Tonträger

Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Schwestern in Ekstase

Von 22. Mai 2013 um 08:21 Uhr

CocoRosie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Auf ihrem Kinderspielplatz ist ganz viel Liebe verbuddelt. Jetzt kann man sogar drauf tanzen.

© Rodrigo Jardon

© Rodrigo Jardon

Bloß nicht erwachsen werden, immer Kind bleiben. So will es Peter Pan, der Junge, der fliegen kann, zwischen Piraten und Wunschfeen lebt und mit den lost boys seine Spielchen spielt. In einer dunklen, überschminkten, surrealen Welt, zu der CocoRosie die Theatermusik geschrieben haben. Doch Robert Wilsons Inszenierung am Berliner Ensemble scheint nur das passende Vorprogramm für die neue Platte der Schwestern zu sein. Denn die Tales Of A GrassWidow erzählen von einem ganz eigenen Nimmerland voller lost boys und girls.

Ein Waisenkind bekniet eine Totengräberin, ein Loch zu schaufeln. Tief genug, um dort seine Liebe zu verschütten. Damit sie niemand stehlen kann und man immer weiß, wo sie zu finden ist. “Gravediggress dig me a hole I can bury, all of my love in, all of my holy“, singt Bianca Casady, ihre Schwester Sierra antwortet, die Stimmen werden eins, schweben davon wie verlorene Seelen.

Schwestern auch im Geiste scheinen die Casadys zu sein, doch liegt die Faszination ihrer musikalischen Zusammenarbeit vor allem in der Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere. Da ist Bianca, die wilde New Yorkerin, die gern mal in Baggypants rappt, und da ist Sierra, die nach Paris auswanderte und als Gesangsstudentin Opernarien schmetterte. Zusammen gelten sie seit ihrem Debüt La Maison de Mon Rêve als Heldinnen des Weird und Queer Folk. Und als Freundinnen von Kinderspielzeug, das sie zum Musikmachen genauso gern verwenden wie eine Popcornmaschine oder ihren Föhn.

Auf ihrem fünften Album nähern sich die Künstlerinnen, die von Popoper über Tanztheater bis zur Ausstellung schon alles veranstalteten, nun den Rhythmen dunkler Nächte. Geradezu tanzbar boxt der Beatboxer Tez hier die Beats, der Produzent Valgeir Sigurðsson lässt bisweilen die elektronischen Maschinen durchklingen. Nicht ohne Harfe, Flöte, Klavier und Gitarre als stimmungsvolle Instrumente zu belassen.

CocoRosie – After the Afterlife

Tales Of A GrassWidow ist wohl das poppigste und eingängigste Album von CocoRosie geworden. Das ist in ihrem Kosmos aber keineswegs gleichbedeutend mit Banalität, sondern thematisiert vielmehr Tod, Einsamkeit oder die Frage nach dem Wohin – eindringlich, mit Beats untermalt. Das klingt mal nach Weinen auf dem Kinderspielplatz, mal nach dem Rauschen beim Tiefseetauchen und auf dem Hiddentrack gar nach durchtanzter Nacht im Technoschuppen. Oder auch einfach nach “transformativer Ekstase im Angesicht von Nachlässigkeit”, wie die Musikerinnen ihr Leitmotiv selbst beschreiben. Was auch immer sie damit meinen, dieser Ekstase kann man sich getrost hingeben. Zum Beispiel wenn ihr Kumpel Antony Hegarty in Tears for Animals der Mutter Natur seine sehnsuchtsvolle Stimme leiht, die die Frage stellt: “Do you have love for the human kind?

Ja, CocoRosie haben sie. Eine Liebe für Welten, wo das Gras vor dem Fenster einsamer Mädchen weht, wo Erfüllung in Gesprächen mit Spatzen liegt. Welten, in denen man trotz aller Einsamkeit immer Kind bleiben will. Und Spielchen spielen mit den lost girls.

“Tales Of A Grass Widow” von CocoRosie ist erschienen bei City Slang.

Kategorien: Pop

Der kleine Betrug am Hören

Von 17. Mai 2013 um 14:51 Uhr

Ist das bloß wieder Debattenstoff für Dubstep-Nerds? Mount Kimbie bringen das Beste aus Pop und Techno zusammen und machen die Suche nach dem Beat zum Erlebnis.

