Mario Draghi versteht die Ökonomie nicht mehr

Mit den aktuellen Zuwachsraten des realen BIP war der Chef der EZB bei der Pressekonferenz am Donnerstag zufrieden, auch mit den Fortschritten am Arbeitsmarkt, und damit, dass das Risiko einer Deflation nicht mehr bestehe. Er schreibt diese Erfolge nicht zuletzt der expansiven Geldpolitik zu, also sich, versteht aber nicht, warum die Inflation nicht richtig anspringt. Wie kann die Wirtschaft boomen, ohne gleichzeitig Löhne und Preise in die Höhe zu treiben? Weiter„Mario Draghi versteht die Ökonomie nicht mehr“

 

Deutsche Wirtschaft: kurzfristig läuft’s, längerfristig angeblich nicht

Was die längerfristigen Prognosen des Internationalen Währungsfonds betrifft, kann ich immer nur staunen. Am 7. Juli gab es die neueste Version: Danach wird der deutsche Konjunkturaufschwung auf kurze Sicht weitergehen. Das reale BIP dürfte 2017 gegenüber 2016 um 1,8 Prozent expandieren, im Jahr danach um 1,6 Prozent, mit der Folge, dass die ohnehin schon positive (!) Outputlücke weiter zunimmt, wodurch dann endlich auch die Rate der Kerninflation steigt. Sie liegt, wie der IWF verwundert anmerkt, trotz der hohen und steigenden gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung, rekordniedriger Arbeitslosigkeit und der vielen offenen Stellen stabil bei nur etwa ein Prozent – die Löhne reagieren bisher nicht wie gewohnt auf die günstige Situation am Arbeitsmarkt. Von 1999, als der Euro eingeführt wurde, bis heute sind die realen durchschnittlichen Tarifverdienste nur um jährlich 0,6 Prozent gestiegen! Weiter„Deutsche Wirtschaft: kurzfristig läuft’s, längerfristig angeblich nicht“

 

Die Erneuerbaren schaden dem Klima

Nein, so schlimm ist es natürlich nicht. Die Aussage stimmt nur indirekt: Weil die Kosten der Stromproduktion auf der Basis von Wind und Sonne seit Jahren dramatisch sinken und nicht abzusehen ist, dass dieser Prozess demnächst an sein Ende kommt, fallen auch die Preise von Erdöl, Gas und Kohle. Da zudem vor allem in Nordamerika durch neue Verfahren zusätzliche Öl- und Gasreserven erschlossen wurden, ist es am Weltmarkt zu einem strukturellen Überangebot fossiler Brennstoffe gekommen. Das wiederum führt dazu, dass es weniger Anreize gibt, sparsam mit ihnen umzugehen und die Energieeffizienz zu steigern. Die Leute kaufen wieder größere Autos, fliegen mehr als jemals zuvor und sparen weniger an der Heizung ihrer Häuser. Da die Ausgaben für Energie einen so großen Anteil an ihren Budgets haben, erhöht sich das real verfügbare Einkommen und mit ihm die Konsumnachfrage nach anderen Gütern und Dienstleistungen. Selbst in Deutschland ist der private Verbrauch nicht zuletzt aus diesem Grund neuerdings zu einem Konjunkturmotor geworden. Weiter„Die Erneuerbaren schaden dem Klima“

 

Gefährliche Ruhe an den Märkten

In meinem neuen Investment Outlook argumentiere ich, dass wichtige Märkte zurzeit nicht im Gleichgewicht sind und daher eine Korrektur ansteht, vermutlich sogar eine größere.

Der Grund für die Gelassenheit und den weit verbreiteten Optimismus, der sich in den aktuellen Kursen widerspiegelt, ist die Politik der Notenbanken: Sie dürfte expansiv bleiben. Das gilt selbst für die Fed. Weil die Lohninflation in den Industrieländern nicht anspringen will, ist das Risiko gering, dass die Inflation auf der Verbraucherstufe außer Kontrolle geraten könnte. Was ist mit den Löhnen los? Zum Einen sehen wir einen Trend zu einem international integrierten Arbeitsmarkt, auf dem die niedrigen Löhne in Schwellenländern wie China und Indien das Ausmaß der Lohnerhöhungen in den reichen Ländern mitbestimmen. Zum Anderen hat sich das Wachstum der Produktivität in der OECD stark abgeschwächt – Löhne hängen aber nicht zuletzt davon ab, wie langsam oder rasch diese zunimmt.

