Monster, Ängste, Träume: Die 24-jährige Mohna sitzt unterm Hochbett, spürt ihrer Kindheit nach und bastelt aus den Erinnerungen ein klapperndes, rauschendes Album.

© Tilman Wolfgang Reinhold Walther
Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit? An die vielen Gerüche etwa? Da war Omas Handcreme, Nachbars Hobbykeller, die Sylter Heide, der grüne Citroën CX, der elterliche Plattenschrank – das alles ist rasch zu neuem Duft zu erwecken. Erinnern Sie sich auch an die Geräusche und Klänge? Die tobenden Kinder unten im Hof, die Klingel des Eiswagens, das Türknallen im Wutanfall, das Schluchzen der Schwester? Die Klänge der Kindheit sind verschwommen. Die Gefühle sowieso.
Die Kindheit der Hamburgerin Mona Steinwidder ist noch nicht so lange her, sie ist erst 24 Jahre alt. Unter dem Namen Mohna hat sie dreizehn Lieder aufgenommen, die sich mit ihren ersten zehn Lebensjahren beschäftigen, 1985-1994.. Wie kann das funktionieren? Bringt sie Omas Handcreme zum Klingen?
Ja und nein. Zuallererst: Sie breitet nicht, wie es gerade so viele tun, ihre musikalische Sozialisation vor aller Ohren aus. Um die Musik anderer geht es Mona Steinwidder gar nicht, weder um Depeche Mode noch Sonic Youth, weder um The Final Countdown noch Smells Like Teen Spirit.
Die Musik bildet nur den Rahmen, so als gebe sie die vielen Stimmungen einer Kindheit vor. Mona Steinwidder spielt meist Klavier, oft Moll. Manchmal getragen, auch dissonant, dann wieder freudig hüpfend. Da sind viele kleine, repetitive Tonfolgen, und hier ein Cello, dort eine Klarinette, ein Besen, eine Orgel. Leichtigkeit und Schwere liegen in den Liedern gleichermaßen – da ist sie wie der Duft von Omas Handcreme, puderig und flüchtig, blumig und voll.
Und ihr Ton ist so wenig eindeutig wie die Vergangenheit, ihre Lieder sind nicht abgeklärt, nicht virtuos. Da sind viele Nebengeräusche, es klappert und rauscht wie in jeder Erinnerung. Das kindlich zu nennen, fällt dennoch schwer. Ihre Stimme ist zart und brüchig, doch es ist nicht die Stimme eines Kindes. Eher die der flüsternden Janis Joplin. Oder der gelassenen Björk, CocoRosie nach dem Mittagsschlaf.
Wenn etwas an diesen Liedern kindlich ist, dann der Raum, den Mona Steinwidder schafft. Sie sitzt in der Höhle unter ihrem Hochbett, versunken spielt sie mit den Holzautos, den Puppen, der Eisenbahn. Und hinter den kleinen Augen toben die Kindergedanken, die naiven Ängste, die maßlosen Träume, meist alles auf einmal. So klingt die Musik, so klingen die Texte.
In Muscles mögen es die wilden Kerle sein, die die Träume der jungen Mona heimsuchten: “They won’t disappear, they won’t leave. Their hands can’t touch, their lungs can’t breath. No heartbeat, no voice, no eyes with an iris inside”, singt sie. Wer kennt dieses beängstigende Geschöpf nicht? Und das Kind beobachtet die Drachen. Wie hoch sie fliegen – und wann sie wohl abstürzen? Die Söhne werden immer größer, die Töchter halten die Luft an. Eindeutigkeit? Gibt es hier nicht.
1985-1994 zeichnet kein vollständiges Bild einer frühen Kindheit, wie sollte das auch gehen. Viele dieser kleinen Erinnerungen sind universell, weniges autobiografisch. Es sind nicht die Geräusche, die Gerüche und Gefühle der Kindheit, die Mona Steinwidder vertont, es ist die Uneindeutigkeit und Gleichzeitigkeit der Stimmungen, das kindliche Schwanken. Das Weinen ist dem Lachen nicht fern.
Mona Steinwidder ist übrigens nicht nur Mohna. Sie ist auch Keyboarderin und Sängerin von Me Succeeds, einer erfrischenden Indiepopband. Und sie ist bildende Künstlerin. Kürzlich illustrierte sie Marco Zimmers Kinderbuch Hugo der Heimliche, gab Mäusen und Marienkäfern, Wollzwergschweinen und Katzen kritzelige Körper.
“1985-1994″ von Mohna ist auf CD und LP erschienen bei Sunday Service/Indigo.
