Zschäpes Freundin und ein vernünftiger Zeuge – Das Medienlog vom Mittwoch, 22. Januar 2014

Sie waren beste Freundinnen, sie sind es wahrscheinlich noch immer: Beate Zschäpe und Susann E., die Frau des mitangeklagten Rechtsextremisten André E. Das Paar soll den NSU jahrelang mit verschiedenen Gefälligkeiten bei seinen fremdenfeindlichen Aktivitäten unterstützt haben. Am Dienstag trat Susann E. in den Zeugenstand, verweigerte jedoch die Aussage – und machte aus Sicht der Angeklagten alles richtig: „André E. folgte dem Kurzauftritt mit einem Grinsen“, beobachtete Frank Jansen für den Tagesspiegel.

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77. Prozesstag – Die Aufklärung des Polizistenmords kommt voran

Vom 77. Prozesstag verspricht sich das Gericht Fortschritte bei der Aufklärung des Polizistenmords von Heilbronn. Gleich acht Zeugen sind geladen. Den Auftakt macht ein Rechtsmediziner, der die getötete Michèle Kiesewetter obduzierte und den Schusskanal im Kopf ihres überlebenden Kollegen Martin A. untersuchte. Im Anschluss sagt ein Zeuge aus, der die Polizisten aus dem Streifenwagen hängend sah. Zudem erscheinen vor Gericht mehrere Polizisten und ein Sachverständiger.

Ermittler aus Baden-Württemberg äußern sich zum Geschehen am Tattag und den Ermittlungen im Umfeld von Kiesewetter. Weitere Polizeizeugen stellen einen Zusammenhang zwischen dem letzten Banküberfall in Eisenach am 4. November 2011 und dem Mord her – nach dem Überfall wurde Kiesewetters Pistole bei Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Wohnmobil gefunden. Ein Sachverständiger des baden-württembergischen Landeskriminalamts wird erklären, wie es den Tätern gelang, ihren Opfern die Dienstwaffen aus dem Holster zu reißen.

Informationen aus der Verhandlung gibt es via Twitter hier. Die Berichte darüber fassen wir morgen im NSU-Medienlog zusammen.

 

Der Schatten des NSU

Wo sich der NSU aufhielt, waren die Eheleute E. nicht fern: Jahrelang unterstützte das Paar die Extremisten. André E. ist deswegen angeklagt, seine Frau Susann schweigt im Zeugenstand.

Der Auftritt dauert nur zwei Minuten. André E., auf der Anklagebank vorne rechts, lächelt seiner Frau Susann zu, die sich an den Tisch für die Zeugen setzt. Die 32-Jährige ist eine auffällige Erscheinung – groß, geschminkt, mit einer Haartönung zwischen rot und violett. Richter Manfred Götzl belehrt sie, dass sie nichts sagen muss, weil sie mit einem der Angeklagten verwandt ist. Susann E. sagt das, womit zu rechnen war: „Ich werde keine Angaben machen.“ Der Fall ist erledigt, das Gericht wendet sich den Morden in Kassel und Heilbronn zu.

E. kennt eine der wichtigsten Regeln der rechten Szene: Auf keinen Fall mit den Behörden reden. Mit ihrer Zeugnisverweigerung am 76. Tag des NSU-Prozesses schützt sie nicht nur ihren Mann und ihre Freundin Beate Zschäpe – sondern auch sich selbst. Gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren, weil auch sie die Terrorzelle unterstützt haben soll, jahrelang. Gemeinsam war das Ehepaar E. dem NSU Ratgeber und Helfer, ein Schatten, der immer da war. Es ist denkbar, dass die Mordserie ohne den Beistand der beiden nicht möglich gewesen wäre.

Die Bundesanwaltschaft nennt André E. in der Anklageschrift „die engste Bezugsperson“ für Zschäpe und ihre Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wie die Ankläger ermittelt haben, lernte er sie spätestens im Frühjahr 1998 in der Chemnitzer Wohnung eines gemeinsamen Freundes kennen. Dorthin hatten sich die drei geflüchtet, kurz nachdem die Polizei in Jena eine Bombenwerkstatt in der Garage von Zschäpe ausgehoben hatte.