© Chris Rhodes

© Chris Rhodes

Es liegt ein Rascheln und Rauschen in der Luft, ein Flirren und ein Sirren, wenn Mount Kimbie ihre komplexen Klangkaskaden aus den Boxen wedeln wie weißes Rauschen in den Kopf. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Man fühlt sich durchdrungen

Von 15. Mai 2013 um 10:15 Uhr

The National sind immer ein bisschen besser als erwartet. Auf dem neuen Album “Trouble Will Find Me” findet der großartige Sänger Matt Berninger ganz zu sich selbst.

© Deirdre O'Callaghan

© Deirdre O’Callaghan

Plattencover sind oft ziemlich selbstgefällig. Weitgehend abgekoppelt vom musikalischen Inhalt, transportieren sie vielleicht einen verbrämten Gestus der Künstler dahinter, das artifizielle Konzentrat dessen, was der gewünschten Aura entspricht, im Idealfall gar einen Link ins Genre, wovon all die Monster im Metal ebenso zeugen wie Autos, Weiber und Bling Bling im Rap. Visueller Austausch mit dem Akustischen jedoch, eine Art Interaktion zwischen Bild und Ton ist – zumal im Zeitalter von CD und Download – überaus selten. Umso mehr lohnt sich ein Blick aufs neue Cover von The National.

Auf Trouble Will Find Me nämlich steckt eine Frau ihren Kopf rücklings halb durch eine Spiegelwand und blickt uns linkisch mit einem Auge an, kaum spürbar, aber durchdringend wie die gesamte Kameraüberwachung am JFK-Airport. Die Farbe ist Schwarzweiß, das Ambiente düster, der gekachelte Raum kühl, fast klinisch, man fühlt sich nicht nur beobachtet, man fühlt sich durchdrungen, ohne genau zu wissen, warum. So in etwa funktioniert auch das Indierock-Quintett aus New York, so funktioniert erst recht ihr sechstes Studioalbum.

Denn mehr noch als auf den fünf vorherigen, mehr auch als auf Alligator von 2003, dass in kaum einer Liste der besten Alben des Jahrhunderts fehlt, oder High Violet, kommerziell am erfolgreichsten, dringt Trouble Will Find Me irgendwie aus dem Unsichtbaren ins Gehirn, macht sich dort breit, verschwindet wieder, hinterlässt aber Spuren wie auf einem Kontrollvideo in der Abflughalle. Und das liegt aufs Neue an Matt Berninger – dem Gründer, Kopf, Gesang von The National.

Seine weiche, hintergründige Stimme, gern ehrfürchtig als Bariton umschrieben, gräbt sich Stück für Stück tiefer ins Gemüt, um nach dem 13. wie ein wohlschmeckendes Mahl in einem höchst befriedigten Magen zu hocken und dort zu bleiben, bis der Hunger wiederkehrt. In I Should Live In Salt zum Auftakt schafft er das noch mit der lässigen Nonchalance eines Bryan Ferry, im nachfolgenden Demons verfällt der Text in den erzählerischen Duktus von Lou Reed, spätestens im wunderschönen Don’t Swallow The Cap aber landet Matt Berninger völlig bei sich selbst, dieser unvergleichlichen Fähigkeit, subkutan zu klingen und doch vordergründig, zurückhaltend und dabei ungeheuer präsent.

Das dringt um die Ecke ins Herz wie der Blick auf dem Cover, es erwischt einen beim Zuhören genau in dem Moment, da man denkt, das sei bloß eine weitere Popband mit Niveau von der Westküste, gefällig, aber durchhörbar wie Adam Green mit all den Klavierflöckchen, dem reduzierten Schlagzeug, seltenen, doch unerlässlichen Gitarrensoli, dieser geschmeidigen Gesamtkonstruktion. Dann aber kommt irgendwann gen Ende das traumwandlerische Slipped, Berninger erzählt uns darin “I’ll be a friend, a fuck, an everything / but I’ll never be, I think / you ever want me to be” und behält recht: The National sind von Singer-Songwritern über Poptitanen bis Alternativerockern und Schnulzenschreibern alles Mögliche, nur nicht das, was zu erwarten wäre. Sondern immer ein bisschen besser.

