Lesezeichen

„Manuscripts Don’t Burn“

Ein Denkmal für Irans Regimekritiker im Abaton: Mohammad Rasoulof erzählt von dissidenten Autoren, die dem Geheimdienst ausgeliefert sind.

Die alten Herren Kasra, Kiran und Forouzandeh entkamen vor zwanzig Jahren dem Tod bei einem missglückten Anschlag auf einen Bus mit Autoren und Journalisten. Kasra hat die Erlebnisse und Hintergründe anschließend aufgeschrieben und will sein Lebenswerk nun veröffentlichen. Das Original-Manuskript liegt bei ihm, seine beiden Freunde haben je eine Kopie. Bevor das Buch auf den Markt kommt, will Kasra das Land verlassen, aber der Plan geht nicht auf. Iranische Geheimdienstmitarbeiter sind abtrünnigen Autoren auf den Fersen, um sie bei Bedarf zu foltern und zu ermorden – inklusive unschuldiger Zeugen natürlich. Manuscripts Don’t Burn von Regisseur Mohammad Rasoulof ist ein bedrückendes Werk. Das Licht ist meist trüb – selbst draußen zeigt sich der Himmel scheinbar immer bedeckt. Der Thriller wurde heimlich gedreht, weil gegen Rasoulof als Regimekritiker 20 Jahre Arbeitsverbot verhängt wurden. Die Innenaufnahmen hat er in Hamburg gedreht, und hier feiert er im Abaton seine Premiere. Mohammad Rasoulof ist dafür zu Gast.

Text: Andra Wöllert

 

„Toilet Stories“

Stille Örtchen: Das Hamburger Langzeitfilmprojekt von Regisseur Sören Hüper kommt zu einem guten Ende und feiert im Abaton Premiere.

Nach erfolgreichen Festivalteilnahmen beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken und den Nordischen Filmtagen Lübeck bringen die beiden Hamburger Filmemacher Sören Hüper und Christian Prettin ihr gemeinsames Langfilmdebüt nun auch in die Kinos. In fünf verschachtelten Episoden blicken sie mit ihren Toilet Stories nachdenklich-amüsant über den Schüsselrand: Da wird eine Doping-Sünderin mit einem „Ziel-Einlauf“ der unangenehmsten Art konfrontiert; in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt gerät der Überfall auf einen nicht ganz harmlosen Senioren für zwei Halbstarke buchstäblich zum „Rohrkrepierer“, und als Griff in die Kloschüssel erweist sich beinahe auch der Hausbesuch eines Sanitärvertreters. Ohne öffentliche Förderung, ausschließlich durch Fundraising finanziert, entstand der Film über fast vier Jahre hinweg an ausgewählten „Örtchen“ Hamburgs. Die Ausdauer hat sich gelohnt. Toilet Stories sind satirisch, sarkastisch, skurril.

Zur Premiere werden Regisseur Sören Hüper, Produzent Volker Redeker, Kameramann Dominik Friebel sowie die Schauspieler Josef Heynert, Anne Weinknecht, Sebastian Herrmann, Horst-Günter Marx, Rudolf Waldemar Brem, Phillip Kronenbarg, Dorkas Kiefer und Markus Frank erwartet.

Text: Peter Patek

 

Nils Frahm

Klassik, Ambient und Clubsounds: Sein Spiel mit den Genres hat Nils Frahm weltweit Anerkennung gebracht. Jetzt spielt er auf Kampnagel.

Gerade war es der Soundtrack zu Sebastian Schippers Berlinale-Coup Victoria, den Nils Frahm zur Dauerschleife der Rohfassung des Filmes immer schön an der Grenze zwischen E- und U-Musik einspielte. Das mitunter rauschhaft gestaltete Aufweichen von Genregrenzen zwischen Klassik, Ambient und Clubsounds führte den in Berlin lebenden Pianisten und Elektronik-Tüftler spätestens mit dem Album Felt (2001) zu Weltruhm, sein Referenzrahmen reicht von Steve Reich und Philip Glass bis zu Keith Jarrett und Michael Nyman. Spaces hieß 2013 sein zuletzt erschienenes reguläres Studioalbum und machte dem Titelslogan durch seine Experimentierfreude alle Ehre. Live präsentiert er seine musikalischen Grenzgänge während des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Text: Miriam Mentz

 

Nick Oliveri

Der kalifornische Bad Boy hat sich für seine Tour allein mit seiner Akustikgitarre bewaffnet und stattet damit dem Hafenklang einen Besuch ab.