Aus der Begegnung in rechten Kreisen wurde eine verhängnisvolle Freundschaft. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos, die im Geheimen lebten, konnte sich fortan auf einen verschwiegenen Unterstützer verlassen. Im April 1999 mietete E. in seinem Namen eine Wohnung, später auch dreimal ein Wohnmobil für sie. Damit fuhren Mundlos und Böhnhardt zu zwei Banküberfällen, zudem nach Köln, wo sie den ersten Sprengstoffanschlag auf ein Geschäft verübten.

Auch E.s Frau Susann war bei Treffen gern gesehen, sie teilte die rechtsextreme Auffassung ihrer Freunde. Seit 2005 ist sie mit André E. verheiratet, sie haben zwei Söhne, denen sie betont germanische Namen gaben.

Vor allem Zschäpe und Susann E. verband eine innige Freundschaft: Gemeinsam wollten sie im Frühjahr 2010 einen Auftritt der Komikerin Cindy aus Marzahn in Zwickau besuchen – eigens für die Veranstaltung kleideten sich beide wie die Künstlerin im rosa Overall. Anderen Besuchern, die sie vor der Stadthalle kennenlernten, stellten sie sich als Liesl und Sus vor. Die Veranstaltung fiel aus, also gingen sie mit ihren neuen Bekanntschaften Cocktails trinken. Fotos des Abends zeigen die beiden in geselliger Runde, mit Gläsern in der Hand. Eine Zeugin sagte später der Polizei, die Freundinnen hätten sich ständig umarmt. Sus habe zudem erzählt, wie ihr Mann und ihre Söhne heißen.

André und Susann E. kamen häufig bei Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu Besuch, meistens donnerstags. Dann brachten sie die Kinder mit. Nachbarn erinnerten sich im Prozess an ein tätowiertes Paar, das sein Auto vor dem Haus in der Frühlingsstraße abstellte. Als mal jemand nachfragte, wer der Besuch sei, sagte Zschäpe, bei der Frau handle es sich um ihre Schwester. Um reine Höflichkeitsbesuche handelte es sich wohl nicht, schließlich brauchten die Kameraden im Untergrund ständig Hilfe bei Angelegenheiten, für die sie nicht unter ihrem eigenen Namen auftreten konnten.

Einen der wichtigsten Freundschaftsdienste erbrachte André E. Anfang 2007. Damals wohnten die drei in der Polenzstraße in Zwickau. In der Wohnung über ihnen hatte es einen Wasserschaden gegeben. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, Zschäpe wurde auf ihre Tarnidentität Lisa Dienelt ins Präsidium geladen – auf diesen Namen hatte sie jedoch keinen Ausweis. Deshalb ging sie gemeinsam mit E. zur Polizei und erklärte, es handle sich um eine Verwechslung: Ihr Name sei Susann E., sie wohne nicht in der Polenzstraße, sondern sei dort nur mit ihrem Mann André bei einem gemeinsamen Freund zu Gast gewesen. Nach einer kurzen Vernehmung konnte Zschäpe wieder gehen. Unangenehme Nachfragen mussten sie nicht mehr fürchten.

2009 kauften die E.s bei der Deutschen Bahn zwei Bahncards auf ihre Namen, versehen mit Passbildern von Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt. Im Urlaub mietete Zschäpe auf Susann E.s Namen einen Platz auf einer Campinganlage.

Auch im Moment höchster Not konnte Zschäpe auf die Unterstützung ihrer Gesinnungsgenossen zählen. Am 4. November 2011 erschossen sich Mundlos und Böhnhardt in Eisenach. Zschäpe zündete die Wohnung in Zwickau an, anschließend flüchtete sie. Mehrmals telefonierte sie mit André E. Der fuhr sie schließlich zum Bahnhof, von wo aus die Gesuchte ihre Reise quer durch Deutschland antrat. Dabei trug sie Schuhe, die ihr Susann E. überlassen hatte. Ihre Socken wechselte Zschäpe allerdings nicht, darin fanden Ermittler später Spuren von Benzin.

Als die Polizei mit den Ermittlungen im NSU-Komplex begann, entdeckten sie nach und nach die enge Verflechtung zwischen E.s und dem Trio. Aufschlussreich waren vor allem Computer und Handys. Neben Propagandabildern und Hassschriften fanden sie etliche Dateien, die André E. offenbar mit Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt getauscht hatte.

