutung, er könnte – einen Einbruch begehen. Wie das mit einem doppelten Oberschenkeldurchschuss gehen soll, bleibt ebenso dunkel wie vieles andere an diesem Fall.

PS.: besagter Supermarkt hatte, wenige Stunden nachdem in seinen Räumen ein 14jähriger erschossen worden ist, wieder geöffnet.

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Justiz in Kakanien

Von Joachim Riedl 9. Juli 2009 um 18:06 Uhr

Als der Wiener Baumeister Johann Fischer in der biedermeierlichen Residenzstadt der Habsburgermonarchie ein neues Gerichtsgebäude und Gefangenenhaus außerhalb der Stadtmauern auf 21.000 Quadratmeter grüner Wiese in der Alservorstadt errichtete, nahm er sich florentinische Palazzi der Frührenaissance zum architektonischen Vorbild. Das klassische Formenspiel dürfte den Bewohnern von Wien nicht einsichtig gewesen sein; sie nannten den trutzigen Kasten bald nur noch das “Graue Haus”.
So heißt das Wiener Landesgericht für Strafsachen noch heute und nach wie vor werden in dem 170 Jahre alten Gebäude die großen und kleinen Missetaten, die sich in der österreichischen Hauptstadt zutragen, vor die Schranken eines Gerichtes gerufen.
Jüngst hallte auf einem der Korridore, auf denen Anwälte, Zeugen und Angeklagte auf die Verhandlung warten, ein rätselhafter Ruf, mit dem zum Beginn eines neuen Prozesses aufgerufen wurde: “Habsburg gegen Österreich”.
So könnte es klingen, wenn ein Spross des Kaiserhauses auf die wahnwitzige Idee einer Restauration verfallen wäre und versuchte, den Thron seiner Ahnen mithilfe einer Urheberrechtsklage zurück zu erhalten. In diesem Fall war es aber das schrille Boulevardblatt, das bescheiden den Landesnamen zu seinem Titel gemacht hat, das an den Richtertisch zitiert wurde, weil es in süffigen Details über das ramponierte Ehe- und Privatleben des Karl Habsburg berichtet hatte, den manchen noch immer “kaiserliche Hoheit” nennen. Freilich ging es in diesem neuerlichen Sisi-Drama nicht um den Tatbestand der Majestätsbeleidigun, lediglich um Verletzung von Persönlichkeitsrechten, die heutzutage ja auch Krethi und Plethi haben. Gleich nach Prozessbeginn regte die Richterin deshalb begütigend einen Vergleich der beiden Streitparteien an. Doch der Verteidiger von “Österreich”, der Gazette, wies das Ansinnen, das gewissermaßen historische Gräben hätte überwinden können, weit von sich und seinem Klienten. Nein, entgegnete er, man bestehe auf ein Urteil, das im “Im Namen der Republik” gesprochen werde.
Er erhielt es. Karl Habsburg, der leider nur den Namen und nicht die dazugehörige Monarchie geerbt hatte, wurde eine Entschädigung in der Höhe von 3000 Euro zugesprochen. Erstmals hatte Habsburg einen juristischen Sieg gegen Österreich errungen, doch Österreich legte Berufung ein. An Habsburg wird weiterhin nichts restituiert, nicht mal Schmerzensgeld.