Aber auch wenn die EZB und die Fed weiter Gas geben, kann es zu starken Kursverlusten an den Kapitalmärkten kommen. Ich versuche im Text herauszufinden, was die Auslöser sein könnten. Manchmal kommt es zu einer Rezession, weil der Aufschwung in die Jahre gekommen ist und so viel investiert wurde, dass ab einem bestimmten Punkt die Grenzerträge unter die Finanzierungskosten fallen. Das ist aber nicht zu erkennen. Alle offiziellen Wachstumsprognosen sind zunehmend positiv. Insbesondere China scheint nichts von seiner Dynamik einzubüßen und bleibt die Wachstumslokomotive der Welt.

Eine Ölkrise ist ebenfalls nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, da es ein Überangebot an Erdöl gibt, sind dessen Preise tendenziell rückläufig, was wiederum für die Nettoimporteure einen Anstieg der real verfügbaren Einkommen bedeutet und ihre Wirtschaft stimuliert.

Übertreibungen, und damit Risiken, gibt es sicher auf den Bondmärkten. Die Renditen liegen nominal und real weit unter „normal“. Warum das so ist? Die Zentralbanken haben zum Einen einen großen Teil der Papiere vom Markt genommen und halten die Refinanzierungskosten auf einem historisch niedrigen Niveau. Andererseits parken die Anleger Mittel, die sie durch Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten realisiert haben, gerne auf vermeintlich sicheren Bondmärkten und treiben damit dort die Renditen in den Keller. Solange Löhne und Verbraucherpreise nicht stärker anziehen und die Notenbanken bei ihrer expansiven Linie bleiben, wird es an den Bondmärkten ruhig bleiben.

Ich halte die amerikanischen Aktienmärkte, die mit Abstand größten der Welt, für das wichtigste Risiko. Das Kurs-Buchwertverhältnis des S&P 500-Index liegt bei 3,1, das KGV bei 18,8 und die Dividendenrendite bei mickrigen 2,0 Prozent. Hinzu kommt, dass die Kurse ihr Niveau von vor der Finanzkrise inzwischen schon wieder um 60 Prozent übertreffen. Hier wartet eine Blase darauf zu platzen. Die Aktienmärkte Eurolands, Chinas und Japans sind für sich genommen weniger gefährdet, würden aber zweifellos mit in den Strudel gezogen, wenn es in Amerika zu einem Crash kommt.

Was die Wechselkurse angeht, stehen die Zeichen auf Euroaufwertung und Dollarabwertung. Noch hat sich in dieser Hinsicht nicht viel getan. Hoffen wir mit Mario Draghi, dass es dabei für eine Weile bleibt. Der unterbewertete Euro ist genau die richtige Medizin: Er stimuliert die Wirtschaft und erhöht tendenziell die europäische Inflationsrate.

Die ausführliche Analyse der aktuellen Risiken für Aktien, Bonds und Wechselkurse finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – „Deceptively calm markets“, June 2017*) (pdf, 590 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

 

EZB bereitet Kurswechsel vor – wie Anleger und Schuldner reagieren können

Auf seiner letzten Pressekonferenz am 27. April hatte Mario Draghi keinen Zweifel daran gelassen, dass es für lange Zeit nichts werden würde mit Zinserhöhungen: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass (die Leitzinsen) für eine längere Zeit und weit über den Zeithorizont unseres Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden“, sagte er. Der Zentralbankrat möchte sichergehen, dass sich die Inflation nachhaltig bei ihrem Zielwert von knapp zwei Prozent einpendelt. Der Inflationsdruck sei im Augenblick noch nicht stark genug, sagte Draghi, und es gebe keine Alternative zu der sehr expansiven Geldpolitik.

Das ist eindeutig. Es könnte aber auch einfach nur ein Pfeifen im Wald sein. Weiter„EZB bereitet Kurswechsel vor – wie Anleger und Schuldner reagieren können“

 

Warum die Löhne nicht steigen

In den vergangenen Jahren haben wir so etwas wie ein Beschäftigungswunder erlebt, aber die Reallöhne haben darauf fast gar nicht reagiert. Es gibt genügend neue Jobs, aber von Lohninflation kann keine Rede sein. Was ist da los? Und wird das so weitergehen? Danach sieht es in der Tat aus, denn der Druck auf die deutschen Löhne dürfte durch die immer intensivere internationale Arbeitsteilung und die gewaltigen Niveauunterschiede mindestens noch zehn Jahre lang anhalten, jedenfalls solange die Grenzen offenbleiben und nicht deutlich mehr investiert wird – und solange für die Gewerkschaften Jobsicherheit wichtiger ist als höhere Löhne. Weiter„Warum die Löhne nicht steigen“