Und wieder hallt die feine Stimme einer Skandinavierin zu uns herüber: Kristina Kristoffersen macht mit ihrer Band Spurv Laerke ergreifenden Pop.

Kristina Kristoffersen und ihre Band Spurv Laerke (© Hazelwood)
Warum so viele populäre Rockbands aus Skandinavien kommen, ist nicht einmal mit der übungsraumfreundlichen Mitternachtssonne zu erklären. Warum die Polkappennähe allerdings so viele weibliche Glasstimmen heranwachsen lässt, ist da schon deutbarer: Island, Dänemark, Schweden, Norwegen verleihen ihren Sängerinnen offenbar eine besondere Kombination aus robuster Zartheit, die – wie es stereotyp beschrieben wird – zwischen Elfe und Wikinger umhergeistert.
So ist Kristina Kristoffersen beileibe nicht das einzige Feenwesen nordischer Popmusik, aber ein besonders glitzernder Stern, Sternenstaub fast. Eine Rothaarige in Märchenwaldklamotten, die Gefühle und Fantasie so spielerisch schön, so herzergreifend verspielt in Gesang verwandelt, dass einem all die Fjordsagen mit einem Mal wie Tatsachenberichte erscheinen. Gibt es das überhaupt, dieses Zwischenweltliche, schmetterlingshaft Schimmernde, diesen Zauber da oben? Gibt es. Und Kristina Kristoffersens Band Spurv Laerke instrumentiert dies.
Auf ihrem Debütalbum On The Brink Of The Big Otter schafft das dänisch-deutsch-amerikanisch-britische Konglomerat einen verstiegenen Zuckerwattenpop, der oft haarscharf die Grenze zur süßen Übersättigung streift, am Ende aber doch die Balance zur Sachlichkeit wahrt. Es ein beschwingtes Novemberalbum gegen Depressionen. Hier ein bisschen A-ha, dort U2, schmeichelnde Streicher, treibende Britpopgitarren. Und darüber, darunter, darin Kristina Kristoffersens variantenreich geflötete Wortkaskaden.
Jauchzet, jubelt und frohlocket! Es klingt wie ein einziger Ruf nach Frühling, den sie da ausstößt. Als preise sie das Liebreizende, Glänzende, Schöne im Leben, Lieder wie aus der Puppenstube. Doch Cinderellas Frauenarzt entpuppt sich als ruppiger Stalker im spannenden Doctor’s Tale. Liebe wird bisweilen zu einer explizit körperlichen Angelegenheit, wie in Do That. Und überhaupt wummert da manch psychotischer Mollton unter den Engelszungen.
Das macht Spurv Laerke so unberechenbar. Und wenn auch der Bandnamen irgendetwas mit “Spatz” bedeutet, ist ihr Erstlingswerk doch weit mehr als bloßes Vögelgezwitscher. Kristina Kristoffersen und ihre erfahrenen Berufsmusiker Niklas Kleber (Gitarre), Robert Fischer (Schlagzeug) und Dave Stephens (Bass) verstören mit jedem Refrain, jedem Riff, jedem Arrangement – nicht, weil alles im Detail so sperrig daherkäme, sondern dank einer erstaunlichen Bandbreite in jedem einzelnen Stück.
Man darf sich nie sicher sein. Schon Rainbow Colored Shoes zappelt zum Auftakt dreieinhalb Minuten von fast tonlosem Sprechgesang über verzücktes Hauchen in höchste Tonlagen und liefert sich dazu Duelle mit Glockenspiel, Raumschiffkommandobrückenakustik und konventionell verabreichten Saiteninstrumenten. Dazwischen viele, viele Tempo-, Stimmungs-, Farbwechsel. Bis man sich zu Tokyo Lights kurz vor Schluss gar im düsteren Soundtrack eines Endzeitfilms wähnt. Nichts hat Halt, nichts verweilt lange genug im Ohr, um einen Stil zu prägen, alles ist – pardon: im Fluss. Nur die Stimme hat Bestand. Kristina Kristoffersen. Zu skandinavisch, um einfach nur schön zu sein.
“On The Brink Of The Big Otter” von Spurv Laerke ist erschienen bei Hazelwood/Indigo.
Morrissey hat sein Album “Maladjusted” von 1997 wiederveröffentlicht – und kurzerhand umgestaltet. So einfach schreibt man die Musikgeschichte um, wenn sie einem nicht gefällt.