“Trouble Will Find Me” von The National ist erschienen bei 4AD.

Kategorien: Pop

R’n'B voller Geigen

Von 13. Mai 2013 um 08:53 Uhr

Tolliver müsste er heißen: Marques Toliver hätte ein L mehr verdient. Endlich erscheint sein Debütalbum, auf dem sich Klassik und Soul auf einzigartige Weise mischen.

© Universal Music

© Universal Music

Ein Allroundtalent! Marques Toliver ist Geigenvirtuose, Songwriter und begnadeter Soulsänger. Er modelt, schauspielert in Musikvideos und hat ein Ästhetikmagazin gegründet, das laut eigener Aussage “das Sinnliche in Kunst, Literatur und Leben feiert”. Er ist 26 Jahre alt. Und er will der nächste Quincy Jones werden.

Aufgewachsen ist Toliver, wo amerikanische Studenten früher ihr Spring Break verbrachten. In Daytona Beach, Florida, kommt er früh mit Gospel und Klassik in Kontakt. Seine Großmutter spielt die Kirchenorgel und Toliver singt dazu. Er lernt Violine nach der Suzuki-Methode, studiert Musik, liebäugelt mit der Lehrerlaufbahn. Ein Trip nach New York erweitert seinen Horizont. Toliver wird zum Bohemien, schläft auf Sofas, musiziert im Central Park und im hippen Williamsburg. Seit ihn Kyp Malone von TV on the Radio dort entdeckt hat, geht es steil bergauf.

Der junge Mann scheint alles richtig zu machen. Er zieht nach London, spielt auf den Straßen des East End. Und auch hier lacht ihm das Glück: Adele lobt ihn öffentlich, es folgt ein Plattenvertrag und ein Auftritt bei Later… with Jools Holland. Wobei Glück das falsche Wort ist. In der Werbesprache würde man sagen, es liegt an seinem Unique Selling Point: der seltenen Kombination aus Klassik und R’n'B. Wer kennt schon jemanden, der Geige spielt wie ein junger Gott und dazu singt wie Stevie Wonder?

Er ist beeinflusst von Luther Vandross und Destiny’s Child genauso wie von Bach und Yehudi Menuhin. Diese Verschränkung zweier Welten macht denn auch den Reiz dieses Debüts aus. Nur für einen Song lässt er seine Geige mal im Kasten. Das Album beginnt mit gospeligem Fingerschnippen, Klavier, Schlagzeug und anschwellenden Violinen, die entfernt an Papa Was a Rollin’ Stone erinnern. Tolivers Gesang – etwas D’Angelo, etwas John Legend – ist makellos. Und dazu wandelbar: Was sich wie Backgroundsänger oder eine Frauenstimme anhört, ist immer Toliver selbst.

Manchmal jedoch heben sich die einzeln prächtig klingenden Instrumente und Stimmen in ihrer Wirkung gegenseitig auf. Aber vielleicht ist man es einfach nicht gewohnt, dass in einer Soul-Nummer der Himmel voller Geigen hängt. Versteht sich von selbst, dass dieser Alleskönner auch Gitarre, Keyboard, Cello und die Autoharp beherrscht. Gar ein folkiges Instrumentalstück gelingt ihm: Im wunderbaren Repetition bezaubert er allein mit Geige und Klavier.

Beruhigend, dass die zweite Hälfte des Debüts nicht perfekt ist. Oder besser: zu perfekt. Man hört, wie er alles richtig machen, jeden Ton an der optimalen Stelle platzieren möchte. Auf technischer Ebene zweifellos beeindruckend, doch kommt es zuweilen etwas kühl daher. Richtig mitreißende Hooks sind nicht dabei und etwas weniger Vorhersehbarkeit hätte manchem Stück gut getan. Ein romantischer Song muss nicht nach rosa Zuckerwatte klingen. Zudem sollte sich ein R’n'B-Musiker nie mit dem Prince of Soul messen und Ain’t No Mountain High Enough anstimmen. Aber angesichts so großen Talents spricht hier wohl nur der Neid.

