So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Autoren Archiv von Dieter Wermuth

Russland: 3 mal 62

Von 17. Dezember 2014 um 10:10 Uhr

Im Spätsommer, als der Ölpreis langsam ins Rutschen kam, behaupteten einige russische Ökonomen, dass sich 62 als die Zahl des Jahres erweisen könnte: Putin feierte im Oktober seinen 62. Geburtstag, der Ölpreis würde auf 62 Dollar fallen, und für einen Dollar wären im Dezember 62 Rubel zu zahlen. Keine schlechte Prognose, und eine mutige zudem. Denn damals kostete ein Fass der Sorte Brent noch 115 Dollar – jetzt sind es 60 Dollar –, während ein Dollar für 33,8 Rubel zu haben war – aktuell sind es 66,5 Rubel (ein Euro kostet heute Vormittag 82,3 Rubel). Das Ganze war eher als Witz gedacht und niemand hatte erwartet, dass es tatsächlich zu einem solchen Preisverfall und einer solchen Abwertung kommen würde. Nun hat die Wirklichkeit zugeschlagen und es ist viel schlimmer gekommen, als die Russen befürchtet hatten. Die Chefin der Notenbank schätzt, dass das reale BIP im nächsten Jahr um 4,25 Prozent zurückgehen dürfte, wenn der Ölpreis bei 60 Dollar bliebe.

Grafik Rohölpreis, Brent. tgl.
Grafik: Rubel/Euro Wechselkurs, tgl.

Leidtragende sind vor allem die russischen Verbraucher: Die Preise für importierte Waren – Autos, Elektronik, Nahrungsmittel, Möbel – haben sich innerhalb eines halben Jahres verdoppelt, die Haushaltseinkommen sind dagegen nur um etwa fünf Prozent gestiegen. Und ein Umsteigen auf Produkte, die im Inland hergestellt werden, ist meist gar nicht möglich, weil die hohen Ölpreise der Vergangenheit verhindert hatten, dass sich eine eigenständige Industrie entwickeln konnte. Im Ausland ließ sich angesichts des festen Rubel und der gewaltigen Exporterlöse alles kaufen, wonach den Russen der Sinn stand. Die einzige bedeutende Ausnahme war und ist die Rüstungsindustrie, aber sie stellt nicht viel von dem her, was die Verbraucher gerne hätten.

Reisen an die Cote d’Azur, nach Thailand oder Goa, in die Schweiz oder die Türkei sind auf einmal unerschwinglich geworden. Die neuen Ziele dürften Krim und Sotschi heißen, wenn überhaupt noch Geld für den Urlaub vorhanden ist. Im Übrigen begünstigen der schwache Rubel und eine Inflationsrate von fast 10 Prozent eine Flucht in ausländische Devisen und russische Immobilien. Inzwischen ist der Leitzins allerdings von 10,5 auf 17 Prozent angehoben worden, so dass einerseits Rubelkonten real sehr attraktiv und andererseits die Finanzierung von Wohnungen und Häusern fast unerschwinglich teuer geworden ist. Beides verstärkt die Rezessionsrisiken. Der Boom am Immobilienmarkt dürfte in Kürze beendet sein.

Für die russische Regierung ist der Verfall des Ölpreises ein Schock. Da etwa die Hälfte der staatlichen Einnahmen an die Energiepreise gekoppelt ist, wird sich ein kleiner Budgetüberschuss rasch in ein gewaltiges Defizit verwandeln und zwingt sie, nicht nur Ausgaben für Investitionen (wie die Southstream-Pipeline) zu streichen, sondern auch für Gehälter und Sozialleistungen. Höhere Sätze bei der Einkommensteuer und den Verbrauchssteuern werden folgen. Bisher bestand der implizite gesellschaftliche Kontrakt darin, dass Putin ungehindert von jeglicher Opposition “durchregieren” konnte und der Bevölkerung dafür im Gegenzug einen ständig steigenden Lebensstandard verschaffte. Damit ist Schluss, wenn Ölpreis und Wechselkurs da bleiben wo sie sind – oder noch weiter fallen. Bisher ist Putin sehr populär und daher ungefährdet. Schrittweise wird sich jetzt aber der Rückgang der Realeinkommen im täglichen Leben bemerkbar machen und sich immer weniger durch patriotische Appelle oder Verschwörungstheorien (“es ist alles ein amerikanisches Komplott”) kompensieren lassen.