Für die großzügige Hilfe zeigten sich die drei bei der Familie erkenntlich. Das wohl wertvollste Dankeschön buchte Zschäpe noch 2011 für fast 1.000 Euro bei einem Reiseveranstalter: Die mutmaßlichen Terrorhelfer durften mit ihren Kindern ins Disneyland nach Paris fahren.

 

Keine Berichte zum NSU-Prozess

Am Dienstag, 21. Januar, gibt es keine Berichte in den deutschen oder englischsprachigen Onlinemedien.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, 22. Januar 2014.

 

76. Prozesstag – Frau des Angeklagten André E. im Zeugenstand

Für den 76. Prozesstag ist Susann E. als Zeugin geladen, die Frau des als Unterstützer angeklagten André E. Den Ermittlungen zufolge stand das Ehepaar in regem Kontakt mit dem NSU-Trio. Eine nennenswerte Aussage ist von Susann E. allerdings nicht zu erwarten: Sie muss nicht gegen ihren Mann aussagen. Zudem läuft auch gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, es gilt als unwahrscheinlich, dass E. sich selbst belastet.

Weiterhin geladen sind vier Zeugen, die nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn die Opfer entdeckten und die Polizei riefen.

Informationen aus der Verhandlung gibt es via Twitter hier. Eine Zusammenfassung des Prozesstages veröffentlichen wir am Abend auf diesem Blog. Die Berichte darüber fassen wir morgen im NSU-Medienlog zusammen.

 

Verschwörungstheorien um den Kiesewetter-Mord – Das Medienlog vom Montag, 20. Januar 2014

Die Aussage des Polizisten Martin A. war ein erster wichtiger Einblick in das Geschehen am 25. April 2007 in Heilbronn. Damals wurde A.s Kollegin Michèle Kiesewetter neben ihm im Streifenwagen erschossen, A. überlebte schwerverletzt. Die Vernehmung des 31-Jährigen ist auch Ausgangspunkt für eine der vielen Fragen, die nach dem Mord bleiben: Gab es einen persönlichen Hintergrund für die Tat, kannten sich Opfer und Täter womöglich? Martin Debes untersucht diese These in der Thüringer Allgemeinen.

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Ein Angriff auf die Uniform – Das Medienlog vom Freitag, 17. Januar 2014

Das Münchner Oberlandesgericht hat mit der Aufklärung des Mords an der Polizistin Michèle Kiesewetter begonnen, die am 25. April 2007 auf einem Parkplatz in Heilbronn erschossen wurde. Neben ihr saß ihr Kollege Martin A., der den Schussangriff schwer verletzt überlebte und heute im Innendienst arbeitet – am 75. Prozesstag sagte er im Prozess aus. Kiesewetter und er waren die letzten Opfer der NSU-Serie. Sie traf es offenbar, weil sie den von den Extremisten gehassten Staat repräsentierten: „Es ging wohl nicht um die Personen, sondern um deren Funktion“, schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Der Anschlag war damit kein Angriff auf die Nationalität – sondern auf die Uniform.

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Nie wieder ein normales Leben

Der Polizist Martin A. saß mit im Auto, als seine Kollegin Michèle Kiesewetter in Heilbronn erschossen wurde. Im NSU-Prozess schildert er, wie er bis heute unter der Tat leidet.

Ein heißer Aprilnachmittag in Heilbronn. Gegen 14.15 Uhr ein Dienstspruch im Funkraum des Polizeipräsidiums: zwei erschossene Kollegen auf der nahe gelegenen Theresienwiese, einem Parkplatz am Neckarkanal. Die Polizisten schauen sich ungläubig an. Dann rasen sie los, in zwei Streifen, sie brauchen nur wenige Minuten. Als die Beamten Kerstin K. und Joachim T. ankommen, stehen sie vor einer grauenvollen Szene. In dem Streifenwagen, der im Schatten eines Trafohäuschens geparkt ist, sind zwei Beamte der Böblinger Bereitschaftspolizei zusammengesackt: Michèle Kiesewetter ragt mit dem Oberkörper aus der Türöffnung an der Fahrerseite heraus, ihr Kollege Martin A. gegenüber. K. spricht A. an, der öffnet die Augen, antwortet jedoch nicht. Er blutet am Kopf. Für Kiesewetter kommt die Hilfe zu spät – die 22-Jährige ist tot.