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Laura Goes Simmering

Von Joachim Riedl 9. Juni 2009 um 00:17 Uhr

Wir hier beim Ö-Blog hören ja das Gras wachsen. Jetzt, nach dem roten Debakel bei den Europawahlen, spriesst es besonders heftig aus der Erde und dabei sind erstaunliche Töne zu hören.
Die einzelnen Dissonanzen sind nur schwer miteinander in Verbindung zu bringen, aber sie erzählen ungefähr diese Geschichte. Nachdem er fast einen Tag lang in seiner Versenkung verharrt war, tauchte SPÖ-Chef Werner Faymann mit einem Plan wieder auf, mit dessen Hilfe er seinen Kopf bei der Parteivorstandssitzung am Mittwoch dieser Woche aus jener Schlinge ziehen will, an der die Genossen bereits eifrig knüpfen. Der Parteikapo will mit einem Befreiungsschlag seine Handlungsfähigkeit beweisen und hat sich deshalb eine kleine Personalrochade im roten Machtgefüge ausgedacht (oder von seinem Alter Ego ausdenken lassen).
Klar ist, das Desaster verlangt nach einem Baueropfer. SP-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter, der für den verunglückten Wahlkampf verantwortlich ist, kommt dafür offensichtlich nicht in Frage. Er ist Steirer und der steirische Rambo Franz Voves ist ohnein schon bis aufs Blut gereizt.
Bleibt die zweite Geschäftsführerin Laura Rudas, eine ambitionierte junge Dame (sie Mädel zu nennen, hat sie sich verboten), die sich in den wenigen Monaten im Job jede Menge Widersacher gemacht hat. Doch wohin mit ihr?
Die Wiener SPÖ fordert seit langem ein Staatssekreteriat für Integration. Rudas ist in der Wiener SPÖ verankert, flupsch, Frau Rudas soll zur Staatssekretärin für Integration, Sitz im Bundeskanzleramt, befördert werden. Ein reiner Zerimonienposten, denn alle Agenden in diesem Bereich verbleiben im schwarzen Innenministerium, doch Faymann trifft mit einem Schlag zwei Fliegen. Er erfüllt den Wiener Genossen pro forma einen sehnlichen Wunsch und schafft sich zugleich in der Parteitentrale Luft.
Jetzt gäbe es allerdings in der Regierung ein zusätzliches (rotes) Mitglied, was politisch kaum durchsetzbar ist. Also soll der Wiener Andreas Schieder, bisher Staatssekretär im Finanzministerium, in die SPÖ-Bundesgeschäftsführung wechseln. Kleiner Schönheitsfehler: Im Finanzministerium sässe dann kein roter Aufpasser mehr. Aber gerade deshalb könnte Finanzminister und Koalitionspartner Josef Pröll Geschmack an dem Deal finden und ihn abnicken. Alle sind zufrieden, oder so.
So zumindest der Plan. Mal sehen ob er die Krisensitzung am Mittwoch erlebt.
Und ob er hilft, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, scheint doch eher fraglich. Aber er beflügelt die Phantasie: Laura, das rote Disco-Girl, als Meditorin in einem Simmeringer Gemeindebau. Viel Vergnügen bei diesem Sturday Night Fever der etwas anderen Art.

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Gewehrhaft

Von Joachim Riedl 7. Juni 2009 um 14:12 Uhr

Burgenländer, die EU will Euch Eure Flinten rauben! Das glauben die Burgenländer zwar nicht einmal in einem schlechten Witz, aber die FPÖ versucht’s mit diesem Schmäh dennoch im Wahlkampffinish. Gewehrwafte Männer braucht das Land. Und deshalb verfügen die blauen Ritter von der Kokosnuss auch über ein passendes Wahlkampfpräsent, das sie etwa im südlichsten Burgenland (Bezirk Jennerdorf) unter die Waidmänner gebracht haben – eine Art Schneuztüchel für das Schiessgewehr:

Bei ihren Feuerwehrfesten singen sie jetzt wahrscheinlich nach drei Bier: Brüssel, du hast die Gans gestohlen; gib sie wieder her! Gib sie wieder her! Sonst wird dich der Strache holen mit dem Schießgewehr!