Mit Kyuss hat er legendäre Aufnahmen eingespielt. Als Mitglied der Queens of the Stone Age war er mitverantwortlich für die Alben Rated R und Songs For The Deaf, für die ihm jeder Stoner-Fan einen Platz auf dem Hausaltar freigeräumt hat. Aber Nick Oliveris häufige Bandwechsel sind nicht allein seiner unbändigen Kreativität geschuldet. Josh Homme warf ihn bei QOTSA raus, weil er – zumindest behauptete Homme das später auf BBC – seine Frau geschlagen haben soll oder auch gerne mal Flaschen ins Publikum warf. Da scheint es folgerichtig, dass er solo auf Tour geht. Seine aktuelle Death Acoustic-Tour trägt den Namen seines gleichnamigen Albums aus dem Jahr 2009, mit eigenen Songs und Coverversionen von Bands wie Kyuss, QOTSA, The Dwarves und Danzig. Die Punkrocker-Attitüde, die er als „Rex Everything“ bei den Dwarves oder auch in der neuen Hardcore-Formation Bl’ast austoben kann, hört man seinen Unplugged-Auftritten kaum an. Mit einer Mischung aus Pubrock und Bikerfolklore grölt, grunzt und krächzt er sich durch seine Shows, manchmal säuselt er sogar so zärtlich, dass man das Lagerfeuer knistern hört. Im Großen und Ganzen liefert Oliveri den Stoff, den man am besten beim Geruch von vollen Aschenbechern, Dosenbier und Auspuffgasen genießt. Aber natürlich geht das auch im Hafenklang.

Text: Nik Antoniadis

 

Der letzte Klezmer: Leopold Kozlowski

„Wahre jüdische Musik ist keine Melodie, sie ist eine Geschichte“: Das Metropolis zeigt die wunderbare Dokumentation dieses großen Menschen und Musikers.

„Musik ist meine Rache, mein Leben“, sagte Leopold Kozlowski vor ein paar Jahren der israelischen Zeitung Ha’aretz. „Ich habe die Absicht, bis zum letzten Moment zu spielen.“ Und das tut er bis heute, ungeachtet seiner 97 Jahre. Der Film von Yale Strom, der 1993 in die Kinos kam und weltweit zahlreiche Zuschauer erreichte, steigerte die Anfragen weiter, er gibt Konzerte zwischen Toulouse und Berlin, Venedig und Israel. In seinem Heimatland Polen ist er schon lange bekannt als „der letzte Klezmer“. Diese unverwechselbar jüdische Mixtur aus osteuropäischer Folklore und Gypsy-Stilen mit liturgischen Anleihen hat zwar ein gewisses Revival erlebt, nicht zuletzt in den Cafés von Krakau, wo Kozlowski heute lebt; aber in dieser Hinsicht ist er eigen. „Ich bin der letzte Klezmer, der wahrhaftig geblieben ist, mit einer jüdischen Seele“, sagt er. „Wahre jüdische Musik ist keine Melodie. Sie ist eine Geschichte.“ Seine Geschichte erzählt Regisseur Strom, der Kozlowski zum Unterricht mit jungen Klezmerschülern in Krakau und weiter bis nach Przemyslany in der Ukraine folgt, zum Haus seiner Familie und den Orten, an denen seine Eltern und sein Bruder ermordet wurden. „Die Musik hat mir das Leben gerettet“, erklärt er. „Ich war im Konzentrationslager, im Ghetto und [mit den Partisanen] im Wald. Die Musik hat mir Kraft gegeben. Hitler hat das Judentum zerstört, aber nicht dessen Musik. Sie lebt für immer.“ Einen Beweis dafür liefert die Vorführung im Metropolis.