Was am 25. April 2007 auf der Theresienwiese geschah, ist seit dem heutigen Donnerstag Thema im NSU-Prozess. In ihrer Mittagspause wurden die beiden Polizisten aus zwei unterschiedlichen Waffen in den Kopf geschossen, anschließend stahlen die Täter ihre Pistolen. Eine Tat am helllichten Tag, auf einem belebten Platz nahe der Innenstadt. Wie das passieren konnte, dazu sind bis heute viele Fragen offen.

75 Tage mussten die Nebenkläger auf den Beginn der juristischen Aufklärung warten. Die Tat ist die letzte in der Mordserie des NSU, sie ist diametral unterschiedlich zu den anderen Fällen: Ziel des Anschlags waren Deutsche, die Opfer waren keine Kleingewerbetreibenden, sondern Polizisten – es war ein Direktangriff auf den deutschen Staat. Wohl auch deshalb ist die Lage nicht für alle Prozessbeteiligten so klar wie für die Bundesanwaltschaft, die als einzige Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sieht, denen auch die neun Morde an Migranten vorgeworfen werden.
K. und T., die zur Hilfe gekommenen Polizisten, sagen im Prozess als Zeugen aus. Ihr Einsatzpartner, erzählt K., sei zu Kiesewetter gegangen. „Er hat gleich gesagt, dass sie ex ist“, sagt sie, also tot. Kurz nachdem die Sanitäter eingetroffen waren, stellten sie fest, dass den Opfern die Dienstwaffen fehlten, zudem eine Handfessel, Pfefferspray und ein Taschenmesser. Die sogenannte Amokbox, einen Aluminiumbehälter mit einer Maschinenpistole im Kofferraum, ließen die Täter hingegen unangetastet.

Zeugen der Tat gibt es nach dem Ermittlungsstand der Bundesanwaltschaft nicht. Ein Taxifahrer alarmierte die Polizei, nachdem ihn ein Radfahrer darauf aufmerksam gemacht hatte. Der einzige, der das Geschehen mitbekam, kann sich nicht an den Moment erinnern: Martin A. Für ihn begann nach dem 25. April ein Martyrium, das noch nicht zu Ende ist. Nun sagt auch er, das einzige Opfer, das einen Pistolenanschlag des NSU überlebt hat, aus.

A. sieht älter aus, als er tatsächlich ist – 31 Jahre. Er hat eine Halbglatze, ist bleich, spricht so schnell, dass Richter Manfred Götzl ihn unterbrechen muss. Neben ihm sitzt sein Anwalt Walter Martinek – doch Beistand braucht A. eigentlich gar nicht. Er kann schlüssig erzählen, hat seine Emotionen im Griff. Bloß bedeutet das nicht, dass für ihn Normalität eingekehrt wäre.
„Normaler Polizist zu sein, was mein Kindheitstraum war, das ist zerstört“, sagt er, schließlich stecke man „so ein Attentat nicht einfach so weg“. Zumal auch ihn die Ungewissheit plagt: A. erinnert sich noch, wie er sich für den Dienst in Heilbronn einteilen ließ. Kiesewetter, die mehr Polizeierfahrung hatte als er, fragte ihn per SMS, ob sie zusammen Streife fahren wollten. Ein „quirliges Mädchen“ sei sie gewesen, die gut auf Menschen zugehen konnte. Nie habe er sie traurig gesehen.

Auch er selbst, sagt A., sei vor dem Anschlag ein lebenslustiger Mensch gewesen. Voller Tatendrang hatte er sein Studium der Wirtschaftsinformatik abgebrochen, um Polizist werden zu können, auch wenn er wegen Stellenmangels zunächst nur in den mittleren Dienst durfte. Das hieß: Streife fahren, wie er es sich immer gewünscht hatte.