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Eine kleine Wahlplakatanalysepolemik

Von Franzobel 20. Mai 2009 um 15:00 Uhr

Das Lied vom traurigen Sonntag

Vergangene Woche bat mich der ORF-Report, die EU-Wahlplakate zu analysieren, um dann am Dienstag davon kaum etwas zu senden. Vermutlich geht die Feigheit der ORF-Verantwortlichen, die bestrebt sind, auch das Hauptabendprogramm zur Mini-ZIB zu bagatellisieren, mit der Inhaltsleere der Wahlplakate einher, bedingt eins das andere.
Die Wahlplakate sind durchwegs ohne erkennbare Botschaft. Wenn sich überhaupt eine festmachen lässt, dann die, dass die Parteien allesamt Parolen propagieren, die den jeweiligen Traditionen diametral entgegenstehen. Die Sozialdemokraten plakatieren statt der erwartbaren Internationale eine nationale Österreichfixierung „Wer schaut in der EU auf Österreich“. Der wertkonservativen ÖVP unterläuft ein grammatikalischer Fehler; die von ihrer Tradition her liberal, deutschnationale FPÖ macht sich manisch für den Klerus stark, die pazifistischen Grünen bedienen sich eines martialischen Sujets der französischen Revolution und das BZÖ will konsequent ehrlich sein. Durchwegs Plakate, die Österreich als verschlossenes, verstopftes Land darstellen. Wäre ich Tourist oder Asylbewerber, ich würde mich angesichts dieser plakativ zur Schau gestellten Eingegrenztheit hier nicht wohl fühlen.


Bei der SPÖ stehen die Kandidaten wie in einer römischen Kohorte vor der österreichischen Fahne. Oder sind es Kegel, die darauf warten, umgeschoben zu werden? Schiebeposten? Außerdem propagiert man (absichtlich oder nicht) das „A-Team“, eine recht geistlose amerikanische Action-Serie der 80er Jahre, wo Wrestler wie Hulk Hogan oder Mr. T mitwirkten. Oder ist dieses A-Team eine Anspielung an Günter Tolars Wirtschaftspatriotismus namens Made in A? Anstatt soziale Gerechtigkeit, Gehaltsobergrenzen oder Chancengleichheit zu plakatieren, beschränkt man sich auf den roten Brillenrand des Spitzenkandidaten.

Ernst Strasser sieht dagegen aus, als säße er in einem Krankenhaus und hätte soeben eine schreckliche Nachricht erfahren. Oder bereut er seine Rückkehr in die Politik? Die plakatierten Slogans verlauten jedenfalls, dass niemand an Österreich und Europa vorbeikommt. Was soll das bedeuten? So kann der Verteidiger einer Fußballmannschaft reden, aber eine bürgerliche Partei, die gegen die Gesamtschule und für Aufnahmetests an Gymnasien eintritt und der dann selbst, wenn sie „Die Krise wird härter“ affichiert, ein grammatikalischer Fehler unterläuft? Eine Krise kann schlimmer werden, aber nicht härter. Bei der ÖVP liegen sprachlich manchmal sogar die Damoklesschwerter auf dem Tisch. Oder meint man mit dem Nicht-Vorbeikommen auch das Nicht-Durchkommen, Nicht-Reinkommen, das Abgeschottet sein?

Die Grünen wiederum scheinen ein Segment der Bevölkerung bedienen zu wollen, das man bisher völlig außer Acht gelassen hat, nämlich die Rapid-Fans. „Vorwärts Grün“ steht auf ihrem Plakat, das die französische Revolution von Delacroix nachstellt. Im Original stürmt die barbusige Marianne über Leichen, bei den Grünen handelt es sich um einen Aufstand der Volkshochschulabgänger, die mit ihren Diplomen winken. Man propagiert Revolution, zeigt aber zugleich, dass man nicht die passenden Gesichter dafür hat. Die Einbeziehung verschiedener ethnischer Gruppen (ein Schwarzer, eine Asiatin) ist lobenswert und feig zugleich, die Frau mit Schleier nämlich, um die es ja vor allem ginge, sucht man vergeblich.