Text: Nik Antoniadis

 

Plattenflohmarkt

Wer Kurioses, Obskures und Trashiges auf Vinyl sucht, wird beim Stöbern vor dem Knust mit Sicherheit die eine oder andere Perle finden.

Die Zeiten, in denen Vinyl totgesagt war, sind ja schon ein ganzes Weilchen Geschichte. Das Wort „Plattenspieler“ klingt zwar immer noch ein bisschen retro, aber es ist keine Antiquität wie „Bandsalat“. Außerdem liegt Retro ja auch irgendwie im Trend. Deshalb tut sich beim Vinyl-Flohmarkt vor dem Knust auch keine Generationenkluft auf, sondern er ist ein großes Vergnügen für Jäger und Sammler aller Altersklassen, für Neugierige, die sich an obskuren Bands und nie gehörten Tunes erfreuen, oder einfach für Leute, die sonntags gern über Flohmärkte schlendern. Wer hier speckige Plattencover durchforstet, kann wahrscheinlich nicht darauf hoffen, zufällig eine von Jack White handbemalte Ausgabe von Lafayette Blues oder die 1968er Bronco-Originalpressung von Roy Pantons Endless Memory zu finden. Aber man weiß ja nie. Flohmärkte sind ja deshalb so attraktiv, weil alle Beteiligten heimlich hoffen, dass der andere keine Ahnung hat, was er da kauft oder eben verkauft. In jedem Fall wird sich hier jede Menge Kurioses und Trashiges finden, sicher auch die eine oder andere Perle, und für alle, die nicht nur auf Vinyl aus sind, gibt es auch CDs; bei gutem Wetter draußen, bei Regen in der Halle.

Text: Nik Antoniadis

 

„Spellbound“

Arzt und Medizin zugleich: Das Metropolis holt die zauberhafte Ingrid Bergman als verliebte Psychiaterin auf Abwegen zurück auf die Leinwand.

In ihrem Review schrieb die New York Times seinerzeit, Ingrid Bergman garantiere Heilung für was auch immer einen quäle. „Mit anderen Worten: Die zauberhafte Frau Bergman ist Arzt und Medizin zugleich.“ Auch 70 Jahre nach der Premiere fällt es schwer, diesem Urteil zu widersprechen. Als Psychiaterin in einer Irrenanstalt verliebt sie sich zunächst in ihren neuen Chef, bis der feststellt, dass er gar nicht ihr neuer Chef ist, sondern sich nur für ihn hält, nachdem er den wahren Direktor aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet hat. Bergman ist trotzdem kein Hindernis zu groß, um die dunkle Vergangenheit ihrer großen Liebe aufzuklären, auch gegen die wachsende Gewissheit, dass ihre Liebe eine Illusion ist. Das Drehbuch basiert auf Francis Beedings ziemlich schrägem Roman The House of Dr. Edwardes, in dem ein Irrer die Herrschaft einer Irrenanstalt an sich reißt und sogar die Pfleger sich nach und nach als Irre entpuppen. Für den Film adaptiert von Ben Hecht, trägt der Film in jeder Nuance die unverwechselbare Handschrift des Meisters, Alfred Hitchcock – mit einer Ausnahme: Um die psychotischen Traumsequenzen zu verwirklichen, ließ er niemand Geringeren als Salvador Dalí verpflichten. Das Metropolis zeigt diese Mutter aller Psychothriller in der englischen Originalfassung.

Text: Nik Antoniadis

 

Empowerment & Krank

Ein dreckiges Punkmonster: Stuttgarts Hardcore-Export kommt zu Besuch auf die Frau Hedi und erhält freundliche Unterstützung aus Hamburg.

