BenachrichtigungPfeil nach linksPfeil nach rechtsMerklisteAufklappenKommentareAbspielenPauseAbspielenWiederholen
 

The National

Das Album Trouble Will Find Me der New Yorker Rockband zeigte The National im vergangenen Jahr in gewohnt tadelloser Form: melancholisch, wortgewandt, sorgfältig produziert. Es ist der Sound einer Band, die alles richtig macht, und das weiß – da wird nicht mehr groß experimentiert. Umso schöner, dass das Quintett live einen gemäßigten Kontrollverlust zulässt. Oder sagen wir, Frontmann Matt Berninger lässt ihn zu: Der trinkt sich die Bühnenangst mit Rotwein weg, schreit sich bei älteren Songs wie Abel die Seele aus dem Leib und wandert bei der Zugabe von Mr. November mit extralangem Mikrofonkabel singend durchs Publikum. Seit dem Ende der neunziger Jahre haben The National in über sechs Alben ihren Sound geschärft und verbessert, von etwas unschlüssigem Alternative-Country zum ausdifferenzierten Leise-Rock der jüngeren Jahre. Rhythmussektion und Gitarren werden jeweils von Brüderpaaren übernommen, so intuitiv und wasserdicht klingen auch die Kompositionen. Berningers Bruder Tom ist nicht Teil der Band, war aber auf der vergangenen Tour als Roadie und Dokumentarist dabei – mehr als Beschäftigungstherapie denn aus künstlerischen Gründen. Der daraus entstandene Film Mistaken For Strangers kommt nächsten Monat in die Kinos: Ein tragikomischer, untypischer Musikfilm, in dem es nicht um Musik geht. Und ein geglücktes Experiment.

Text: Michael Weiland

 

Wider die Einsamkeit

Statt traurig durch den Park zu laufen oder auf den Fernseher zu starren, gibt es in Hamburg zwei neue Möglichkeiten, auf unkomplizierte Weise Bekanntschaften zu schließen. Das junge Start-up Session Line bietet online oder über Handy-App eine Plattform, auf der man sich kostenlos über gemeinsame Interessen finden kann. Schon jetzt haben Nutzer einige Freizeitaktivitäten gepostet. So wünscht sich Patrick ein paar Mitfahrer bei der Critical Mass, während Marcel in Begleitung durchs Alte Land skaten möchte. Eine weitere neue Möglichkeit bietet das Freizeit Netzwerk Hamburg FNH, das sich an Stadtbewohner ab 30 richtet. Die Mitgliedschaft im Netzwerk ist kostenfrei. Wer sich registriert hat, kann sich bei verschiedenen Events und Gruppen für Kinobesuche, zum Joggen, Kanufahren oder Kochen anmelden. An Kursen teilnehmen kann, wer die „Freizeit-Flatrate“ für 29,90 Euro im Monat nutzt. Zum Beispiel beim Argentinischen Tango, beim Koch- oder Fotografiekurs. Immer mittwochs findet im Elbwerk auf St. Pauli ein offener Stammtisch für Neu-Hamburger statt.

Text: Katharina Manzke

 

Paradise Lost

Das ist mal eine steile These: Paradise Lost von John Milton sei die Formel aller modernen Mythen wie zum Beispiel Star Wars, meint die Musiktheatergruppe Kommando Himmelfahrt, der die Utopie ihr liebstes Thema ist. In seinem 1667 veröffentlichten Werk behandelt der britische Dichter und politische Denker den Höllensturz, Adam und Evas Versuchung und sonstige Vergehen gegen die göttliche Ordnung. Aus der luziferischen Rebellion gegen den biblischen Schöpfer speist sich demnach das Zeichenmaterial von Gegenkultur und Aufbegehren, ob es dabei um Punk geht oder darum, den Todesstern des bösen Imperiums in Fetzen zu schießen. Aus Miltons epischem Gedicht zaubert Kommando Himmelfahrt mit der Schauspielerin Sarah Sandeh, Band, Chor und einem Video eine Rock’n’Roll-Performance, die den Geist des Widerstandes beschwört.