In Heilbronn sollen er und die anderen Böblinger Polizisten dafür sorgen, dass Platzverweise gegen Drogensüchtige eingehalten werden. A. ist zum ersten Mal in der Stadt, Kiesewetter zeigt ihm im Streifenwagen die Gegend. Zweimal fahren sie an dem Tag auf die Theresienwiese – morgens für eine Pause, nach einer Besprechung im Präsidium zum Mittagmachen mit einem Snack vom Bäcker. Der Festplatz gilt als beliebtes Pausenziel für Polizisten, weil es dort nicht so belebt ist. Die beiden fahren eine Abschottung hoch, „und dann hört’s auch schon auf“, sagt A.
Er wacht im Krankenhaus auf, nach fünf Wochen Koma. Er sieht die Transfusionsschläuche in seinem Arm, hält es für einen Scherz seiner Kollegen, reißt sie heraus. Niemand darf ihm sagen, was passiert ist, er darf keine Zeitungen lesen, alle Spiegel sind abgehängt. Er habe einen Unfall gehabt, heißt es. Erst, als ihn nach zwei Wochen Ermittler der Sonderkommission „Parkplatz“ befragen, erfährt er die Wahrheit und dass seine Kollegin tot ist. Da bricht er zusammen.

Die Soko jagt den Täter, doch A. kann nicht mit seiner Aussage helfen. Eine Befragung unter Hypnose bringt nur wenig verwertbare Hinweise: Darin erinnert er sich, wie zwei Männer von hinten an das Auto herantreten. Die Informationen habe er sich aber zusammengereimt aus Gesprächen mit Kollegen und Medienberichten, sagt A. im Prozess: „Da war ein riesengroßes schwarzes Loch in meinem Kopf, das musste ich irgendwie füllen.“

Fortan versucht er, sein eigenes Leben wieder zu beherrschen. Er verbringt mehrere Monate in der Reha, wird operiert. So schnell es geht, will er wieder in den Polizeidienst. Ab September desselben Jahres wird er im Innendienst eingesetzt, mit der Hoffnung, wieder Streife fahren zu dürfen, „deshalb wurde ich ganz schnell gesund“, sagt A. Er spielt seine Schäden vor den Ärzten herunter, auch wenn sie enorm sind: Der Schuss traf ihn über dem rechten Ohr. Sein Gleichgewichtssinn ist gestört, er hört schlecht und ein Teil seines Schädelknochens fehlt. Ein Teil der Kugel steckt bis heute in seinem Kopf. Aus dem Streifendienst wurde nichts – dass er heute Büroarbeit verrichten muss, „hat mir das Herz zerrissen“.

Doch A. kämpft weiter, studiert zwei Jahre, um in den gehobenen Dienst versetzt zu werden. Erst nach dem Studium schlägt das psychische Trauma mit voller Wucht zu. Ein halbes Jahr kann A. nicht arbeiten, bei ihm wird ein Posttraumatisches Stresssyndrom diagnostiziert. Wenn er Polizeikolonnen sieht, zählt er die Fahrzeuge – „bei uns ist am Abend ein Auto weniger zurückgekommen“.

 

Die gefährlichste Aussage für Zschäpe – Das Medienlog vom Donnerstag, 16. Januar 2014

Nach etlichen Verhandlungstagen hat das Gericht den Komplex der Brandstiftung in Zwickau mit einem Gutachten abgeschlossen. Der Bericht des Brandsachverständigen Christian Setzensack dürfte die bislang gefährlichste Aussage für die Hauptangeklagte gewesen sein – der Gutachter stellte zwei wesentliche Dinge fest: Der Brand am 4. November 2011 wurde gelegt und er gefährdete Menschenleben. Laut Anklage ist Beate Zschäpe verantwortlich, sie soll den Tod einer alten Frau und zweier Handwerker riskiert und sich damit des versuchten Mordes schuldig gemacht haben. Dass sie die Täterin war, „dürfte mittlerweile außer Frage stehen“, schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online.

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75. Prozesstag – Die Aufklärung des Kiesewetter-Mords beginnt

Am 25. April 2007 wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter auf einem Parkplatz in Heilbronn erschossen. Am Donnerstag, rund acht Monate nach Prozessbeginn, beginnt das Oberlandesgericht München mit der Aufarbeitung. Gleich sieben Zeugen hat sich der Senat vorgenommen. Neben sechs Ermittlern ist Kiesewetters Kollege Martin A. geladen, der bei dem Mordanschlag neben ihr saß und angeschossen wurde. A. tritt als Nebenkläger in dem Verfahren auf.

Informationen aus der Verhandlung gibt es via Twitter hier. Eine Zusammenfassung des Prozesstages veröffentlichen wir hier am Abend. Weitere Berichte darüber fassen wir morgen im NSU-Medienlog zusammen.