Atmosphärisch sind die Plakate des BZÖ. Ich gehe davon aus, dass die Bücher, vor denen sich ein die Hände verschränkender Ewald Stadler etwas Lächeln aus dem Gesicht wringt, eher auf Bildung denn auf Bücherverbrennungen anspielen sollen. „Konsequent ehrlich“ steht daneben, was angesichts der langjährigen EU-Gegnerschaft Stadlers wie ein Affront wirkt.
Bleibt wieder einmal nur die FPÖ, die als einzige Partei Parolen plakatiert, so menschenverachtend und intolerant sie auch sein mögen, die sich in den Hirnen der Menschen festbeißen wie Straches grinsfletschendes Gesicht. Mölzer sieht da deutlich skeptischer drein. „Tag der Abrechnung“ steht auf den Plakaten, was an eine Mischung aus billigem Italo-Western und Media-Markt erinnert. Die Parolen sind wie immer griffig und gemein. Nur die plötzliche Hinwendung zum Christentum bleibt mir ein Rätsel. Alle liberalen Ahnherren dieser Partei würden sich im Grab umdrehen. Oder ist man auf den Spuren Schuschniggs?
Soweit also die Plakate. Anstatt die Menschen für die EU und den europäischen Gedanken zu begeistern, anstatt auf Österreichs Gewinne durch die Osterweiterung hinzuweisen, die Vorteile einer geistigen und kulturellen Gemeinschaft, werden, so als hätte man Angst, sich angreifbar zu machen, innhaltsleere Null-Botschaften plakatiert. Anstatt auch nur ein bisschen Witz und Courage zu zeigen – jeder noch so blöde Schüttelreim (bist a Hurenbeidl, isst a Burenheidl) würde für mehr Aufmerksamkeit sorgen, plakatiert man austauschbare Ödnis und Fadesse. Aber bei einer übernachteten Mini-ZIBisierung, wie sie der ORF betreibt, fällt das ohnehin nicht auf. Nur darf man sich dann am 7. Juni nicht wundern, wenn der Wahlsieger wieder einmal Strache heißt. Und wenn seinesgleichen dann irgendwann einmal, weil ohnehin keiner mehr hingeht, die freie Wahl abschafft, ist das nur die Konsequenz einer jahrzehntelang betriebenen Entpolitisierung und Verblödung nicht aus Kalkül, sondern aus Angst.

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Errata, wo du hinschaust

Von Georg Bürstmayr 18. Mai 2009 um 17:59 Uhr

Ich habe mich geirrt, das Ouagadougou-Zitat stammt offenbar von Peer Steinbrück, nicht von F.W. Steinmeier. Bestätigen kann ich jedenfalls, dass Wien nicht in Afrika und Ouagadougou nicht in Österreich liegt. Hoffen wir mal, es bleibt dabei.

IWF-Chef Strauss-Kahn hat sich geirrt, sein Global Financial Stability Report 2009 enthalte, erklärt er mit Bedauern, “Rechen- und Eingabefehler”, besonders was die Beurteilung diverser Risken in Osteuropa betrifft – der fehlerhafte Bericht hatte Besorgnis über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Österreichs Banken ausgelöst, die überdurchschnittlich stark in Osteuropa engagiert sind, vereinzelt war schon vom drohenden Staatsbankrott die Rede. Der dürfte doch nicht so bald eintreten. Hoffen wir mal, es bleibt dabei.

Auch Wissenschaftsminister irren sich: der von Johannes “Gio” Hahn verkündete Ausstieg Österreichs aus dem CERN ließ sich doch nicht durchsetzen. Er hat so viel Wirbel verursacht, dass Bundeskanzler Faymann Hahn kurzerhand overruled hat: Österreich bleibt beim CERN. . Hoffen wir mal, es bleibt dabei.

FPÖ-Parteichef H.C. Strache hat sich geirrt: Ewig ist auch Bundeskanzler Faymann – trotz beider Nähe zur Kronen-Zeitung – nicht gewillt, seinen Tiraden wortlos zuzuhören. Jüngst hat er ihn in seltener Deutlichkeit scharf kritisiert und als “Hassprediger” und “Schande” bezeichnet.

Huch, was ist los? Dass Österreich nicht in Afrika liegt, wussten wir. Dass wir noch nicht pleite gehen, haben wir uns auch gedacht. Aber dass dieses Land einen Bundeskanzler hat, der klare Worte findet und tatsächlich regiert, das sind wir gar nicht mehr gewohnt.

Hoffen wir mal…..

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