Text: Hanna Klimpe

 

Metallica rocken

Sie sind seit gut 30 Jahren aktiv und haben so ziemlich alles erreicht, was man als Hard-&-Heavy-Musiker so erreichen kann – nämlich nicht mehr nur als Metal-Band betrachtet zu werden, sondern in den Mainstream eingegangen zu sein (für das Mainstream-Stichwort würden Hetfield, Ulrich & Co. einem wahrscheinlich an den Hals gehen). Nun laden Metallica zum Wunschkonzert. Und man kann sich denken, welche Songs auf der Liste stehen: jede Menge Underground-Hits der ersten vier stil- und ganze Generationen-prägenden Alben aus den 1980er-Jahren sowie der einzige echte Hit, den die Band jemals hatte, nämlich Enter Sandman von 1991. Neben diesen üblichen Verdächtigen kann man darauf gespannt sein, welche Tracks es sonst noch auf die Setliste geschafft haben. Als wäre ein Metallica-Wunschkonzert nicht schon genug der Sensation, hat sich die Band auch noch prominente Unterstützung dazu gebucht: Im Vorprogramm spielen Ghost, Mastodon und – nach wie vor unverwüstlich – Slayer.

Text: Michele Avantario

 

Stadt aneignen

Perfektes Pingpong – und das bereits zum vierten Mal: im Frise und der HFBK in der Reihe Floating Volumes #4 – Layering DiverCity, die zum Glück nicht so verschwurbelt wie ihr Titel ist. Darin wird die Stadt als Gefüge aus Zeichen und Codes, Geschichten und Geschichte, Privatraum und kollektivem Ort beleuchtet – und erforscht, wie man mit ihr umgehen, sie sich aneignen, sie herausfordern, umdeuten, entblättern kann. In enger Verknüpfung von Theorie und Kunst führen Vorträge und Panels von Wüstenstädten zu ästhetischen Lehren sowie zu Performances und einer Schau. Im Frise sind unter anderem Arbeiten von Peter Boué zu sehen, der mit dem Fettstift Orte bis auf ihr Skelett reduziert, Installationen von Jan Köchermann, der sich seit 1996 mit Schächten beschäftigt, während das Gartenstudio den Aufbruch in die Grünzone fordert. In Diskussionen geht es um Kunstorte in Slowenien, Graffiti in Ägypten, Urban Gardening und das Recht auf Stadt. Besonders interessant: wenn die Fotografin Eva Leitolf über ihre Postcards from Europe spricht, in denen sie sich mit den Grenzen und Ausgrenzungen der EU beschäftigt und Harun Farocki seinen Film Ein neues Produkt präsentiert, für den er eine Quickborner Unternehmensberatung begleitete.

Text: Sabine Danek

 

DoppelSechs

Eigentlich brauchen Hendrik von Bültzingslöwen und Ole Zeisler keine Steilvorlage um zu verwandeln – aber eine WM ist ja wohl der beste Anlass, die Talkrunde zum Thema Fußball mal wieder einzuberufen. Beim Copacabana Spezial im Knust kann das Duo schon einmal die Gruppenphase des Turniers in Brasilien fachgerecht auseinandernehmen – was soll man an einem spielfreien Tag auch sonst tun als über Fußball zu reden? Das geschieht gewohnt unterhaltsam, mit Musik, Einspielern und Gästen. Investigationsjournalistisch wird über Tischtennis im WM-Quartier berichtet und sachverständig der böse WM-Grüßonkel Sepp Blatter hinterfragt. Das wird ein launiger Abend auch für Leute, die Abseits nicht von Absinth unterscheiden können. Ach so, Mojito und Caipirinha gibt’s auch. Unser WM-Tipp: Hier spielen sich unglaubliche Szenen ab.

Text: Michael Weiland

 

Entenhausen begreifen

Entenhausen ist ein seltsamer Ort, nicht bloß der anthropomorphen Tiere wegen, die zweibeinig durchs Kleinstadtidyll staksen. Zum Beispiel wohnt dort der reichste Mann der Welt, der sein gesamtes Vermögen als Münzgeld in einer riesigen Spardose hortet und ab und zu darin badet. Wie sich die Bewohner fortpflanzen, ist zudem ganz und gar schleierhaft: Es gibt Onkel und Tanten, aber keine Eltern mit Kindern. Patrick Bahners arbeitet für die FAZ als Kulturkorrespondent in New York, war bis 2012 deren Feuilleton-Chef und ist zudem einer der führenden Donaldisten Deutschlands. Das sind Leute, die Entenhausen nicht bloß lieben – das sind die, die es begriffen haben. Im Comicladen Strips & Stories stellt er sein Buch Entenhausen. Die ganze Wahrheit vor. Wer sich je fragte, ob das Disney-Dorf eine Demokratie ist und wie die Duck’schen Beiträge zu Genforschung und Raumfahrt aussehen: Bahners hat auf alles eine Antwort. Und der Eintritt kostet keinen Kreuzer.