© Travis Shinn/Universal Music
Bald mag alles anders sein. Die just erfundene Generation iPod schätze das Album weniger als den einzelnen Download, heißt es. Mit dem Tonträger verschwinde auch das, was ihn einst ausmachte, das Gesamtwerk aus fünf, neun, siebzehn Stücken.
Wer weiß, ob’s stimmt. Noch jedenfalls veröffentlichen die meisten Künstler Alben, noch ist das Album der stärkste Bezugspunkt des Musikmarketings, auch der Presse und vieler Fans. An Alben entlang wurde und wird die Popmusikgeschichte geschrieben: Sgt. Pepper, Never Mind The Bollocks, The Queen Is Dead, Nevermind, OK Computer …
Die Musikgeschichte im Falle von Steven Patrick Morrissey schreibt sich so: Vier Jahre/Alben lang Sänger von The Smiths, dann solo: Viva Hate, Kill Uncle, Your Arsenal, Vauxhall & I, Southpaw Grammar, Maladjusted …
… und an dieser Stelle würde er die Geschichte gern umschreiben. Denn mit Maladjusted war er immer schon unzufrieden, mit dem Äußeren, mit manchem Lied. Erschienen war das Album im Sommer 1997, die Plattenfirma unterließ jegliche Werbung, der Künstler mochte niemanden sprechen.
Vielleicht lag es auch daran: Ein Gericht hatte damals entschieden, dass Morrissey zwei seiner ehemaligen Bandkollegen nachträglich mit einer Million britischer Pfund zu entlohnen hatte. In seiner Wut schrieb er das Stück Sorrow Will Come In The End, eine fiese Rachefantasie: “A court of justice, with no use for truth, lawyer … liar”, sang er – und drohte dem Richter: “Don’t close your eyes, a man who slits throats has time on his hands, and I’m gonna get you.”
Und er wetzt das Messer bis heute. Gerade erschien Maladjusted in einer Neuauflage – und die Hälfte der Erläuterungen zu dieser widmet Morrissey dem damaligen Streit und seinem noch immer währenden Entsetzen über die britische Gerichtsbarkeit. Auf den übrigen Seiten breitet er seine Unzufriedenheit über die Erstauflage von 1997 aus.
Und diesen Worten lässt er Taten folgen: Die Neuauflage unterscheidet sich in beinahe jeder Hinsicht vom Original. Eine neue Hülle hat er sich gestalten lassen, die Anzahl und Reihenfolge der Lieder geändert. Hat sich schon jemand dermaßen brutal an der Musikgeschichte zu schaffen gemacht? An seinem eigenen Werk Morrissey setzt die Brechstange an.
Die Hülle: Damals hockte er unleidig mit gespreizter Jeans vor einem silbernen Hintergrund – heute lehnt er lächelnd an der Hauswand des Alone in London-Hostels in Kings Cross, schick gekleidet und mit Sonnenbrille. Wie amateurhaft die goldenen Buchstaben mit schwarzen Schatten eingesetzt sind. Das ist furchtbar!
Und die Lieder: Elf waren es damals, fünfzehn sind es heute. Er verbannte das etwas einfältige Papa Jack und die wahrhaft blödsinnige Fensterputzerballade Roy’s Keen. Beides kein Verlust. Und dennoch ist die Dreistigkeit erstaunlich, diese kleinen historischen Falten so einfach auszubügeln. Die übrigen neun Lieder waren toll, sie sind es heute noch. Etwa die ohne Schwulst vorgetragene Ballade Ambitious Outsidersy, das melodiöse Alma Matters, oder das im Abgang wütend dröhnende Titelstück.
Morrissey wirbelt sie nun gut durch, allein das Titelstück behält seinen Platz zu Beginn. Darunter mischt er sechs ehemalige Rückseiten von Singles, manche gut, aber nicht alle. Wer die Platte zuvor liebte, wem jeder Übergang vertraut ist, der tut sich schwer beim Neuhören. Nein, das ist nicht richtig so.
Aber man gewöhnt sich dran. Denn Maladjusted war schon damals eine tolle Platte. Morrisseys beste? Möööp! Blasphemie! Natürlich sind alle seine Platten fantastisch, jede hat etwas, was sie liebenswert macht. Maladjusted ihrerseits ist auch deshalb liebenswert, weil Morrissey danach für sieben Jahre untertauchte, und erst im Jahr 2004 mit You Are The Quarry seinen dritten Frühling eröffnete (nach dem ersten mit The Smiths und dem zweiten, einer Dekade des Solowerkelns). Und Maladjusted klingt heute eben liebenswert durch diesen doch arg dröhnenden dritten Frühling.