Im Grunde sind Abwertung und Ölpreisverfall genau das, was Russland braucht, um sich aus der Abhängigkeit von Rohstoffen zu befreien und die Wirtschaft auf ein breiteres Fundament zu stellen. Auf Dauer ist das extreme Auf und Ab des Wechselkurses, der Aktienmärkte und der Konjunktur, das durch diese Abhängigkeit verursacht wird, nicht förderlich für ein (middle income-) Land, das seinen Wohlstand langfristig deutlich steigern möchte. Je größer die Unsicherheit, desto höher sind die Investitionsprämien – und desto weniger wird investiert. Von den Ausgaben für Kapitalgüter aber hängt das Trendwachstum des realen BIP entscheidend ab. Rohstoffländer zeichnen sich zudem stets durch eine sehr ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen aus – auch das ist eine Wachstumsbremse, wie kürzlich etwa die OECD gezeigt hatte. Russland braucht dringend eine andere Wirtschaftsstruktur. Selten war das so offensichtlich wie zur Zeit. Es ist zu wünschen, dass die Krise in dieser Hinsicht als Chance begriffen wird.

Gefährliche Dollarstärke

Von 8. Dezember 2014 um 15:48 Uhr

Auf absehbare Zeit gibt es kaum etwas, was den Höhenflug des Dollar beenden könnte. So erfreulich das angesichts der niedrigen Kapazitätsauslastung aus deutscher und europäischer Sicht ist, so gefährlich ist es für das internationale Finanzsystem. Darauf hat die BIZ, die Bank für internationalen Zahlungsausgleich, in ihrem neuen Quarterly Review hingewiesen: Während die staatlichen Schuldner in den Schwellenländern nach den Krisen der achtziger und neunziger Jahre in letzter Zeit nur geringe Dollarschulden aufgenommen hatten, war der private Sektor umso aktiver. Die Unternehmen dieser Länder hatten in den vergangenen Jahren 2,6 Billionen Dollar an Fremdwährungsanleihen begeben; hinzu kamen bis Mitte 2014 rund 3,1 Billionen Dollar an internationalen Bankkrediten. Etwa drei Viertel dieser Verbindlichkeiten, insgesamt also nicht weniger als 4,3 Billionen Dollar, dürften auf Dollar lauten. Zum Vergleich: Das BIP der Welt schätzt der Internationale Währungsfonds für 2014 auf 77,6 Billionen Dollar. Der springende Punkt ist, dass sich die Schulden, in nationaler Währung gerechnet, im Verlauf der Dollaraufwertung stark erhöht haben und es daher zunehmend fraglich ist, ob sie pünktlich bedient werden können. Wenn es mit dem Dollarkurs so weitergeht wie in diesem Jahr, dürfte bald die nächste globale Finanzkrise ins Haus stehen.
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Russen und Araber finanzieren uns ein Konjunkturprogramm

Von 2. Dezember 2014 um 15:11 Uhr

Bevor es mit dem Einbruch der Ölpreise losging, importierte Deutschland jährlich Energie für etwa 130 Milliarden Euro. Wenn es von nun an nur noch 90 Milliarden sein sollten – im laufenden Quartal liegt der Ölpreis um rund 30 Prozent niedriger als in den drei vorangegangenen Quartalen –, verringern sich die Ausgaben für Einfuhren überschlägig gerechnet um 40 Milliarden Euro oder um 1,4 Prozent des nominalen BIP, bei gleichem Einfuhrvolumen wie vorher. Das ist wie ein Geschenk, das von der Größenordnung her bei Weitem alle Konjunktur- und Wachstumsprogramme übertrifft, die derzeit diskutiert werden. Anders gewendet, es verbleiben dem Inland zusätzlich 40 Milliarden Euro, die sonst an Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland entstanden wären. Auf einmal wäre die Kaufkraft da, und zwar nicht in Form von geliehenem Geld, das eines Tages zurückzuzahlen ist. Es entsteht zusätzliches Einkommen. Das nennt sich terms-of-trade-Effekt: Für eine bestimmte Menge an Einfuhren muss weniger exportiert, also an inländischen Ressourcen eingesetzt werden. Weiter…

Nullzinsen und die Chancen des Strukturwandels – warum Anleger nicht verzweifeln sollten

Von 26. November 2014 um 14:17 Uhr

Wer gar kein Risiko eingehen will und sein Geld auf dem Sparkonto parkt, wird demnächst unter Umständen dafür Gebühren zu zahlen haben, zumindest wenn es sich dabei um große Summen handelt. Falls das dazu führt, dass die Investoren mehr Risiko eingehen, wäre das ein Effekt, den die EZB erzielen möchte. Es gibt nach wie vor profitable Anlagemöglichkeiten. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Weltwirtschaft weiterhin kräftig expandiert, und zwar real mit einer Rate von rund drei Prozent, sondern dass es gleichzeitig eine Vielzahl von strukturellen Änderungen gibt, die sich profitabel nutzen lassen. Manche Sektoren wachsen, andere schrumpfen.