Beim letzten Konzert galt bei Empowerment die Losung „Itʹs all about Sachbeschädigung“. Ehrliche Ansage. Denn „Hardcore-Punk muss unangepasst bleiben“, hat Sänger Jogges auf dem Band-Blog erklärt. Die Jungs aus Stuttgart wurden sämtlichst gesäugt und gestillt von der Hardcore-Punk-Szene der 1990er Jahre. Daraus ist ein dreckiges, druckvolles, kompromissloses Punkmonster entstanden, das tretend und brüllend jede Bühne zum Brennen bringt, wenn Jogges seine gewaltige Wut ins Publikum hinausspuckt. „Hardcore war schon immer antifaschistisch“, stellt er klar. „Und wir halten dieses Banner hoch und sagen: Fuck you zu Nazis, Faschisten, Rassisten, Sexisten und homophoben Wixern.“ Nicht dass wir uns missverstehen: „Das Herz auf der Zunge und immer ready für Randale und Bambule. Mit Worten, versteht sich.“ Ist ja klar. Auf der Hedi wird Empowerment dabei unterstützt von Krank, den freundlichen Punks aus der Hamburger Nachbarschaft.

Text: Nik Antoniadis

 

„Sonnenfeste II“

Teil II ist nicht nur für Artvillains ein Pflichttermin: Mit ordentlich Kunst, Sonne und Electro wird das ein sehr lässiger Sonntagsspaziergang.

Muss man es wirklich noch sagen? Artvillains haben es im Kalender schon lange rot umkringelt. Aber für diejenigen unter uns, die vor lauter Festivalterminen die Übersicht oder wegen zu viel schlechten Open-Air-Wetters die Lust verloren haben, sei es noch einmal erwähnt: Am Sonntag gehen die Sonnenfeste in die zweite Runde. Teil II geht genau da weiter, wo Teil I aufgehört hat, nur mit mehr Sonne. Vor der Kulisse von Artville-Kunstprojekten von Darko Caramello, Tintin Patrone und Sankt Ulipan Omnibus Gerhildsdottirson-Schönberg, von Fehmi Baumbach und Herrn Kayser und Blühen und PUSH und, und, und (es sind zu viele, um sie alle aufzuzählen, aber das gesamte künstlerische Line-up findet ihr hier) ist vor allem eins angesagt: Chillen und Zappeln. Die Plattenteller drehen sich sieben Stunden lang, an den Reglern stehen nacheinander Mauro Basso, Nico Stojan und Felix Jaehn. Um 22 Uhr ist der ganze Zauber dann vorbei, aber das ist vielleicht ganz gut so, denn am Montagmorgen wollen ja alle wieder pünktlich im Büro sein.

Text: Nik Antoniadis

 

DjRUM

Obskure Reiche, in denen Two Step Garage, Ghetto Tech und Breakcore regieren: Felix Manuel übernimmt im Golden Pudel die Kontrolle an den Reglern.

Alle, die keine Zeit hatten, zur Sonnenfeste II nach Wilhelmsburg zu gehen, oder die gerade von dort kommen und einfach immer noch nicht genug auf die Ohren bekommen haben, können sich freuen: Im Golden Pudel Club macht es sich DjRUM bequem. DjRUM alias DJ Rum alias Felix Manuel, von Haus aus DJ, hat sich in den letzten Jahren auch als Produzent Zutritt zur Chefetage der Clubmusik verschafft. Seit seiner ersten 12″ Plead With Me / Emerald (The Antidote) aus dem Jahre 2010 hat er regelmäßig nachgelegt: heruntergekühlte Reisen in sehr durchwachsene, ausgetüftelte Soundregionen und Unterkategorien von Soundregionen, von Hip-Hop, Techno und Dubstep hinab in obskure Reiche, in denen Two Step Garage, Ghetto Tech oder Breakcore regieren. Im Gegensatz dazu stehen seine DJ-Sets im Ruf, ein paar Joule obendrauf zu legen und sich gerne mal zu hochenergetischen Underground-Raves zu wandeln. Also, Deo erneuern, Lippenstift nachziehen und Tanzschuhe einpacken!

Text: Nik Antoniadis