 

Frankreich braucht die Hilfe Deutschlands

Am 23. April, in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, haben 41 Prozent für Le Pen und Mélenchon gestimmt – und damit für Programme, die die Aufgabe des Euro und den „Frexit“ enthalten. Zwar dürfte der pro-europäische Macron an diesem Sonntag das Rennen für sich entscheiden, wenn es ihm aber nicht gelingt, die französische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen und die Abgehängten in den Mainstream zu integrieren, würde ein Wahlsieg der extremen Rechten im Jahr 2022 niemanden mehr überraschen. Es wäre das Ende des europäischen Projekts. Weiter„Frankreich braucht die Hilfe Deutschlands“

 

Warum die Lohnquote ständig sinkt

Im neuen World Economic Outlook des Internationalen Währungsfonds gibt es diesmal ein ausführliches, leider nicht leicht verständliches Kapitel über den rückläufigen Anteil der Löhne am Volkseinkommen sowie, spiegelbildlich, den steigenden Anteil der Einkommen aus Kapital. Das Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Länder, die besonders arbeitgeberfreundlich sind – selbst Schweden ist betroffen, ebenso wie die Schwellenländer. Wichtigste Ursachen sind der technische Fortschritt und die immer intensivere internationale Arbeitsteilung. Weiter„Warum die Lohnquote ständig sinkt“

 

Investment Outlook im April 2017

Beim letzten Investment Outlook im Januar lautete die Überschrift „verkauft Bonds, kauft Aktien“ (sell bonds, buy equities), diesmal wurde daraus „verkauft Bonds, kauft keine Aktien“. Die sind seit Anfang des Jahres an den wichtigsten Märkten um 5 bis 10 Prozent gestiegen und sind inzwischen sehr teuer. Gemessen an den Kurs-Gewinnverhältnissen müssten die Unternehmensgewinne erneut stark steigen, um die aktuellen Bewertungen zu rechtfertigen. Das ist in dieser Spätphase des Aufschwungs nicht realistisch. Außerdem wird die EZB nach dem Sommer allmählich einen Kurswechsel einleiten, also über höhere Leitzinsen zu diskutieren beginnen und so mit einer langen Verzögerung der amerikanischen Notenbank folgen. Steigende Leitzinsen sind Gift für die Aktienmärkte.

Europäische Bonds dürften nach den jüngsten Zahlen für die Verbraucherpreise erst einmal auf der Stelle treten. Noch hat sich der beträchtliche Anstieg der Inflation auf den vorgelagerten Stufen nicht voll auf die Konsumentenpreise ausgewirkt. Da die Kapazitätsauslastung aber weiter zunimmt und die Einfuhrpreise infolge des schwachen Euro kräftig steigen, ist das nur eine Frage der Zeit. Ein Ausverkauf an den Anleihemärkten wird kaum zu vermeiden sein. Bisher liegen die Renditen weit unter dem Niveau, das angesichts des erfreulichen Wirtschaftswachstums und der Inflationsaussichten zu erwarten ist.

Euro und Dollar haben ein symbiotisches Verhältnis. Real und handelsgewogen bewegen sich die Wechselkurse seit Jahrzehnten seitwärts – wenn sie stark vom Mittelwert abweichen, also stark aufgewertet oder abgewertet haben, stellt sich früher oder später eine Korrektur ein. Damit rechne ich erneut: der Euro wird nach seiner jahrelange Schwäche wieder aufwerten, der Dollar abwerten.

Ausführliches zu den Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – „Sell bonds, don’t buy stocks“, April 2017*) (pdf, 713 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

 

Niedrigere Inflationsrate, weniger Druck auf die EZB

Im März ist die Inflationsrate in Deutschland und in der Eurozone insgesamt im Vergleich zum Februar so stark gefallen, dass das Thema „höhere Leitzinsen“ erst einmal vom Tisch ist. Wir sollten uns davon aber nicht zu sehr beeindrucken lassen, denn die Wirtschaft läuft weiterhin ganz gut und auf den vorgelagerten Stufen steckt eine Menge an Inflation – aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Weiter„Niedrigere Inflationsrate, weniger Druck auf die EZB“