Wichtige langfristige Trends sind unter anderem …

  • das im Vergleich zu den OECD-Ländern überaus rasche Wachstum der Entwicklungs- und Schwellenländer;
  • die Verlagerung eines großen Teils der Industrieproduktion in die “dritte Welt”;
  • der dort einhergeht mit einem gewaltigen Nachholbedarf im Dienstleistungssektor;
  • Revolutionen in der Landwirtschaft, im Einzelhandel und im Bankensektor;
  • der überproportionale Anstieg des Welthandels;
  • die Alterung der Bevölkerung und der Rückgang des Arbeitskräftepotenzials fast überall in der Welt;
  • die fortgesetzte und zunehmende Zerstörung der Umwelt;
  • der Rückgang der Inflationsraten.

In meinem neuen Investment Outlook warne ich allerdings auch davor, dass der Strukturwandel nicht unbesehen gute Anlagemöglichkeiten mit sich bringt und zeige an mehreren Beispielen, wie grundsätzlich richtige Ideen zu überhöhten Bewertungen, also zu Blasen führen können, einfach weil zu Viele auf dieselbe Karte setzen. Es ist alles eine Frage des richtigen Timings.

Wo gibt es zurzeit überteuerte Aktiva? Die wichtigsten Kandidaten sind die Bondmärkte in den OECD-Ländern und der Immobilienboom in China.

Ausführliches zur Entwicklung der Weltwirtschaft und den Chancen und Risiken für Anleger finden Sie in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – How to benefit from structural change, November 2014*) (pdf, 671 KB)

*) Der Investment Outlook von Dieter Wermuth ist in englischer Sprache verfasst und wird im Herdentrieb in loser Folge zum Herunterladen bereitgestellt. (UR)

“Mehr Vertrauen in Marktprozesse”

Von 17. November 2014 um 20:15 Uhr

Das ist der Titel, den die fünf Sachverständigen ihrem neuen Gutachten gegeben haben. Haben sie schon vergessen, dass die große Rezession der vergangenen Jahre dadurch ausgelöst wurde, dass den Marktprozessen bei Immobilien und Banken freier Lauf gewährt wurde? Wir haben gelernt, dass Vertrauen gut ist, dass es ohne Kontrolle aber nicht geht, jedenfalls da, wo es kreditgetrieben zu Fehlallokationen, Vermögensblasen und Crashs kommen kann, die die ganze Volkswirtschaft in einen Abwärtsstrudel ziehen. Klar, in vielen Bereichen wäre mehr Markt wünschenswert, etwa in der Landwirtschaft, bei den freien Berufen (Notaren, Maklern, Architekten, Taxifahrern, Rechtsanwälten), auch bei der Energiewende, aber lakonisch zu erklären, dass wir mehr Vertrauen in die Marktprozesse haben sollten, kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Märkte übertreiben oft in die eine oder andere Richtung und produzieren nicht immer einen Zustand, in dem gleichzeitig Vollbeschäftigung und stabile Preise herrschen. Weiter…

Marktteilnehmer wünschen expansivere Finanzpolitik

Von 30. Oktober 2014 um 09:54 Uhr

Niemand weiß, was Gott will, und niemand weiß, was die Märkte wollen. Paul Krugman hat kürzlich in der New York Times auf diese Analogie hingewiesen: Die Kreuzritter glaubten zu wissen, dass der liebe Gott von ihnen die Eroberung der heiligen Stätten des Morgenlandes verlange, während jemand wie Alan Greenspan glaubte, die Märkte hätten Angst vor galopierender Inflation und staatlichen Haushaltsdefiziten und würden daher von der Fed höhere Leitzinsen fordern. Umso erstaunter und geradezu genervt war er, dass weder die Inflationsraten noch die Marktzinsen das taten, was er von ihnen erwartete. Wenn politische Kreuzritter unserer Tage behaupten, sie wüssten, was die Märkte wollen, haben sie nach Krugmans Eindruck nur ihr eigenes Wollen im Sinn. In Wirklichkeit hätten sie, wie Alan Greenspan, ebenso wenig eine Ahnung vom Willen des Marktes, wie schon tausend Jahre vor ihnen die Kreuzritter von den Plänen Gottes. Weiter…