Die Platte habe eigentlich Ambitious Outsiders heißen sollen, schreibt Morrissey. Erst in letzter Sekunde habe er den Titel geändert, das habe der Stimmung der Band eher entsprochen. Eigentlich nur schlüssig, dass der alte Querkopf Morrissey den Titel Maladjusted – unangepasst – anlässlich der Neuauflage nicht auch geändert hat.
“Maladjusted” von Morrissey erschien zuerst im Jahr 1997 auf CD und LP bei Mercury. Die Neuauflage wurde jetzt auf CD bei Universal veröffentlicht.

Das Hamburger House-Label Smallville hat eine fiktive Kleinstadt geschaffen, in der alle Welt klönt, Tee trinkt und anschließend tanzt. Bis ganz plötzlich ein neuer Tag beginnt.

Mal über Musik reden: Vor dem Plattenladen auf St. Pauli (© Smallville)
Kleinstädte haben es wahrlich nicht leicht. Ständig sind sie Vorurteilen ausgesetzt. Eines der gängigsten lautet: Sie miefen und sind bevölkert von piefigen Menschen. Verbreitet ist es vor allem unter piefigen Großstädtern.
Es geht allerdings auch anders: In Hamburg gibt es seit etwa vier Jahren einen Plattenladen, der die Sympathie für Kleinstädte bereits im Namen trägt. Er heißt Smallville und liegt mitten in einem innerstädtischen Dorf namens St. Pauli, in einer Seitenstraße der Reeperbahn. Betrieben wird er von Julius Steinhoff, Just von Ahlefeld alias DJ Dionne und Peter Kersten, in der House- und Techno-Szene unter den Namen Lawrence und Sten bekannt.
Die Atmosphäre im Laden ist nicht miefig und piefig, sondern auf eine angenehme Weise schluffig. Den Besuchern von Smallville geht es häufig um mehr als nur das Stöbern nach neuen Platten: Viele schauen auch zum Klönen, Abwarten und Teetrinken vorbei. So ergeben sich Bekanntschaften, es entwickeln sich musikalische Ideen, und mitunter werden diese Ideen dann auf Vinyl gepresst und auf dem hauseigenen Label Smallville Records veröffentlicht.
Die Gründung der Plattenfirma im Jahr 2006 sei eine logische Folge des kreativen Rumhängens im Laden gewesen, sagt Julius Steinhoff. Das Motto klingt so luxuriös wie einfach, es entspricht dem Credo des sechs Jahre älteren Schwesterlabels Dial: Gemacht wird, was gefällt. In den Wandregalen des Ladens erkennt man die Smallville-Platten den den windschiefen Zeichnungen des Hamburger Künstlers Stefan Marx schon von weitem. Marx gestaltet auch die Flyer für die regelmäßigen Smallville-Partys und bemalt die großflächigen Ladenfenster – wäre Smallville ein profitorientiertes Unternehmen, man würde wohl von Corporate Design sprechen.

Platten, schön und aufgeräumt (© Smallville)
Zwei Alben und 16 Vinyl-Maxis umfasst der Katalog des Labels mittlerweile, die zehn neuesten Stücke sind auf And Suddenly It’s Morning versammelt. Unaufgeregt pochen, pumpen oder gleiten sie vor sich hin, ohne großes Auf und Ab, frei von Kraftmeierei. Mal beziehen sie ihren Reiz aus dem subtilen Aufschichten kleiner Verspultheiten, wie im Falle von Lowtecs Meandyou.dub, dann wieder, etwa in Our Life With The Wave von Dimi Angélis und Jeroen Search, aus dem Spiel mit der Weite des Raumes. Achtzig Minuten lang geht das so. Achtzig Minuten, in deren Verlauf man irgendwann die Zeit vergisst – und am Ende stellt man erstaunt fest, dass sich die Nacht in Smallville dem Ende zuneigt und schon wieder der Morgen anbricht.
Natürlich ist dieses alte Euphorieversprechen von House und Techno auch andernorts schon x-mal eingelöst worden, die Genres werden hier weder neu erfunden noch neu interpretiert. Und doch erzählt And Suddenly It’s Morning eigene Geschichten: von Nächten in Hamburger Clubs wie dem Golden Pudel oder dem Uebel & Gefährlich. Von freundlichen Menschen in einem familiären Plattenladen auf St. Pauli. Und nicht zuletzt auch vom Klang einer Stadt.
Ein typisches Hamburg-Album also?