Text: Michael Weiland

 

Hysterischer Hardcore

Oh ja, das tut gut: Die Hysterics spielen klassischen Hardcore-Punk, der einen mit aller Konsequenz zurück wirft ins Jahr 1982. Das Quartett braucht nicht mehr als ein paar Takte, um zur Sache zu kommen. Und es versteht sich von selbst, dass die Songs nicht länger als zwei Minuten sind. Das Angenehmste an den Hysterics: Es handelt sich hier nicht um die in diesem Genre üblichen, muskulösen, nackenrasierten, tätowierten, testosteron-geschwängerten Einzelkämpfer-Survival-Typen, die hier ihren Frust herausbrüllen, sondern um vier junge Frauen aus dem Nordwesten der USA, die eine ganze Menge Adrenalin im Blut und echte Anliegen in der Birne haben – gender politics ist nur eines davon. Wovon die restlichen Songs so handeln, kann man am Montag im Hafenklang erfahren. Hoffentlich zieht die Sängerin auch wieder ihre Papst-Robe zur Show an.

Text: Michele Avantario

 

Wye Oak

Shriek ist weit rücksichtsloser als der Gitarrenalarm, den Jenn Wasner auf den bisherigen Alben von Wye Oak veranstaltete: Sich als Synthie- und Keyboard-Band neu zu erfinden, das muss man sich erst einmal trauen. Das vierte Album des Indie-Duos aus Baltimore (Kollege Andy Stock sitzt am Schlagzeug) taucht tief in die Vergangenheit ein und versucht sich einigermaßen sinngemäß an die Achtziger zu erinnern. Das klappt als Rekonstruktion so mittelgut, als Popmusik hervorragend: Nachdem sich die Gitarre/Schlagzeug-Idee ein bisschen verbraucht hat, ist Shriek ein willkommener Neuanfang. Die Songs sind ebenso stark wie auf Vorgänger Civilian, und ein Stück wie die Single Glory rockt auch ohne Axt. Live wird das Ganze gekonnt mit dem Gitarren-Indie der Vorjahre vermischt, was den Umschwung auch für Skeptiker vielleicht ein wenig schlüssiger macht.

Text: Michael Weiland

 

KurzFilmFestival

Birgit Glombitza, Künstlerische Leiterin des Kurzfilmfestivals, sprach im Interview mit SZENE HAMBURG über aktuelle Tendenzen.

Kurzfilme sind traditionell dem Experiment und der Avantgarde verpflichtet. Andererseits werden die Filmhochschulen zu Durchlauferhitzern für visuelle Dienstleister in Arbeitsfeldern wie Online und Serien-TV. Wo steht das Kurzfilmfestival?

Genau an dieser Schnittstelle. Wir sind nicht interessiert an Kurzfilmen, die sich als Arbeitsproben für Spielfilme verstehen. Uns interessieren Filme, die als spielerische Leerstelle für Experiment und Avantgarde dienen, auch für Riskantes – und der künstlerische Film ist eher kurz. Dabei ist erstaunlich, wie viele Künstler, um die inzwischen ein richtiger Hype entstanden ist, dem Festival seit vielen Jahren die Treue halten, nachdem sie hier ihre ersten Filme zeigen konnten.

Kurzfilme werden heute digital produziert und über digitale Kanäle vertrieben. Braucht es da überhaupt noch ein Festival?

Absolut! Nachdem Fernsehen und Kino als Abspielorte für Kurzfilme fast völlig ausgefallen sind, treffen sie nur hier noch auf ein Publikum. Während Spielfilme, die auf Festivals laufen, immerhin auf einen Kinostart hoffen dürfen, würden Kurzfilme sonst nur im Netz gesehen. Diese Plattform bietet das Hamburger Kurzfilmfestival jetzt seit 30 Jahren, wobei das No-Budget-Programm, aus dem das Festival ursprünglich hervorging, mit seinen spielerischen, extremen, gerne auch geschmacklosen Beiträgen ein absolutes Alleinstellungsmerkmal ist.

Um 19.30 Uhr eröffnet das 30. Internationale KurzFilmFestival Hamburg im Zeise-Kino. Das vollständige Programm gibt es hier.