Euroland braucht Eurobonds

Von 23. Oktober 2014 um 17:13 Uhr

Öffentliche Defizite abzubauen ist Gift für die Konjunktur, solange es in der Wirtschaft gewaltige ungenutzte Reserven gibt. In der europäischen Währungsunion ist das der Fall: Die Arbeitslosenquote liegt bei 11,5 Prozent, und die Kapazitätsauslastung ist nach meiner Rechnung rund 13 Prozent niedriger als sie sein könnte. Niemand darf sich wundern, dass eine solche prozyklische Politik die Lage verschlimmert und das Risiko einer neuen Rezession zunimmt. Stagnation, abgelöst von Rezessionen ist inzwischen der Normalzustand geworden. Da hilft auch die expansive Geldpolitik nur begrenzt. Wer braucht noch den Euro, wenn die wirtschaftlichen Erfolge ausbleiben? Weiter…

Warum sich grüne Geldanlagen lohnen

Von 25. September 2014 um 19:16 Uhr

Die Zukunft ist grün, möchte man meinen. Der Schutz der Umwelt spielt eine immer größere Rolle in Politik und Wirtschaft und die Energiewende, weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energieträgern schreitet voran. Die “grüne” Wirtschaft ist zweifelsohne eine Wachstumsbranche und interessant für alle, die nach Investitionsmöglichleiten suchen. Aber der Wandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen, das sollten die Anleger bedenken. Wie ich in meinem aktuellen Investment Outlook zeige, dürften unter dieser Prämisse Sparer, die nicht allein auf kurzfristige Kursgewinne und hohe Renditen aus sind, mit grünen Anlagen auf Dauer gut beraten sein.
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Immer noch 5,15 Millionen Unterbeschäftigte in Deutschland

Von 10. September 2014 um 17:57 Uhr

Kürzlich war im Figaro unter der Überschrift “La France, ce beau pays aux 6 millions de chomeurs officiels” ein Kommentar zur Lage am französischen Arbeitsmarkt zu lesen. Nicht 3,424 Millionen Menschen, wie gerade offiziell verlautbart, sondern sechs Millionen seien in Wirklichkeit im “schönen Frankreich” ohne Arbeit. Bei den Arbeitsämtern, den pôles d’emploi, waren Ende Juli nämlich tatsächlich 6,0802 Millionen Menschen gemeldet, von denen aber 2,6 Millionen aus unterschiedlichen Gründen nicht bei der Berechnung der offiziellen Arbeitslosenquote berücksichtigt werden, obwohl sie de facto arbeitssuchend seien. Die wahre Arbeitslosenquote in Frankreich läge daher nicht bei 10,2 Prozent, sondern bei 18,1. Wie sieht es in Deutschland aus? Hier wurden im August offiziell 2,9 Millionen Arbeitslose gezählt, was einer Arbeitslosenquote von 6,7 Prozent entspricht – so niedrig wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung. Zusammen mit dem stetigen Anstieg der Beschäftigung könnte man zum Schluss kommen, es sei alles bestens am deutschen Arbeitsmarkt. Aber auch in der größten Volkswirtschaft der Währungsunion trügt der Schein der offiziellen Zahlen. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass mindestens 5,15 Millionen Menschen in Deutschland unterbeschäftigt sind, was einer Quote von 11,9 Prozent entspricht.
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US-Arbeitslosenquote kein guter Indikator für Inflationsgefahren

Von 28. August 2014 um 21:42 Uhr

Wann erhöht die Fed die Zinsen? Sie liegen seit Dezember 2008 bei knapp über Null, also seit fast sechs Jahren. Das war wieder einmal das Hauptthema der Jackson Hole-Konferenz der Zentralbanker in Wyoming. Ursprünglich sollte es zur Zinswende kommen, sobald die Arbeitslosenquote auf etwa 6,5 Prozent gefallen war. Jetzt hat sie 6,2 Prozent erreicht – seit dem zyklischen Hoch von 10 Prozent Ende 2009 befindet sie sich im Abwärtstrend -, aber es gibt keine Anzeichen, dass die Löhne rascher steigen und eine neue Lohn-Preis-Spirale ins Haus steht. Die Stundenlöhne nehmen seit Jahren stetig mit Raten von rund zwei Prozent zu und haben nicht im Geringsten auf den rapiden Rückgang der Arbeitslosenquote reagiert. Real bewegen sich die Zuwachsraten in der Nachbarschaft von Null.
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