So einfach ist die Sache dann doch nicht. Schließlich sind etliche der beteiligten Musiker anderswo beheimatet: Lowtec kommt aus Schmalkalden, Move D aus Heidelberg, Sven Tasnadi aus Leipzig, Dimi Angélis und Jeroen Search leben in Amsterdam. Und die musikalischen Spuren führen nicht selten in die Vergangenheit, nach Detroit und Chicago. And Suddenly It’s Morning ist deshalb nirgendwo so recht zu Hause – außer in der fiktiven Kleinstadt, die Julius Steinhoff und Peter Kersten auf dem Fundament ihrer Idee von Gemeinschaft errichtet haben.
Eine typisches Smallville-Album also.
“And Suddenly It’s Morning” ist erschienen bei Smallville Records.
Vorsichtig wie auf Filzpantoffeln setzt das Jazz-Trio um den Pianisten Stefano Bollani seine Akzente: Es hebt den Klang auf eine neue Ebene.

Jesper Bodilsen, Stefano Bollani und Morten Lund (© Robert Lewis/ECM Records)
Das Spiel mit Spannungszuständen, mit Aufladung und Entladung, das im Kern der Improvisationskultur des Jazz steht – nirgends tritt es deutlicher zutage als im Trio, das längst zu einer der bevorzugten Konstellationen aktueller improvisierter Musik geworden ist.
Das kleine Format funktioniert wie eine Lupe: Es vergrößert die Wirkung jedes einzelnen Tones und ermöglicht es den beteiligten Musikern, mit Nuancierungen im Detail große Wirkung im Ganzen zu erzielen. Jeder Ton zählt, verschiebt Gewichte, geht auf Konfrontationskurs zu anderen oder schließt Allianzen, setzt Energie frei oder saugt sie auf.
Im Trio mit dem Bassisten Jesper Bodilsen und dem Schlagzeuger Morten Lund nutzt der Pianist Stefano Bollani diese Zusammenhänge sehr bewusst. Vorsichtig wie auf Filzpantoffeln setzen die drei ihre Akzente, hören aufeinander und warten, bis sie sensibel und präzise, mit spürbarem Respekt für den Nebenmann und das große Ganze und in aller Zurückhaltung umso wirkungsvoller, ins Geschehen eingreifen. Eine Akkordbrechung reicht, um dem gemeinsamen Spiel eine neue Richtung zu geben, ein verlagertes Rhythmusmuster von Lunds Schlagzeug oder eine Melodielinie, die Bodilsen seinen Bass im Keller singen lässt.
Alle Rollen in diesem Spiel sind Verhandlungsgegenstand, verflüssigen sich hier und verdichten sich dort in neuen Konstellationen. Ausgehend von einer gemeinsamen Sprache, die melancholische Wendungen im Klanggewand der Romantik höher schätzt als blau getönte Floskeln und die expressive Erregung einer klassisch geschulten Klangbildung unterordnet, entwickeln die drei Musiker ihre polyglotte Form der improvisierten Polyphonie, für die Kontinente und Kategorien ihre strukturierende Kraft verloren haben.
Nur das Spiel mit Spannungsverläufen und Kräfteverhältnissen bleibt hier unangetastet, ein Spiel, das diese drei jungen europäischen Ästheten des akustischen Klanges auf eine neue Ebene heben.
“Stone In The Water” von Stefano Bollani, Jesper Bodilsen, Morten Lund ist erschienen bei ECM/Universal.
Dieser Text ist abgedruckt in der ZEIT Nr. 46/2009.
Die hessische Gruppe Pillow Fight Club hat ein Manifest musikalischer Schönheit vorgelegt: Ihr Album “About Face And Other Constants” ist schlüssig, aber nicht zu gefällig. [weiter...]
Über die Jahre (58): Kraftwerk haben all ihre Alben technisch überarbeitet. Erstaunlich, dass ausgerechnet die Pioniere der elektronischen Musik so spät im digitalen Zeitalter ankommen.
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So schön kann das Seichte klingen: Mary Roos, die Schlagertante von Bingen, hat in den Siebzigern mit ihren Chansons die Franzosen beglückt. Sehr hörenswert!
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Im schwarzen Actionfilm der Siebziger spielte die Musik eine wichtige Rolle. Eine Kompilation erinnert an die Helden des Soundtracks wie Isaac Hayes oder Quincy Jones.
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Was klingt eigentlich so anders an türkischem Pop? Und welche Spielarten schmeicheln dem westlichen Ohr? Die Kompilation “Beyond Istanbul 2″ erweitert den Horizont.
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