“Land Of CanAan” von Marques Toliver ist erschienen bei Cooperative Music/Universal.

Kategorien: Pop, R'n'B, Soul

Köstliches musikalisches Schnöseltum

Von 10. Mai 2013 um 10:27 Uhr

Sportlich, wer alle Referenzen auf dem dritten Album von Vampire Weekend entschlüsseln will. Trotz allen Tamtams klingt die Band aber immer noch einzigartig.

© XL Recordings

© XL Recordings

Ganz schöne Schlaumeier, diese Jungs. Einen regelrechten Wirbelsturm an Ratespielchen und Witzeleien haben Vampire Weekend um ihr neues Album Modern Vampires Of The City entfesselt. Schon vor Monaten bombardierten sie die sozialen Medien mit dem Kürzel MVOTC. Weiter…

Kategorien: Pop

Pinkes Haar, stahlblauer Sound

Von 8. Mai 2013 um 09:36 Uhr

Mehr als das übliche Dreamchillwaveblabla: Das New Yorker Duo MS MR richtet sich seiner kühlen Nische ein und könnte doch jederzeit Lana Del Rey aus den Charts schubsen.

© Shervin Lainez

© Shervin Lainez

Das Revival der achtziger Jahre hat zu einigen Kollateralschäden geführt. Die Rückkehr des Stulpenstiefels und der Tennissocke in die Alltagsmode gehören zu den eher unangenehmen Folgen, die Wiederkunft des unterkühlten Pathos in die Popmusik aber darf man als begrüßenswert einschätzen. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Den Schellenkranz weglegen? Pah.

Von 6. Mai 2013 um 09:00 Uhr

Sonnenstrahlen sind da keine. Der Pop von Deerhunter leuchtet trotzdem grell und taumelt zwischen pompösen Melodien und ausgelassenem Krach.

© Beggars

© Beggars

Zuletzt waren Deerhunter aus Atlanta richtig erfolgreich. Vor knapp drei Jahren erschien Halcyon Digest, ein charmant melodieberstendes Album, darauf hatten sich sogar eineinviertel kleine Hits namens Revival und Memory Boy versteckt. Weiter…

Kategorien: Folk, Pop

Von Landeiern zu Partykanonen

Von 3. Mai 2013 um 09:43 Uhr

Sie kennen Gernot Bronsert und Sebastian Szary nicht? Als Modeselektor spielen sie im Ausland vor Zehntausenden. Ein neuer Film dokumentiert ihren Aufstieg aus dem Berliner Speckgürtel.

© Monkeytown Records

© Monkeytown Records

Um einen Film über sich selbst drehen zu lassen, muss man wahrscheinlich ein klein wenig größenwahnsinnig sein. Damit ein solcher Film aber nicht zu einer peinlichen Bauchpinselei gerät, müssten die Auftraggeber wiederum ziemlich bodenständige, sympathische und herzensgut normale Menschen geblieben sein. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Techno

Hymnen für Hackney

Von 2. Mai 2013 um 11:30 Uhr

Die Konzerte der Londoner Band Rudimental sind riesige Partys. Ihr Debütalbum “Home” liefert dazu die passende Musik – ein Querschnitt durch Drum’n'Bass, Soul und Garage.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Jugendliche werfen Molotowcocktails, legen Brände, plündern Geschäfte: Heftige Unruhen erschüttern London im August 2011. Weiter…

Kategorien: Dub, Elektronika, Pop, Soul

Disco mit drei Ausrufezeichen

Von 29. April 2013 um 08:24 Uhr

Diese Band hat sich jedes ihrer !!! verdient: Besser als das amerikanische Mash-Up-Kollektiv kann man die Tanzmusik der vergangenen Jahrzehnte nicht zusammenlöten.

© Andrew Youssef

© Andrew Youssef

Lässig, lässiger, Thr!!!er, mit drei Ausrufezeichen, versteht sich. Seit knapp zwei Jahrzehnten schon gibt es die amerikanische Undergroundband mit dem absurden Namen !!!, der lautmalerisch angeblich Chk Chk Chk bedeutet Weiter…

Kategorien: Elektronika, Funk